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BLKÖ:Streicher, Johann Baptist

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 40 (1880), ab Seite: 16. (Quelle)
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Streicher, Johann Baptist (Industrieller, geb. zu Wien im Jahre 1795, gest. ebenda am 28. März 1871). Ein Sohn des Johann Andreas Streicher [siehe die Seite 13] und Nannettens geborenen Stein [siehe die S. 19]; er erfreute sich unter der Aufsicht seiner trefflichen Eltern einer sorgfältigen Erziehung, bei welcher die Führung des Geschäftes, dem dieselben vorstanden, fest im Auge gehalten wurde. Zu diesem Zwecke reiste er frühzeitig ins Ausland, wo er in den berühmtesten Pianoforte-Fabriken Deutschlands, Frankreichs und Englands die Kenntnisse und Erfahrungen in seinem [17] Gewerbezweige sich erwarb, welche ihn später befähigten, den Ruf des elterlichen Geschäftes nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern gewissermaßen noch zu steigern. Von der Reise zurückgekehrt, trat er in die Fabrik seiner Eltern als Gesellschafter ein, in Folge dessen die bisherige Firma geändert und fortan „Nannette Streicher und Sohn“ gezeichnet wurde. Jetzt begann die Glanzepoche der Anstalt. Gleich seinem Vater unterhielt auch der Sohn die Verbindungen mit Künstlern und Kunstfreunden, und das Haus Streicher war wie vordem der Mittelpunkt des musikalischen Lebens und Schaffens der Hauptstadt. Alle Musikgrößen Wiens, Beethoven voran, gingen in seinen Salons aus und ein und kamen mindestens einmal in der Woche regelmäßig daselbst zusammen. Seine Instrumente genossen nicht blos in Wien, in Deutschland, in Europa großen Ruf, auch in Amerika standen sie in verdientem Ansehen, und die ersten Virtuosen seiner Zeit pflegten vorzugsweise Streicher’scher Flügel sich zu bedienen. Auf welcher Stufe der Vollendung er mit seiner Pianoforte-Fabrication stand, dafür gibt nachstehende Uebersicht der ihm zutheil gewordenen Auszeichnungen den besten Beleg. In den drei Wiener Ausstellungen der Jahre 1835, 1839 und 1845 trug er den höchsten Ehrenpreis davon: die große goldene Medaille; 1851 auf der I. Ausstellung in London die große Preismedaille; 1862 ebenda die gleiche Auszeichnung. Im Jahre 1839 erhielt Streicher den Titel: „K. k. Hof-Piano-Fabrikant“, 1845 wurde er Mitglied der Hof-Commission und als solches mit der Beurtheilung der Musik-Instrumente der Wiener Ausstellung betraut; 1851 war er Berichterstatter der I. Londoner Ausstellung; 1854 Beurtheilungs-Commissär der Münchener Welt-Ausstellung und 1862 Mitglied des Central-Comités der zweiten Londoner Welt-Ausstellung, wo er sich der großen Auszeichnung erfreute, von der Jury in die Reihe Jener gestellt zu werden, welche sie deren überlegener Leistungen wegen vor dem Council of Chairmen „above competition“ (außer Concurrenz) erklärte. Auf der zweiten Pariser Welt-Ausstellung 1867 erhielt er wieder die goldene Medaille, welche nur noch drei anderen Concurrenten in diesem Zweige zutheil wurde: Steinway in New-York, Chichering in Boston und Broadwood in London. Diese ihm verliehene Medaille war somit die einzige, welche einem Aussteller des Continents zuerkannt wurde. Eine nähere Darstellung seiner Erfindungen und Verbesserungen im Clavierbau geben Pietznigg und Keeß in ihren in den Quellen angeführten Werken, worauf ich Fachmänner verweise. Aber noch nach anderer Seite hin ist Streicher’s Thätigkeit bemerkenswerth. Er war Mitgründer des niederösterreichischen Gewerbevereins und zu wiederholten Malen dessen Vice-Präsident; auch wählte ihn die Wiener Handelskammer zu ihrem Kammerrath. Als er starb, ging mit ihm einer jener wenigen hervorragenden Wiener aus dem Mittelstande dahin, welche in den Dreißiger- und Vierziger-Jahren im Gewerbevereine und in anderen Kreisen unermüdlich bestrebt waren, das Bürgerthum zum Bewußtsein seiner Würde und seines Werthes zu bringen. Im Wiener Bürgerverein gab auch Streicher’s und seines Collegen Graf Name die Pointe zu einem der besten vormärzlichen Witze, [18] indem der durch seine Censurstriche übelbeleumundete Graf Sedlnitzky, nichts weniger als beliebt in jenem Verein wegen der Hindernisse, die er demselben, wo sich nur ein Anlaß bot, in den Weg legte, gewöhnlich kurzweg Graf Streicher genannt wurde. Einer der Koryphäen des vormärzlichen Liberalismus war unser Streicher, der gleich Gerold, Spörlin [Bd. XXXVI, S. 209] u. A. für die Ideen der Aufklärung wirksam Propaganda machte, der die Ueberzeugung von der Nothwendigkeit eines Systemwechsels in Oesterreich und der Einführung des Constitutionalismus in unserem Staatswesen in den einflußreichsten Kreisen der Wiener „Gesellschaft“ zum Durchbruch brachte und damit jene Umwälzung vorbereiten half, durch welche Oesterreich in den Märztagen des Jahres 1848 aus jenen Fesseln befreit wurde, die jeden politischen, wirthschaftlichen und geistigen Aufschwung innerhalb seiner Grenzen verhinderten. Als Wien im Jahre 1859 die Säcularfeier der Geburt Schiller’s feierlich beging, kam auch Streicher, in Erinnerung an die zwischen seinem Vater und Schiller bestandene Freundschaft und an die Liebesdienste, die Ersterer dem Letzteren in dessen bedrängnißvoller Nothlage erwiesen hatte, zur verdienten Ehre, in das Comité gewählt zu werden, welches sich die Aufgabe gestellt, in der „Stadt der Phäaken“, wie Schiller in einem schwachen Augenblicke menschlichen Grolls das eine und einzige Wien genannt, dem Dichter ein Denkmal zu errichten. Streicher starb in dem hohen Alter von 76 Jahren, tief betrauert in allen Kreisen der Gesellschaft, schmerzlich beklagt in jenen seiner Arbeiter, denen er stets ein wahrer Vater gewesen. Er hinterließ drei Söhne und eine Tochter; von Ersteren trat Emil bereits im Jahre 1857 als Gesellschafter in das väterliche Geschäft und hält den vortheilhaften Ruf desselben aufrecht. Die ah. Auszeichnung, welche dem Vater im Jahre 1863 zutheil geworden, erhielt ein Jahrzehent später der Sohn.

Pietznigg (Franz). Mittheilungen aus Wien (8°.) 1835, Bd. IV, S. 51: „Die vorzüglichsten Kunst- und Industrie-Anstalten Oesterreichs“ [enthält eine vollständige Uebersicht der Verbesserungen und Erfindungen J. B. Streicher’s im Pianobau]. – Neues Wiener Tagblatt (kl. Fol.) 1871, Nr. 90: „J. B. Streicher sen.“. – Presse (Wiener polit. Blatt) XXIV. Jahrg. (1871), Local-Anzeiger vom 31. März 1871; „J. B. Streicher“. – Constitutionelle Vorstadt-Zeitung (Wien) 1871, Nr. 92: „Alte Zeiten, alte Männer“. – Stamm’s Böse Zungen (Wiener Spottblatt, 4°.) 1871, Nr. 22, S. 410 [tritt gegen die Reclame für Bösendorfer energisch für die Pianofabrikanten Ehrbar und Streicher ein]. – Keeß (Stephan Ritter von), Systematische Darstellung der neuesten Fortschritte in den Gewerben und Manufacturen und des gegenwärtigen Zustandes derselben. Mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat (Wien 1830, C. Gerold, 8°.) Bd. II, S 21 und 32. – Jonák (Eberhard A. Dr.), Bericht über die allgemeine Agricultur- und Industrie-Ausstellung zu Paris im Jahre 1855 (Wien 1857/58, Staatsdruckerei, 8°.) XV. Classe, S. 79; XXVII. Classe, S. 17. – Arenstein (Jos. Dr.), Oesterreichischer Bericht über die internationale Ausstellung in London 1862 (Wien 1863, Staatsdruckerei, schm. 4°.) S. XXIX, XL, XLII, XLIX, 430, 437, 447 und 448. – Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publicität (Frankfurt a. M., 4°.) 1840, Nr. 151; „An J. B. Streicher“. Gedicht von W.