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BLKÖ:Sartyni, Matthäus (Sartyni-Schreniawa)

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Sárváry, Adalbert
Band: 28 (1874), ab Seite: 259. (Quelle)
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Sartyni (Sartini), Matthäus, öfter auch Sartyni-Schreniawa (polnischer Sprachforscher und Schriftsteller, geb. zu Wolosow im Kołomeaer Kreise im Jahre 1796). Den Beinamen Schreniawa führt S., weil dessen Vorfahren im 17. Jahrhunderte in den Geschlechtsverband des polnischen Ritterstandes der Schreniawa aufgenommen wurden. S. beendete die [260] Gymnasialclassen in Stanislawow und bezog 1813 die Universität in Lemberg, wo er sich mit Vorliebe den philosophischen Studien widmete, und als in dieser Zeit seine Eltern nach Lithauen ausgewandert, sich durch Unterrichtgeben unterhielt. Im Jahre 1817 berief ihn sein Vater nach Lithauen, wo er den mathematischen und medicinischen Studien an der Universität zu Wilna oblag. Eine unglückliche Liebe trieb ihn nach Lemberg zurück und hier ergab er sich ausschließlich dem Studium der philosophischen und literarischen Wissenschaften, ertheilte auch Unterricht in denselben, in Mußestunden aber betrieb er Zeichnung und Sculptur, was ihn auch auf den Einfall brachte, sich der Bildhauerkunst zu widmen. Mit schwerer Mühe bekam er einen Reisepaß nach Wien – es war die Zeit der deutschen Burschenschaft- und der Sand’schen Umtriebe – und in Wien gestattete ihm die h. Polizeidirection nur drei Tage Aufenthalt; nach beendeten Studien Bildhauer werden wollen, erschien verdächtig. S. übernahm nun die Erziehung des jungen Grafen Arthur Sobański und bewarb sich während dieser Zeit um die Lehrkanzel der Philosophie in Wilna. Zufolge der Concursaufforderung schrieb er in polnischer Sprache eine Psychologie, worin er auf eine praktisch faßliche Art die stetige Entwickelung des Bewußtseins, der Begierden und der Empfindungen nach einer mathematischen Formel zu entwickeln versuchte, da aber die Wilnaische Universität kurz darauf wegen der Studenten-, sogenannten Philaretenumtriebe aufgehoben wurde, blieb der Concurs ohne Erfolg und das Elaborat kam nach Petersburg in die k. Bibliothek. Ohne übrigens großes Gewicht darauf zu legen, ging S. mit dem jungen Grafen und dessen Mutter, späteren Witwe Colloredo (in Nissa), nach Italien. Seiner Vorliebe für Sculptur und Kunstwissenschaft gab er Ausdruck in einem besonderen Werke, welches er aus Mangel eines entsprechenden Namens vorläufig Logik des Gefühlvermögens benannte. Denn, sowie es feste und unabänderlich begründete logische Regeln für das Denkvermögen gibt, so müsse es auch – dachte er – eben solche für das Gefühlsvermögen geben. Er stieß bei dieser Arbeit auf große Schwierigkeiten, denn es fehlten ihm noch sprachliche Namen für besondere Gefühlsregungen, welche den von ihm angenommenen sieben Grundtönen des Gefühles entsprechen sollten. Die menschliche Umgangssprache kennt blos die Ergebnisse, das Resultat der innerlich vorkommenden Regungen des Gefühlsvermögens, gleichsam das Colorit eines Gemäldes; was aber das für Farben – jene 20–30, die der Maler untermalt haben mußte, bevor das wirkliche Colorit des Gesichtes zum Vorscheine kam – sein mußten, das weiß der Uneingeweihte nicht, er ahnt es blos. Es lag ihm also ob, jene feinen, tiefliegenden Fäden aufzusuchen und sie in gesonderte Sprachbegriffe aufzufassen, wonach erst die Regeln abstrahirt und begründet werden konnten. Was noch die Ergründung erschwerte, war die Mannigfaltigkeit und die Vielheit, da Gefühle und Empfindungen jedes Wachwerden des Bewußtseins, jede Regung der Begierden nicht nur begleiten, sondern auch ihnen vorangehen und ihnen nachfolgen, ja, je nach Umständen eine andere Farbe annehmen. An 700 neue Begriffe mußten erfaßt und dafür sprachliche Namen geschaffen werden. S. begann das Werk in französischer Sprache, in der Meinung, sie enthalte die feinsten Gefühlsbestimmungen, [261] kam aber bald davon ab, als er inne wurde, daß sich blos im Slavischen die größte Fülle von Gefühlsausdrücken vorfand. Das Werk wurde nicht gedruckt, nur einzelne einleitende Aufsätze waren in verschiedenen periodischen Schriften in den Dreißiger-Jahren erschienen, als: „Plastyka“, über die Bedeutung und Umfang der plastischen Wissenschaften in dem von den Prof. Mauß und Hüttner[WS 1] redigirten „Pielgrzym lwowski“, d. i. Lemberger Pilger: – „Zywie“, über den Standpunct der Begierden, der Empfindungen und des Bewußtseins, in der von Eugen Bradski redigirten „Psczólka“, d. i. Bienchen; – „Motyl w meterapsychozie“, über Umwandlung der Menschheit, in dem von Lach Szyrma redigirten „Pamiętnik Warszawski“. Dieß Alles und mehreres Andere blieb unbeachtet. Durch die erwähnten und andere Arbeiten kam er in freundschaftliche Berührung mit dem Fürsten Adam Czartoryski. Nach seiner Rückkehr aus Italien trat S. als Erzieher im Hause des Herrn Uruski ein. Nun begann er archäologische Studien, zunächst über Asien, die er in einem Werke, betitelt: „Azya starożytna“, zusammenfaßte, welches jedoch unvollendet und auch in seinem Fragmente ungedruckt blieb. Im Jahre 1827 erhielt S. eine Anstellung im Finanzministerium in Warschau. In Berührung mit den damaligen Machthabern der polnischen Literatur, schrieb er mehrere geschichtliche Aufsätze, unter anderen in französischer Sprache: „Beantwortung der 24 Fragen aus der Geschichte von Polen, welche H. Salvandi an den Fürsten Adam Czartoryski gerichtet hatte“, die Abhandlung ging an H. Salvandi ab; – „Zamek Jazłowiecki“, geschichtliche Darstellung der Ansiedelung der Armenier in Lemberg und Untergang des Hauses Jazłowiecki; – „Wieczernice“, Legenden mit Musik aus dem galizischen Volksleben, im Zusammenhänge mit der Geschichte Kleinrußlands und Galiziens; – „Analyse des Rukopis Kralodworski“; – Erörterung philosophischer und musikalischer Artikel für die Encyklopädie, welche Walerian Krasiński nach Art der Diderot’schen herausgab, und noch vieles Andere, wovon Mehreres dann später in französischer Uebersetzung von Leonard Chodźko in Paris in seinem Werke: „Beautés de l’histoire de Pologne“, ohne Angabe des Autors herausgegeben hatte. Auch an der Erhebung Polens 1830/31 nahm S. Theil; er stand im 7. Jäger-Regimente den Russen gegenüber, wurde gefangen und rettete sich glücklich durch die Flucht. Nun begab er sich nach Wien in Geschäften des Grafen Franz Potocki, den Verkauf seiner Herrschaft Brody zu vermitteln. Um diese Zeit schrieb er, von seinem Freunde Szczepański, welcher Lehrer der polnischen Sprache in der technischen Schule zu Lemberg war, angeregt: „Grundzüge der polnischen Sprache“, Sartyni’s bekanntestes Werk; eine eigenthümliche Arbeit, dessen Analyse hier in Kürze folgt. S. ging von der Ansicht aus, daß der Pole unter seinem ABC etwas Anderes, als. der Deutsche oder Lateiner unter dem seinigen. denken müsse, denn sonst würden sie sich verstehen. Es kam also vorerst darauf an, die sprachliche Bedeutung und den Begriff jedes polnischen Lautes zu bestimmen, und zwar sowohl in seiner einfachen als geschmolzenen Stimmung zu ermitteln, wie auch die Verwendung der Selbst- und Mitlaute zu erforschen. Es erwies sich sonach, daß Mitlaute allezeit die Thätigkeit, die Aeußerungsfähigkeit, [262] die Zustandsregung, hingegen die Selbstlaute den Bestand oder Selbststand des Wesens bezeichnen. In Verfolg dessen fand er, daß der polnische Sprachgeist das Subjective von dem Objectiven, d. i. das zuständliche innere Leben, von dem gegenständlichen, wandelnden überaus streng unterscheidet, und demzufolge werden z. B. überall, wo sich der Sinn der Rede auf das Zuständliche, Innere, Subjective bezieht, geschmolzene Laute angewendet; hingegen, wo der Sinn der Rede das Außenleben, das Unbedingte, das Objective betrifft, da kommen einfache, ungeschmolzene Laute in Anwendung. Bei Anwendung dieser Grundsätze mußten natürlicher Weise alle grammatikalischen Formen einen anderen Sinn und eine andere Richtschnur zur Beurtheilung ihrer Regeln erhalten, und auch die meisten, aus fremden Sprachen in die polnische Grammatik eingeschwärzten Normen aufgegeben werden. Auch war es nothwendig, die Wahrheit dieser Grundsätze praktisch nach allen sprachlichen Lebensverhältnissen des Polen zu erhärten. Es mußten alle socialen, religiösen und politischen Verhältnisse in ihrer Genesis erfaßt, in die Form einer grammatikalischen Abhandlung eingezwängt und nach jenen Principien beleuchtet und erwiesen werden. Das Werk ist in den Jahren 1842 und 1843 in zwei Bänden erschienen. Es war in deutscher Sprache verfaßt, um vor dem Forum der deutschen Forscher geprüft zu werden; aber der Deutsche mochte es nicht lesen, weil es über Polen handelte, der Pole nicht, weil es deutsch war. S. verfaßte nun einen gedrängten synthetischen Auszug in polnischer Sprache und gab diesen in zwei Heften unter dem Titel: „Nauka języka polskiego“ (Lemberg 1844–1845, Piller, 8°.) heraus, welche gleichfalls unbeachtet blieben, sowie seine deutsche Abhandlung: „Wie der polnische Sprachgeist die Urgeschichte des slavischen Volkes auffaßt“, welche im Jahre 1851 in einer besonderen Broschüre erschien. So kam das Jahr 1848 heran, in welchem S. die Redaction der „Gazata lwowska“ trotz der Verwünschungen seiner Landsleute übernahm. Alle Schriftsteller versagten ihre Mitwirkung, und da in Kürze die Revolution ausbrach, so verließen bald darauf der Redacteur des belletristischen Beiblattes, der Administrator, der Redacteur der deutschen Zeitung, ja sogar der Cassier das mit einer Schuldenlast von 17.000 fl. C. M. von Graf Stadion gegründete Redactionsinstitut. Dabei war die Anzahl der Abonnenten von 2000 auf 300 und etliche wegen der regierungsfreundlichen Tendenz des Blattes herabgesunken. Mit Hilfe einiger Studenten und ohne irgend eine Subvention der Regierung erschien das Blatt statt dreimal die Woche nun täglich, das belletristische Beiblatt wurde fortgesetzt, nebstdem ein neues Wochenblatt: „Dodatek tygodniowy“, welches die Ergebnisse der österreichischen Staatsverwaltung in Galizien gegenüber denen unter der vormaligen Polenherrschaft behandelte, gegründet, und obwohl die Abonnentenzahl nie über 400 gewachsen, so wurden doch binnen 14 Jahren die Zinsen abgetragen, die Schuldenlast getilgt, die Gehalte regelmäßig ausgezahlt und die Druckkosten vollkommen beglichen, ja noch ein Reservefond von über 6000 fl. zurückgelegt. Das Alles war aber nur möglich geworden, da S. die ganze Redaction unentgeltlich besorgte, selbst alle Artikel ausarbeitete und nie ein Honorar dafür in Anspruch nahm, selbst die Administration und das Geschäftsbuch führte und in allem die strengste [263] Sparsamkeit beobachtete. Im April 1862, nach vierzehnjähriger Thätigkeit, trat S. von der Redaction zurück, welche nach ihm Adolph von Rudyński übernahm. Die bibliographischen Titel der Schriften Sartyni’s sind: „Wortforschungslehre der polnischen Sprache“, 2 Theile (Lemberg 1843, 8°.); – „Nauka jęzika polskiego z zasad Szreniawy“, d. i. Lehre von der polnischen Sprache nach den Grundzügen Szreniawa’s, 2 Hefte (ebd. 1844 und 1845, 8°.), wie schon bemerkt, nur ein Auszug aus der Wortforschungslehre; – „Wie der polnische Sprachgeist die Urgeschichte der slavischen Volksstämme aufgefasst“ (Lemberg 1850, 8°.); – „Wypisy dla użytku klass niższych to cesarsko królewskich szkolach gimnazyjalnych“, d. i. Auszüge zum Gebrauche der unteren Classen an den k. k. Gymnasialschulen, 3 Bände (ebd. 1853, 8°.), an dieser trefflichen polnischen Chrestomathie betheiligten sich neben Sartyni noch Bielowski, Starzyński, Łazowski und Stroński. Mit der „Gazeta lwowska“ zugleich redigirte S. als Beiblätter derselben von 1854 bis 1859 die „Rozmaitości“, d. i. Miscellen, und von 1851 bis 1861 den „Dodak tygodniowy do Gajety lwowskiej“, d. i. Wochenbeilage zur Lemberger Zeitung. welche eine Fülle beachtenswerther Mittheilungen zur Geschichte, Statistik, Geo- und Topographie Galiziens enthält. Daß ihm unter der eben geschilderten journalistischen Thätigkeit, die ihn ganz in Anspruch nahm, nicht Zeit zu anderen Arbeiten blieb, begreift sich leicht, und so hatte er denn in den letzten Jahren nur mehr die „Głosy polskie“ und „Słowa polskie“, zwei ergänzende Bestandtheile für die polnische Grammatik, herausgegeben. Nachdem S. sein Redactionsgeschäft niedergelegt, fand er im Hause des Grafen Gołuchowski ein Unterkommen. Ob S. noch am Leben, weiß Herausgeber dieses Lexikons nicht. Die Zeitungen haben seinen Tod nicht gemeldet. Er müßte jetzt 76 Jahre alt sein.

Oesterreichische Blätter für Literatur und Kunst. Herausgegeben von Dr. Ad. Schmidl (Wien, Sommer, 8°.) II. Jahrg. (1845), Nr. 87, S. 680. – Wiener Zeitung 1862, Tagesbericht, Nr. 154.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hübner.