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BLKÖ:Romanin, Samuel

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 26 (1874), ab Seite: 318. (Quelle)
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Romanin, Samuel (Geschichtschreiber, geb. zu Triest im Jahre 1808, gest. zu Venedig 9. September 1861). Sohn mittelloser israelitischer Eltern, die er, als er 12 Jahre alt, verlor. Er hatte eine gute Vorbildung erhalten und übersiedelte nun mit drei jüngeren Geschwistern nach Venedig, wo er in jenem Alter, in dem Andere noch fremder Fürsorge bedürfen, ihr väterlicher Führer wurde. Mit eisernem Fleiße vom frühen Morgen bis zum späten Abend thätig, erwarb er die Mittel zum Lebensunterhalte für sich und seine [319] Geschwister wie zur Erziehung derselben. Er gab Unterricht in der deutschen und französischen Sprache in israelitischen Familien und betrieb selbst mit großem Eifer das Studium der modernen Sprachen. Den darin erlangten Kenntnissen verdankte er im Jahre 1835 die Anstellung als beeideter Dolmetsch für die deutsche Sprache bei dem k. k. Civilgerichte in Venedig und das Amt eines Bibliothekars am wissenschaftlichen Verein Ateneo ebenda, welch letzteres er viele Jahre hindurch versah, bis anderweitige große Beschäftigung ihn nöthigte, es niederzulegen. Im Uebrigen war R. seit dem Jahre 1828 literarisch thätig und die Vollendung seines Hauptwerkes, der Geschichte Venedigs, die fast bis zu Ende gediehen war, vereitelte sein unerwarteter Tod, der ihn im Alter von 53 Jahren dahingerafft. Die von ihm herausgegebenen Schriften sind: eine Uebersetzung der Geschichte des osmanischen Reichs von Hammer: „Storia dell’ Impero Osmano“ (Venedig 1828, 8°.); – von desselben Geschichte der Macht und des Verfalles der Assassinen: „Storia dell’ origine, della potenza e della cadutta degli Assassina“ (ebd., 8°.); – eine Uebersetzung in Prosa der „Tunisias“ von Ladislaus Pyrker: „Tunisiade“ wovon eine metrische Malipiero besorgt hatte; – „Storia de’ popoli europei dalla decadenza dell’ Impero romano“, 3 Bände (Venedig 1842 bis 1844, 8°.), die erste selbstständige Arbeit R.’s, die ohne gelehrte Forschung im populären, zunächst für das weibliche Geschlecht bestimmten Vortrage die Befähigung für das Hauptwerk, das seinen schriftstellerischen Ruf als Geschichtsforscher begründete, bekundete. Im Jahre 1847, bei Gelegenheit des in Venedig versammelten Gelehrten-Congresses, faßte Romanin den Entschluß, die Geschichte der Republik Venedig zu schreiben, für die er, ohne eben in Absicht auf ein großes Werk, längst Vorarbeiten gemacht hatte. Die Regierung der neuen Republik, welche bald darauf in’s Leben trat, hatte ihn mit öffentlichen Vorträgen über diese Geschichte beauftragt und ihm zugleich freiere Benützung des großen Archivs, als bisher der Fall war, gewährt. Romanin ging sofort an diese wichtige Arbeit, welche fortan seine Lebensaufgabe bildete und im Jahre 1853 erschien die erste Lieferung der „Storia documentata di Venezia“ (Venezia, 8°.), deren 9. Band bei seinem Tode fertig gedruckt, bis zum Jahre 1796 reicht und deren Schluß bis zum Januar 1798 mit den Urkunden und Registern in seinem Nachlasse vorgefunden wurde. Romanin’s Schwager, A. Dalmedico, der sich durch die Herausgabe der „Canti del popolo veneziano“ (2da ediz. Venezia 1857) und der „Proverbi veneziani“ (ibid. 1857, 8°.) in vortheilhafter Weise in der Literatur eingeführt hatte, sollte die Redaction, Ueberwachung und Herausgabe des Nachlasses übernehmen. Romanin’s Geschichte fand in der gelehrten Welt die beifälligste Aufnahme, und dieß um so mehr, als alle bisherigen Arbeiten über diesen Gegenstand in keinerlei Weise weder ihrer Tendenz noch Ausführung nach entsprechen. Cappeletti’s „Storia della Repubblica di Venezia“ enthält in 13 höchst ungleichartig gearbeiteten Bänden eine Masse Detail formlos aufgeschichtet, unfertig in Bearbeitung und ohne alle Kritik. Nicht weniger unzulänglich und den Stoff weder in Tendenz noch in Forschung einigermaßen bewältigend sind die Arbeiten der Nichtitaliener Amelot de la Houssaie, [320] Daru, Laugier, Lebret, Hazlitt u. A. Andererseits hingegen ist für die Specialgeschichte gewisser Zeiträume, bestimmter Epochen und einzelner Persönlichkeiten, dann in der Memoirenliteratur und in zahllosen, per le nozze gelieferten kleinen Schriften von G. Berchet, Barozzi, Cornet, C. Foucard, Cicogna, Vinc. Lazzari, S. Velludo u. A. großartiges und sehr werthvolles Material beigesteuert worden. Namentlich lieferten ferner E. Cicogna in dem umfassenden Werke: „Delle iscrizioni veneziane“, Graf L. Lunzi in seiner Darstellung der politischen Verhältnisse der sieben Inseln unter der Herrschaft der Republik, Tommaseo’s Relationen venetianischer Botschafter, die Alberi’sche Sammlung der italienischen Gesandtschaftsberichte, Rawdon Brown’s Darstellung der diplomatischen Beziehungen Venedigs zu England, jene Cornet’s zum Orient und die wenngleich unzulänglichen Arbeiten Mutinelli’s, wie dessen anekdotenmäßige „Historia arcana“ und ebenso parteiischen als unkritischen „Memorie storiche sugli ultimi 50 anni della Repubblica“, denen entgegen dann Girolamo Dandolo seine zweibändige „La caduta della Repubblica della Venezia“ erscheinen ließ, ein massenhaftes, bereits gedrucktes Material. Aber ein noch größeres lag in den Archiven angehäuft, das nur der kundigen und sichtenden Hand gewärtig war, und diese hatte sich auch in Romanin gefunden. Romanin’s Geschichte Venedigs ist die erste vollständige, wie aus einem Guße gearbeitete, durchgehends auf urkundliche Forschung begründete ausführliche Geschichte der Stadt und des Staats Venedig. „Gewissenhaft, ernst, würdig in der Haltung; mit lebendigem Gefühle für die Vorzüge und Tugenden eines Gemeinwesens und einer Verfassung, welche so Großes und Dauerndes erreichten, ohne parteiische Vorliebe noch Bestreben alle Fehler zu beschönigen; mit Vorwalten des politischen, aber gehöriger Berücksichtigung des literar-wissenschaftlichen Elements; mit sorgfältigster Benützung der Urkunden, gedruckter wie ungedruckter, so in Bezug auf auswärtige Verhältnisse, auf Handel und Verkehr, auf die überseeischen Besitzungen und Anstalten, wie auf die innere Verwaltung. Klare, einfache, ruhige Darstellung, leidenschaftslose Erörterung der Thatsachen sind die Hauptvorzüge der Romanin’schen Arbeit“, so charakterisirt ein gewiegter Fachmann (Reumont oder Gregorovius) die Geschichte Romanin’s von Venedig. Kleinere Arbeiten veröffentlichte R. in den Schriften des „Ateneo Veneto“ dessen Bibliothekar und Mitglied er war. Auch sollen eine anonym erschienene Geschichte der Feldzüge des Erzherzogs Karl und noch mehrere andere Uebersetzungen, wohl Arbeiten um des lieben Broterwerbs willen, aus seiner Feder stammen. Doch gelang es meinen Nachforschungen nicht, bestimmtere Angaben zu erhalten. Sein Tod erweckte in Gelehrtenkreisen gerechte Theilnahme, und sprachen Männer wie Thiers, Amadée Thierry der zurückgebliebenen Witwe in Beileidsschreiben ihre Theilnahme über den schmerzlichen Verlust [der Corriere israelitico theilt dieselben 1862, S. 90, mit] aus. Auf seinem einfachen Grabsteine stehen unter einem Namen und Sterbedatum nur die drei Worte: Nacque studiò mori, sie umfassen in epigraphischer Kürze einen reichen Lebensinhalt.

Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1861, Nr. 331, in der Beilage: Nekrolog. [321]Wiener Zeitung 1860, Nr. 95, S. 1640: „Samuel Romanin und die neuere und neueste Geschichtschreibung über Venedig“; – dieselbe 1861, Nr. 222, S. 3449: Nekrolog. – Carmel. Allgemeine illustrirte Judenzeitung (Pesth, 4°.) 1861, Nr. 44, S. 351. – Jahrbuch für Israeliten 5623 (1862 auf 1863), herausg. von Joseph Wertheimer und Dr. Leop. Kompert (Wien, Sommerr, 8°.) S. 156. – Asson (Michelangelo), Elogio di Samuele Romanin (Venezia, 8°.) [gelesen im Ateneo zu Venedig am 8. December 1861]. – Gazzetta uffiziale di Venezia 1861, No. 209 im Appendice: Nekrolog von Dr. Asson. – Il Corrierre israelitico (Trieste, gr. 8°.) 1862, p. 99 [mit der irrigen Angabe, daß er am 6. statt 9. September 186t gestorben].