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BLKÖ:Zierotin, Gabriele Gräfin

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 60 (1891), ab Seite: 81. (Quelle)
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16. Gabriele (geb. 21. April 1816), Tochter des Joseph Almásy von Zsadány und Török-Szent Miklós und der Sophie geborenen Berzewiczy von Berzewicze, seit 16. December 1838 vermält mit Zdenko Otto Ernst, einem Sohne des Grafen Franz Joseph von Zierotin. Besitzerin der Allodialherrschaft Krumpisch mit Blauda in Mähren, führte sie die Verwaltung und Bewirthschaftung ihrer Güter selbst. Sie ist eine ausgezeichnete Obstzüchterin und wurde für die von ihr auf verschiedenen Ausstellungen zur Schau gebrachten Obstsorten öfter prämiirt, so schon im Jahre 1876 auf der Weltausstellung in Philadelphia, wo sie nicht nur das Anerkennungsdiplom, sondern nebstdem die große Broncemedaille erhielt; ferner erwarb sie silberne Medaillen in den Ausstellungen zu Mährisch-Schönberg, Mieglitz und Mährisch-Trübau und zuletzt 1888 bei der größten Obstausstellung, die je in Wien statthatte, die Broncemedaille. Die Früchte und edlen Obstsorten, welche die Gräfin ausstellte, fanden umso größere Anerkennung, als der dem Altvater-Gebirge so nahe Boden nichts weniger als für gedeihliche Obstzucht günstig und auch das Klima für dieselbe nicht mild genug ist. Aber nicht bloß auf wirthschaftlichem Gebiete leistet die Gräfin Ausgezeichnetes, auch in den Beweisen ihres Opfermuthes hat sie den Titel Virtus leonina, mit welchem Dom. Franz Calin, der Biograph des Hauses, sein Werk über dasselbe betitelte, bestätigt. Ihr Bruder Paul von Almásy präsidirte der denkwürdigen Sitzung des ungarischen Reichstages am 14. April 1849, in welcher die Unabhängigkeitserklärung Ungarns stattfand. Das Schicksal Almásy’s nach Niederwerfung der Rebellion durch die kaiserliche Armee war besiegelt. Er war bei der damaligen Handhabung der Kriegsgesetze dem Tode verfallen. Es galt ihn zu retten. Gräfin Gabriele, seine Schwester, befand sich damals auf ihrer Herrschaft Blauda in Mähren. Ihr Gemal – Offizier bei Kaiser-Uhlanen Nr. 4 – stand aber bei der k. k. Armee in Ungarn. Als sie sah, welchen Ausgang die Dinge in Ungarn nehmen würden, faßte sie, besorgt um das Leben ihres Bruders, den heldenmüthigen Entschluß, ihn zu retten, und reiste, nur von ihrer Kammerjungfer begleitet, zu Wagen nach Ungarn. An die Stelle des Kutschers, der den Wagen führte, sollte dann der zu rettende Bruder treten. Die Gräfin nahm den Weg über Preßburg und Raab, wohin sie mittels eines in Olmütz ausgestellten Passirscheines gelangte, den alle Militär- und Civilbehörden signirten, so Graf Lamberg, General Schlik und Andere. Als Vorwand der Reise galt der Besuch ihres bei der kaiserlichen Armee stehenden Gemals. Auf den durch die Truppenmärsche furchtbar zerfahrenen Wegen stand sie bei Tag und Nacht mit Vorspannspferden reisend große Angst aus; aber das Gefühl, ein Rettungswerk zu vollenden und den Lieblingsbruder einem entsetzlichen Geschicke zu entreißen, stählte ihre Willenskraft und ließ sie Alles [82] ertragen und vergessen. In Bia-Bicske hielt sie, von den großen Strapazen der mühseligen Reise ermüdet, Rast. Ein befreundeter Edelmann räumte sein eigenes Zimmer der erschöpften Gräfin zur Lagerstätte ein. In Ofen befand sich Almásy’s Gemalin, eine geborene Gräfin Batthyányi, welche in ihrer Seelenangst ihre Schwägerin Gabriele in Briefen gebeten hatte, ihrem Gatten einen Paß ins Ausland zu verschaffen. Indessen war es der Letzteren gelungen, durch Verwandte dem in der Nähe von Ofen sich verborgen haltenden Bruder Nachricht zu geben, daß sie angekommen sei und ihn zu retten versuchen werde. Sie traf nun alle Vorbereitungen zur Flucht. Paul von Almásy zog die Livrée ihres Kutschers an und gelangte in dieser Verkleidung bis Komorn. Mittlerweile hatte der Ausfall aus dieser Festung stattgefunden. Der Wagen der Gräfin mußte einen Theil der dortigen Honvéd-Armee passiren. Während sie allein zurückblieb, ging der als Kutscher verkleidete Paul von Almásy in die Festung zu Klapka – der von diesem ausgestellte Passirschein ist noch in den Händen der Gräfin Gabriele. Bei den ungarischen Vorposten, nur eine halbe Stunde von den österreichischen entfernt, war die Stellung der Gräfin Zierotin eine sehr gefährliche, sie mußte beim Wachtfeuer im Wagen schlafen, und ihr Bruder, als verkleideter Kutscher, schlief unter demselben. In Bruck an der Leitha war die größte Gefahr, als die Gräfin auf den vom Militär ganz umstellten Platz einfuhr. Dort war indessen der Paßzwang eingeführt worden, und wohl nur dem Umstande, daß den in Olmütz zur Reise nach Ungarn ausgestellten Passirschein schon Unterschriften einer Unzahl hochgestellter Persönlichkeiten bedeckten, verdankte die Gräfin die Erlaubniß zur Fortsetzung ihrer Reise. Sie gelangte endlich nach Wien, wo sie in einem Privathause abstieg und der verkleidete Kutscher mit einem kaiserlich gesinnten Hausmeister zu fraternisiren genöthigt war, um keinen Verdacht zu erwecken. Auf der Bahn brachte die Gräfin ihren Bruder nach Blauda und von dort auf die Majoratsherrschaft Prautz in Preußisch-Schlesien. So gelangte dann Paul Almásy leicht über die Grenze, von da ins Exil, in welchem er theils in Genf, größtentheils aber in Paris bis zum Jahre 1859 lebte. –