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BLKÖ:Sagan, Katharina Wilhelmine Friederike Benigne Herzogin von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Sagar, Johann
Band: 28 (1874), ab Seite: 65. (Quelle)
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Sagan, Katharina Wilhelmine Friederike Benigne Herzogin von (Prinzessin von Kurland, geb. 8. Februar 1781, gest. zu Wien 29. November 1839). Die älteste Tochter Peter’s, letzten Herzogs von Kurland, und Anna Dorothea’s geb. Gräfin Medem. Die Schicksale dieser interessanten und ob ihrer Schönheit vielgepriesenen Fürstin spielen sich zum großen Theile auf österreichischem Boden ab, daher ihr in diesem Werke eine Stelle gebührt. Schon lange vorher, ehe Kurland, bald nach dem Targowitzer Frieden, mit welchem Polens republikanisches Königthum fiel, sich dem russischen Scepter unterwerfen mußte (1795), nämlich bereits um 1785, hatte Herzog Peter, Katharinens Vater, mehrere große Herrschaften in Böhmen, Schlesien, darunter auch Sagan, nach welcher Prinzessin Katharina den Namen führte, angekauft. Katharina war die älteste Tochter aus der dritten Ehe des Herzogs Peter, und als dieser im Jahre 1800 auf seinem Gute Gollenau in Schlesien starb, 18 Jahre alt. Mit seltenen Talenten von Natur aus ausgestattet, erhielt sie ihre geistige Ausbildung von der Tochter des berühmten Weltumseglers Forster. Schon ihre erste Liebe war in Folge ihres Stolzes an das Loos der Entsagung gebunden, denn, als sie vernahm, daß der Gegenstand ihrer Neigung ihre Einwilligung zur Heirath als eine sich von selbst verstehende Sache betrachte, bäumte sich ihr weiblicher Stolz dagegen, und wie sehr sie den Fürsten liebte, lehnte sie – da es sich nicht von selbst verstand – seinen Antrag ab. Nach dem Tode ihres Vaters erbte sie als älteste Tochter das Herzogthum Sagan und mehrere andere Herrschaften, und reichte dann dem Prinzen Julius Ludwig Rohan-Guémenée ihre Hand, mochte jedoch nicht das gehoffte Eheglück gefunden haben, [66] da schon nach wenigen Jahren die gemischte Ehe – die Prinzessin war protestantisch, der Prinz katholisch – wieder gelöst wurde. Bald darauf schloß sie aus Neigung den Ehebund mit Wassilej Fürsten Trubetzkoi, einem Anverwandten des kaiserlichen Hauses Romanow, löste aber, als ihr der Zwang und die rauhe Härte ihres russischen Gemals unerträglich wurde, in kurzer Zeit auch dieses Band und stand in ihrem 25. Lebensjahre als zweimal geschiedene Frau da. Nach einer langen Pause, im Jahre 1819, damals im Alter von 39 Jahren stehend, entschloß sie sich zu einer dritten Heirath mit dem Grafen Schulenburg, der ihr schon seit längerer Zeit Beweise treuer Ergebenheit gegeben. Auch diese Ehe blieb kinderlos, aber nicht ohne Einfluß auf ihre ökonomischen Verhältnisse, die ohne männliche Oberaufsicht im Laufe der Jahre ziemlich verwickelt geworden waren. Der Graf, eine geregelte Verwaltung der großen Herrschaften und Gütercomplexe einführend, brachte Ordnung in die wirthschaftliche Verwaltung. So führte die Herzogin eine friedliche Ehe, als sie mit einem Male – die eigentlichen Motive sind nie bekannt geworden – in sich den Drang fühlte, den Glauben zu wechseln und zur katholischen Kirche zu übertreten. In den Jahren 1828/1829 bewirkte sie diesen Uebertritt, nachdem sie ein Jahrzehend mit dem Grafen in ungetrübter Ehe gelebt. Durch diesen Uebertritt, da sie nunmehr Katholikin, der Graf aber Protestant war, ward auch diese dritte Ehe gelöst und jene mit ihrem ersten Gemale, dem Prinzen Rohan, der auch Katholik, als allein giltig und unauflöslich angesehen. Man wollte in ihrer ländlichen Isolirung, in ihrem Hange nach Einsamkeit, der in ihrem religiösen Denken allmälig ein gewisses Unbefriedigtsein erzeugte, wofür namentlich bei Frauen der kalte Protestantismus wenig, hingegen der phantasiereiche, mit Kunst und Poesie innig verbundene Katholicismus manchen Ersatz bietet, die Hauptursache dieses Glaubenswechsels finden. Jedoch hatte dieselbe auf ihre bisherige Lebensweise weiter keinen Einfluß, sie blieb mit dem Grafen Schulenburg im herzlichsten Freundesverkehre, wie sie auch mit ihren übrigen näheren Bekannten aus früherer Zeit in steter Verbindung und wie bisher eine treue Stütze, ja Mutter der Armen, wessen Glaubens dieselben sein mochten, verblieb. Für das Herz der edlen Fürstin spricht folgende Thatsache. Ihre berühmte Mutter Anna Charlotte Dorothea Herzogin von Kurland bezog als Haupteinnahme ein Jahrgehalt von Rußland, welches mit ihrem Tode erlosch. Ihre übrigen Einkünfte waren unbedeutend. Sie verlebte den Sommer gewöhnlich auf ihrem lieblichen Landsitze zu Löbichau bei Altenburg, wo sie dann einen Kreis edler und geistvoller Menschen um sich zu versammeln pflegte, dessen idealisches Leben Jean Paul in seinen Schriften verewigt hat. Als im Spätsommer 1821 die Herzogin von Sagan noch immer bei ihrer bereits sehr leidend aus Paris heimgekehrten Mutter verweilte, geschah es, daß während der Anwesenheit der Tochter die Mutter am 20. August von einem Nervenschlage getödtet wurde. Die Lage der zahlreichen, von dem Tode der Fürstin tief erschütterten Dienerschaft war eine trostlose, denn mit den geringen Einkünften, welche nach Wegfall der russischen Pension verblieben, war kaum der geringste Theil zu decken, und doch waren es lauter langjährige, strengbewährte Diener, denen kaum eine [67] neue Lebenslaufbahn offen stand. Da erklärte sich die Herzogin von Sagan sofort bereit – und ihrer Erklärung schlossen sich dann auch die jüngeren Schwestern an – die Sorge für die zahlreiche Dienerschaft der Verstorbenen und für die Fortdauer der vielen, von ihr gewährten Pensionen aus eigenen Mitteln zu übernehmen, welchen Vorsatz sie auch getreulich ausführte. Schon in früheren Jahren, als sie gewahr wurde, daß ihrer Ehe der Kindersegen versagt blieb, nahm sie drei kleine Mädchen in ihr Haus auf, für deren Erziehung sie ungeachtet ihrer gesellschaftlichen Stellung, welche in jenen Tagen sie noch sehr stark in Anspruch nahm, in mütterlicher Liebe sorglichst bedacht war und dieselbe persönlich überwachte. Ueber den Hochsinn ihres Charakters herrscht eine Stimme, und denselben im patriotischen Sinne glänzend zu bewähren, bot sich ihr zur Zeit der Befreiungskriege Gelegenheit vollauf, als es galt, Deutschland vom Franzosenjoche zu befreien. Was in ihren Kräften stand, that sie, um die einflußreichsten Männer für den Befreiungskrieg zu stimmen, und als dieser begonnen hatte, schaffte sich ihre Thatkraft einen anderen Wirkungskreis, indem sie u. a. in Prag auf eigene Kosten ein Spital zur Verpflegung verwundeter Krieger errichtete und unterhielt. Das schöne, von Wallenstein erbaute Schloß zu Sagan war ihr zu abgelegen, zu einsam, um dauernd dort zu weilen; mehr gefiel es ihr in Wien, und als ein Glanzpunct ihres Lebens tritt namentlich die Zeit des Congresses hervor, wo die Salons der Herzogin von Sagan ohne Zweifel zu den schönsten, reizendsten und interessantesten Versammlungsorten nicht allein der vornehmsten und höchsten, sondern auch der bedeutendsten Menschen gehörten, die damals das Schicksal in Wien vereinigte. Von einer Schönheit, wie ihr Nekrologist schreibt, die keiner Toilette als Relief bedurfte, vielmehr jedes Costume vortheilhaft erscheinen ließ; von einem Geschmacke, dessen reine Natürlichkeit und höchste Veredlung zugleich, sowohl in ihrer eigenen Erscheinung, als in allen ihren nächsten Umgebungen stets sich offenbarte; von einem Verstande, der auch die verwickeltsten Verhältnisse mit seltener Schärfe und augenblicklich zu durchschauen vermochte; von einem Gedächtnisse, in welchem ihr die Resultate der sorgsamsten Erziehung, der gehaltvollsten Bildung und der reichsten Erfahrung jeder Zeit bereit und gleichsam zur Hand lagen – und mit der seltenen Gabe, ihre Gedanken in drei lebenden Sprachen fließend und selbst schön auszudrücken – war sie wie Wenige geeignet, einen solchen Kreis, wenn sie wollte, heranzuziehen und zu fesseln. In der Gegend, wo sie wohnte oder ihren jeweiligen Wohnsitz aufschlug, war sie eine wahre, aber immer ungesehene Wohlthäterin und hilfreiche Stütze der Armen und Unglücklichen. Ihr plötzlicher Tod – sie starb, 60 Jahre alt, von ihren Gütern aus Böhmen kommend und eben im Begriffe, in Wien ihre Winterwohnung neu einzurichten, an einem Schlaganfalle – erweckte nah und fern in allen Kreisen, welche sie kannten und verehrten, die tiefste Theilnahme. Ihr großes Vermögen fiel auf Grund testamentischer Verfügung ihrer nächstälteren Schwester Pauline (geb. am 19. Februar 1782), vermält (seit 1838) mit Friedrich Hermann Otto von Hohenzollern-Hechingen, zu. Fürstin Pauline starb gleichfalls zu Wien im Jahre 1844. – Die beiden anderen Schwestern der Herzogin von Sagan [68] sind Johanna und Dorothea. Johanna (geb. am 24. Juni 1783) war (seit 1801) mit Franz Fürsten Pignatelli de Belmonti, Herzog von Accerenza, vermält und hatte von ihrer Mutter das altenburgische Gut Löbichau geerbt. Dorothea (geb. am 21. August 1793) war die erste Gemalin des Herzogs Alexander Edmund von Talleyrand Perigord und starb im Alter von 69 Jahren am 13., n. A. am 19. September 1862. Ueber das Leben der Mutter dieser vier Töchter, über die ihrer Zeit viel und mit Recht gepriesene Herzogin von Kurland schrieb Tiedge sein anziehendes Buch: „Anna Charlotte Dorothea, letzte Herzogin von Kurland“ (Leipzig 1823) und gibt darin ein anschauliches Gemälde des höheren Gesellschaftslebens gegen Ende des vorigen und Anfang des laufenden Jahrhunderts. – Schließlich sei noch bemerkt, daß die Herzogin Katharina nicht mit ihrer jüngsten Schwester Dorothea, die später auch als Herzogin von Sagan erscheint, zu verwechseln ist. Die Keil’sche „Gartenlaube“ gibt im Jahrgange 1871, S. 556, eine anziehende Charakteristik dieser letzteren mit ihrem Bildnisse, wie dasselbe Blatt im Jahre 1859 eine Biographie der berühmten Mutter, der Herzogin von Kurland, brachte.

Neuer Nekrolog der Deutschen (Ilmenau, B. Fr. Voigt, 8°.) XVII. Jahrgang (1839), Bd. II, S. 926, Nr. 321.