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BLKÖ:Neumann von Meissenthal, Marianne

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Neumann, Luise
Band: 20 (1869), ab Seite: 279. (Quelle)
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Neumann von Meissenthal, Marianne (Dichterin, geb. zu Wien 20. Februar 1768, gest. ebenda 9. März 1837). Sie ist die Tochter des k. k. niederösterreichischen Regierungsrathes Johann Ludwig von Tiell aus dessen zweiter Ehe mit Elisabeth Nagy von Felsöbuck aus Ungarn. Die Erziehung des körperlich sehr schwachen Kindes bedurfte großer Sorgfalt, in dem Maße aber, als es physisch zurückgeblieben, waren seine geistigen Gaben reich und der leichtesten Entwickelung fähig. Den Unterricht des Kindes besorgte aus diesem Umstande anfänglich ausschließlich die Mutter und erst fünf Jahre alt, konnte Marianne schon deutsch und französisch mit gleicher Fertigkeit lesen und schreiben. In der Folge war der nachmals als Gelehrter sehr geschätzte von Reith ihr Lehrer, zu gleicher Zeit erhielt sie Unterricht in weiblichen Arbeiten und im Fortepianospiele. So flossen die ersten Jahre der Kindheit rasch dahin, als ein trauriges Ereigniß das bisherige Familienleben störte. Unglückliche Mißverständnisse trennten Mariannens Eltern und das [280] damals achtjährige Mädchen kam nun in eine Pensionsanstalt. Nachdem sie den Schmerz der Trennung von der Mutter überwunden, gefiel sich Marianne in den neuen Verhältnissen sehr wohl. An Stelle der im Elternhause vorherrschenden Einsamkeit war nun im Kreise junger Gefährtinen ein regeres bewegteres Leben getreten, das dem geistig so sehr begabten Mädchen wohl zu behagen schien. Sie machte auch im Unterrichte gute Fortschritte und hatte namentlich im Briefstyle und Aufsatz eine ziemliche Fertigkeit erlangt. Drei Jahre nur blieb sie in dieser Anstalt, nun kehrte sie in’s Vaterhaus zurück, wo sie unter der Leitung französischer Gouvernantinen, die außer ihrer Muttersprache nur wenig Kenntnisse besaßen, bis in ihr 18. Lebensjahr verblieb. Der Vater, des Mädchens Neigungen und Bildungstrieb beobachtend und die Unzulänglichkeit der bisherigen Weise nur zu bald erkennend, begriff, daß, um etwas Rechtes zu schaffen, vor allem dem Mädchen die Mutter nöthig sei. Diese hatte sich nach ihrer Trennung von dem Gatten in ihre Vaterstadt Oedenburg zurückgezogen. Der Vater schrieb nun an sie und bat sie, Mariannens fernere Leitung zu übernehmen. So wurden Mutter und Tochter wieder vereinigt. Aber die vom Geschicke hart mitgenommene Mutter hatte sich in den Jahren der Trennung sehr verändert. Früher schon schweigsam und ernsthaft, war sie nun menschenscheu, ja düster geworden, wozu sich noch körperliches Leiden gesellte. Mit diesen Verhältnissen stand des damals achtzehnjährigen Mädchens lebhafter, dabei aber mangelhaft durchgebildeter Geist im grellen Widerspruche. In Gegenständen der Hauswirthschaft ganz unwissend, glaubte Mariannens Mutter den Sinn dafür wecken zu müssen, und da dieß der vorherrschend geistigen Richtung wegen nicht recht gelang, wandte sie Strenge an und suchte alles Geniale, das sich in der Tochter kundgab, gewaltsam zu unterdrücken. Dadurch wurde das Verhältniß zwischen Mutter und Tochter bald ein unerquickliches und wäre für letztere noch trauriger geworden, wenn ihr nicht das Geschick zwei Wesen zugeführt hätte, mit denen sie sich bald auf das Innigste befreundete, es waren Dorothea von Conrad und Therese von Artner [Bd. I, S. 73], welche letztere überdieß durch ihr entschiedenes Talent für die Dichtkunst auf Mariannen einen noch nachhaltigeren Einfluß übte und die begabte Freundin selbst zu kleineren poetischen Arbeiten aufmunterte. Aber auch dieses so beseligende Zusammenleben mit gleichgestimmten Seelen war von sehr kurzer Dauer. Mariannens Mutter, immer schwermüthiger und menschenfeindlicher werdend, hatte den Entschluß gefaßt, den Rest ihres Lebens in einem Kloster zu beschließen, wohin sie wohl auch Mariannen mitgezogen haben würde, wenn diese, um dem Klosterleben zu entgehen, nicht den Antrag eines jungen ungarischen Edelmanns, Emerich von Egerváry – nicht, wie es in der Oesterreichischen Encyklopädie heißt, Egrovary – der eben zu dieser Zeit um ihre Hand warb, nach kurzem Besinnen angenommen hätte. „Mit vieljährigem Leiden büßte das junge Mädchen diese Täuschung“, sagt ihr Biograph Schindel. Marianne folgte im Jahre 1788 ihrem Gatten nach Ungarn auf sein von allem Weltverkehre abgeschlossenes kleines Landgut, in eine Gegend, wo auch noch kein Schatten von Cultur hingefallen war. Der Umgang mit einigen gebildeteren Verwandten ihres Gatten und der [281] Briefwechsel mit ihren beiden Freundinen Conrad und Artner gewährten in ihrer traurigen Lage doch einigen Trost. In diesen wenig tröstlichen Verhältnissen nahm sie einige wissenschaftliche Werke, die sie irgendwo aufgefunden, zur Hand. Der Buchhandel sandte zu jener Zeit noch nicht seine in Typen gefesselten Tröstungen und Zerstreuungen in diese von allem regeren Verkehre abgeschlossene Gegend, welche Marianne bewohnte. Durch die Lecture der genannten Werke, aus denen sie theils Auszüge machte oder sie wohl auch glossirte, schärfte sie ihr Nachdenken und reifte ihr Urtheil. Die Beschäftigung mit der Oekonomie, die jedoch, da ihr Mann keinen Sinn dafür hatte, nur ganz geringfügig war, bot ihrer Einsamkeit einigen, aber immer doch nur sehr geringen Ersatz. Unter solchen Verhältnissen gingen fünf Jahre dahin, als sie nach Wien an das Sterbebett ihres Vaters gerufen wurde. Es war im Jahre 1790. Auch die Mutter war auf die erste Nachricht von des Gatten Krankheit aus dem Kloster zu ihm zurückgekehrt, ihn bis zum letzten Augenblicke auf das Sorgfältigste pflegend. In Wien sah Marianne auch die eine ihrer Freundinen, Dorothea Conrad, die sich in der Zwischenzeit mit einem Dr. Donner vermält hatte. Nach des Vaters Tode verweilte Marianne einige Monate bei ihrer Mutter in Wien und beredete endlich diese, ihr nach Ungarn auf das Gut ihres Gemals zu folgen. Indessen war auch da die längst vorausgesehene Katastrophe ihrem Ende nahegerückt. Egerváry hatte sich in untilgbare Schulden verwickelt und verlor sein kleines Besitzthum. Die Mutter nahm nun ihre durch alle diese Leiden auch körperlich hart mitgenommene Tochter mit sich nach Wien, vertauschte aber, da ihre geringen, hauptsächlich auf den Bezug ihrer Pension nach des Gatten Tode beschränkten Mittel ihr die größere Sparsamkeit zur Pflicht machten, die Residenz bald mit ihrem Geburtsstädtchen Oedenburg, wo sich Mutter und Tochter bleibend niederließen. So lebten die beiden Frauen mehrere Jahre in der kleinen Stadt, in welcher auch ihre beiden, oben schon erwähnten Freundinen lebten, mit denen sie nun den lebhaftesten Verkehr unterhielt. Nach einigen Jahren mußte Mariannens Mutter aus Gesundheitsrücksichten nach Wien zurückkehren und nun lebte die Tochter abwechselnd bei ihr und in Ungarn, theils in einer geachteten, mit ihr befreundeten Familie, theils bei nahen Verwandten ihres Gatten. Zwölf Jahre nach ihrer Verheirathung, im Jahre 1797, starb Mariannens Gatte Egerváry und zwei Jahre darnach ihre Mutter. Nur kurze Zeit stand Marianne allein im Leben, schon im folgenden Jahre, 1800, vermälte sie sich zum zweiten Male mit dem damaligen Major und Secondewachtmeister der deutschen Garde, Karl Neumann von Meissenthal, mit dem sie in einer langen ungetrübten Ehe lebte. Ein Sohn, das einzige Kind dieser glücklichen Ehe, starb schon im zweiten Jahre. Auch diesen zweiten Gatten, in dem sie einigermaßen Entschädigung für eine traurige Vergangenheit gefunden hatte, verlor Marianne durch den Tod. Nun kehrte sie nach Oedenburg zurück, wo ihr noch einige Freundinen aus früheren Tagen lebten und wohin sie Erinnerungen an ihre Jugendzeit zogen. Nach einem mehrjährigen Aufenthalte daselbst fand sie sich jedoch bestimmt, nach Wien zurückzukehren, und hier nun begann, wie Frau Karoline Pichler schreibt, mit der sich Marianne [282] in der Zelt, als sie mit ihrem zweiten Gatten Neumann in Wien weilte, befreundet hatte, die düsterste Periode ihres Lebens. In höheren Jahren, in beschränkten Vermögensumständen, kränklich, von den meisten ihrer Bekannten durch ihre Wohnung in einer einsamen Vorstadt getrennt, verging ihr Leben in öder Einförmigkeit und sie entbehrte des liebsten Genusses, den sie kannte, des Umganges mit unterrichteten Personen, sowie jeder Erholung und Zerstreuung fast gänzlich, da ihre Brustbeschwerden ihr nicht einmal die Erheiterung eines Spazierganges erlaubten. Dennoch hielt sie ihre kräftige Seele aufrecht, und ihr heller Verstand, ihre Herzensgüte warfen auch auf dieses farbenlose Dasein einige belebende Strahlen. Sie suchte auch jetzt noch zu nützen und wohlzuthun wie und wo sie konnte. Sie beschäftigte sich mit der Sorge für Arme, denen sie so viel als ihre Umstände es erlaubten, mittheilte oder sie durch Rath und Beistand unterstützte; sie arbeitete eifrig an Kinderstrümpfen und Kleidungsstücken für Kinderbewahr-Anstalten, sie setzte, so viel es ihre Gesundheit erlaubte, den Unterricht befreundeter Kinder oder junger Leute fort und so gab sie ihrem einsamen, abgeschiedenen Leben Interesse und Gehalt. Am liebsten blieb ihr aber doch die Beschäftigung mit Lecture und eigenen literarischen Arbeiten. Was nun diese letzteren betrifft, so wurde sie, wie schon oben angedeutet, von ihren Freundinen und vornehmlich von Therese Artner zunächst dazu angeregt. Mit ihr zusammen, beide unter dem Pseudonym Nina und Theone versteckt, gab sie „Feldblumen, auf Ungarns Fluren gesammelt von Nina und Theone“ (Jena 1800) heraus. Außerdem erschienen mehrere Beiträge von ihr in dem von Wallishausser in Wien herausgegebenen, durch Friedr. John’s treffliche Stiche verherrlichten Taschenbuche „Aglaja“, u. z. im Jahrg. 1815: „Die Familie Mollberg oder der Page. Eine Erzählung“; – „Die drei Fackeln. Gedicht“; – 1816: „Martin und Suse, oder der Berggeist des Karstes. Erzählung“; – „Des Ritters Grab. Gedicht“; – 1817: „Karl von Salerno. Gedicht in zwei Gesängen“; – 1818: „Eugenie Bérenger“; – „Graf Rudolph von Habsburg. Zwei Gedichte“; – 1819: „Wilhelm Herzog von Oesterreich. Erzählung“; dann in der „Moravia“ vom Jahre 1815 [und nicht, wie es bei Schindel heißt, in der „Minerva“], in den bei Gerold im Jahre 1816 zum Besten der Hausarmen in Wien herausgegebenen „Abendunterhaltungen“ und in der zuerst von Schickh, später von Witthauer redigirten „Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode“ mehrere Aufsätze, Erzählungen und Gedichte. Auch versuchte sie sich – aber nur einmal – im Dramatischen, und ihr kleines Lustspiel: „Die Colonie“ wurde im Hofburg-Theater, doch ohne Angabe ihres Namens, aufgeführt. Alle diese Arbeiten tragen nach dem Ausspruche einer darin competenten Frau, nämlich der Frau Karoline Pichler, den Stempel eines richtigen Verstandes, eines gebildeten Geschmackes und einer würdigen Denkart; sie sind ebenso correct als fließend geschrieben. Ueberhaupt war sie, wie ihre Freundin sie schildert, eine Frau von seltenen Geistesgaben, ausgezeichneten Kenntnissen, echter Frömmigkeit und hoher sittlicher Würde, welche sie antrieb nicht bloß ihre Pflichten gegen Gemal, Hauswesen, Freunde u. s. w. zu erfüllen, sondern sich selbst, als diese zum Theile aufgehört hatten, freiwillig andere aufzuerlegen, um nicht nutzlos und selbstisch durch das Leben zu gehen. Marianne [283] hatte, als sie starb, nicht ganz das Alter von 70 Jahren erreicht.

Pichler (Caroline), Sämmtliche Werke (Wien 1845, kl. 8°.) Bdchn. 60, S. 119: „Marianne von Neumann-Meißenthal“ [in der Ausgabe von Caroline Pichler’s „Sämmtlichen Werken“ (Wien 1839) im 51. Bändchen. S. 247; auch abgedruckt im „Telegraph“ (Wien, 4°.) II. Jahrg. (1837), Nr. 53]. – Schindel (Carl Wilhelm Otto August v.), Die deutschen Schriftstellerinen des neunzehnten Jahrhunderte (Leipzig 1825, Brockhaus, 8°.) Bd. II, S. 52. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 43. – Raßmann (Friedr.), Pantheon deutscher jetztlebender Dichter und in die Belletristik eingreifender Schriftsteller, begleitet mit biographischen Notizen und der wichtigsten Literatur (Helmstädt 1823, Fleckeisen, 8°.) S. 237. – Scheyrer (Ludwig), Die Schriftsteller Oesterreichs in Reim und Prosa u. s. w. (Wien 1858, 8°.) S. 326 [daselbst heißt ihr erster Gemal Egrovary statt Egerváry] – Erneuerte vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, 4°.) Jahrg. 1817, Intelligenzblatt Nr. 63.