Zum Inhalt springen

BLKÖ:Siemiński, Lucian

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Nächster>>>
Sienmayer
Band: 34 (1877), ab Seite: 256. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Lucjan Siemieński in der Wikipedia
Lucjan Siemieński in Wikidata
GND-Eintrag: 120662760, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Siemiński, Lucian|34|256|}}

Siemiński, Lucian (polnischer Schriftsteller, geb. zu Kamiènna Gòra im Zollkiewer Kreise Galiziens im Jahre 1809). Sein Großvater war General, sein Vater Fahnenjunker in der polnischen Armee. Nach dem Rathe eines Freundes der Familie, des berühmten Dichters Julian Ursin Niemcewicz, sollte auch Lucian Soldat werden; aber seine schwächliche Leibesbeschaffenheit veranlaßte die Eltern, den ursprünglichen Plan aufzugeben, und da der Junge Lust und Liebe zum Lernen zeigte, wurde er auf die Schule nach Lubelsk geschickt. Als er 18 Jahre alt war, hatte er die Gymnasialclassen beendet, nun, 1827, kam er in die Ukraine nach Odessa, wo er den höheren Curs im Richelieu durchmachte, zugleich aber das Studium der orientalischen Sprachen betrieb. Zur Zeit des November-Aufstandes ergriff auch ihn der nationale Aufschwung und nun kämpfte er in den Reihen der lithauischen Legionen und gerieth in Gefangenschaft. Frei geworden, begab er sich nach Galizien, wo er aber auch in Haft genommen wurde und das Jahr 1834 in derselben zubrachte. Darauf arbeitete er in Lemberg bei Redactionen polnischer Blätter, wurde aber bald von der Behörde ausgewiesen und mußte das Land verlassen. Nun ging er nach Frankreich, in Straßburg besuchte er die Universität, hörte dort Geschichte und Literaturwissenschaft und trat in freundschaftliche Beziehungen zu verschiedenen gelehrten Männern wie: Bergmann und Cuvier; dort knüpfte er auch enge Freundschaftsbande mit Adam Mickiewicz. Im Jahre 1843 begab er sich nach Großpolen, wo er sich einige Zeit in Miloslaw im Posen’schen bei seinem Freunde, dem Grafen Severin Mielzyński, aufhielt. Dort schrieb er auch in vier Wochen sein später so berühmt gewordenes Buch, die „Abende unter den Linden“. Von Posen aus besuchte er auch öfter Berlin. Im Jahre 1846 reiste er nach Brüssel, wo er zwei Jahre zubrachte und als dann im Jahre 1848 in Galizien die allgemeine Amnestie proclamirt wurde, kehrte er sofort in seine Heimat zurück und ließ sich nun in Krakau nieder. Daselbst gab er sich nun ganz schriftstellerischen Arbeiten hin und begründete das große politische Journal „Czas“, d. i. Die Zeit, welches sich bald zu einem der bedeutendsten und einflußreichsten polnischen Blätter entwickelte, wirklich aber auch mit Geist und Gewandtheit redigirt war. Zu gleicher Zeit übertrug ihm der Senat der Krakauer Jagellonischen Universität die Lehrkanzel der polnischen Literatur; aber kaum ein halbes Jahr hatten S.’s Vorträge gedauert, als er auf obrigkeitlichen Befehl diese Stelle, auf welcher er bald ein großes Publikum um sich zu versammeln verstanden hatte, niederlegen mußte. S. lebt seither in Krakau mit schriftstellerischen Arbeiten beschäftigt, in welchen sich seine tüchtigen Kenntnisse in den verschiedensten wissenschaftlichen Disciplinen kundgeben. Die Zahl seiner Schriften ist ziemlich groß; ihre Titel sind in chronologischer Folge: „Kralodworski rękopism“, d. i. Die Königinhofer Handschrift[WS 1] (Krakau 1836); – „Piosemnik Ludow“, d. i. Volksliederbuch, 2 Hefte (Posen 1842 und 1843); – „Switezianka, fantazia“, d. i. Switezianka, eine Phantasie (Posen 1843); – „Muzamerit czyli powieści przy swietle księżyca“, d. i. Musa merit oder Erzählungen beim Mondenschein (ebd. 1843); – „Przewodmik myśliwca“, d. i. Wegweiser des Jägers [258] (ebd. 1844); – „Pamiętniki o Samuela Zborowskim“, d. i. Denkwürdigkeiten des Samuel Zborowski (ebd. 1844); – „Poezyje“, d. i. Dichtungen (ebd 1844); – „Legendy i podania Polskie i Ruskie“, d. i. Polnische und russische Legenden und Ueberlieferungen (ebd 1845); – „Wieczory pod lipą“, d. i. Abende unter den Linden (ebd. 1845 und 1847, Paris 1848, Krakau 1863), auch unter dem Titel: „Dzieje narodu polskiego“, d. i. Geschichten des polnischen Volkes (Paris 1848 und Krakau 1851, mit Stahlstichen von A. Oleszczyński), dieses volksthümlich gehaltene Buch, welches die Geschichte des polnischen Volkes mit allem Zauber ursprünglicher, dafür aber tiefergreifender Einfachheit erzählt, und das in jeder Familie, sobald die Kinder lesen können, zu finden ist, begründete den Ruhm und Ruf des Autors; – „Czytania postępowe“, d. i. aufeinanderfolgende Lesestücke (Leszno 1847); – „Mimoza powiesć sentymentalna wierszem“, d. i. Mimose, sentimentale Erzählung in Versen (Wilna 1850); – „Machiawelli i jego system polityczny“, d. i. Macchiavelli und sein politisches System (Krakau 1850), – „Żywot Kazimierza Brodzińskiego“, d. i. Lebensbeschreibung des Kasimir Brodzinski (Krakau 1851); – „Powiesci“, d. i. Erzählungen (Petersburg 1852); – „Rapsody historyczne i liryki“, d. i. historische und lyrische Rapsodien (Petersburg 1853); – „Mozajka, powieści i obrazki“, d. i. Mosaik. Erzählungen und Bilder (Krakau 1853); – „Źywot i pamiętniki hr. Stanisława Małachowskiego“, d. i. Leben und Denkwürdigkeiten des Grafen Stanislaus Malachowski (ebd. 1853); – „Wieczornice“, d. i. Abendstunden, 3 Bde. (Wilna 1854); – „Pogodanki literackie“, d. i. Literarische Unterhaltungen (ebd. 1855); – „Przegląd dziejów literatury powszechnej“ tom. I., d. i. Uebersicht der allgemeinen Literaturgeschichte (Krakau 1855), ist nur dieser erste Band herausgekommen; – „Adam Mickiewicz. Wspomnienie pozgonne“, d. i. Adam Mickiewicz, ein Nachruf (ebd. 1856); – „Kilka rysów z literatury“, d. i. Einige Zeichnungen aus der Literatur (Warschau 1858); „Przeglad wystawy starozytnosci i sztuki w Krakowie“, d. i. Ein Umblick in der Ausstellung von Alterthümern und Kunstwerken in Krakau (ebd. 1858); – „Wspomnienie o Zygmuncie Krasińskim“, d. i. Erinnerung an Sigmund Krasinski (ebd. 1859); – „Kilka rysów z literatury i spółeczeństwa ad roku 1848–1858“, d. i. Einige Zeichnungen aus der Literatur und Gesellschaft vom Jahre 1848–1858 (ebd. 1858), gleich den oben erwähnten literarischen Porträten aus den Feuilletons der Zeitschrift Czas zusammengestellt; – „Kartką z dziejów sztuki i poezyi“, ein Blatt aus der Geschichte der Kunst und Poesie (Zytomiř 1860); – „Album polskich malarzy“, d. i. Album polnischer Maler (Leipzig 1860); – „Godziny czytania dzieciom ku rozrywce“, d. i. Lesestunden zur Zerstreuung für Kinder (Zystomyř [Leipzig] 1860); – „Poezyje Michala Aniola Buonorotego“, d. i. Die Gedichte des Michael Angelo Buonoroti (Krakau und Teschen 1861); – „Ostatni rok źycia króla Stanisława Augusta“, d. i. Das letzte Lebensjahr des Königs Stanislaus August (Krakau 1862); – „Poezyje, pierwsze wydanie zbiorowe“, d. i. Dichtung, erste gesammelte Ausgabe Leipzig 1863); – „Dyplomata polski ksiąze Adam Czartoryski“, d. i. Der polnische Diplomat Adam Fürst Czartoryski [259] (Krakau 1863); – „Wspomnienie o Andrzeju Edwardzie Koźmianie“ Erinnerung an Andreas Eduard Kozmian (Lemberg 1865); – „Portrety literackie“, d. i. Literarische Conterfeis (Posen 1865), besteht aus einer Sammlung der in der Beilage zur Zeitung Czas Dodatek do Csasu erschienenen Feuilleton-Artikel; – „Wspomnienie o zycia i pismach Fr. Węzyka“ Erinnerung an das Leben und die Schriften des F. Węzik (Krakau 1865); – „Zywot Kosciuszki“, d. i. Das Leben Kosciuszkos (Krakau 1866), bildet das erste Heft der vom Verlag wohlfeiler und nützlicher Druckschriften herausgegebenen Sammlung. Es ist, wie aus vorstehender Uebersicht erhellet, eine reiche schriftstellerische Thätigkeit, welche uns in Lucian S. entgegentritt. Mit der Uebersetzung der Königinhofer-Handschrift, welche von der Kritik für ein Meisterstück erklärt wurde, begann er seine literarische Laufbahn und schon mit seinen „Abenden unter der Linde“, worin er, der erste polnische Schriftsteller, den Volkston mit unvergleichlicher Meisterschaft angeschlagen und sich in die Reihe der populärsten Schriftsteller seiner Heimat gestellt hatte, begann sein literarischer Ruf, der nun mit jedem neuen Erzeugnisse seiner Feder wuchs. Ein tüchtiger Linguist, bereicherte er seine Literatur mit gediegenen Uebersetzungen aus Homer, Horaz und selbst aus dem Persischen des Firdusi[WS 2] , welche in der Bibliotheka warszawska, einer der Revue de deux mondes nachgebildeten Monatschrift, abgedruckt erschienen. Seine literarischen Porträte sind nicht nur Erinnerungsblätter verdienter Männer, so sich durch die Feder oder sonst durch Thaten hervorgethan, es sind vielmehr treffliche Charakterköpfe, geistvoll aufgefaßt und mit dem ganzen Scharfsinn eines gründlichen Beobachters und Literaturkenners gezeichnet. Die polnische Literatur zählt S. nicht nur zu den beliebtesten Dichtern, sondern auch zu den geistvollen Literaten der Gegenwart. Ein schweres Geschick traf S. durch den Tod seines Sohnes. – Dieser, Severin, erhielt, wie es den Anschein hat, eine vorherrschend militärische Ausbildung in einer Schule zu Genua. Als zu Beginn der Sechziger-Jahre die Erhebung der Polen, dieser neue Versuch, sich die Selbständigkeit zu erkämpfen, auf allen Punkten des einstigen polnischen Gebietes ausbrach, trat der damals 19–20jährige S. gleichfalls in die Reihen der Kämpfer, in welchen er den Rang eines Capitäns bekleidete. Eines Tages, am 18. April 1863, entfernte er sich mit einigen Kameraden, darunter Edmund Grzanowski und Jacob Witkowski, aus dem Lager nach dem etwa eine halbe Stunde gelegenen Hofe Kosymin bei Mlawa im Gouvernement Plock, als sie plötzlich von Kosaken überfallen wurden. Nach verzweifelter Gegenwehr erlag S. mit seinen Gefährten unter den Lanzenstichen der Kosaken. Eine ausführliche Darstellung dieses Ueberfalls enthält das Posener Tagesblatt (Dziennik Poznański) 1863, Nr. 101.

Woycicki (K. Wl.), Historyja literatury polskiej w zarysach, d. i. Geschichte der polnischen Literatur in Umrissen (Warschau 1846, Sennewald, gr. 8°.) Bd. I, S. 193, Bd. IV, S. 335. – Nehring (Wladyslaw), Kurs literatury polskiéj, d. i. Lehrcurs der polnischen Literatur (Posen 1866, J. K. Żupański, 8°.) S. 119, 179, 279. – Rycharski (Lucyan Tomasz), Literatura polska w historyczno-krytycznym zarysie, d. i. Polnische Literatur im historisch-kritischen Grundrisse (Krakau 1868, Himmelblau, gr. 8°.) Bd. II, S. 302 und an vielen anderen Stellen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche dazu Königinhofer Handschrift (Wikipedia).
  2. Firdausi (Wikipedia).