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BLKÖ:Tomaszewski, Dysmas Boncza

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tomcsányi, Adam
Band: 46 (1882), ab Seite: 78. (Quelle)
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Tomaszewski, Dysmas Boncza (polnischer Dichter und Schriftsteller, geb. in Russisch-Polen im Jahre 1749, gest. zu Popowka 1825). Ein Sohn des Mundschenken Tomaszewski zu Wislice, besuchte er die Schulen bei den Jesuiten in Sandomir. In der Folge erhielt er eine Stelle in der Kanzlei des Königs Stanislaus August, von [79] welchem er als Delegat in den Landtag der Woiwodschaft Sandomír geschickt wurde, um daselbst für die Wahl der Abgeordneten in den vom Könige berufenen Reichstag zu wirken, dort aber ging er, statt für das monarchische Interesse einzutreten, zur Barer Conföderation über. Von dieser zum Rittmeister in ihren Truppen ernannt, trug er bei Lanckron eine Wunde davon und gerieth in Gefangenschaft. Aus derselben befreite ihn das Fürwort des Königs, und er übernahm wieder sein früheres Amt. Nach einiger Zeit wurde er als Secretär zur polnischen Gesandtschaft in St. Petersburg geschickt, kehrte aber nach dem Tode seines Vaters in die Heimat zurück, und nachdem er sein Erbrecht verkauft hatte, durchreiste er Frankreich und Italien. Sein von der Reise erübrigtes Geld lieh er dem Fürsten Stanislaus Felix Potocki, der ihm als Pfand dafür das Dorf Popowka übergab. Nun nahm er seinen bleibenden Aufenthalt in Tulczyn. Als er aber im Jahre 1784 vom Braclawer Kreise zum Boten beim Tribunal in Lubelsk gewählt, daselbst seinen Pflichten Genüge geleistet, begab er sich wieder auf Reisen und besuchte Deutschland, zuletzt Paris. Nach seiner Heimkehr fungirte er 1789 als Civil- und Militär-Commissär in Braclaw und wohnte auch dem Schlusse des vierjährigen Reichstages in Warschau bei, gegen dessen Beschlüsse er 1791 eine Flugschrift veröffentlichte, die zwar gut gemeint ist, doch mehr Schwulst und rhetorische Floskeln als sonst brauchbares Material enthält. 1792 von seinem Gönner Potocki nach Jass berufen, begleitete er denselben nach St. Petersburg, wo er zum Secretär der Targowicer Conföderation ernannt wurde. Noch zu Ende desselben Jahres erfolgte aber seine Ernennung zum Minister-Residenten in Amsterdam. Er begab sich nach Wien, um daselbst die Beglaubigungsschreiben für seinen Posten von dem Kanzler Fürsten Sulkowski zu erwarten, aber der 1793 zu Grodno versammelte Landtag hielt eine diplomatische Vertretung Polens in Holland für überflüssig, und nun lebte Tomaszewski die nächsten zehn und mehr Jahre abwechselnd in Wien und Lemberg seinen literarischen und poetischen Neigungen. Er würde vielleicht seinen Aufenthalt in Oesterreich gar nicht aufgegeben haben, wenn Fürst Potocki ihn nicht zur Rückkehr in die Ukraine beredet hätte, wo er eine Pachtung übernahm, die Muße seiner landwirthschaftlichen Beschäftigungen aber der Dichtkunst widmete. Die letzten Lebensjahre brachte er in Popowka zu, wo er auch im hohen Alter von 76 Jahren starb. Außer mehreren politischen Flugschriften gab Tomaszewski auch einige Lustspiele in Versen und ein paar größere Gedichte heraus, über welche die Urtheile der Kritik ziemlich stark von einander abweichen. Die Titel seiner Schriften sind: „Małżeństwo w rozwodzie“, d. i. Die Ehe in der Trennung, Lustspiel in drei Aufzügen in Versen (Warschau 1781, 8°.); – „Odpowiedź autorowi prawdziwych uwag nad konstytucją d. 3. Maja“, d. i. Antwort, gegeben dem Autor der Schrift: Wahre Betrachtungen über die Constitution vom 3. Mai (o. O. 1791); – „Rolnictwo, poema we 4 pieśniach“, d. i. Der Feldbau, Gedicht in vier Gesängen (Lemberg [richtig Krakau] 1802, 4°.); – „Pierwsza miłość, komedja oryginalna we 3 aktach wierszem“, d. i. Erste Liebe, Original-Lustspiel in drei Aufzügen in Versen (Leipzig [Krakau] 1805, 8°.); – „Jagiellonida czyli połączenie Litwy z Polską, poema [80] we 12 pieśniach“, d. i. Der Jagiellonide oder die Vereinigung Lithauens mit Polen. Gedicht in zwölf Gesängen (Berdyczow o. J., [1818]). Von diesem Gedichte erschienen drei Ausgaben, zwei in Berdyczow, eine in Połock. Ueber das Epos „Der Jagiellonide“, welches während des Wiener Congresses im Zeitraume von drei oder vier Monaten entstanden war, sprach sich Mickiewicz sehr abfällig aus. Auch Andere vermißten in Tomaszewski’s Dichtungen ungeachtet des glatten, mitunter harmonischen Verses doch den echten poetischen Schwung. Dagegen fanden Andere das didaktische Gedicht „Der Feldbau“ reich an Schönheiten, feinen Ideen, voll trefflicher Bilder und von reizender Sprache und stellten es den lieblichen Schöpfungen Delille’s in diesem Gebiete gleich. Von Tomaszewskis Werken ist eine Gesammtausgabe unter dem Titel: „Pisma wierszem i proza“, d. i. Schriften in Versen und Prosa, zwei Bände (Warschau 1822, 12°.) erschienen. Ein Mann von Geist und Witz, hing er mit Liebe an seinem Vaterlande, aber in den Ansichten der Unverletzlichkeit der Privilegien des polnischen Landadels auferzogen, war er ganz von den Vorurtheilen dieser privilegirten Menschenclasse, welche in ihrer Verblendung den Untergang Polens verschuldet hat, befangen und glaubte, daß, wenn nur dieser verschimmelte Kram erhalten und neu aufgeputzt würde, das Vaterland zu retten sei. Mit so vielen Anderen theilte er diese Meinung, hielt fest an ihr und bekannte sie ehrlich und offen. Wohin er und die ihm Gleichgesinnten ihr Vaterland gebracht, hat er noch erlebt; ob er aber die Ursache des Unterganges seines Vaterlandes auch erkannt, ist wohl zu bezweifeln, denn das Unglück hat einen großen Theil seines Volkes noch heute nicht klüger gemacht. Uebrigens ist Tomaszewski in der polnischen Literatur eine ziemlich unbekannte Größe; die Literaturgeschichten denken kaum seiner, und seine Schriften kommen nicht oft vor.

Woycicki (K. Wl.). Historyja literatury polskiej w zarysach, d. i. Geschichte der polnischen Literatur in Umrissen (Warschau 1845, Sennewald, gr. 8°.) Bd. III, S. 410. – (Schwaldopler). Historisches Taschenbuch. Mit besonderer Hinsicht auf die österreichischen Staaten (Wien 1808, Doll, 8°.) I. Jahrg. (1801), S. 242. – Sartori (Franz Dr.). Historisch-ethnographische Uebersicht der wissenschaftlichen Cultur, Geistesthätigkeit und Literatur des österreichischen Kaiserthums nach seinen mannigfaltigen Sprachen u. s. w. (Wien 1830, Gerold, gr. 8°.). Erster (und einziger) Theil, S. 59.