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BLKÖ:Widmanstetter, Johann Albrecht

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 55 (1887), ab Seite: 262. (Quelle)
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7. Johann Albrecht Widmanstetter Dr., zubenannt Lucretius (geb. zu Nellingen auf der rauhen Alb bei Ulm 1506 und begraben am 28. März 1557 im Domkreuzgange zu Regensburg). Schon in der Dorfschule zu Nellingen verrieth der Knabe ungewöhnliche Begabung und mächtigen Wissensdrang, so daß er auf die hohe Schule zu Tübingen gesendet wurde, wo er sich unter dem großen Reuchlin für das Studium der orientalischen Sprachen begeisterte. 1529 kam er im Gefolge Kaiser Karls V. nach Italien und wurde im niederen diplomatischen Dienste verwendet. Hiebei und vermöge seines Eifers in den Wissenschaften erwarb er sich bald mächtige Freunde und Gönner, unter denen sich auch Canisius, der spätere Patriarch von Constantinopel befand. Insbesondere [263] war es aber der Cardinal-Erzbischof von Capua, Nicolaus von Schönberg, welcher ihm seine Gunst zuwendete und ihn zu seinem Secretär ernannte. Nach dem Tode des Cardinals wurde Widmanstetter 1533 einer der Haussecretäre des Papstes Clemens VII. aus dem Hause Medici. In diesem Jahre hielt er vor dem Papste und mehreren Cardinälen einen Vortrag über das neue Weltsystem des großen Copernicus und ward hiefür von Ersterem mit einer werthvollen griechischen Handschrift beschenkt. Clemens’ VII, Nachfolger Paul III. aus dem Hause Farnese (1534–1549) nahm den Gelehrten unter seine Hausgenossen auf, und als Geheimschreiber der Deutschen begleitete derselbe den heiligen Vater zu den Verhandlungen von Nizza (Mai bis Juni 1538), in welchen dieser als Friedensvermittler zwischen Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich auftrat. Bald danach war Widmanstetter Geschäftsträger der bayerischen Herzoge am Vatikan. Am 15. Jänner 1542, in welchem Jahre seine ersten literarischen Producte im Druck erschienen, heiratete er zu Landshut Anna von Leonsperg, die natürliche Tochter des Herzogs Ludwig des Frommen von Bayern und diente seinem Schwiegervater als Rath. Nach dessen 1545 erfolgtem Tode und der damit vollzogenen Vereinigung von ganz Bayern trat er bei Ludwigs Bruder, dem Herzoge Ernst, Erzbischofe zu Salzburg, als Kanzler in Dienste. Da blieb er nicht lange, denn im Jahre 1548, wo er auf dem Reichstage zu Augsburg unterm 2. März sammt seinen zwei Brüdern von Kaiser Karl V. durch Erhebung in den Ritterstand ausgezeichnet wurde, war er Kanzler des Cardinalbischofs Otto von Augsburg. Als Letzterer 1550 zur Papstwahl nach Rom ging, begleitete ihn Widmanstetter, aus welchem Anlasse dieser 1551 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Rom erlangte. In demselben Jahre, mit Diplom vom 5. October 1551, erhielt er von Kaiser Karl V. die Würde eines Hofpfalzgrafen, 1552 trat er in die Dienste des römischen Königs Ferdinand I. und wurde im December 1553 Kanzler der österreichischen Länder, in welcher Eigenschaft er den König auf dem Reichstage zu Heilbronn vertrat. 1554 zum Superintendenten der Universität Wien ernannt, führte er eine Studienreformation durch. Aus dem Oriente wandte man sich an ihn mit dem Auftrage, das neue Testament in der syrischen Ursprache herauszugeben, und mit Unterstützung des Königs Ferdinand veröffentlichte er das Werk: „Liber sacro sancti Evangelii de Jesu Christo Domino et Deo nostro“, welches im Mai 1555 als der erste orientalische Druck zu Wien in 1000 Exemplaren erschien, von denen die Hälfte in den Orient gesendet wurde. Damit und durch die im nächsten Jahre erschienenen „Syriacae linguae Jesu Christo prima elementa“ ward er der Begründer der syrischen Literatur in Deutschland. Von seinen anderen im Druck erschienenen Schriften seien noch genannt: „Sacrarum ceremoniarum sive rituum ecclesiasticorum sanctae romanae ecclesiae libri tres“, gedruckt um 1541–1542; – „Mohammedis Abdallae filii Theologia dialogo explicata, Hermanno Nellinganense interprete. Alcorani epitome, Roberto Retenense, Anglo interprete“ (Nürnberg 1543, 15 Bogen in 4°.); – „Notae contra Mohammedis dogmata“ (ebd. 1543); – Joh. Alberti Widmanstadii Jurisc. de injustissimi odii origine et cursis, quo Ambrosius Gympebergius et Bonnacursius Grynaeus ad vitam, honorem et fortunas ejus labefactandas dictis, factis scriptisque, acerbissimis crudelissimisque concitati fuerunt, commentarii“ (36 Blätter, Nürnberg um 1545); eine Vertheidigungsschrift in dem erbitterten Streite mit dem Domherrn Ambrosius von Gumppenberg. Mehrere Arbeiten Widmanstetter’s blieben Manuscript, so eine lateinische Uebersetzung des ganzen Korans, das syrische neue Testament mit hebräischen Buchstaben, die lateinische Uebersetzung einer syrischen Geschichte der gottesdienstlichen Gebräuche, eine syrische und eine arabische Grammatik, ein arabisch-syrisches Wörterbuch, ein kabbalistisches Wörterbuch. Mehrere dieser Manuscripte befinden sich in der Hof- und Staatsbibliothek zu München. Am 18. Mai 1556 starb zu Regensburg Anna von Leonsperg, nachdem sie ihrem Gatten drei Töchter geboren hatte. Ihr schönes Grabdenkmal ist noch im Domkreuzgange daselbst erhalten. Der Witwer entsagte darauf allen weltlichen Würden, wurde unter seinem Gelehrtennamen Lucretius noch Ende 1556 Domherr in Regensburg und starb schon kurz nachher im März 1557, erst 51 Jahre alt. Widmanstetter’s Bedeutung ruht in seiner Eigenschaft als Gelehrter, [264] namentlich als orientalischer Sprachforscher. Seine Bibliothek, besonders reich an orientalischen Handschriften (über 300), erwarb Herzog Albrecht V. von Bayern, der aus ihr, dann den Büchersammlungen von Dr. Hartmann Schedel und Johann Jacob Fugger den Grund zur heutigen Hof- und Staatsbibliothek in München legte. Widmanstetter’s Bildniß enthält eine überaus seltene in J. F. Joachim’s Münzcabinet, III. Theil, 1770, S. 167 beschriebene und abgebildete Medaille. Dieselbe zeigt auf der Vorderseite das Brustbild des Gelehrten mit der Umschrift: „Jo. Albertus „Widmanstadius Suev(us)“. Auf der Rückseite ziehen zwei Elephanten einen römischen Triumphwagen, gelenkt von einem Jüngling; die Zügel gehen durch ein über den Elephanten schwebendes, von einem Vogel in der Luft gehaltenes Rad. Im Abschnitte darunter stehen vier hebräische Buchstaben, die Umschrift enthält den Spruch: „ΚΑΙ ΤΥΧΗ ΚΑΙ ΤΕΧΝΗ“, in deutscher Uebersetzung: „Mit Gunst und Kunst“. Die Literatur über Widmanstetter ist sehr umfangreich und umfaßt über 150 Druckwerke. Die wichtigsten davon seien hier notirt: [Khautz (Franz von). Versuch einer Geschichte österreichischer Gelehrten (Frankfurt 1755, 8°.) in der Vorrede. – Krones von Marchland (Franz Dr.). Handbuch der Geschichte Oesterreichs (1879) Band III, S. 264. – Danko (Joseph Dr., Abt in Gran). Commentarius de S. Scriptura ejusque interpretatione (Wien 1867) S. 189. – Denis (Michael). Wiens Buchdruckergeschichte bis MDLX (Wien 1782) S. 109, 519, 523, 565,. 634. – Derselbe. Merkwürdigkeiten der Garelli’schen Bibliothek, S. 288, 290. – Ferber (Aug. Guilelmus)[WS 1] Programma de Joanne Alberto Widmanstadio... (Helmst. 1771, 4°.). – Hammer-Purgstall (Jos. v.). Bruchstücke zur Biographie österreichischer Orientalisten in den „Vaterländischen Blättern für den österreichischen Kaiserstaat“, 1. Jänner 1812, Nr. 1: „Joh. Albert v. Widmanstad“. – Joachim (Joh. Friedr.). Neu eröffnetes Münzcabinet (Nürnberg) III. Theil, S. 167–179: „Eine schöne Schaumünze auf den berühmten Gelehrten Joh. Alb. v. Widmanstetter“. – Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland. Von Jörg und Binder, 82. Bd. (1878), S. 513–530: „Joh. Alb. Widmanstadius“. Von Jos. Mayer. – Meusel (Joh. Georg). Leitfaden zur Geschichte der Gelehrsamkeit (8°.), S. 915 und 916. – Literarisches Museum (Altdorf 1780) Bd. II, S. 342–376 und 404–436. – Schelhorn (Joh. Georg). Amoenitates litterariae (Frankfurt 1730) Bd. I, S. 399; Bd. XIII, S. 223–244; Bd. XIV, S. 470 u. f. – Derselbe. Beiträge zur Erläuterung der Geschichte, besonders der schwäbischen Kirche (Memmingen 1772 u. f.) S. 173–180. – Derselbe. Sammlung für die Geschichte, vornehmlich zur Kirchen- und Gelehrtengeschichte (Nördlingen 1779 u. f.) Bd. I, S. 1–13: „Nachlese zu den Nachrichten über Joh. Alb. Widmanstetter“. – Waldau (Georg Ernst). „Joh. Albr. v. Widmanstadt“ (Gotha 1796, Perthes, 8°.). – Literarisches Wochenblatt (Nürnberg 1769 u. f.) Bd. II, S. 385 bis 422. – (Zedler’s) Universal-Lexikon, 55. Bd., Sp. 1824.] –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ferber (Aug. Gulielmus).