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BLKÖ:Turteltaub, Wilhelm

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Turtltaub, Alois
Band: 48 (1883), ab Seite: 157. (Quelle)
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Turteltaub, Wilhelm (Arzt und Schriftsteller, geb. zu Rzeszow in Galizien am 25. März 1816). Ein Sohn wohlhabender Eltern, welche in Rzeszow lebten – der Vater war, wenn Herausgeber dieses Lexikons nicht irrt, daselbst Arzt – erhielt er schon zu Hause eine sorgfältige Erziehung und bezog, neun Jahre alt, die lateinischen Schulen. Nebenbei betrieb er fleißig Sprachen und Musik und las Alles, was ihm eben unter die Hände kam: Campe, Chimani, Cramer’s Ritter- und Geistergeschichten und gar die „Zwölf schlafenden Jungfrauen“, mit denen in der Hand er einst von seinem Hofmeister auf dem Stallboden schlummernd gefunden wurde. Als er dann eines Tages zur Ferienzeit nach Lemberg kam–der ersten größeren Stadt, die er sah – zog vor Allem das Theater, das ihm einmal zu besuchen erlaubt worden, seine Aufmerksamkeit auf sich. Nun ging es an die Lectüre von Theaterstücken, nach Rzeszow zurückgekehrt, las er Kotzebue ganz durch, zugleich aber, obgleich er erst zwölf Jahre zählte, versuchte er selbst ein Stück zu schreiben. Nichts Anderes als eine Nachahmung von Kotzebue’s „Sorgen ohne Noch“ war dieses Erstlingswerk, in welchem er mehrere Notabilitäten seiner Vaterstadt persiflirte, und der in dem Stücke auftretende Magister war eine Caricatur seines eigenen Hofmeisters. Das wohlverdiente Honorar für dieses Machwerk bestand in mehrtägigem Zimmerarrest. Nun kam [Friedrich Schiller|Schiller]] an die Reihe, dessen [158] Werke sich glücklicher Weise in der kleinen Stadt, in welcher Turteltaub lebte, noch auftreiben ließen, während, als er über Goethe und Lessing gehen wollte, er dieselben in der ganzen Stadt vergebens suchte. Durch das allmälig ersparte Geld war er im Stande, sich das Brockhaus’sche Lexikon anzuschaffen, aber zum Ankaufe von Goethe’s Werken reichten seine Mittel nicht hin. Da führte ein günstiger Zufall den Grafen Franz Stadion nach Rzeszow. Derselbe kam als Kreiscommissär dahin und miethete sich bei Turteltaub’s Eltern ein. Nun machte Wilhelm alsbald die Bekanntschaft des leutseligen und leicht zugänglichen Grafen, welcher dem wißbegierigen Jüngling seine reiche Bibliothek zur ferneren Ausbildung zu Gebote stellte, und Turteltaub machte von dieser Gestattung auch ausgiebigen Gebrauch. Im Jahre 1830 begann er die philosophischen Studien; durch die Lecture lateinischer und französischer Classiker angeregt, versuchte er sich nun selbst in kleineren Gedichten und war unerschöpflich in der Erzeugung dieser mißrathenen Kobolde, welche später von ihrem eigenen Vater dem Flammentode überliefert wurden. Einiges jedoch veröffentlichte er in der „Mnemosyne“, dem Beiblatte der deutschen „Lemberger Zeitung“, welches eine Fülle historischen, cultur- und literarhistorischen Materials brauchbarster Art über Galizien enthält, aber heute nur noch in sehr schadhaften Exemplaren in Bibliotheken aufzutreiben ist. Ende 1832, erst siebzehn Jahre alt, kam Turteltaub nach Wien, um sich daselbst den medicinischen Studien zu widmen. Ebersberg, einer der österreichischen Redacteure, der sich mit Wohlwollen und Theilnahme aufstrebender Talente anzunehmen pflegte, öffnete ihm, der Erste, die Spalten seines „Zuschauers“, und bald erschienen Turteltaub’s Arbeiten auch im „Wanderer“, „Sammler“, in der „Theater-Zeitung“, sämmtlich Blätter, welche im Vormärz mit unhonorirten Beiträgen ihre Spalten zu füllen liebten. Seine Geistesproducte trugen durchwegs ein humoristisch-satyrisches Gepräge. 1835 kam sein erstes selbständiges Buch heraus: „Wiener Fresco-Skizzen“, welches die Wiener Presse freundlich beurtheilte, während es Seidlitz in seinem Werke „Die Poesie und die Poeten in Oesterreich im Jahre 1836“ mit aller Entschiedenheit verurtheilt. Um jene Zeit war Saphir nach Wien gekommen. Turteltaub machte sich mit ihm bekannt und wurde bald ein fleißiger Mitarbeiter in dessen daselbst begründetem belletristischen Blatte „Der Humorist“, in welchem er neben allerlei humoristisch-satyrischen Kleinigkeiten auch mit kritischen Aufsätzen debutirte, die nicht eben seine Stärke waren. Erst zwanzig Jahre alt, warf er sich bereits auf das dramatische Feld, und 1836 entstand seine einactige Posse „Der Nachtwandler bei Tage“, welche im Leopoldstädter Theater beifällige Aufnahme fand. Im nächstfolgenden Jahre brachte er seinen ersten Versuch in der Localposse zur Aufführung. Das Stück, mit dem Titel: „Nur Eine löst den Zauberspruch“ wurde in Wien viele Male, dann auf allen Provinzialbühnen und auch auf einigen Theatern des Auslandes gegeben. Es erschien auch im Drucke unter dem Titel: „Nur Eine löst den Zauberspruch oder: Wer ist glücklich? Zauberposse mit Gesang in drei Abtheilungen“ (Wien, Wallishausser, 1837) und wurde später in dem von Turteltaub herausgegebenen Sammelwerke „Wiener Volksbühne. Taschenbuch localer Spiele“, welches 1839 bei Wallishausser, gr. 12°., erschien, zugleich mit Nestroy’s „Eulenspiegel“ und [159] J. E. Gulden’s „Der Waldbrand“ aufgenommen. Dagegen erlebte eine zweite Posse, welche er der vorigen folgen ließ, betitelt: „Mit oder ohne Zauberei“, im Josephstädter Theater zu Wien eine vollständige Niederlage. Im Jahre 1840 erlangte Turteltaub die medicinische Doctorwürde, er widmete sich nun der ärztlichen Praxis und kam 1841 nach Rzeszow als Stadtphysicus, in welcher Stellung er viele Jahre wirkte. Indessen blieb er auf schöngeistigem Gebiete nicht unthätig, schrieb ab und zu ein Stück, welches er auch zur Aufführung brachte, so die Lustspiele: „Der Abenteurer“ und „Der Jugendfreund“, welche beide im k. k. Hofburgtheater in Scene gingen und dann als Manuscript gedruckt durch den Lemberger Theaterdirector Pellet zu beziehen waren. Im Jahre 1848 übergab er der Direction des Wiedener Theaters sein Stück: „Das Daguerreotyp“, um, wie er sagte, auf allen Wiener Bühnen debutirt zu haben. Es sind darunter nur die vormärzlichen gemeint. Mit Vorerwähntem erscheint Turteltaub’s schriftstellerische Thätigkeit als abgeschlossen, denn nach dem Achtundvierziger-Jahre begegnen wir ihm nirgends auf dem Gebiete der Literatur. Die verschiedenen Literaturgeschichten von Gottschall, Laube, Menzel u. s. w., selbst der so vollständige Kurz, kennen seinen Namen nicht; ebensowenig ist er in den Schriftsteller-Lexikons und Bücherkatalogen zu finden. Als praktischer Arzt war er zu Rzeszow in verdienstlichster Weise thätig und erhielt in Würdigung dessen bereits 1843 die goldene- Civil-Verdienstmedaille mit dem Bande. Ob Turteltaub, der zur Zeit 67 Jahre alt wäre, noch lebt, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt. Im Staatsschematismus, in welchem er nach seiner Eigenschaft als Stadtphysicus stehen müßte, kommt er nicht mehr vor. Im Jahre 1840 hatte er sich in Lemberg mit der Tochter des Landesadvocaten Claar vermält.

(Gräffer Franz). Jüdischer Plutarch oder biographisches Lexikon der markantesten Männer und Frauen jüdischer Abkunft aller Stände, Zeiten und Länder (Wien 1848, 8°.), zweites Alphabet oder zweiter Band, S. 239. – Seidlitz (Julius Dr.). Die Poesie und die Poeten in Oesterreich im Jahre 1836 (Grimma 1837, J. M. Gebhardt, 12°.) Bd. I, S. 171. – Pietznigg. Mittheilungen aus Wien (Wien, kl. 8°.) 1835, Bd. III, S. 180 u. f.: „Turteltaub’s Wiener Frescoskizzen“. Von Günzburg.