Zum Inhalt springen

BLKÖ:Vay, Alois Baron

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 50 (1884), ab Seite: 28. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
Alois Baron Vay in Wikidata
GND-Eintrag: [1], SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Vay, Alois Baron|50|28|}}

Vay, Alois Baron (Mitglied der ungarischen Magnatentafel, geb. in Ungarn am 24. December 1817). Ueber seinen Bildungs- und Lebensgang sind wir nicht unterrichtet. Ein Sohn des Freiherrn Emmerich Ladislaus Vay aus dessen Ehe mit Elisabeth Edlen Vay von Vaja, tritt er erst bemerkbar in den Vordergrund, als in Folge der Einberufung mittelst litterae regales vom 14. Februar 1861 der ungarische Landtag sich am 2. April dieses Jahres in der königlichen Freistadt Ofen versammelte. Zugleich mit seinen Vettern Ladislaus Grafen Vay, Béla und Nicolaus jun. Freiherren von Vay nahm er seinen Platz im Oberhause ein. In der Sitzung daselbst vom 19. Juni, in welcher Erzbischof Lonovics , Karl Ragályi, die Grafen Leo Festetics, Stephan Eszterházy, Johann Széchenyi, Samuel Vass, Karl Zay, Karl Zichy in der Adreßdebatte das Wort ergriffen, erhob sich auch Alois Baron Vay und hielt eine der denkwürdigeren Reden, welche den officiellen oder halbofficiellen Berichterstatter im „Pesther Lloyd“, 1861, Nr. 159 zu der lakonischen Bemerkung veranlaßten, „daß Baron Vay auch im Unterhause durch seine drastisch-plastischen Ausfälle gegen die „„industrieritterlichen Civilisatoren von nirgendsher““ aufgefallen wäre“. Und in der That, diese Rede ist in manchen Punkten bemerkenswerth, vornehmlich aber schon dadurch, daß in derselben (1861) zum ersten Male an den Kaiser von Oesterreich das Ansinnen gestellt wird: die Residenz nach Pesth-Ofen zu verlegen und den Schwerpunkt des Kaiserstaates nach Ungarn zu concentriren, ein Gedanke, der später in manchen Leitartikeln österreichischer Preußenfreunde breitgeschlagen wurde und heute noch aufdringlicher [29] auftritt, denn je vorher. Aber Freiherr von Vay gab noch manchen wuchtigen Satz in seiner Rede zum Besten. So hebt er seinen Vortrag sofort mit dem historischen Aphorismus an: „Die ungarische Nation hielt vor dem Jahre 1848 den Tatarenzug für ihre traurigsten Tage, nach 1848 wird sie die verflossenen zwölf Jahre (1848–1860) dafür halten“. Während ein vorurtheilsfreier Historiker darauf erwidern würde: daß jener Tatarenzug und diese zwölf Jahre nur Ursache der Felonie der Ungarn gegen ihren König gewesen seien, weiß Baron Vay dafür besseren Bescheid, indem er behauptet, daß Ungarn die letztgenannten Jahre nur den auf den Wiener Barricaden entstandenen absoluten heimatlosen Civilisations-Industrierittern zu verdanken habe. Heute, nach einem Vierteljahrhundert, hört man aller Orten und oft von guten und gebildeten Ungarn ausrufen: daß dem Interim von 1850 bis 1860 ein großer Theil der einigermaßen geordneten Zustände Ungarns, die freilich immer mehr verschwinden, zu danken und dieses durch die damaligen Reformen endlich in die Reihe der civilisirten Staaten getreten sei; Alois Baron Vay belehrt uns eines Besseren, indem er den Verzweiflungsschrei ausstößt: daß dasjenige, was die Bach’schen Civilisatoren in unserem Vaterlande vollführten, selbst dem Allmächtigen zu viel wurde! Wir erfahren aus dem Verlaufe der Rede, „daß die absolutistisch regierenden Minister der letzten zwölf Jahre in ihrem unbegrenzten Hasse gegen Ungarn oder in ihrer grenzenlosen Unwissenheit, anstatt das Nationalvermögen, somit Ungarns Steuerkraft zu vermehren, um die Geldverhältnisse Oesterreichs ordnen zu können, im Einverständnisse mit ihren Genossen, den Wiener Banquiers, alle Finanzmanöver probirten, um die Vermögenszustände Ungarns zu ruiniren, denkend, daß sie über uns, sobald wir arm sind, leichter willkürlich herrschen können“. Baron Vay hat hier die Kossuth’sche Banknotenpresse und die Namen einiger Pesther Banquiers vergessen, welche, um Oesterreich mit ihren Finanzplänen zu beglücken, eben aus Pesth nach Wien einwanderten. Und nachdem er Anschuldigung auf Anschuldigung gegen die österreichischen Minister gehäuft, belehrt er uns Oesterreicher: „daß die von sich eingenommenen stubengelehrten Wiener Minister glauben, daß sie die Weisheit des Regierens mit dem Löffel, und zwar mit dem großen Löffel, gegessen haben. Doch sie wollen durchaus nicht anerkennen, daß sie nur durch die Nationen des zur Führerrolle gereiften und durch tausend Jahre verfassungsmäßig lebenden ungarischen Reiches im Stande seien, eine Großmachtrolle zu spielen!! Wenn sie aber die Führerrolle wo andershin verlegen, so gleiche Oesterreich einem schönen Apfel, in den ein Wurm gerathen und dessen Fäulniß also je eher zu erwarten stehe!“ Und wie wir eben bemerkten, daß Baron Vay der Entdecker der Verlegung des Schwerpunktes von Wien nach Ofen sei, so finden wir bei ihm auch am klarsten den Gedanken des Dualismus ausgesprochen, der Oesterreich vorderhand in zwei Theile geschieden und allmälig zum Trialismus, Sexalismus und Gott weiß in welchen Ismus endlich sich noch zu entwickeln beginnt. „Es scheint“, so ruft Baron Vay aus, „zufällig das Schicksal selbst darauf hinzuweisen, daß Oesterreichs Regent gleichsam nach der Zeichnung des im Wappen befindlichen zweiköpfigen Adlers regieren müsse, dessen Körper gleichsam das ganze Oesterreich [30] darstellt, und auf dessen zwei Köpfen je eine Krone sich befindet. „Also muß“, schließt Baron Alois Vay aus diesem Doppeladleremblem, „mit abgesondert gekrönten Köpfen regiert werden, nämlich mit anderen Landesregierungsverordnungen die westlichen Provinzen des Reiches und mit anderen alten, verfassungsmäßigen Gesetzen die östlichen Länder, welche durch abgesonderte und die pragmatische Sanction wechselseitig verpflichtende Verträge an das Herrscherhaus geknüpft sind“. Wenn sich Baron Vay doch des berühmten Epigramms des Königs Ludwig von Bayern auf den zweiköpfigen Adler erinnern wollte: „Trauriges Sinnbild des Reiches..., zweiköpfiger Adler, Denn wo zwei Köpfe besteh’n, ach, da gebricht es an Kopf!“ Zum Schlusse seiner Rede kommt Baron Vay noch auf die in Ungarn wohnenden verschiedenen Nationalitäten zu sprechen. „Ich erkläre vorläufig“, ruft er, „daß ich mit den im Reiche der heiligen ungarischen Krone wohnenden Völkerschaften in der strengsten brüderlichen Liebe zu leben wünsche, und zwar in einer gemeinsamen uns Alle beglückenden Verfassung“, welcher löbliche Wunsch des Barons durch die beglückenden Zustände der Gegenwart in Croatien und Siebenbürgen, wo die ungarischen Vergewaltigungen ganz absonderliche Blasen bildeten und bilden, eine eigenthümliche Illustration erhält. Es war eine der merkwürdigeren Reden in diesem Reichstage überhaupt und im Hause der Magnaten insbesondere, welche man zu hören bekam. Alois Baron Vay ließ später nicht wieder sich hören. Er ist Besitzer der Herrschaften Bánrévé und Dubicsány in Ungarn. Aus seiner am 24. August 1841 mit Anna geborenen Szentmiklóssy von Primocz (geb. 16. Februar 1825) geschlossenen Ehe sind eine Tochter: Gisela und drei Söhne: Aladár, Dionys und Leonhard [vergleiche die Stammtafel] vorhanden.

Der ungarische Reichstag 1861 (Pesth 1861, Karl Osterlamm, br. 8°.) Bd. III, S. 85 u f. – Magyar Mágnások Életrajza s Arcképcsarnoka, VI, 1865.