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BLKÖ:Warga, Tüzes

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Varga (Lieutenant)
Band: 49 (1884), ab Seite: 271. (Quelle)
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5. Tüzes Warga, das Haupt der Sárosvámer Zigeuner. Sárosvám, ein Dorf am unteren Ende des Neusiedler-Sees, beherbergte 1869 auf seinem Gemeindeanger eine Colonie Zigeuner, deren Oberhaupt in Rede Stehender ist, welcher gute Zucht hielt und in Folge dessen mit dem Attribute eines ungarischen Dorfschulzen, dem Haslinger, vor dem Stuhlrichter erschien, um das eine oder andere Glied seiner Sippe zu vertreten. Oft besuchte er auch den Wiener Pferdemarkt, da er ein kluger Roßmäkler war, und sprach dann im Eckwirthshause in der Fasangasse ein. Schon im Herbste 1868 hatte sich unter den Zigeunern der diesseits der Donau liegenden Comitate Ungarns das Gerücht verbreitet, der h. Vater in Rom werde, um ewigen Frieden auf der Welt zu stiften, im Jahre 1869 eine neue Vertheilung der Länder der Erde vornehmen und ganz besonders die Zigeuner, welche bisher zerstreut in der Welt umherirrten, mit einer bleibenden Heimatstätte bedenken. Das seltsame Gerücht fand bei dem sonst mißtrauischen Stamme Glauben, weil es zufällig mit seiner ältesten Tradition zusammenstimmte, welcher zufolge über kurz oder lang ein mächtiger Pharao mit seinen Streitern auf schwarzen Rossen anherbrausen werde, um sein zerstreutes Volk zu sammeln und zurück in die Urheimat zu führen. Nun, im erwähnten Eckwirthshause in der Wiener Fasangasse hatte auch Tüzes Warga kurz vor Weihnacht 1868 jenes Gerücht vernommen. Obgleich seinem innersten Wesen nach weder Katholik noch sonstiger Christ, zweifelte er nicht einen Augenblick an der Macht und Berechtigung des h. Vaters, die Welt nach eigenem Geschmack umzugestalten und ihr eine andere politische und religiöse Form zu geben. Dabei hatte er oft genug gehört. daß der Papst Stellvertreter Gottes auf Erden sei und als solcher die Könige salben, auf den Thron erheben und die ungesalbten sammt ihren Völkern verstoßen und verfluchen könne. Dies war für Warga Grund genug, um seiner Sippe zu verkünden, was der Welt bevorstehe, um die angrenzenden Comitate zu durchziehen und den anderen zerstreuten Gliedern seines Stammes bekannt zu geben, was er gehört, und unter ihnen für den Auszug aus Ungarn Propaganda zu machen, was ihm gar nicht schwer fiel, da der Zigeuner für Projecte zur Auswanderung sehr empfänglich und zum gänzlichen Verlassen seiner Wohnstätte immer bereit ist. Nach Sárosvám zurückgekehrt, begann er seine Vorbereitungen zur weiten Reise. Zunächst galt es, einen Paß für sich und seine Sippe nach Oesterreich und womöglich für das Ausland zu erhalten. An diesem Punkte scheiterten alle seine Bemühungen; der Paß wurde ihm wiederholt verweigert. Aber auch dadurch ließ sich Warga nicht irre machen. Er belud einmal des Nachts seine drei mit zehn Pferden bespannten Wagen mit seinem dritten Weibe, seinen drei Töchtern und deren drei Männern nebst deren siebenzehn Kindern und der letzteren sieben Tanten und fünf Oheimen und verließ ohne Legitimation nächtlicher Weile den Gemeindeanger von Sárosvám. Im Februar 1869 gelang es der Karawane, bei Gemona die italienische Grenze zu überschreiten und sich bei Udine mit einer zweiten Schaar ungarischer Zigeuner zu vereinigen. Kurz vor Ostern 1869 erschien der vereinigte Zug vor Rom, vor dessen Mauern er sich in eigenen Zelten niederließ. Später wies die römische Polizei den Zigeunern eine Stelle vor Porta Cavallegieri an. Wie lange sie dort blieben, und was sie ausrichteten, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt. [Wanderer (Wiener polit. Blatt) 1869, Nr. 103, im Feuilleton: „Der Papst und die Zigeuner“.] –