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BLKÖ:Patikárus, Ferkó

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Patiß, Georg
Band: 21 (1870), ab Seite: 348. (Quelle)
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Patikárus, Ferkó (Zigeuner-Geiger, geboren in Ungarn). Zeitgenoß. Eigentlich sind es vier Brüder: Károly, Imre, János und Ferkó, von denen jedoch der letztgenannte der bedeutendste ist. Der berühmte Rózsavölgyi, einer der eifrigsten Förderer und Veredler der ungarischen Nationalmusik, brachte um das Jahr 1845 die vier Brüder Patikárus von Duna-Földvár nach Pesth, studirte denselben als ihr Director die schönsten ungarischen Melodien ein und seit dieser Zeit weilt die Gesellschaft der Brüder Patikárus in Pesth, spielt in Gast- und Kaffeehäusern, auf Bällen, zuweilen auch auf der Bühne und bei Hochzeiten, was man aber von ihr zu hören bekommt, ist die reinste ungarische Musik. Károly Patikarus ist einer der besten Violinisten und besonders ausgezeichnet im Vortrage des Csárdás; Imre ist virtuoser Naturalist auf dem Cimbal und der Baßgeige; János ein vortrefflicher Violoncellist, alle drei aber [349] überragt weit an Technik des Spiels und in Vortragsweise Ferkó. Von Ferkó behauptet die Fachkritik, daß er im vollendeten Vortrage der im Geiste Bihary’s [Bd. II, S. 394], Čermak’s [Bd. III, S. 56][WS 1], Lavotta’s [Bd. XIV, S. 231], Rózsavölgyi’s, Svastics u. A. componirten alten classischen ungarischen Weisen, der schwungvollen sogenannten Palota’s und der Csárdáse aus der Donaugegend seines Gleichen nicht findet. Das Spiel Ferkó’s zeichnet sich durch originelle Eigenthümlichkeit, edle Einfachheit, durch zum Herzen sprechenden Zauber und durch Erhabenheit aus; seine Technik ist regelmäßig, rein, leicht, sicher und siegt über die größten Schwierigkeiten, ohne gesucht und schnörkelhaft zu sein; am bewundernswerthesten sind seine Uebergänge von den tiefsten zu den höchsten Tönen. Sein ernstes Spiel ist von der mit dem ungarischen Charakter so sehr harmonirenden Melancholie und herzergreifenden Wehmuth durchgeistert – die Violine weint in seinen Händen, und erzählt von hohen Gedankenflügen und tiefen Gefühlen; dann scheint er in seine innerste Welt versunken und an seinem begeisterten Aeußern sieht man, daß sein Spiel aus dem Herzen kommt; in solchen Augenblicken drückt er die Violine inniger an die Brust, als wäre sie in seinem Herzen festgewurzelt. Das ist der Moment der Begeisterung, der er sich nur zuweilen, nur im vertrauten Freundeskreise hingibt, nie aber, wenn er vor großem Publicum spielt. Die heiteren Compositionen versteht er sehr gemüthlich, zart und mit eigenthümlicher Laune zu spielen, und damals ist sein Spiel mit schmelzendem Liebesgeflüster, mit dem geisterhaften Piano vorzüglicher Sänger zu vergleichen. Ferkó ist mehr reproductiv, als productiv, seine Laufbahn ist die eines trefflichen Schauspielers, mit dessen Production auch seine Kunst zu Grabe geht. Selbst an Franz Liszt ging die Spielweise Ferkó’s nicht ohne tiefe Einwirkung vorüber, wenigstens erzählt Czeke in seinem in den Quellen genannten Aufsatze von einer Scene zwischen Liszt und Patikárus, welche für die Bedeutung dieses genialen Geigers Zeugniß gibt. Ferkó Patikárus mag jetzt im schönsten Mannesalter stehen, denn zur Zeit, als Rózsavölgyi die Brüder nach Pesth (1845) brachte, befand sich Ferkó, damals ein Knabe, noch nicht bei ihnen, nur zuweilen kam er vom Lande auf Besuch in die Stadt. Später, als sich sein Genius ganz entfaltete, unterordneten sich die, obgleich älteren Brüder seiner Leitung und seither steht er an der Spitze der Capelle. Leider ist Patikárus immer kränklich; die ungarischen Poeten Franz Czászár, Lißnyai und Coloman Tóth haben diesen merkwürdigen Geiger in besonderen Liedern und insbesondere die beiden letzteren in. schwunghafter Weise besungen. Uebersetzungen dieser Gedichte enthalten der in den Quellen angeführte „Ungarische Lloyd“ 1855, Nr. 224, und die „Zeitbilder“ (Pesth 1861, Nr. 6, S. 88. Noch ist vielleicht die Bemerkung nicht unwesentlich und uninteressant, daß die Gesellschaft außer ungarischen Stücken nichts vollkommen zu spielen vermag, in diesen aber ihre ursprüngliche Originalität vollkommen bewahrt. Auch hat sie ihre eigene patriarchalische Verfassung, an welcher sie treu hält. Bezüglich des eigenthümlichen Namens dieser vier Zigeunerbrüder sei bemerkt, daß Patikárus in der ungarischen Sprache so viel als Apotheker bedeute. – Von Ferkó’s Bruder Karl, dem berühmten Csárdás-Spieler, [350] sind mehrere dieser Tänze im Drucke erschienen, wie: „Baracsi emlék“; – „Nyéki emlék“; – „Szinzy csárdás“; – „Csicsóka csárdás; – „Péter vásárhelyi csárdás“ u. m. a.

Pester Lloyd (polit. Blatt) 1855, Nr. 224, im Feuilleton: „Patikárus Ferkó“, von Emerich Vahot. – Westermann’s Jahrbuch der illustrirten deutschen Monatshefte (gewöhnlich: Westermann’sche Monatshefte) (Braunschweig, Westermann, gr. 8°.) IV. Bd. (April bis September 1858), S. 597, im Aufsatze: „Ueber ungarische Musik und Zigeuner“, von Alexander Czeke.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: [Bd. II, S. 56].