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BLKÖ:Schierer, Franz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Schier, Xystus
Band: 29 (1875), ab Seite: 282. (Quelle)
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Schierer, Franz (Vorstand des Wiener Männergesang-Vereins, geb. zu Wien im Jahre 1819, gest. ebenda am 18. Februar 1865). Sohn bürgerlicher Eltern, erhielt S. eine schlichte Erziehung und schwang sich vom einfachen Marqueurgehilfen zum Inhaber eines größeren und sehr einträglichen Kaffeehauses – auf der Wieden neben dem polytechnischen Institute – und zum Mitglieds der Gemeindevertretung empor, in welchen beiden Stellungen er in der Bürgerschaft eine hohe Achtung genoß. Während der ersten Wahlbewegung beim Beginne der neuen constitutionellen Aera im Kaiserstaate im Jahre 1861 wurde aber S. als Vertreter eines besonneneren Liberalismus, als er damals unter den liberalen Heißspornen gang und gäbe war, von der in jenen Tagen in seinem Bezirke Wieden sehr lebendigen Agitation jener Männer, welche später im Wiener Gemeinderathe die äußerste Linke bildeten, bald aber durch Motive, die keineswegs politischer Natur waren, sich zum Rückzuge aus der Oeffentlichkeit genöthigt sahen, bei Seite geschoben. Aber [283] schon das folgende Jahr brachte S. volle Genugthuung, da er neuerdings in die Gemeindevertretung gewählt wurde. Doch nicht dieses Amt ist es, das ihm eine Stelle in diesem Werke einräumt; als Vorstand des Männergesang-Vereins, dem er seit seiner Gründung angehörte, verdienter bleibende Erinnerung. Sein Mandat als Gemeindevertreter hatte S. auch vor Ablauf seiner Wahlperiode niedergelegt, um jene Zeit, welche seine Privatgeschäfte ihm übrig ließen, ausschließlich seinem Gesangvereine widmen zu können. Was die Geschichte und Bedeutung dieses Vereins im Kaiserstaate betrifft, darüber gibt Dr. August Schmidt in seinem Buche: „Der Wiener Männergesang-Verein. Geschichtliche Darstellung seines Entstehens und Wirkens ...“ (Wien 1868, 8°.) eine höchst anschauliche, quellenmäßige, chronologische Darstellung. Vom Beginn seiner Gründung 1843 bis 1845 warDr. A. Schmidt selbst der Directionsvorstand, dann folgte ihm in den Jahren 1845 bis 1849 Dr. Fr. Egger; diesem von 1849 bis 1854 Gustav Barth, an dessen Stelle für die Zeit von 1854 bis 1859 neuerdings Dr. Fr. Egger trat; aber schon in der Zwischenzeit, 1855–1856, besorgte Schierer gemeinschaftlich mit Dr. Blodig das Directionsgeschäft. Im Jahre 1859 aber übernahm Schierer dasselbe und führte es bis zu seinem im Jahre 1865 erfolgten Ableben, und eben in dieser Jahreswoche wollen die besten Mitglieder des Vereins seine Glanzperiode erkennen. August Schmidt in seinem obengenannten Werke gibt darüber S. 81–118 und 147–150 ausführliche Nachricht. Unter Schierer erschienen im ersten Vereinsconcerte am 18. December 1859 die Sänger zum ersten Male mit dem Sängerzeichen des Vereins; fand am 29. Juni und den folgenden Tagen 1861 zu Krems und Stein das erste Sängerfest in Oesterreich statt, an welchem 33 österreichische Gesangvereine, repräsentirt durch 1034 Sänger, theilnahmen; erhielt bei dem großen deutschen Gesangsfeste in Nürnberg am 23. Juli 1861 der Wiener Männergesang-Verein den Ehrenpreis, den von Bern gespendeten silbernen Pokal, welcher ihm über Antrag des Hofcapellmeisters Abt und Musikdirectors Hiller zuerkannt wurde; wurde ihm am 30. October 1861 von Sr. Majestät dem [[BLKÖ:Habsburg, Franz Joseph I.|Kaiser] die große goldene Medaille für Kunst verliehen und gestattet, dieselbe auf dem Vereinsbanner tragen zu dürfen; wurde im August 1862 der niederösterreichische Sängerbund in’s Leben gerufen, der sich Mitte November 1863 constituirte; mit Herbeck im Vereine beantragte S. am 6. Juni 1862 einen Fond zur Errichtung eines Monumentes für Schubert , welcher in noch nicht zwei Jahren die Summe von 17.000 fl. überschritten hatte; – unter S. wurde die Veranstaltung von Volksconcerten durch den Verein beschlossen und fand auch das erste am 31. Mai 1863 unter massenhafter Betheiligung des Publicums Statt; kam am 4. September 1864 in Wiener-Neustadt das erste Bundes-Sängerfest unter Theilnahme von 45 Gesangvereinen und Deputationen von noch neun anderen zu Stande. Dieß nur die Hauptmomente in Schierer’s Directionsperiode, welche jedoch immer bedeutend genug sind. Gewiß ist es, daß S. dem Vereine eine unermüdliche, aufopfernde und doch bescheiden stille Thätigkeit gewidmet. S. war ein schlichter, feingebildeter Bürgersmann und hatte, was zu betonen ist, sich diese Bildung durch eigenen Eifer, [284] der stets nach Befriedigung seines Wissensdurstes drängte, errungen. Der Verein, dem er vorstand, war übrigens gar nicht leicht zu regieren; niemals aber trat er dem mitunter sehr lebhaft erregten Gewoge demokratischer Selbstregierung, wie es in der Genossenschaft waltete, direct entgegen, hielt aber doch dabei die oberste geschäftliche Leitung fest in sicherer Hand, nirgends und in keinerlei Weise mit seiner Persönlichkeit sich vordrängend, dabei aber jeden Augenblick gerüstet, den Verein in Wort und That in stattlich würdiger Weise zu repräsentiren. Schierer verstand es, Gegensätze, die im Schooße der Verbindung sich geltend zu machen suchten, wieder harmonisch die Dissonanzen ausgleichend, zur Förderung des Ganzen zu verwerthen und mit fast diplomatischer Klugheit dem Vereine nach außen hin jene so hervorragende Stellung zu erringen und ihm den Ehrenrang zu wahren, welchen der Wiener Männergesang-Verein in der deutschen Sängerwelt sich namentlich seit seinem großen Siegeszuge nach Nürnberg errungen hat. Schierer’s Tod wurde tief empfunden und das Jahr über blieb seine Stelle unbesetzt, bis es gelang, in Dumba einen Nachfolger zu finden, der des Vorgängers würdig ist. Von makellosem Charakter und sehr freisinniger politischer Gesinnung, genoß S. allgemeine Achtung; was er aber seiner Familie war, dafür gab ein schmerzliches Zeugniß der herzzerreißende Anblick seiner Angehörigen, als man am 22. März 1865 die sterbliche Hülle des Gatten und Vaters auf Nimmerwiedersehen von dannen trug. Die Bevölkerung aber gab dem Verblichenen ein großes, ungemein traurig-feierliches Ehrengeleite.

Waldheim’s Illustrirte Blätter. Chronik der Gegenwart u. s. w. (Wien, gr. 4°.) Jahrg. 1865, Nr. 10, S. 75: „Franz Schierer und der Wiener Männergesang-Verein“. – Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik (Wien, 4°.) XI. Jahrg. (1865). S. 128. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1865, Nr. 173, in der Kleinen Chronik: „Franz Schierer“; dieselbe Nr. 175: „Schierer’s Leichenbegängniß“. – Porträte. 1) Schierer’s wohlgetroffenes Bildniß befindet sich in Waldheim’s „Illustrirten Blättern“ 1865, Nr. 10, S. 73; – 2) Unterschrift. Facsimile des Namenszuges: Schierer. Darunter: Vorstand des Wiener Männergesang-Vereins. V. Katzler (lith.) 1863. Gedr. bei Jos. Stoufs in Wien (Fol.).