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BLKÖ:Sterzinger, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 38 (1879), ab Seite: 314. (Quelle)
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Sterzinger, Joseph (Tiroler Landesvertheidiger, geb. zu Nassereit in Tirol im Jahre 1775, gest. zu Hainingen im Sommer 1851). Sein Vater Johann Sterzinger, war landesfürstlicher Salzfactor und der Sohn folgte dem Vater im Amte. Frühzeitig bot sich dem jungen Manne die Gelegenheit, seinen Muth und seine Vaterlandsliebe den feindlichen Mannen gegenüber zu erproben. Bereits im Frühjahre 1797 betraten feindliche Truppen tirolischen Boden. Allsogleich bildete sich im Bezirksgerichte Imst eine Scharfschützen-Compagnie, die sich unter das Commando des Hauptmanns Karl Maria von Jays stellte, und in welcher Joseph Sterzinger als Unter-, [315] später als Oberlieutenant diente. In dieser Stellung zeichnete sich Sterzinger durch Eifer, Umsicht und persönliche Tapferkeit so aus, daß sein Name im tirolisch-ständischen Ehrenprotokolle eingetragen wurde. Im Gefechte bei Klausen am 4. März 1797, in welchem sich die ganze Compagnie so tapfer gehalten hatte, daß nicht nur sämmtliche Officiere mit der großen Ehrenmedaille decorirt wurden, sondern daß man die Fahne der Compagnie gleichfalls mit dieser Medaille schmückte, that sich S. durch seinen Muth, seine Umsicht und Ausdauer, wie es Aussagen und Zeugnisse seiner Mitkämpfer bestätigen, vor allen Anderen hervor. Sterzinger commandirte in dieser Affaire in der nächsten Umgebung der von dem k. k. Oberstlieutenant Freiherrn von Baltheser befehligten Truppen. Sein Muth, seine Geistesgegenwart und sein eigenes Beispiel feuerten die unter seinem Befehle stehende Mannschaft, welche aus einem Theil der Freiwilligen der Imster Compagnie und aus Schützen und Landstürmern von Castelbruck bestand, so an, daß dieselbe den weitüberlegenen im Sturm heranrückenden Feind mehrere Male zurückwarf. Nur durch diese muthige Ausdauer wurde ein Bataillon österreichisch-ungarischer Truppen, das ganz abgemattet vom Fleimserthale herkam, vor der sicheren Gefangenschaft gerettet. Nicht nur Hauptmann von Jays bestätigte in einem an Sterzinger gerichteten Schreiben dessen erhebenden und von so glänzendem Erfolge gekrönten Muth und Eifer, auch in dem Zeugnisse des Officiers dieser Compagnie Joseph Falbesoner erklärt sich dieser bereit, öffentlich zu beschwören, daß, wenn in der Affaire bei Klausen am 4. März 1797 der Oberlieutenant S. mit seiner Compagnie-Abtheilung sich den Franzosen nicht entgegengesetzt und diese gehalten hätte, die zufällig und vermuthlich versprengten österreichischen Soldaten von den Franzosen ganz sicher abgeschnitten und gefangen worden wären, während sie so über Gröden glücklich nach Pusterthal entkamen. Den rühmlichsten Antheil hatte auch die Compagnie und mit ihr Sterzinger, an allen Unternehmungen, die sodann im Pusterthale unter dem Commando des General-Majors Loudon vorgenommen wurden und insbesondere im Gefechte bei Spinges. [Vergleiche den biographischen Artikel dieses Lexikons: Das Mädchen von Spinges [Bd. XXXVI, S. 171]. Den Eifer, die Vaterlandsliebe und Tapferkeit der Compagnie bestätigt auch ein Schreiben des k. k. General-Majors Freiherrn von Loudon [Bd. XVI, S. 92] ddo. Trient 8. Juni 1797, welches in der unten angeführten „Tiroler Schützen-Zeitung“ abgedruckt steht. Zu Ende des Feldzuges stand der junge Schützenofficier mit der silbernen und zwei goldenen Medaillen geschmückt da. Als nun die Compagnie mit Lorbeern geschmückt nach Hause zurückgekehrt war, nahm S. an den Berathungen jener Maßregeln, die bei drohender Gefahr im Interesse der Landesvertheidigung ergriffen werden müßten, großen Antheil. – Als im Jahre 1800 die Grenzen Tirols vom Norden her bedroht wurden, da stand S. wiederum dem Feinde gegenüber, und zwar als Hauptmann der 4. Compagnie des Gerichtes Imst. Er hielt die beschwerlichen Einbruchsposten Anwerpen, in der Lechschanz und auf dem Säuling mit seinen Mannen besetzt. Daselbst war es seine Hauptaufgabe, die Stellung der feindlichen Truppen im Auge zu behalten, [316] alle ihre Bewegungen auszuspähen und darüber an die landesfürstliche und landschaftliche Schutz-Commission, die in Reutte ihren Sitz aufgeschlagen hatte, Bericht zu erstatten. Bis hart an die feindlichen Vorposten schlichen sich seine Patrouillen. Jedoch dieses Wachestehens müde und nach dem Kampfe lechzend, hatte er zu wiederholten Malen mit dem größten Theile seiner Compagnie dem Landesschützen-Major Schilcher und der landesfürstlichen und landschaftlichen Schutz-Commission sich angeboten, sich dem kaiserlichen Militär anzuschließen und auch auf nicht tirolischem Boden fürs Vaterland zu kämpfen, aber Sterzinger’s Anerbieten wurde nicht angenommen. In Folge dessen blieb Sterzinger mit seiner Compagnie mehrere Wochen über die anberaumte Dienstzeit auf seinem Beobachtungsposten, bis er von einer anderen Compagnie abgelöst wurde. In seine Heimat zurückgekehrt, widmete er seine Dienste der landesfürstlichen und landschaftlichen Defensions-Commission, die unterdessen ihren Sitz von Reutte tiefer in das Land nach Nassereit verlegt hatte. Er besorgte unentgeltlich einen großen Theil der Kanzleigeschäfte, was bei den sich häufenden Arbeiten der Commission die Erledigung der Geschäfte ungemein förderte, wobei seine rastlose Thätigkeit, das Ansehen, das er im ganzen Gerichtsbezirke genoß, und seine Localkenntniß der Commission bei allen Vorkommnissen wohl zu Statten fam. Das Kriegsjahr 1805 bot S. neue Gelegenheit, in drohender Zeit seinem Vaterlande zu dienen. Das Land war rings von Feinden umgeben und stündlich von der Invasion der französischen Truppen bedroht; in dieser kritischen Epoche, wo Jedermann von den öffentlichen Geschäften sich zurückzog, fiel bei der am 29. October 1805 abgehaltenen Gerichtsversammlung in Anbetracht der persönlichen Eigenschaften und in Anerkennung des wichtigen Standpunctes die Wahl zum Marschdeputirten in der Gemeinde Nassereit auf Sterzinger und wurde noch am nämlichen Tage gemäß Decret vom Pfleg- und Landgericht bestätigt, S. unterzog sich aus Liebe zum Vaterlande und zum Geburtsorte diesem wichtigen, beschwerlichen und gefährlichen Dienste. Kaum hatte er denselben angetreten, als auch bereits Durchmärsche auf Durchmärsche, herbeigeführt durch den Rückzug auf Ulm, begannen, und bald darauf selbst der Einbruch der Feinde erfolgte. S. besorgte nun in diesen gefährlichen Tagen seinen Dienst mit unerschütterlichem Eifer und mit aller Umsicht und stellte oft mit Lebensgefahr Ruhe und Ordnung bei den überspannten Anforderungen der übermüthigen feindlichen Truppen her. Auch ist ihm, bei dem plötzlich erfolgten Einbruche der Feinde, die Rettung der damals in Nassereit gelegenen Verpflegs-Kanzlei, der Casse und anderer wichtiger Documente zu verdanken, wobei er, da er seine Wagen, fünf seiner Pferde und seinen Knecht zur Verfügung stellte und die Fahrt bis nach Ungarn ging, und er nur den Knecht, die Pferde aber nicht wiedersah, selbst sehr empfindlichen Schaden erlitt. Dieses Amt des Marschdeputirten bekleidete Sterzinger vom obenbenannten Zeitpuncte bis Ende December 1809, folglich fiel auch der Insurrectionskrieg von Tirol in die Periode seiner Amtshandlung. Während der Insurrection mußte er für Alles Sorge tragen. Da der Verkehr des Auslandes mit Tirol ganz aufhörte, so stockte aller Verdienst in der Gemeinde, die größtentheils vom Transitohandel [317] lebte, und die Quartierträger sanken durch die häufigen Frohnfuhren, durch Geldvorstreckung und durch die unaufhörlichen Einquartierungen und Auszüge gegen den Feind des Vaterlandes, an Lebensmitteln erschöpft, in die tiefste Armut und Verlegenheit. Sterzinger unterstützte in dieser unheilvollen Periode mit Hintansetzung des persönlichen Interesses, aus eigenen Mitteln mit Getreide, Getränke, Geld und Geldeswerth, zahlte aus eigener Casse Botengänge, Lieferungen an den Metzger, machte Vorschüsse an die Vorspannleister und half nach Kräften, wo nur Hilfe nöthig war. Nur seinem thätigen Wirken und seinem ebenso muthigen als klugen Benehmen verdankte die Gemeinde die Aufrechthaltung der Ordnung, Schonung des Eigenthums und Abwendung vieler Lebensgefahren bei den auf dieser Kreuzstraße unaufhörlich vorfallenden Truppendurchmärschen von Freund und Feind. Im Laufe der genannten Jahre, da in der Zwischenzeit keine Abrechnung stattfand, erreichten die erwähnten Vorschüsse und Unterstützungen eine hohe Summe. Als endlich im Jahre 1811 der Ersatz geleistet wurde und derselbe in Bons oder Haftscheinen, also in Papiergeld erfolgte, erlitt Sterzinger nicht nur den nicht unbeträchtlichen Verlust an Zinsen, sondern auch sonst empfindlichen Schaden, da jene Bons erst nach Jahren realisirt werden konnten. Als aber das denkwürdige Kriegsjahr 1809, in welchem Tirol, eine so hervorragende Rolle spielt, über Oesterreich hereinbrach, organisirte S. in seiner Gemeinde Nassereit sofort eine Compagnie und stand im Mai 1809 mit derselben, selbst an ihrer Spitze, am Kundelberg und Vomperbach, und fand im dortigen Lager drei seiner Brüder, welche alle drei an verschiedenen Orten ihrem Berufe lebten, zwei unter Waffen, den dritten als Feldcaplan dem Feinde gegenüber. Nachdem endlich Europa der Friede wieder gegeben ward, widmete sich Sterzinger mit allem Eifer der Oekonomie und förderte nun manches Neue und Zweckentsprechende zu Tage, so daß sein Ruf als Oekonom anerkannt war. In späteren Jahren wurde ihm in Würdigung seiner vorerwähnten Verdienste ein mäßiger Jahresgehalt angewiesen. – Als das Bewegungsjahr 1848 hereingebrochen war, zählte S. bereits 73 Jahre und war nun wohl außer Stande, dem Rufe der Waffen in Person zu folgen, obwohl er, wie und wo er nur konnte, seinen Antheil an der Bewegung und den Siegen unserer Waffen bekundete. Die politischen Reformen der nun angebrochenen neuen Aera fanden an ihm einen stillen, aber nicht minder aufmerksamen Beobachter und als er die neugeschaffene Gemeindefreiheit und die Organisirung der Behörden seiner durch langjährige Erfahrung geprüften Beurtheilung unterzog, entrangen sich ihm eines schönen Tages die geflügelten Worte, welche eigentlich nur der Ausdruck der Bevölkerung waren: „wie es wohl kommen möge, daß beim Bestande der Landgerichte, obwohl wenige und schlecht besoldete Beamte gearbeitet, den Gemeinden nichts zu thun übrig blieb, nachdem aber die Anzahl und Besoldung derselben Beamten war erhöht worden, die Gemeinden nun vollauf zu thun haben“.

Tiroler Schützen-Zeitung (Innsbruck, 4°.) VI. Jahrg. (1851), Nr. 59 und 60 „Joseph Sterzinger“.