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BLKÖ:Walter, Gustav

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 53 (1886), ab Seite: 14. (Quelle)
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Walter, Gustav (k. k. Hofopernsänger, geb. zu Bilin in Böhmen am 11. Februar 1836). Seine ursprüngliche Bestimmung war nichts weniger als auf Gesang gerichtet, obgleich die Eltern den Knaben, der viel musicalisches Talent besaß, in das zu jener Zeit als Musteranstalt bekannte Conservatorium zu Prag schickten, wo er die Violinschule besuchte. Doch schien das Saitenspiel nicht ganz nach seinem Geschmacke gewesen zu sein, denn bald verließ er das Institut, um sich in Prag dem Brodstudium zuzuwenden. Darum wurde er der Musik doch nicht untreu, und wie es bei Prager Studenten nicht selten vorkommt, wirkte der mit einer lieblichen Stimme begabte Jüngling in verschiedenen Kirchen an Sonn- und Feiertagen mit, und zwar als Altist. Im Alter von siebzehn Jahren wurde er in der Biliner Zuckerfabrik angestellt. In einem Dilettantenconcerte erregte er mit seinem Gesange so großen Beifall, daß selbst der anwesende Pfarrherr nicht umhin konnte, den Jüngling darauf aufmerksam zu machen, welches Capital derselbe in seiner Stimme besitze, das bei der Stelle, welche er bekleide, nutzlos verkümmere, und ihm daher vorstellte, daß er doch sein Glück bei der Bühne versuchen möge. Solcher Rath aus solchem Munde sollte nicht umsonst ertheilt sein. Walter gab seine Stelle bei der Zuckerfabrik auf, kehrte nach Prag zurück und nahm bei Professor Vogel, aus dessen Schule schon mancher tüchtige Sänger hervorgegangen, Gesangunterricht, um in kurzer Zeit ein Engagement als Tenorist am Theater in Brünn zu finden. Wir lassen nun den Sänger selbst sprechen, indem wir einem Briefe, den er mit anerkennenswerther Offenheit einem Freunde schrieb, folgende Stelle entlehnen: „Ich hatte in Brünn mit mancherlei Mißgeschick zu kämpfen. Zweimal wurde ich vom Publicum herzlich ausgelacht, und der Director wollte mich nur dann behalten, wenn ich mich entschließen könnte, zweite und dritte Rollen zu singen. Nicht meine Stimme, sondern meine Füße waren so verhängnisvoll für mich. Ich hatte beispielsweise als Soldat in Meyerbeer’s „Hugenotten“ das Rataplan mit vielem Beifall zu Ende gesungen. Als ich jedoch fertig war und über die Bühne gehen wollte, wurde ich weidlich ausgelacht. Der alte Gallmayer, der Vater unserer genialen Josephine Gallmayer [gest. 1883] war damals ebenfalls in Brünn engagirt. Er fühlte Mitleid für mich und lehrte meine Beine, bühnengerecht einherschreiten.“ [15] War nun auf diesem Wege einem Uebel abgeholfen, so trat auch ein glücklicher Zufall fördernd hinzu. Rosa Csillag [Bd. III, S. 59], damals im Zenith ihres Ruhmes, kam zu einem Gastspiel nach Brünn. Kaum hatte Walter neben ihr den Gennaro gesungen, so lenkte sie sofort auf ihn die Aufmerksamkeit des Directors der Wiener Hofoper, Cornet [Bd. III, S. 3]. Auf telegraphische Berufung traf derselbe schon am folgenden Morgen in Brünn ein, hörte den jungen Sänger und engagirte ihn für seine Bühne. So kam denn Walter 1856, damals gerade 20 Jahre alt, an die Wiener Hofoper, wo ihm allerdings neben den Größen, die zu jener Zeit auf derselben glänzten, anfangs nur eine bescheidene Rolle zugedacht war. Mit dem ihm eigenen anheimelnden Wesen schloß er sich an manchen Künstler enger an, und sein von Haus aus reiches Talent, sein musicalisches Auffassungsvermögen fanden in dem regen musicalischen Leben Wiens bald reichen Stoff. Allmälig schwand auch eine gewisse Befangenheit, die er noch von Brünn mitgebracht, und immer mehr und mehr entfaltete sich der Künstler zum lyrischen Tenor, als welcher er eben in der Glanzseite seines Talentes sich zeigte. Dabei hatte er auf eine sorgfältige Entwickelung seiner Stimme Bedacht, verdarb sie nicht durch unvernünftiges Forciren, sondern eroberte Schritt für Schritt, aber sicher sein Terrain und wuchs mit jeder neuen Rolle in der Gunst des Publicums. Als er in erster Zeit an der Wiener Hofoper auftrat, sang noch Ander, freilich schon von seiner erreichten Höhe allmälig absteigend, an derselben. Als aber dessen Tod eine Lücke in die Künstlerschaar des Kärntnerthortheaters riß, da zeigte es sich, daß Walter fast das ganze Repertoire des Verstorbenen zu übernehmen im Stande war, und das Publicum befreundete sich um so rascher mit diesem Ersatzmann, als derselbe mit Leib und Seele seinem Berufe sich hingab und mit Fleiß und Ausdauer an seiner Vervollkommnung arbeitete. Allmälig wurde Walter der Träger des classischen Repertoires, und nicht die Wege der fahrenden Gesangsvirtuosen austretend, die ihr engbegrenztes Rollenrepertoire immer und überall wie abgerichtete Finken absingen, zeigte er eine Vielseitigkeit, welche der Bühne, an der er wirkte, sehr zu Statten kam, da sie nicht bald wegen einer entsprechenden Kraft für diese oder jene Rolle in Verlegenheit gerieth. Hatte er sich bei den ersten Aufführungen von Richard Wagner’s „Tannhäuser“ mit der bescheidenen Partie Walthers von der Vogelweide begnügt, so rückte er nun zu der gewaltigen Gesangsrolle des Lohengrin auf und sang in den „Meistersingern „den Walter Stolzing mit einer Vollendung, die ihn den ersten in dieser Rolle gleichstellte. In gleicher Weise sang er den Don Ottavio, Florestan, Adolar, überhaupt in den beliebtesten deutschen, italienischen und französischen Opern, wenngleich Rollen wie George Browne in Boieuldieu’s „Die weiße Frau“, Tamino in Mozart’s „Die Zauberflöte“, Faust in Gounod’s und Stradella in Flotow’s gleichnamigen Opern als Perlen seines Repertoires anzusehen sein dürften. So vortrefflich er aber als Bühnentenor ist, so ausgezeichnet ist er auch in seinem Liedervortrage in Concerten. Man stellt ihn in diesem dem ersten Liedersänger unserer Zeit, Julius Stockhausen, zur Seite, und insbesondere finden die Schubert’schen Lieder in ihm einen [16] Interpreten, wie es wohl zu ihrer Zeit Johann Michael Vogl [Bd. LI, S. 172] und Baron Schönstein gewesen. Auch sei bemerkt, daß der Künstler häufig zu Gastspielen in den größten Städten Deutschlands und in St. James Hall in London geladen worden. Sein verdienstliches Wirken auf dem Felde des Gesanges wurde auch höchsten Ortes gewürdigt, denn Seine Majestät verlieh ihm 1869 das Ritterkreuz des Franz Josephs-Ordens, später den Titel eines k. k. Kammersängers. Walter ist gleichzeitig Tenorist der k. k. Hofmusikcapelle in Wien. – Walter’s Tochter, aus seiner Ehe mit einer Wienerin, hat sich unter des Vaters Leitung zur Sängerin herangebildet und ist wiederholt mit Erfolg aufgetreten.

Neue Illustrirte Zeitung (Wien, vormals Zamarski, kl. Fol.) 1873, Bd. II, Nr. 38, S. 13: „Gustav Walter“. – Riemann (Hugo Dr.). Musik-Lexikon (Leipzig 1882, Bibliogr. Institut, 8°.) S. 996, Nr. 7.
Porträts. 1) Unterschrift: „Gustav Walter“. Chemitypie von Angerer und Rösch, nach Zeichnung von Th. Mayerhofer [auch im 5. Jahrg. der Illustrirten Zeitschrift: „Die Heimat“]. – 2) Unterschrift: Facsimile des Namenszuges „Gustav Walter“. Nach einer Photographie (Stich und Druck von Weger, Leipzig. Verlag der Dürr’schen Buchhandlung, 4°.). – 3) Unterschrift: „Gustav Walter“. Dombi gez. im Wiener Witz- und Spottblatt „Kaktus“ 1874, Nr. 21. – Holzschnitt nach Zeichnung ven F. W.(eiß) in der „Neuen Illustrirten Zeitung“ 1873, Nr. 48, S. 13.