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BLKÖ:Sweth, Cajetan Karl

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Swiatkowski, Martin
Band: 41 (1880), ab Seite: 29. (Quelle)
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Sweth, Cajetan Karl (Andreas Hofer’s Leidensgefährte in dessen letzten Tagen, geb. in Gratz 18. August 1785, gest. zu Innsbruck am 21. März 1864). Sweth, dessen Vater Georg als Stadtphysikus in Gratz lebte, ist nicht allein seiner eigenen Schicksale wegen denkwürdig, sondern auch als Augenzeuge der schlicht und getreu von ihm niedergeschriebenen Erlebnisse Hofer’s in dessen letzten Wochen. Im Jahre 1809 begann er zu Salzburg die „Logik“, wie man damals den ersten Jahrgang der philosophischen Studien nannte. Da drangen am 30. April die bayrischen Truppen ein, zu deren Einquartierung selbst die Universitäts-Hörsäle benützt werden mußten, so daß die Vorlesungen vielfältig Unterbrechung fanden. Bald verbreitete sich auch das Gerücht, daß jene Studirenden, welche nicht Salzburger, sondern nach andern Provinzen Oesterreichs zuständig waren, zum bayrischen Militärdienst herangezogen würden. Schnell entschlossen, begab er sich nach Innsbruck, um in den Capucinerorden zu treten. Sein erster Gang daselbst war zum Provincial P. Josue, von dem er den Bescheid erhielt, daß wegen seiner Aufnahme als Novize die Entscheidung des Capitels, welches erst in zwei Monaten zusammentrete, abgewartet werden müsse. Auf den gleichzeitigen Rath des Provincials, mittlerweile Tirol zu bereisen, machte er sich auch auf den Weg, kam aber nur bis Neumarkt in Südtirol, wo er umkehren mußte, da die österreichischen Truppen durch die Franzosen zum Rückzuge gezwungen waren. Unterwegs erfuhr er in den Capucinerklöstern, daß an Aufnahme von Novizen nicht [30] mehr zu denken sei, ja daß man sogar die Aufhebung sämmtlicher Klöster befürchte. Als er nun einen Reisepaß nach seinem Geburtsorte zu erlangen suchte, wurde ihm der Rath ertheilt, sich in dieser Angelegenheit unmittelbar an den Ober-Commandanten, Sandwirth Andreas Hofer in Passeier, zu wenden, was er auch that. Dieser sagte ihm, daß bei der Besetzung der Grenzen Tirols durch feindliche Truppen ein von ihm ausgestelltes Document dessen Besitzer nur gefährden könne; er rieth ihm aber gleichzeitig, für die gerechte Sache des Kaisers von Oesterreich im Kampfe um Tirol die Waffen zu ergreifen. Sweth befolgte diesen Rath, und damit war sein künftiges Geschick entschieden. Er wurde sofort zur zweiten Passeirer Schützen-Compagnie eingetheilt. Schon am andern Morgen marschirte dieselbe über den Jaufenberg nach Gasteig. Tags darauf rückten die Bayern von Tuins heran, und es entspann sich ein Kampf, der erst mit dem dritten Tage endete, als die Bayern durch einen Parlamentär um Waffenstillstand baten, den der Sandwirth nur gewährte, weil es ihm nicht minder als dem Feinde an Munition mangelte. Zwei Tage später zog dieser in der Nacht ab, man verfolgte ihn bis in die Gegend von Innsbruck, wo dann am 15. August das denkwürdige Treffen am Berge Isel stattfand, in Folge dessen die Bayern Tirol räumten. Sweth wurde gleich danach zum Oberjäger der Passeirer Schützen-Compagnie befördert und von Hofer mit dem Schreib-, öfters auch mit dem Conceptgeschäfte betraut. Am 13. September erfolgte seine Beförderung zum Adjutanten des Grenz-Commandanten in Achenthal. Dieser, Balthasar Bletzacher mit Namen, ein Mann von trefflichen Eigenschaften, aber wenig kundig des Lesens und Schreibens, betraute seinen Untergebenen nicht nur mit dem schriftlichen Verkehr des Vorposten- und Patrouillendienstes, sondern auch mit der Leitung des Verpflegswesens der aus zwölf Compagnien bestehenden Mannschaft. Ende October rückten die bayrischen Truppen wieder gegen Tirol vor, die Landesvertheidiger aber zogen sich zurück und sammelten sich auf dem Berge Isel. Am Allerheiligenfeste, 1. November, drangen die Ersteren mit Sturm vor, und die Letzteren sahen sich zum Rückzuge bis Sterzing gezwungen. Im Kampfe am Berge Isel trug Sweth eine Verwundung am linken Fuße davon, ohne aber durch dieselbe an der Verrichtung seines Dienstes gehindert zu werden. Als Hofer in Sterzing Nachricht erhielt, daß der Krieg gegen Oesterreich als beendet zu betrachten, begab er sich zunächst nach seinem Wohnsitze, in der Absicht, sich von dort mit seiner Familie in einen entlegenen Theil des Passeier-Thales zu flüchten, bis der ganze Kriegshandel zum Austrage gekommen sei. Sweth gab ihm bis an den Fuß des Jaufenberges das Geleite, wo der Sandwirth mit den Worten von ihm Abschied nahm: „Lieber Cajetan, ich war mit dir zufrieden, kann ich dir jemals helfen, so sprich bei mir zu; vertraue auf Gott und du wirst glücklich sein“. Sweth begab sich nun nach Pens, wo er bei einem Bauern, der auch mitgefochten, zeitweilig Aufnahme fand. Als aber schon nach einigen Tagen verlautete, daß die Feindseligkeiten bei Botzen und Meran neuerdings begonnen hätten, eilte er nach Saltaus, wo er wieder mit Hofer zusammenkam. Bald entwickelte sich in der Nähe dieses Ortes ein Gefecht, in welchem der Feind aus Bozen zurückgedrängt wurde. Noch während des Kampfes erhielt [31] Hofer die österreichische Friedensproclamation. Bereit, jede weitere Feindseligkeit aufzugeben und zu den Seinen nach Passeier zurückzukehren, wurde er von einem Bauern mit dem Erschießen bedroht, wenn er nun zurücktrete. „Mein Stutzen“, rief der kampflustige Bauer, „ist so gut für dich als für die Franzosen geladen, denn du hast angefangen und sollst daher es jetzt auch ausmachen“. Hofer’s Gegenvorstellungen entflammten den kampflustigen Bauern nur noch mehr, so daß er sich endlich an Sweth, der bei diesem ganzen Vorgänge zugegen war, mit den Worten wandte: „Mach einen Aufruf“. Dieser verfaßte denselben und der Bauer nahm ihn mit sich. Schon am andern Morgen sammelten sich die Landesvertheidiger der ganzen Umgegend und griffen die Feinde an. Es entspann sich ein Kampf, in welchem sogar eine Abtheilung Bayern, an Zwölfhundert Mann stark, die Waffen streckte, die erst in Freiheit gesetzt wurde, als die Kunde von der Friedensproclamation sich verbreitete. Bald aber rückten die Franzosen in starken Abheilungen ins Land. Alles ergriff vor ihnen die Flucht, und auch Hofer mit seiner Familie und Sweth waren auf ihre Rettung bedacht. Sie eilten zunächst dem Kellerjoche zu, dann nach Brandach, wo sie bei Pfandler, einem treuen Manne, Verpflegung und Unterkunft fanden. Eines Abends aber kamen zwei Capuciner, vom französischen General Baraguay d’Hilliers abgesandt, nach Brandach, um von Hofer die schriftliche Erklärung abzufordern, daß er die Franzosen nicht mehr behelligen werde. Sweth schrieb im Auftrage des Sandwirths die verlangte Erklärung. Da sich aber die Flüchtlinge in Brandach nicht mehr sicher sahen, so führte Pfandler die beiden Männer in seine in der Gebirgsgegend von Drachwald gelegene Mäherhütte. Die Gattin Hofer’s zog mit ihren fünf Kindern bis tief ins Passeierthal, auf den sogenannten Schneeberg, kehrte aber, nachdem sie die vier jüngeren bei einem Freunde des Hauses im gegenüberliegenden Gebirge bei St. Martin untergebracht, mit dem ältesten Sohne Johann zu ihrem Gatten zurück. Der Aufenthalt in der allen Elementareinflüssen preisgegebenen Alphütte war ein höchst beschwerlicher. Durch Freunde, die von Zeit zu Zeit die Verborgenen aufsuchten, kam Nachricht über die Vorgänge in der politischen Welt. Hofer wurde dringend aufgefordert, sich nach Oesterreich zu flüchten, da mit der Länge der Zeit dieser Aufenthaltsort dem Feinde nicht unbekannt bleiben werde, allein der hohe Schnee machte für seine Gattin das Fortkommen unmöglich, und diese zurückzulassen, das konnte er nicht über sich bringen. Wohl aber schickte er einen seiner Freunde, Johann Wild, mit einem Gesuche, welches Sweth verfaßte, an den Kaiser ab, worin er denselben um Rath und That in seiner Lage bitten ließ. Die Franzosen hatten in gedruckten Placaten 10.000 fl. als Belohnung für die Auslieferung Hofer’s und seiner Genossen ausgesprochen. Um nun jeden Verdacht abzuschneiden, daß dieser sich noch in seinem Verstecke aufhalten könne, mußte Sweth auch in Briefen an Freunde des Sandwirths angeben, daß derselbe nebst seinen Mitflüchtigen sich schon in Oesterreich befinde. Hofer aber wollte wenigstens Sweth retten, er mahnte ihn dringend zur Flucht, ihm Geld dazu anbietend. Aber dieser wies seinen Freund entschieden damit zurück, indem er erklärte, daß er ihn nie verlassen werde, mit ihm Freude und Leid theilen, ja mit [32] ihm in den Tod gehen wolle. Nun hatte eine halbe Stunde oberhalb des Verstecks auch ein Bauer von Brandach, Namens Franz Raffl[WS 1] [Bd. XXIV, S. 227], eine Mäherhütte. Als er eines Tages dahin ging, um Heu zu holen, sah er aus der Hütte, in der sich Hofer befand, Rauch emporsteigen. Er trat daher ein, um sich die Pfeife anzustecken. Der Sandwirth, der die mißlichen Vermögensverhältnisse Raffl’s kannte, trug demselben Geld an, indem er ihn bat, nicht zum Verräther an ihm zu werden, was auch Jener unter Händedruck versprach. Am 28. Jänner um 4 Uhr Früh erwachte Sweth und hörte, da der Schnee gefroren war, deutlich das Geräusch ferner Tritte naher kommen. Er glaubte anfangs, es seien Leute, die Proviant brachten, erblickte aber statt derselben Franz Raffl[WS 1] in Begleitung eines französischen Soldaten. Letzterer blieb einige Schritte hinter dem Ersteren stehen, welcher sich zur Hütte schlich und horchte, dann aber, zu dem Soldaten gewendet, auf die Hütte hinzeigend rief: „Hier sind sie“ und entfloh. Der Soldat, ein Sergeant, rief nun laut: „Avancez“, und in kurzer Zeit umringten 600 Mann die Hütte. Sweth weckte Hofer’s Sohn und öffnete dann die Thür. Die abgesandte Mannschaft war ein italienisches Freicorps, von welchem einige Soldaten auch deutsch sprachen. Dieselben erkannten in Sweth sogleich den Adjutanten Hofer’s, banden und mißhandelten ihn durch Schläge und Stöße und führten ihn mit dem jungen Hofer aus der Hütte. Beide hatten in der Eile und im Schrecken sich gar nicht vollständig anziehen können, auch ihre Fußbekleidung mitzunehmen vergessen. Aber noch hatte keiner von den vielen Soldaten es gewagt, in die Hütte einzutreten, um Hofer und seine Gattin zu ergreifen. Da schritt er selbst, freiwillig und gefaßt, heraus und fragte, ob unter ihnen Jemand deutsch verstehe? Darauf trat General Baraguay d’Hilliers Adjutant vor, an welchen sich Hofer mit den Worten wendete: „Sie sind gekommen, um mich gefangen zu nehmen, thun Sie mit mir, was Sie wollen, für mein Weib, mein Kind und diesen jungen Menschen (indem er auf Sweth zeigte) bitte ich aber um Pardon, diese sind wahrhaftig unschuldig“. Da ergriffen die Soldaten auch Hofer, banden ihm und dann Sweth die Hände auf den Rücken und warfen jedem um den Hals einen Riemen und um die Lenden einen Strick. Hofer’s Gattin und den Sohn aber fesselten sie nur mit Stricken um die Lenden. Sodann wurde die Hütte genau untersucht, und die Barschaft Hofer’s, seine Pistolen, der Säbel und zwölf Stück vorgefundene Gewehre mitgenommen. Nun begann der Abzug. Hofer und Sweth gingen voraus, hinter ihnen die Gattin und der Sohn, und so führte man sie über das mit Eis und Schnee bedeckte steile Gebirge der Ebene, unweit St. Martin, zu. Kaum war der Zug eine Viertelstunde von der Hütte entfernt, so wurden die Fußtritte Sweth’s und jene des jungen Hofer, die ja beide ohne Fußbekleidung waren, durch Blutspuren bezeichnet. Dem wehrlosen Sandwirth aber rauften diese Krieger (!) die Haare aus dem Barte, und unter Hohngelächter bemerkten sie: diese Haare würden sie aufbewahren und nach Frankreich bringen zum Beweis, daß sie bei der Gefangennehmung des Generals Barbone zugegen gewesen. So nannten die Franzosen Hofer seines großen Bartes wegen. Gesicht und Bart war ihm von gefrorenem Blute überzogen. Er aber [33] sprach zu den Seinigen nur die Worte: „Betet, seid standhaft und leidet mit Geduld“. Um sieben Uhr Früh hielt der Zug auf der Ebene bei St. Martin an, und jetzt durften Sweth und Hofer’s Sohn, die man vor den Leuten nicht barfuß marschiren lassen wollte, Schuhwerk anziehen. Nun ging es nach Meran. Daselbst war schon die ganze französische Generalität nebst Officieren versammelt, um die Gefangenen zu empfangen, und diese wurden, als ob die Franzosen einen Sieg erster Größe errungen hätten, mit türkischer Musik unter dem Jubel der französischen Soldaten in die Stadt eingeführt. Sweth und Hofer’s Sohn hatten auf dem langen Marsche über Eis und Schnee mit bloßen Füßen furchtbar gelitten. Als man Ersteren auf die Hauptwache brachte, mußte man ihm die Stiefel von den Füßen herabschneiden, worauf er die zerfleischten Füße in Eiswasser stellte. Nachmittags begannen schon die summarischen Verhöre, und mit Anbruch der Nacht wurden die Gefangenen auf Wagen nach Bozen abgeführt. In diese Stadt mußte Hofer zu Fuß einziehen, während seine Gattin, sein Sohn und Sweth ihm zu Wagen folgten. Am anderen Tage wurden Mutter und Kind auf Verwendung mehrerer hohen Damen in Freiheit gesetzt; die beiden Männer aber sollten nach Mantua abgeführt werden. Herzzerreißend war der Abschied Hofer’s von den Seinen. Sie sahen sich zum letzten Male auf Erden. Auf dem Transporte nach letztgenannter Stadt mußte Sweth seiner wunden beinahe leblos gewordenen Füße wegen in den Anhaltsstationen vom Wagen in den Kerker und von diesem wieder nach jenem zurückgetragen werden. Uebrigens war die Behandlung der Gefangenen sehr gut, und es fehlte ihnen weder an Speise noch Trank etwas. Auch in Mantua selbst wurden sie gut verpflegt, ja die Einwohner wollten, um das Leben Beider zu erkaufen, große Summen erlegen, allein es war Alles vergeblich. Im gemeinsamen Kerker zeigte Hofer volle Seelenruhe. Eines Tages umarmte und küßte er seinen Leidensgefährten und sprach zu ihm die unvergeßlichen Worte: „Ich liebe Dich wie mein eigenes Kind, sollte Gott mir das Leben schenken und ich wieder in die Heimat zurückkehren, dann will ich es kund geben, was Du für mich gethan, was Du mir in den Tagen der Gefahr und des Leidens warest. Ich habe Dir Geld zu Deiner Rettung geben wollen, Du aber hast es ausgeschlagen, Du allein hast mich nicht verlassen und bist nun hier in Mantua mein Leidensgefährte. Sollte ich sterben müssen, so werde ich im Jenseits für Dich bitten“. Dann tröstete er den Freund und richtete die Mahnung an ihn, in Freiheit gesetzt, auch ferner dem Kaiser treu zu bleiben. Nach zwei mit ihm abgehaltenen Verhören sagte er zu seinem Leidensgenossin: „Cajetan, ich sehe es voraus, daß ich in Bälde werde sterben müssen, allein der Tod erschreckt mich nicht“. Zu dieser Zeit war General Bisson Commandant in Mantua. Derselbe besuchte beide Gefangenen öfters und fragte Hofer einmal, ob er nicht in Kaiser Napoleon’s Dienste treten möchte, es würde ihm eine, seiner bisher unter Oesterreich bekleideten Stelle angemessene Charge verliehen werden. Hofer aber gab zur Antwort: „Ich war, bin und bleibe dem Hause Oesterreich und meinem Kaiser getreu“. Die Gefangenen wurden nun strenger bewacht und insbesondere zur Nachtzeit die Kerker visitirt. Am 18. Februar nach Mitternacht rasselten wieder die Riegel, [34] die Thür wurde geöffnet, und sieben Officiere, welche das Kriegsgericht bildeten, traten mit dem Kerkermeister ein. Die Gefangenen mußten aufstehen, und Sweth erhielt Befehl, Hofer zu verlassen. Unter Händedrücken und mit gebrochenen Worten nahmen sie von einander Abschied, sie sagten sich das letzte Lebewohl! Sweth wurde anfangs in einen abgesonderten Kerker, bald darauf aber in einen Arrest gebracht, in welchem zu 15–20jähriger Galeerenstrafe verurtheilte Verbrecher sich befanden. Dieses Haftlocal und jenes, in welchem der Sandwirth nun allein blieb, lagen im Hofe, mit ihren Fenstern einander zugekehrt, so daß der Eine zu dem Anderen hinübersehen konnte. Hofer wurde, wie bekannt, von dem Kriegsgericht zum Tode durch Pulver und Blei verurtheilt. Am 19. Februar überschickte er an seinen Freund noch Speisen und Getränke, und zugleich durch den Erzpriester Manifesti in Mantua, der ihn zum Tode vorbereitete, sechs Scudi, die er von mitleidigen Menschen auf seinem Transporte nach Mantua geschenkt erhalten hatte, nebst einem Zettelchen, auf welches er folgende Worte mit Bleistift geschrieben: „Lieber Cajetan! empfang meine letzte Gabe, lebe wohl und bete für mich“. Am 20. Februar in der Früh wurden die Vorkehrungen zu seiner Execution getroffen. Sweth sah vom Kerkerfenster den Hofraum voll bewaffneter Soldaten. Nach 3/411 Uhr trat Hofer, ein Crucifix in den Händen, unter Begleitung des genannten Erzpriesters aus dem Kerker. Er blickte mitleidsvoll noch einmal nach Sweth’s Gefängniß hin; dann wurde er zur Hinrichtung außerhalb der Porta Molina abgeführt. Sweth aber suchte im Gebet Trost für sein tiefes Herzleid über das grausame Geschick seines geliebten Commandanten. Ungefähr um 11 Uhr hörte er Schüsse fallen. Da brach der treue Leidensgefährte Hofer’s ohnmächtig zusammen. Seine Mitarrestanten riefen den Eisenmeister herbei, und erst nach geraumer Zeit kam er wieder zu sich und bemerkte nun, daß er im Kerker sei, in welchem er früher mit Hofer gefangen saß. Am folgenden Tage wurde ihm das Todesurtheil verkündet, er hörte es kaltblütig an, denn er wünschte sich den Tod. Ein Priester bereitete ihn nun auf denselben vor. Aber schon am 22. Februar wurde ihm die Begnadigung vorgelesen, die auch für Hofer, für diesen leider zu spät, eingetroffen war. Die vielfachen Seelen- und Körperleiden warfen ihn aufs Krankenbett und man brachte ihn in das Spital, wo er mehrere Wochen schwer krank daniederlag. Man tröstete ihn mit der Hoffnung, daß er aus dem Kerker befreit werde, aber diese schwand immer mehr, die Haft wurde drückender, die Zahl der Gefangenen täglich größer und die Verpflegung immer schlechter. Den höchsten Grad von Seelenqual empfand aber Sweth, als ihm und den übrigen Gefangenen am 9. April der Kerkermeister ihre Transportirung nach der Insel Elba ankündigte. Am 11. April wurden sie aus dem Kerker geholt und je zwei Mann mittels Stricke zusammengebunden, unter Begleitung berittener Gensdarmen abgeführt. Nun folgten ununterbrochen Tage der schwersten Entbehrungen, nicht gestillten Hungers; Nächte in dumpfen Kerkern oder leerstehenden Kirchen, bis Piombino, die letzte Station auf dem Festlande erreicht war. Dort wurden die Gefangenen eines Morgens unter Escorte von Gensdarmen zur Ueberführung nach Elba eingeschifft. Als das Schiff [35] nach mehrstündiger Fahrt im Hafen der Festung Porto Ferajo Anker warf, erwartete sie die Generalität und eine Menge Volkes am Ufer. Der commandirende General Gaillieu fragte sogleich: „Wo habt ihr den Adjutanten?“ und als ein Gensdarm auf Sweth zeigte, polterte er diesen mit den Worten an: „Verfluchter Tiroler Brigant! sieh dort den Pontecelloplatz. Da haben bravere Menschen als Du ihr Grab gefunden. Wenn Du nicht gehorchst, wirst Du dort erschossen werden“. Schweigend, aber trostlos schlimmen Tagen entgegenblickend, vernahm Sweth diese, eines Generals unwürdigen Worte. Nun sollte er mit seinen Gefährten in die Soldatenjacke gesteckt werden. Alle ihre Bitten, Vorstellungen und Weigerungen halfen nichts. Nach Mißhandlungen aller Art, Haft bei Wasser und Brod u. dgl. fügten sie sich endlich der Gewalt, welcher sie verfallen waren. Sweth wurde nun gleich vielen anderen gefangenen Tirolern französischer Recrut und erfuhr als solcher bei der Abrichtung die brutalste Behandlung. Die Folge davon war, daß viele desertirten. Wer wieder eingebracht wurde, fand kriegsrechtlich den Tod durch Pulver und Blei. Nun kam das Bataillon nach Bastia auf Corsica, wo in Folge immer härterer Behandlung der Gefangenen Desertionen noch häufiger vorfielen. Besonders schlecht aber erging es Sweth und seinen Kameraden, als das Bataillon von Bastia nach Corte in Garnison gelangte, wo die Officiere die Mannschaft ganz in ihren Händen hatten, aber auch auf das willkürlichste und grausamste mit ihr verfuhren und sie zu den strengsten gemeinen Arbeiten beorderten. Später wurden zwei Compagnien, in deren einer S. stand, nach der höchst ungesunden Stadt Calvi verlegt, um den Dienst der dortigen Besatzung zu übernehmen, deren Mannschaft größtentheils in die Spitäler gewandert war. Nach drei Monaten kehrte er mit seiner Compagnie wieder nach Corte zurück, von wo jedoch das Bataillon bald nach Sagone ging, um dort Schanzen und Batterien zu bauen, wozu auch er härter als ein Sclave verhalten wurde. Er klagt in seinen Aufzeichnungen sehr bitter über die Behandlung der Gefangenen von Seite der Franzosen und weist dabei namentlich darauf hin, wie menschenfreundlich die Tiroler stets mit den von ihnen gefangen genommenen Franzosen umgegangen. Die körperlichen Anstrengungen bei schlechter Verpflegung und Behandlung warfen ihn wieder aufs Krankenlager, und er wurde nach dem drei Stunden entfernten Vico in das Spital gebracht, wo je zwei Kranke in einem von Ungeziefer starrenden Bette lagen. Erst nach fünf Monaten konnte er wieder hergestellt zu seiner Compagnie zurückkehren. Auf Befehl des Generals Berthier wurde das Bataillon von Sagone, wo es acht Monate gelegen, nach Ajaccio, von da nach Bastia beordert und endlich nach Livorno eingeschifft. Daselbst nahm das Entlaufen so überhand, daß anfangs jeden Abend zehn Mann fehlten, was den Kriegsminister bestimmte, durch eine Untersuchung den Ursachen dieses Uebelstandes auf die Spur zu kommen. Als Grund desselben bezeichnete die Commission, welche alle eingefangenen Deserteure vernahm, deren schlechte Behandlung, worauf der Bataillons-Commandant verhaftet und zu zehnjähriger Galeerenstrafe verurtheilt wurde. Der neue Commandant benahm sich menschlich und das Schicksal Sweth’s wurde [36] erträglich. Da kam das Jahr 1813. Hatte früher die schlechte, oft unmenschliche Behandlung das „Fremden-Bataillon“ gelichtet, so waren es jetzt die Siege der Russen und die Erhebung Deutschlands, welche diese Truppe der französischen Fahne vollends entfremdeten. Während eines Zusammenstoßes mit den Engländern bei Via Reggia und Livorno ging nahezu die Hälfte des Bataillons zu jenen über. In Folge dessen sollte der Rest desselben entwaffnet und auf sieben Jahre nach Corsica verbannt werden. Die Erinnerung an die vielen auf jener Insel erlittenen Drangsale reifte auch in Sweth den Entschluß zur Desertion. Zwei Tage vor der Einschiffung berieth er mit fünfzehn Kameraden den Plan zur Flucht, und es wurde die Stunde zur Ausführung derselben festgestellt. Aber mit ihm fanden sich nur noch zwei Genossen zur festgesetzten Zeit auf dem Sammelplatze ein. Da die Thore bewacht waren und kein Ausweg offen stand, krochen die drei Flüchtlinge durch den Doganacanal und arbeiteten sich mit Lebensgefahr durch das bei eingetretener Fluth des Meeres hoch aufgestaute Gewässer. Nach Uebersetzung einer anderthalb Klafter hohen Mauer am Ausgange des Canals war das freie Feld gewonnen. Nach langen, von Abenteuern jeder Art begleiteten Wanderungen kam Sweth nach Imola, wo bereits die Oesterreicher einmarschirt waren. Dort trat er bei dem ersten Landwehrbataillon von Erzherzog Carl-Infanterie ein und wurde der dritten Compagnie zugetheilt. Später kam er in die Brigadekanzlei des Generals Starhemberg und erhielt bald darauf Urlaub, in seine Heimat zu reisen. Er nahm seinen Weg über Tirol, besuchte daselbst Hofer’s Witwe und traf endlich wieder in seinem Geburtsort Gratz ein, wo sein Vater mittlerweile gestorben war. Auf Verwendung des Erzherzogs Johann erhielt er am 10. Februar 1816 seinen Abschied und eine Bedienstung bei der niederösterreichischen Staatsbuchhaltung, von welcher er schon am 16. October d. J. als Ingrossist zur Staatsbuchhaltung in Innsbruck versetzt wurde. Am 15. November 1816 verehelichte er sich mit Johanna Liebl, welche ihm 1840 das dreizehnte Kind gebar. Als k. k. jubil. Staatsbuchhaltungsofficial trat er in den Ruhestand. Im Jahre 1863 feierte er noch mit den übrigen versammelten Veteranen das Landesfest, bei dem er als Leidensgefährte Hofer’s ein bedeutsames Stück Tiroler Geschichte repräsentirte. Im folgenden Jahre starb er als nahezu achtzigjähriger Greis. Bald nach seiner Heimkehr aus der französischen Gefangenschaft war Sweth mit der großen goldenen Civilverdienstmedaille ausgezeichnet worden. Sweth’s vorerwähnte nach seinen eigenen Aufzeichnungen dargestellte Schilderung gibt einen wahrheitsgetreuen Bericht über die letzten Tage Hofer’s und berichtigt einfach Alles, was Phantasie und absichtliche Entstellung bisher hinzugethan oder mit unnöthigem Schmucke – denn die historische Wahrheit ist schon ergreifend genug – ausgestattet haben.

Volks- und Schützen-Zeitung (Innsbruck, 4°.) 1864, Beilage zu Nr. 44 und 45; „Cajetan Karl Sweth. Der Leidensgefährte Andreas Hofer’s. Skizzen aus dessen Leben“. Von Joh. Ortlieb. – Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) 1864, Nr. 1090, S. 353: „Cajetan Karl Sweth“. – Hägele (J. M.), Andreas Hofer’s letzter Gefährte (Cajetan Sweth) (Freiburg im Breisgau 1862, Herder, 160 S., 12°.).
Porträt. Holzschnitt nach einer Zeichnung A.(ug.) N.(eumann’s) in der obgenannten „Illustrirten Zeitung“.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. a b Vorlage: Johann Raffl.