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BLKÖ:Schleicher, August

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Schleicher, C.
Band: 30 (1875), ab Seite: 80. (Quelle)
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Schleicher, August (Sprachforscher und Culturhistoriker, geb. zu Meiningen am 19. Februar 1821, gest. zu Jena am 7. December 1868). S. war mehrere Jahre – über sieben – Professor an einer österreichischen – der Prager – Hochschule, leider hatte man den tüchtigen Forscher nicht zu fesseln verstanden und er nahm einen Ruf nach Deutschland an, aber in Rücksicht der mehrjährigen Wirksamkeit im Kaiserstaate gebührt ihm wohl eine Stelle in diesem Werke. Schon als Kind kam S. nach Sonneberg nächst Coburg, wo sein Vater als Kreisphysicus angestellt war. In seiner später herausgegebenen Schrift: „Volksthümliches aus Sonneberg“, hat S. dem Orte, wo er seine Jugend verlebt, ein wissenschaftliches Andenken gesetzt. Aus der häuslichen sorgfältigen Erziehung kam S. nach Coburg, wo er in den Jahren 1835–1840 das Gymnasium besuchte und ihm der dortige Director, als er des Jünglings Sprachentalent und Vorliebe für das Sprachstudium erkannte, Privatunterricht aus orientalischen Sprachen ertheilte. Nebenbei betrieb S. mit Eifer das Studium der Botanik, wie denn seine naturwissenschaftliche Neigung aus allen seinen Schriften hervorleuchtet. Im Jahre 1840 bezog S. die Hochschule in Leipzig, wo er, dem Wunsche seines Vaters Folge leistend, das Studium der Theologie begann und dasselbe in den Jahren 1841 bis 1843 in Tübingen fortsetzte. Doch mehr als dieses zog ihn das Studium der Sprachen und zunächst der semitischen, des Sanskrit, Persischen u. s. w. an. So begab er sich, um diesem letzteren obzuliegen, im Jahre 1843 nach Bonn, wo er mit großem Eifer neben den orientalischen Sprachen classische Philologie betrieb. Im Jahre 1846 erlangte er daselbst die philosophische Doctorwürde, machte das Lehramts-Examen für Gymnasien und habilitirte sich als Privatdocent aus der Sprachwissenschaft. In dieser machte er gründliche Studien in den slavischen Sprachen, und zwar zunächst im Böhmischen und Polnischen, [81] und in ersterer bald so tüchtige Fortschritte, daß er im Jahre 1849 an die Redaction der böhmischen Museums-Zeitschrift eine in čechischer Sprache verfaßte Abhandlung über den Infinitiv und das Supinum im Slavischen einschicken konnte. Im Jahre 1850 folgte S. einem Rufe als Professor der classischen Philologie an die Prager Hochschule, welches Lehramt er aber bald mit jenem der Sprachwissenschaft vertauschte, mit welchem er dann noch jenes der altdeutschen Sprache verband. In Prag vervollkommnete S. leichtbegreiflich seine Kenntniß des Čechischen, in welches er nun einige Meisterwerke der persischen Dichtung übertrug. Im Jahre 1852 unternahm S. auf Kosten der Wiener kaiserlichen Akademie der Wissenschaften eine Reise nach Lithauen, um an Ort und Stelle Studien über die Sprache jenes Landes zu machen. Eine Abhandlung über die Ergebnisse derselben veröffentlichte er auch in der böhmischen Museums-Zeitschrift. Sieben Jahre hatte S. an der Prager Hochschule gewirkt, als er den Ruf als Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft und der altdeutschen Philologie an die Jenaer Hochschule erhielt und auch annahm. Dort setzte S. seine Studien in der Sprachwissenschaft – in den Kreis der bereits durchgearbeiteten immer wieder neue einbeziehend – auf das Eifrigste fort, vornehmlich zog er in den letzten Jahren die slavischen Sprachen und ihre Vergleichung mit der lithauischen und deutschen in den Bereich seiner Studien. Aber es war ihm nicht vergönnt, seine eindringlichen Forschungen nach dieser Richtung hin zu beenden. Im Alter von erst 47 Jahren raffte den rastlosen Forscher so vorzeitig der Tod hin. S. zählt zu den hervorragendsten Sprachforschern der neueren Zeit, nur werfen ihm Kenner auf diesem Gebiete vor, daß er nicht immer genug streng kritisch bei seinen Untersuchungen vorgegangen und sich öfter von seiner etwas lebhaften Phantasie zu Folgerungen und Ansichten habe hinreißen lassen, welche vor der kalten Kritik eben nicht immer Stand halten. Unter den Čechen hatte Schleicher an Hattala einen scharfen, aber nichts weniger als unbefangenen Gegner, der in einer besonderen Broschüre gegen den deutschen Gelehrten, der den čechischen weit überragte, zu Felde zog. In seinem Fache schriftstellerisch thätig, hat S. herausgegeben: „Sprachvergleichende Untersuchungen“, 2 Bände (2. Band unter dem Titel: Linguistische Untersuchungen), 1. Band mit dem Separattitel: „Zur Sprachengeschichte“ (Bonn 1848, gr. 8°.); 2. Band mit dem Separattitel: „Die Sprachen Europa’s in systematischer Uebersicht“ (ebd. 1850, gr. 8°.); – „Die Formenlehre de kirchenslavischen Sprache, erklärend und vergleichend dargestellt“ (Bonn 1852, 8°.); – „Briefe über die Erfolge einer wissenschaftlichen Reise nach Litauen“ (Wien 1852, 8°.), zuvor in den Sitzungsberichten der phil.-hist. Cl. der kais. Akademie der Wissenschaften 1852; – „Ueber v (-ov -ev) vor den Casus-Endungen im Slavischen“ (ebd. 1852), zuvor in den Sitzungsb. der phil.-hist. Cl. d. k. Ak. d. Wiss. 1852 abgedruckt; – „Lituanica“ (Wien 1853), vorher wie die beiden vorigen in den Sitzungsberichten 1853 enthalten; – „Handbuch der litauischen Sprache. 1. Theil: Litauische Grammatik. 2. Theil: Litauisches Lesebuch und Glossar“ (Prag 1856, Tempsky, 8°.); – „Litauische Märchen, Sprichworte, Rätsel und Lieder. Gesammelt und übersetzt“ (Weimar 1857, Böhlau, gr. 8°.); – „Volksthümliches aus Sonneberg im meininger Oberlande“ [82] (ebd. 1858, Böhlau, gr. 8°.); – „Zur Morphologie der Sprache“ (St. Petersburg 1859); – „Die deutsche Sprache“ (Stuttgart und Augsburg 1862); – „Die Darwin’sche Theorie und die Sprachwissenschaft“ (Weimar 1863); – „Die Unterscheidung von verbum und nomen in der lautlichen Form“ (Leipzig 1864); – „Ueber die Bedeutung der Sprache für die Naturgeschichte des Menschen“ (Weimar 1865); – „Compendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen“ (2. Aufl. Weimar 1866), die erste Auflage erschien bereits im Jahre 1862; – „Christian Donalecti’s[WS 1] litauische Dichtungen mit Glossar“ (St. Petersburg 1865). Gemeinschaftlich mit A. Kuhn gab er heraus: „Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung auf dem Gebiete der arischen, celtischen und slavischen Sprachen“, 3 Bände (Berlin 1858–1862, 8°.). Die Titel einiger in russischer Sprache zu St. Petersburg in den Jahren 1865, 1866 und 1867 herausgegebenen Schriften konnte ich mir nicht verschaffen. Nach seinem Tode erschien seine „Laut-und Formenlehre der polabischen Sprache (Petersburg 1871, 8°.). Im „Časopis českého Muzeum“, d. i. in der böhmischen Museal-Zeitschrift, hat Schleicher veröffentlicht, im Jahrgange 1849: „O infinitive a supinum v jazyku slovanskem“ d. i. Vom Infinitiv und dem Supinum in der slavischen Sprache (Bd. III, S. 153); – im Jahrg. 1851: „Potopa. Ze sanskrtského přeložil“, d. i. Potopa. Uebersetzt aus dem Sanskrit (Bd. I, S. 117); – „Nal a Damajantí. Ze sanskrtského přeložil“, d. i. Nal und Damajanti. Uebersetzt aus dem Sanskrit (Bd. I, S. 121; Bd. II, S. 85; Bd. III, S. 62. u. Bd. IV, S. 62); – im Jahrg. 1853: „O jazyku litewskem, zvlaste ohledem na slovanský“, d. i. Ueber die lithauische Sprache, mit besonderem Hinblicke auf das Slavische (Bd. II, S. 320).

Lefmann (Sal.)[WS 2], A. Schleicher. Biographie (Leipzig 1870, 8°.). – Encyklopedija powszechna,, d. i. Allgemeine (polnische) Encyklopädie (Warschau 1865, Orgelbrand, gr. 8°.) Bd. XXIII, S. 102.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche Kristijonas Donelaitis (Wikipedia).
  2. Vorlage: Lehmann (Sal.). Korrigiert nach Salomon Lefmann (Wikipedia).