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BLKÖ:Seiller, Johann Caspar Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 34 (1877), ab Seite: 24. (Quelle)
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Seiller, Johann Caspar Freiherr von (Bürgermeister von Wien, geb. zu Marburg 20., n. A.[WS 1] 30. October 1802). Sein Vater war Advocat in Marburg und im Elternhause erhielt S. eine sorgfältige Erziehung. Der Sohn zählte 13 Jahre, als ihm der Vater durch den Tod entrissen wurde, nun beendete er das Gymnasium in seiner Vaterstadt und bezog 1817 die Gratzer Hochschule, um an derselben den philosophischen und juridischen Studien sich zu widmen. Nachdem er die drei ersten Jahrgänge in Gratz beendet, begab er sich, um den vierten zu hören, nach Wien. Da der Vater ohne Vermögen zu hinterlassen gestorben war, mußte sich S. den Lebensunterhalt durch Unterrichtertheilen erwerben. Dieß that er denn auch in Gratz, und später, als er nach Wien sich begab, daselbst, wo er als Erzieher im Hause des Grafen Karl Leonhard Harrach eine unter allen Umständen sehr vortheilhafte Stelle fand. Im März 1826 erlangte er die juridische Doctorwürde, dann legte er die verschiedenen Richteramtsprüfungen ab und wurde im Jahre 1831 bereits Hof- und Gerichtsadvocat und Notar in Wien. Seine Umsicht und Rechtlichkeit im Geschäfte wendete ihm alsbald das Vertrauen des Publicums zu, und schon 1833 wurde er Directionsmitglied des Wiener allgemeinen Witwen- und Waisen-Pensions-Institutes und im Laufe der Jahre Mitglied fast aller (über 14) Humanitäts-Vereine der Kaiserstadt. Vom Jahre 1836–1843 war er auch als Thesaurar der juridischen Facultät und der mit derselben verbundenen Witwen- und Waisen-Versorgungsanstalt thätig; im letztgenannten Jahre zum Decan der juridischen Facultät gewählt, versah er dieses Ehrenamt durch drei Jahre. Unter solchen Verhältnissen und in der vollsten Manneskraft traf ihn die Bewegung des Jahres 1848. Da war es nun Dr. Seiller, welcher der Erste die Anregung gab, daß am 15. März ein provisorischer Bürger-Ausschuß zur Verstärkung des Wiener Magistrates berufen wurde, welcher Ausschuß aus notorisch anerkannten Männern der niederösterreichischen Landstände, der Professoren der Hochschule, des Handelsstandes, der Fabrikanten und Aerzte bestand. Zum Repräsentanten des Doctoren-Collegiums wurde neben Dr. Alexander Bach, dem nachmaligen Minister, auch Dr. Seiller berufen. Als dann der Gemeinderath in’s Leben [25] trat, wurde Dr. S. auch Mitglied desselben und übernahm bei Erneuerung des Gemeinderathes im December 1848 das Präsidium desselben. Seine Verdienste um die Leitung dieser Körperschaft in verhängnißvoller bedrängnißreicher Zeit waren solche, daß ihm mit ah. Entschließung vom 8. November 1849 das Ritterkreuz des Leopold-Ordens, von Seite der Stadt Wien im Jahre 1850 die große goldene Salvator-Medaille und von seiner Vaterstadt Marburg im nämlichen Jahre das Ehrenbürgerrecht mit einem glänzend ausgestatteten Diplom verliehen wurden. Als dann in Folge des ah, genehmigten Gemeindestatuts vom 9. März 1850 die Vertreter der Stadt Wien neu gewählt wurden, ging im Jänner des folgenden Jahres aus dieser Körperschaft Dr. Seiller als Bürgermeister hervor und wurde seine Wahl am 2. Februar 1851 ah. bestätigt. In dieser Stellung bot sich ihm Gelegenheit einerseits die Interessen der Commune wahrzunehmen und danach zu handeln, andererseits der Regierung gegenüber, wenn es sich bei Ausführung ihrer Maßregeln um die werkthätige Unterstützung der Commune handelte, dieselbe zu fördern. Hier können nur einzelne Momente angedeutet werden: so die glänzenden Ergebnisse bei wiederholten Ansprüchen an die Opferwilligkeit der Bevölkerung, namentlich bei der ungewöhnlichen Militär-Aushebung im Jahre 1854, bei der Ausschreibung des National-Anleihens, für welche überdieß die Commune allein drei Millionen gezeichnet, bei der durch die Kriegsverhältnisse des Jahres 1859 herbeigeführten außergewöhnlichen und ununterbrochenen Militär-Einquartierung und bei der aus demselben Anlasse unternommenen Errichtung dreier Bataillone von Wiener Freiwilligen, bei welchen Anlässen die Volksthümlichkeit und Beliebtheit des Vorstandes der Großcommune der Reichshauptstadt nicht unwesentlichen Antheil hatte. Unter seiner Vorstandschaft fand 1851 der Verkauf des bis dahin städtischen Criminalgebäudes an das Aerar Statt, wie durch ihn im Jahre 1855 bei Eintritt der Cholera-Epidemie rasch und energisch die wirksamsten Vorkehrungen zur Bekämpfung und Verhinderung weiterer Ausbreitung der furchtbaren Seuche getroffen wurden. Unter S. wurde die durch das provisorische Gemeindestatut vom 6. März 1850 angeordnete Verschmelzung der inneren Stadt und der Vorstädte in Einen Gemeindekörper, dann die Centralisirung des gesammten Gemeindevermögens, in Folge dessen die längst gewünschte Gleichstellung aller städtischen Abgaben in den verschiedenen Bezirken der Großcommune rasch und energisch durchgeführt. In den verschiedenen Geschäftszweigen der Verwaltung fanden mannigfaltige Verbesserungen, hauptsächlich in der Approvisionirung und theilweise im öffentlichen Sanitätswesen Statt. Nicht geringe Sorgfalt widmete S. der Armenversorgung und dem Schulwesen, insbesondere durch Reorganisirung des gesammten Volksschulwesens, Verbesserung der Lehrgehalte, Erbauung von geräumigen und zweckentsprechenden Schulgebäuden in den größeren Bezirken und Errichtung mehrerer Realschulen auf städtische Kosten. Was das öffentliche Wohl der Stadt selbst, die Steigerung ihres Comforts und alles dessen, was damit zusammenhängt, betrifft, so wurden unter S. die allgemeinen Gemeinde-Anstalten, die Beleuchtung und Pflasterung der Stadt und Vorstädte merklich vervollkommnet; die Kaiser Ferdinands-Wasserleitung wurde für einen beträchtlich größeren [26] Betrieb und entsprechende Leistungsfähigkeit erweitert und die Verbesserungen der Communicationen durch Brückenbauten, Straßenregulirung u. d. m. angebahnt. Von Besonderheiten aus der Amtsverwaltung S.’s sind noch anzuführen: der prachtvolle Ausbau der seit Jahrhunderten vergebens der Vollendung harrenden Giebel an der Südseite des St. Stephansdomes; die stattliche Quadernbrücke über die Wien vor dem Kärnthnerthore, welche, da die Kaiserbraut, Herzogin Elisabeth in Bayern, bei ihrem feierlichen Einzuge in Wien, die erste über die vollendete Brücke fuhr, den Namen Elisabethbrücke erhielt; die zweite bei der Ausmündung des Wienflusses in den Donaucanal in der Vorstadt Weißgerber; die dritte gleichfalls über die Wien, welche die Vorstädte Hundtsthurm und Gumpendorf verbindet; das neue Versorgungshaus auf dem Michelbayrischen Grunde öffnete seine wohnlichen Räume den armen Pfründnern; durch Zu- und Neubauten im (alten) Rathhause ward der Gemeinde-Verwaltung selbst Raum für ihre Geschäftsbureaux und Archive gegeben, der Sitzungssaal – einem Festsaale ähnlich – ausgeschmückt; die Eckstein’schen Grundstücke in der Brigittenau, zusammen ein Complex von 250.000 □Klaftern, wurden von der Commune erworben und dadurch die Möglichkeit geboten, die Stadt selbst mit der für den Handel Wien’s so wichtigen Donauschifffahrt in unmittelbare Verbindung zu bringen. Durch die Intervention des Finanzministers Freiherrn von Bruck wurde die Stadt in die Lage gesetzt, die Kaufsumme von 630.000 fl. CM. in einer Weise zu bezahlen, daß sie weder an ihrem Stammvermögen bedeutende Einbuße erlitt, noch durch eine erhöhte Umlage die Steuerpflichtigen Wiens belastet wurden. Diese Verdienste S.’s wurden mehrfach gewürdigt, außer den schon erwähnten Auszeichnungen erhielt S. bei Gelegenheit der Vermälung Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph das Comthurkreuz des Franz Joseph-Ordens und im Jahre 1860 „in Anerkennung seiner anläßlich der Kriegsereignisse 1859 in hervorragender Weise bethätigten Hingebung und des aufopfernden Eifers im öffentlichen Dienste“ den Freiherrnstand. Im März 1876 beging Freiherr v. Seiller sein 50jähriges Doctor-Jubiläum, bei welchem ihm von der Wiener Hochschule und anderen Corporationen die Glückwünsche dargebracht wurden. – Sein Sohn[WS 2], seit längerer Zeit bei der österr. Botschaft bedienstet, und nach der Versetzung des Freiherrn von Münch-Bellinghausen als Gesandter nach Athen zum Botschaftsrath ernannt, hat sich im Jahre 1875 mit Fräulein Vianna de Lima, Tochter des brasilianischen Gesandten am Berliner Hofe, vermält.

Ritterstands-Diplom vom Jahre 1849. – Freiherrenstands-Diplom vom 6. April 1860.
Daum (J. G.), Zur Feier der Constituirung der freien Gemeinde Wien’s. Denkblatt an die feierliche Eidesleistung des freigewählten Bürgermeisters der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien am 10. Februar 1851 u. s. w. (Sollinger’s Witwe, Wien o. J. [1851], gr. 8°.). [Mit biographischen Daten über Freiherrn von S.] – Theater-Zeitung von Adolph Bäuerle (Wien, kl. Fol.) 18%1, in einer der letzten Jänner-Nummern: „Dr. Johann Caspar Ritter von Seiller“. Biographische Skizze von Dr. W. G. Dunder. – Illustrirter Bürger-Kalender (Wien, Schweiger, 4°.) 1856, S. 133, in der „Ehrenhalle österreichischer Bürger“. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für das gebildete Publicum u. s. w. (Hildburghausen, Bibliographisches Institut, gr. 8°.) Supplementband V, S. 715 [nach diesem geb. am 30. October 1802]. – [27] Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber, kl. Fol.) XVI. Bd. (Jänner bis Juni 1851) S. 168: „Joh. Casp. Ritter v. Seiller“ [auch nach diesem geb. am 30. October 1802]. – Weiß (Karl), Geschichte der öffentlichen Anstalten, Fonde und Stiftungen für die Armenversorgung in Wien (Wien 1867, Selbstverlag des Gemeinderathes, gr. 8°.) S. 346 u. f. – Constitutionelle Vorstadt-Zeitung (Wien) 1868, Nr. 346, im Feuilleton: „Die Bürgermeister Wiens in den letzten 100 Jahren“. – Fremden-Blatt. Von Gustav Heine (Wien, 4°.) 23. März 1876, Nr. 82, in der Rubrik „Eingesendet“.
Porträte. 1) Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen in der „Illustrirten Zeitung“ Bd. XVI. S. 169. – 2) Holzschnitt von Cohn ohne Unterschrift. – 3) Holzschnitt nach Cohn mit Unterschrift: Johann Caspar, Ritter von Seiller, und nun folgen noch 4 Zeilen Titulatur. – 4) Lithographie von Eybl (Kniestück, Wien, Leykum, kl. Fol. mit der irrigen Schreibung Sailler.
Freiherrliches Wappen. Goldener Schild mit vier abgeschnittenen blauen Winkeln. Im inneren Felde ein blankes Schwert am goldenen Griffe mit einem roth unterbundenen Lictorenbündel sammt Beil in’s Schrägekreuz gestellt und durchflochten von zwei mit den Stielen über einander gelegten kreuzförmig ausgebogenen grünen Palmzweigen. In jedem Winkel ein goldener Stern. Auf dem Schilde ruht die Freiherrnkrone, auf welcher sich zwei gekrönte, zu einander gekehrte Turnierhelme erheben. Auf der Krone des rechten Helmes ist zwischen zwei zu einem offenen Kranze zusammengestellten grünen Palmzweigen ein blankes Schwert an goldenem Griffe pfahlweise aufgestellt. Auf jener zur Linken steht ein ovaler Spiegel mit goldener Einfassung und Handhabe, um welche eine grüne, in den Spiegel zurückblickende Schlange gewunden ist. Die Helmdecken sind blau, die des rechten mit Gold, jene des linken mit Silber unterlegt. Schildhalter. Auf einer unter dem Schilde sich verbreitender bronzenen Arabeske zwei einwärts aufgerichtete goldene roth bezungte Greifen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: u. A.
  2. Aloys von Seiller (Wikipedia).