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BLKÖ:Nagiller, Matthäus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Naglitsch, Martin
Band: 20 (1869), ab Seite: 36. (Quelle)
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Nagiller, Matthäus (Tondichter, geb. zu Münster im Unterinnthale Tirols 24. October 1815).[BN 1] In seiner Jugend trieb er sich als Hirtenknabe in den Bergen seiner Heimat umher, dann wurde er aus die Schule geschickt, denn er sollte – so hatten es seine Eltern beschlossen – Geistlicher werden. Das Talent zur Tonkunst war frühzeitig in ihm erwacht, und der Chordirector in Schwaz, Pichler, hatte ihm die Grundelemente derselben beigebracht. Im Jahre 1834 kam er nach Innsbruck, wo ihm P. Martin Goller in der Harmonielehre Unterricht gab. Schon damals begann er zu componiren und auf den Musikchören der Kirchen seiner Heimat sollen noch viele Compositionen vorhanden sein, die der obenerwähnten Zeit angehören. Im Jahre 1837 begab sich Nagiller, der den Gedanken. Geistlicher zu werden, aufgegeben und mit dem, als fahrender Musikant es zu versuchen, vertauscht hatte, nach Wien, wo er im Conservatorium aufgenommen und ein Schüler Preyer’s wurde, bei dem er nach der Sechter’schen Methode Composition studirte. Im Jahre 1840 erhielt er den ersten Compositionspreis. Auch erschien im genannten Jahre sein erstes Werk im Stiche; es ist ein Lied: „Heimweh im Alter“, Gedicht von Julius Stein, für eine Singstimme mit Pianobegleitung (Wien, M. Artaria’s Witwe u. Comp.), welches N. in dankbarer Pietät seinem Lehrer Gottfried Preyer gewidmet hatte. Die nächsten zwei Jahre setzte er für sich die musikalischen Studien fort, vornehmlich waren es die Partituren der wichtigsten Tonwerke aller Zeiten, in die er sich vertiefte. Im Jahre 1842 ergriff er seinen Wanderstab und begab sich nach Paris. In dieser großen Weltstadt, in welcher ebenso manches bedeutende Talent oft ohne Schuld schon zu Grunde gegangen, während manches andere dort die Stufen zum Tempel weltlichen Ruhmes glücklich emporklimmt, war dem jungen talentvollen Künstler das Glück günstig, bald trat er mit geistig gebildeten, bedeutenden und einflußreichen Männern, theils Künstler, theils Schriftsteller, in näheren Verkehr, und da es ihm nicht an Anerkennung und Würdigung seines eigenen und gründlichen Wissens und Könnens fehlte, gelang es ihm bald, selbstthätig in das Pariser Kunstleben einzugreifen. Somit war ein großer, für seine Zukunft wichtiger Schritt geschehen. N. wurde bald ein sehr gesuchter Musiklehrer; der berühmte Kalkbrenner übergab ihm seinen Sohn zum Unterrichte; E. Silas, der Sänger Stockhausen, der berühmte Clarinettist Iván Müller und viele Andere wurden seine Schüler. So bildete er allmälig aus Freunden und Schülern einen Kreis, dessen künstlerische Zwecke er leitete, und so war in Paris der „Mozart-Verein“ entstanden, an dessen Spitze Nagiller stand und dessen Wirken sich voller und verdienter Theilnahme in musikalischen Kreisen erfreute. Dabei war er selbst schöpferisch thätig, und in einem Concerte im Herz’schen Saale trat er im März 1846 mit einem größeren Werke, einer Symphonie vor das Publicum, welche einen entschiedenen Erfolg hatte. Nun unternahm er eine [37] größere Kunstreise und gab in Cöln, München, Berlin Concerte, in welchen er die genannte Symphonie und noch andere Tonstücke eigener Composition, als Ouverturen, Chöre, Lieder u. dgl. m., zur Aufführung brachte und überall gleichgünstige Erfolge erzielte. Nun kam das allem künstlerischen Streben so nachtheilige 1848ger Jahr, und N. verließ Paris und kehrte über Deutschland, wo die herrschende Aufregung alle seine Pläne scheitern machte, in sein Vaterland Tirol zurück. Im Herbste 1850 nahm er längeren Aufenthalt daselbst, führte sich mit mehreren in Innsbruck und Botzen gegebenen Concerten seinen Landsleuten als fertigen Künstler vor und verweilte dann längere Zeit bei dem musikliebenden Franz Freiherrn von Goldegg, der eine eigene Capelle unterhielt und mit den reichen, ihm zu Gebote stehenden Mitteln vornehmlich die Musik auf das Liberalste fördert. In der ländlichen Muße erwachte nun auch Nagiller’s Schaffenstrieb, und es entstanden in jener Zeit mehrere kleine Messen für Kirchen von Landgemeinden, auch eine Missa solennis, welche in München zur Aufführung kam, und mehrere andere Tonstücke von größerem und kleinerem Umfange. Nach einem vierjährigen Aufenthalte in Tirol übersiedelte N. nach München, wo er im Odeonsaale und unter Mitwirkung der königlichen Capelle ein großes Concert veranstaltete, in welchem er nur eigene Compositionen vortrug und einen überaus glänzenden Erfolg erzielte. In der ersten Abtheilung trug er die große Symphonie in C-moll vor, in der zweiten: „Mignon“ von Goethe: „Kennst du das Land“, ein Männerchor; – ein „Jägerchor“: „Auf, auf, in den grünenden Wald“, aus der Oper „Melusina“ von Grillparzer, mit Orchester; – „An die Natur“ von Stollberg: „Süsse heilige Natur“, Männerchor und die Concert-Ouverture in D. Während N. in München mit der Composition größerer Werke beschäftigt war, machte er ab und zu Kunstreisen, theils in seine Heimat, in welcher er im Jahre 1856 in einigen Concerten wieder nur seine Compositionen spielte, nach Coburg, wo ihn der musikliebende Herzog Ernst mit der Medaille für Kunst und Wissenschaft auszeichnete, und in andere Städte. Im Jahre 1861, als in Salzburg die Stelle eines Dom-Capellmeisters und Directors des Mozarteums zu besetzen war, befand sich auch N. unter den Bewerbern, ohne sie jedoch zu erhalten; hingegen folgte er im Jahre 1865 einem Rufe seines Vaterlandes als Capellmeister und Musikdirector in Botzen, indem er sich kurz zuvor in Hamburg mit Fräulein Pauline Kruse vermält und bei dieser Gelegenheit von Corporationen aus seiner Heimat und aus der Fremde, aus Paris, Rom, Innsbruck[WS 1] u. s. w. Beglückwünschungsschreiben[WS 2] und Telegramme erhalten hatte. Im Folgenden wird nur noch eine Uebersicht der Werke Nagiller’s gegeben, so weit dieselben dem Herausgeber bekannt oder durch den Druck veröffentlicht worden sind. Es sind außer dem schon erwähnten ersten Werke: „Lieder“, 2–6, enthaltend: „Der Fischerin Wahl“, Des-dur, 3/4; „Entsagung“, F-dur; „Der Sänger und die Hirtin“, Gedicht von Seidl, Duett mit Begleitung des Piano und der Flöte; „Der Geistertanz“; „Liebesecho“ – „Festgruss“, „Morgenfeier“. zwei Männerchöre; – „Wanderers Nachtlied“, Gedicht von Goethe; – „Bundeslied“, Gedicht von Goethe; – „Trinklied“. Gedicht von Lessing; – „Erste Landmesse“, in C für Sopran, Alt, Tenor und [38] Baß, 2 Violinen, Flöte, 2 Clarinette, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, Violon und ausgesetzte Orgel (ebd.), Op. 9, neue Auflage 1863; – „Landmesse“, für 4 Singstimmen, 2 Violinen, Flöte, 2 Clarinetten, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, Baß und Orgel, Op. 19 (Innsbruck 1860, Groß); – „Zwei Tantum ergo“, für 4 Männerstimmen oder für Sopran, Alt, Tenor und Baß, Orgel ad libit. (ebd. 1862), Op. 22; – „Offertorium“: Domine exaudi, Duett für Tenor (oder Sopran) und Baß, mit Clarinettsolo, 2 Violinen, 2 Hörner, Violon und Orgel (ebd. 1864); – „Seid Eins“, Gedicht von Geibel, Männerchor, Op. 40 (ebd.). Außerdem aber schrieb N. zwei größere Werke, eine Oper: „Herzog Friedrich von Tirol“, Text von Ed. Ille, und „Nausikaa“, Text von Widmann; erstere wurde in Innsbruck (1862) und in Botzen (1861) unter Nagiller’s persönlicher Leitung und mit entschiedenem Erfolge gegeben. Von „Nausikaa“ gelangten bisher nur Fragmente zum Vortrage. Ueberdieß soll N. noch eine dritte Oper Grillparzer’s: „Melusina“, und viele kleinere Tonstücke, Ouverturen, Kirchenstücke, darunter eine große Festmesse, Lieder, Chöre und dergleichen fertig im Pulte liegen haben. Heindl bemerkt über Nagiller’s Compositionen: „sie machen durch ihre Innigkeit, Tiefe und Gewandtheit in der Behandlung einen großen Eindruck. Er überläßt sich nicht auf’s Ungewisse dem Labyrinthe unruhiger und herber Reflexionen, vielmehr sind seine Werke von hoher Milde und Klarheit beherrscht, welche die Tiefen des Schmerzes und der Lust ideal darstellen“.

Heindl (Joh. Bapt. Dr.), Gallerie berühmter Pädagogen, verdienter Schulmänner, Jugend- und Volksschriftsteller und Componisten der Gegenwart, in Biographien und biographischen Skizzen (München 1859, Jos. Ant. Finsterlin, 8°.) Bd. II, S. 50 [nach Heindl ist Nagiller am 24. October 1815 geboren; nach einer schriftlichen – wie es scheint, von Nagiller selbst herrührenden – Mittheilung, welche mir der alte Castelli übergab, und die eben für mein Lexikon bestimmt war, ist das J. 1817 Nagiller’s Geburtsjahr). – Neues Universal-Lexikon der Tonkunst Angefangen von Dr. Julius Schladebach, fortgesetzt von Eduard Bernsdorf (Dresden 1857, R. Schäfer, gr. 8°.) Anhang, S. 267. – Wiener allgemeine Musik-Zeitung, herausg. von August Schmidt (Wien, 4°.); Jahrg. 1846, Nr. 88. – Oesterreichischer Katalog 1862, Musik S. 42; 1863, Musik S. 43; 1864, Mus. S. 47; 1866, Mus. S. 24, 26. – Münchener Bote (4°.) 1854, Nr. 112, S. 487, im „Feuilleton der Kunst“. – Bote für Tirol und Vorarlberg (Innsbruck, kl. Fol.) 1856, Nr. 285, in der Rubrik „Kunst“. – Theater-Zeitung. Herausg. von Adolph Bäuerle (Wien, gr. 4°.) Jahrgang 1857, Nr. 278, in der Rubrik „Aus der Musikwelt“. – Wiener (amtliche) Zeitung 1858, Nr. 31, im Feuilleton; Correspondenz aus München; – dieselbe 1859, Nr. 256. – Tiroler Volks- und Schützen-Zeitung (Innsbruck, 4°.) 1860, Nr. 141, Beilage S. 799; – dieselbe 1865, Nr. 15. – Salzburger Zeitung 1861, Nr. 143, im Feuilleton. – Botzner Zeitung 1861, Nr. 13. – Tiroler-Stimmen (Innsbrucker Parteiblatt, 4°.) 1865, Nr. 29 u. 53, in den Correspondenzen. [Nach der Botzner Zeitung ist Nagiller am 14. October 1817 geboren.]

Berichtigungen und Nachträge

  1. Nagiller, Matthäus [Bd. XX, S. 36], gestorben zu Innsbruck 8. Juli 1874.
    Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 1874, Nr. 196, S. 3063: „Matthäus Nagiller“ (von Dr. Hyacinth Holland). [Band 28, S. 367]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Innbruck.
  2. Vorlage: Beglückswünschungsschreiben.