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BLKÖ:Valerio, Theodor

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Valerj, Theodor
Band: 49 (1884), ab Seite: 224. (Quelle)
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Valerio, Theodor (Maler, geb. zu Herserange im Moseldepartement Frankreichs im Jahre 1819, gest. zu Vichy am 14. September 1879). Weder in Oesterreich geboren, noch daselbst gestorben, steht er doch nicht minder durch seine Geschicke, die ihn zum Theile in unserem Vaterlande ereilten, als durch seine Arbeiten, welche uns die ersten authentischen Nachrichten in Wort und Bild über die merkwürdigsten und wenigst gekannten Völkerschaften des Kaiserstaates bringen, in so naher Beziehung zu demselben, daß es völlig gerechtfertigt erscheint, wenn unser Lexikon dieses Künstlers gedenkt. In der folgenden kurzen Skizze heben wir aus seinem Leben und Wirken auch das auf Oesterreich Bezügliche ganz besonders hervor. Er war ein Schüler und später auch Freund des berühmten Charlet und bereiste, ein kaum siebzehnjähriger Jüngling, 1836 Deutschland, die Schweiz und Italien. Als in der Folge der orientalische Krieg ausbrach, besuchte er in seiner Eigenschaft als Maler den Kriegsschauplatz. Durch seine Aquarelle und Federzeichnungen, die er von demselben heimbrachte, erregte er die Aufmerksamkeit des großen Publicums, und der Name des Künstlers kam in Aller Mund. Nun waren zu jener Zeit gewisse Gegenden Oesterreichs, namentlich in Ungarn und in den von den Südslaven bewohnten Gebieten, noch wenig oder gar nicht gekannt und bargen namentlich für Künstler noch ungehobene Schätze. So bereiste denn Valerio 1851 und 1852 diese Länder, mußte aber bei dem Mangel an Eisenbahnen und sonstigen guten Communicationen daselbst allerlei Abenteuer bestehen, ja, er sah sich mitunter wirklichen Gefahren ausgesetzt. Wohl hatte er vor Ausführung seines Vorhabens es sich angelegen sein lassen, die Unterstützung von hoher Seite für dasselbe zu erlangen; er war eigens nach Wien gekommen, um die ungarischen Magnaten für seine Zwecke zu interessiren, und wenngleich ihm dies Alles gelang und man ihm die besten Zusicherungen gab, die Verhältnisse lagen in der That doch ganz anders, als daß es mit den Versicherungen gethan gewesen wäre. Kurz, wenn wir dem Berichterstatter A. J. Du Pays in der französischen „Illustration“ glauben sollen, so wäre Valerio auf seinen Kreuz- und Querfahrten durch die Steppen Ungarns nicht weniger denn fünfmal verhaftet und nach Wien gebracht worden, wo man dann unter seinen Papieren nichts Anderes als seine Zeichnungen und Skizzen gefunden habe. Endlich, nach Ueberwindung aller Hindernisse, ging er direct auf Erreichung seiner künstlerischen Zwecke los, und das Ergebniß war ein so großartiges, daß man nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß mit den Zeichnungen und Aquarellen Valerio’s die eigentliche Kenntniß der politisch wichtigsten Theile des österreichischen Kaiserstaates beginnt, denn seine Mappen enthielten Aquarelle mit Darstellungen der Bewohner der ungarischen Ebene, der Jazyger, Haiduken, Kumanier; der slavischen und magyarischen Völkerschaften, welche die Karpathen bewohnen; der mannigfaltigen so originellen und geheimnißvollen Zigeunertypen, der walachischen Bevölkerung, sowie der slavischen Bewohner an der Militärgrenze Croatiens und Bosniens. Viele von diesen künstlerisch ausgeführten Aquarellen fanden ihren Platz im Louvre, andere sind in den Besitz Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph und wieder [225] andere in jenen des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gelangt, welch Letzteren Humboldt und der berühmte Carus für den Künstler zu gewinnen verstanden haben. Aber auch das große Publicum sollte an dessen ethnographischen Skizzen seinen Antheil haben, und so entstanden die „Suite de dessins d’après nature gravés a l’eau forte par Théodore Valério. Première Partie: La Hongrie“ (Paris 1854, Goupil et F. Delarue) und das „Album ethnographique de la monarchie Autrichienne“. Auch die illustrirten deutschen, ungarischen und französischen Journale brachten mehr oder minder gelungene Nachbildungen von Zeichnungen Valerio’s. So die in Prag erscheinende „Zlatá Praha“ (Das goldene Prag), 1865, S. 112 und 113 in Großfolio eine „Gruppe ungarischer Zigeuner“, ein ungemein typisches und lebensvolles Bild, und auf S. 124: „Trachten im Banat“ in einem Holzschnitte des Engländers H. Linton; die Prager illustrirte Zeitschrift „Světozor“, 1875, Nr. 12: eine „bosnische Bäuerin“ und einen „slovakischen Bauer“, beide nach Zeichnungen Valerio’s aus dem Jahre 1869 die Prager illustrirte Zeitschrift „Květy“, d. i. Blüten, 1872, Nr. 28: „Frauentypen aus der Gegend von Esseg in Ungarn“ im Holzschnitte von Bertrand; die „Biene“, ein Troppauer Unterhaltungsblatt, 1878, S. 149: „Croatische Frauen“ im Holzschnitte von A. Bertrand; S. 200: „Mädchen aus Sebenico“ im Holzschnitte von C. H. Barbant; S. 201: „Mann aus Sebenico“ und S. 453: „Musicirende Zigeuner“, dieses und das vorige Bild im Holzschnitte von Bertrand, alle vorgenannten aber nach Zeichnungen Valerio’s vom Jahre 1875; in der „Illustrirten Chronik der Zeit“, 1874, S. 416, sehen wir: „Ziehbrunnen in der Puszta“, und „Hütten in der Puszta“, beide Bilder nach Zeichnungen aus dem Jahre 1869 im Holzschnitte von Bertrand; 1879, S. 284: „Morlakische Musikanten aus dem Bezirke von Zara“, nach einer Zeichnung aus dem Jahre 1876 in Holz geschnitten von Laplante; 1878, S. 364 „Bosnisches Landgut“; S. 365: „Bosnische Türken und Panduren“; S. 366: „Kleine bosnische Stadt“; 1880, S. 41: „Die Waffenhüterin“ (Montenegrinerin), nach einer Zeichnung aus dem Jahre 1876; im Wiener illustrirten Blatte „Die Heimat“, 1878, S. 574: „Montenegrinische Verkäuferinen“ (Cettinje); S. 594: Montenegrinisches Mädchen“; S. 623: „Todtenklagen der Montenegriner“, sämmtliche im Holzschnitte von Bertrand; in Payne’s „Universum“, Bd. IV: „Musicirende Zigeuner“; in der Pariser „Illustration“, 1854, S. 116: „Ungarische Fischer auf der Theiß“, „Slovakischer Landmann aus der Gegend von Tyrnau“ und „Verheiratete Frau aus der Gegend von Árokszallás“. Andere Bilder des Künstlers sind auch im Stahlstich vervielfältigt worden, so: „Erinnerung an Holland“, gestochen von A. Duncan, „Die kleinen Schiffer“ und „Die Tarantella“, beide gestochen von A. H. Payne. Die Zahl der von Valerio selbst gestochenen Blätter umfaßt 52, und zwar 4 Blätter „Souvenirs de Hongrie“, 30 Blätter „Souvenirs de la monarchie Autrichienne“ und 18 Blätter Völkerschaften der Donauländer. Von seinen Oelbildern, deren er nur sehr wenige malte, sind mir bekannt: „Die montenegrinische Familie ihre in einem Kampfe Gefallenen beklagend“; – „Das Innere eines Klosters in Cettinje“; – „Zigeunerlager“; – „Morlakische Musiker“; – „Ghetto von [226] Siena“; – „Strohflechterin von Siena“ und „Bäuerin aus der Gegend von Assisi“. Dagegen ist die Zahl seiner Aquarelle sehr groß, und war er in dieser Gattung der Malerei sehr bedeutend. Er huldigt in seinen Bildern dem strengsten Realismus, und doch schwebt über allen etwas Ideales; sein Genre ist ein beschränktes, das ethnographische, aber darin ist er Meister; seine Typen sind echte Kunsttypen nach der Natur. Jetzt, wo die südslavische und orientalische Frage immer mehr und mehr in Fluß kommen und sich die Aufmerksamkeit Europas auf die Kämpfe der Südslaven richtet, gewinnen Valerio’s Arbeiten auch für uns in Oesterreich täglich mehr Interesse. Seine letzten Lebensjahre brachte er ganz zurückgezogen in der Bretagne zu und erschien nur alljährlich in den Bädern von Vichy, für den von den Reisestrapazen arg mitgenommenen Körper in den warmen Quellen Linderung suchend, und in diesem Badeorte ereilte den erst sechzigjährigen Maler auch der Tod.

Moniteur (Paris, gr. Fol.) 1854, Nr. 70 und 77: „Album ethnographique de la monarchie Autrichienne“; 10 Juillet 1861, im Feuilleton: Salon de 1861“ von Theophile Gautier. – L’Illustration. Journal universel (Paris, kl. Fol.) 1854, S. 115. – Die Donau (Wiener politisches Blatt) 1855, Beilage zu Nr. 17. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 19. September 1879, Nr. 262 in der Rubrik: „Verschiedenes“ (Todesfälle).