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BLKÖ:Lindenau, Karl Friedrich von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 15 (1866), ab Seite: 204. (Quelle)
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Lindenau, Karl Friedrich von (k. k. Feldzeugmeister und Ritter des Maria Theresien-Ordens, geb. zu Leipzig im Jahre 1746, gest. zu Wien 14. Februar 1817). Nachdem er früher in preußischen Kriegsdiensten gestanden und unter Friedrich II.eine tüchtige Kriegsschule mitgemacht, wurde er im August 1789 aus preußischen in kaiserlich österreichische Dienste als Major des General-Quartiermeisterstabes übernommen, in welchem er binnen Jahresfrist zum Obersten vorrückte. Als im Jahre 1790, bald nach der Reichenbacher Convention, in den Niederlanden die Unruhen ausbrachen, wurde sofort ein Armeecorps [205] von 28.000 Mann unter Befehl des Feldzeugmeisters Grafen Browne [Bd. II, S. 164] dahin abgesendet. Oberst von Lindenau wurde demselben als Chef des General-Quartiermeisterstabes beigegeben. Seine Tüchtigkeit in dieser wichtigen Stellung erprobte er vor Namur, wo er die zum Angriffe der feindlichen vor der Stadt aufgestellten Avantgarde bestimmten Colonnen der Unseren mit solcher Geschicklichkeit und Entschlossenheit führte, daß der Feind zur Uebergabe der Stadt, Citadelle und der über die Maas führenden Brücke gezwungen wurde. Nun wurde L. dem Corps des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen als Chef des Generalstabes beigegeben, ohne jedoch bei den sich rasch entwickelnden Ereignissen einigermaßen mit Erfolg wirken zu können. Er wurde somit nach der Schlacht von Jemappes (6. November 1792) nach Wien berufen, wo er durch mehrere Jahre in einer seinen Kenntnissen entsprechenden dienstlichen Verwendung stand. Im März 1793 wurde er zum General-Major befördert und bei der in Italien operirenden Armee angestellt. Im Jahre 1799 befand sich L. bei der Armee in Deutschland und that sich im Treffen bei Neckerau (18. September 1799) unter Erzherzog Karl so hervor, daß ihn der kaiserliche Prinz in der Relation unter den Ausgezeichneten nannte. Im Jahre 1800 wurde L. zum Feldmarschall-Lieutenant befördert. In der Schlacht bei Engen (2. Mai 1800) befand er sich mit seiner Division auf dem rechten Flügel und hielt wacker Stand. Noch bevor der Abend hereinbrach, erneuerte der Feind auf diesem Puncte mit überlegenen Streitkräften den Angriff und hatte bereits einen Theil von Lindenau’s Truppen zum Weichen gebracht. Da der Feind auf allen anderen Puncten früher zurückgedrängt worden war, so wurde dieser von ihm nun gewonnene Vortheil für die Unseren sehr gefährlich, und dieß um so mehr, als sich in Engen selbst unser Hauptquartier befand. Lindenau, die große Gefahr ermessend, sammelte rasch neue kampffähige Truppen, stellte sich an ihre Spitze und rückte dem Feinde entschlossen entgegen; dieser, so unvermuthet von den Unseren sich angegriffen sehend, vertauschte bald die Rolle des heftigen Angreifers mit der eines hartnäckigen Vertheidigers, und mußte sich zuletzt in den Wald, der ihn schützte, zurückziehen. So war alle Gefahr von Engen und unserem dort befindlichen Hauptquartier abgewendet und auch die Vereinigung der vom Erzherzog Ferdinand befehligten Avantgarde mit unserer Armee, die am folgenden Tage stattfand, ermöglicht. Bei Möskirch (am 5. Mai) im Centrum der Armee aufgestellt, behauptete L. mit ausgezeichneter Tapferkeit die heftig angegriffene Stellung. Als am folgenden Tage der Rückzug gegen Sigmaringen stattfand, leistete er dem Andrange des Feindes muthvollen Widerstand und ermöglichte dadurch, daß die Unseren ohne Verlust den Marsch fortsetzten. Auch in den weiteren Kämpfen und Gefechten dieses Feldzuges, insbesondere aber bei Schwende und Gügenthal (5. Juni), vor Neuburg (27. Juni), entwickelte L. eine ausgezeichnete Bravour. In unermüdlicher Thätigkeit traf er bei der oft verhängnißvollsten Situation treffliche Dispositionen und bekräftigte das alte strategische Gesetz, daß die eigentliche Tüchtigkeit eines Generals sich mehr im Unglücke als bei siegreichen Ausgängen bewähre. L.’s ausgezeichnetes Verhalten fand auch die Allerh. Anerkennung, indem ihm am 24. November 1801 außer Capitel das Ritterkreuz des Maria Theresien- [206] Ordens verliehen wurde. Im October 1803 wurde L. zum Inhaber des 29. Infanterie-Regiments ernannt. Noch einmal, im Jahre 1809, aber nur auf kurze Zeit, betrat er den Kriegsschauplatz. Nach der Schlacht von Aspern zog er sich als Feldzeugmeister in den Ruhestand zurück und verlebte den Rest seiner Tage m Wien. Man erzählt von ihm, daß er, wie Friedrich der Große, in voller Generalsuniform mit Stiefel und Sporn in stoischer Ruhe im Lehnstuhle den Tod erwartete. L. war ein gebildeter Soldat, seine militärischen Schriften, von Fachmännern geschätzt, bekunden eine tüchtige wissenschaftliche Ausbildung im Kriegswesen. Es sind folgende: „Ueber Winterpostirungen und dahin einschlagende Sicherheits- und Vertheidigungsanstalten“ (Potsdam 1785, 8°., mit 4 K. K., und dann Leipzig 1789, gr. 8°., mit K. K.); – „Ueber die höhere preussische Taktik, deren Mängel und Unzweckmässigkeit“, 2 Theile (Leipzig 1789 und 1790, Beygang, gr. 8°., mit K. K.), diese Schrift soll Ursache seines Uebertrittes aus der preußischen in die österreichische Armee gewesen sein; als über dieselbe im Jahre 1790 bei Reimer in Berlin von einem Ungenannten „Anmerkungen“, mit dem Beisatze: „Ueber ihre (der Schrift) zeitherige Unrichtigkeit“, erschienen war, erwidert Lindenau mit der Broschüre: „Beleuchtung der Anmerkungen eines Ungenannten zu meiner Schrift über die höhere preussische Taktik“ (Leipzig 1790, gr. 8°.). Im Vorstehenden wurde nur der Soldat Lindenau in’s Auge gefaßt und seine gedrängte militärische Lebensskizze gegeben. Aber L., in Wien schlechtweg „der General“ genannt, war lange Zeit eine in der Residenz beliebte volksthümliche Erscheinung, deren Andenken noch in seinen edlen letztwilligen Verfügungen und in einer Unzahl von Schnurren, Witzen und Anekdoten, die entweder von ihm abstammen oder ihn zum Gegenstande haben, fortlebt. Unten in den Quellen folgt zum Verständniß dieser originellen Figur eine Charakteristik des Generals. Ein menschenfreundlicher Mann, der unter seiner baroken äußeren Erscheinung ein edles, für Wohlthun begeistertes, tieffühlendes Herz barg, that er schon bei Lebzeiten heimlich viel Gutes und half manchem verschämten Armen; sein Testament, welches Gräffer, Schimmer, dieser vollständig, u. A. dem ganzen Wortlaut nach mittheilen, charakterisirt schon den Mann und sein theilnehmendes Gemüth. Hier mögen nur folgende Posten stehen. Ueber sein baares Vermögen, das etwas über 18.700 fl. W. W. betrug, verfügte er: 4000 fl. für das Erziehungshaus seines Regiments; 4000 fl. für das Kloster der Elisabethinerinen in Wien; 4000 fl. für das Kloster der Barmherzigen Brüder; 4000 fl. für die Armen der beiden protestantischen Gemeinden der lutherischen und der reformirten Confession. Der übrigbleibende Rest von 2700 und mehr Gulden, welchen er mit seinen Pretiosen, Silber, Lotterielosen und anderen bis in’s kleinste Detail aufgezählten und geschätzten Objecten auf eine Gesammtsumme von 11. 862 fl. berechnete, sollte nach Abzug der Leichenkosten, welche „so einfach als möglich zu bestreiten seien, denn was nützen hier überflüssige Verschwendungen“, in drei gleichen Theilen den oben genannten Legaten, für die Elisabethinerinen, Barmherzigen Brüder und Armen beider evangelischen Gemeinden, zugeschlagen werden. Alle seine Diener, eine Aufwärterin, die denselben zuweilen aushalf, sein Pudel, für den er, bis er wieder einen guten Herrn erhielt, eine angemessene Summe auswarf, waren [207] darin bedacht, und spricht aus jeder Zeile eine zwar soldatische aber höchst ehrenwerthe Pedanterie. Lindenau ist eine noch lange nicht genug verwerthete Figur, und eine ausführliche Darstellung seines Lebens böte ein ebenso interessantes culturhistorisches als biographisches Gemälde. Lindenau war mit dem berühmten Gothaischen Astronomen und nachmaligen sächsischen Staatsminister Bernhard August von Lindenau, der den Ruf eines der ersten Staatsmänner Deutschlands besaß, nahe verwandt.

Schimmer (K. A.), Bilder aus der Heimath. Oesterreichische Volksschrift zur Belehrung und Unterhaltung (Wien 1853, A. Pichler’s Witwe u. Sohn, gr. 8°.) Zweite Ausgabe, S. 278 [nach diesem geb. im Jahre 1782]. – Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) II. Jahrg. (1843), S. 727 [in Gräffer’s Genrebild „Ein Tag in Baden“ (S. 731)]. – (Gräffer, Franz) Franzisceische Curiosa, oder ganz besondere Denkwürdigkeiten aus der Lebens- und Regierungsperiode des Kaisers Franz II. (I.) (Wien 1849, Ignaz Klang, 8°.) S. 64–71. – Das Kayser’sche „Bücher- Lexikon“, Bd. III, S. 560, gibt den 20. Februar 1817 als Lindenau’s Todestag an. – Hirtenfeld (J. Dr.), Der Militär-Maria Theresien-Orden und seine Mitglieder (Wien 1857, Staatsdruckerei, 4°.) S. 707 u. 1744 [nach diesem geboren im Jahre 1746). – Erneuerte vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, 4°.) Jahrg. 1817, Nr. 32: „Nekrolog“; Nr. 37: „Testament“. – Gräffer (Franz), Kleine Wiener Memoiren (Wien 1845, Beck, 8°.) I. Bd., S. 51 [im Aufsatze: „Auf dem Graben, vor vierzig Jahren“]; II. Bd., S. 68: „General Lindenau“. – Derselbe, Neue Wiener Tabletten und heitere Novellen (Wien 1848, Kuppitsch, 8°.) S. 297: „Des Generals von Lindenau Testament“. – Humorist. Herausgegeben von M. G. Saphir (Wien, kl. Fol.) 1858, Nr. 90: „Aus General Lindenau’s Leben“. Von Adolph Bäuerle [kommt auch in dem bald darnach erschienenen 1. (und einzigen) Bande von Bäuerle’s Memoiren vor]. – Porträte. Von Lindenau existiren einige ganz köstliche Bildnisse, die ihn freilich nicht en face, sondern von hinten zeigen. Er ist in ganzer Figur dargestellt, das Blatt ist radirt und in 4°.; – ferner sind von demselben Blatte Ausführungen in Gouache – und wieder andere mit aquarellirtem Hintergrunde vorhanden. Die Blätter sämmtlich sind in 4°. und schon sehr selten; der in den „Franzisceischen Curiosa“ als Titelblatt vorkommende Nachstich – richtiger Nachschnitt – ist eine gute Copie davon. – Zur Charakteristik Lindenau’s. Lindenau als wissenschaftlicher Kopf, als Talent, als Schriftsteller, als Mann geistigen Umgangs, machte sich bald bemerkbar genug. Der Feldmarschall Lacy faßte ihn auf, beschützte ihn, hob ihn, Lindenau stieg und stieg. Er glänzte in höheren Kreisen, genoß und benützte die Freundschaft des Herzogs Albrecht von Sachsen-Teschen, seinen ununterbrochenen Umgang bis einige Jahre vor dessen Tode. Lindenau’s weltmännische Formen, seine Heiterkeit, Lebhaftigkeit, sein sogenannter Witz begünstigten sehr seine Laufbahn. Dieser Witz aber war eigentlich nur derbe Witzigkeit, oft höchst trivialer Art, oft brüsk und beleidigend. Ein paar Proben mögen ihn versinnlichen. Lindenau trug in der Regel ein Beinkleid von Hirschleder – ganz gegen alle hofkriegsräthliche Regel – vom dicksten Hirschleder, grellgelb, mit sogenannter Striezelfarbe der Maurer angestrichen, so eng anliegend als möglich, nur etwa einen halben Zoll bis unter die Kniescheibe reichend. Eines Tages wird Lindenau zur Kaiserin beschieden. Er erscheint natürlich in der gelben Hirschhose. Als er wartend im Vorzimmer steht, rügt eine Hofdame dieses Etiquetteverbrechen. Der General aber kalt, gemessen und höflich, entgegnet: „Um Vergebung, ich konnte nicht wissen, daß Ihre Majestät mit meinem Beinkleide sprechen wollen“. – Nach dem unglücklichen Rückzuge im Jahre 1809 fragte der erzherzogliche Prinz den General: „Was wird nun die Welt dazu sagen?“ und Lindenau antwortete mit stoischer Ruhe: „Hoheit! die Welt wird sagen, Sie sind ein junger Mensch und ich bin ein alter Esel“. – Als Soldat hat L. die taktischen Grundsätze der Schule Friedrich des Großen in sich aufgenommen, sie waren mit seinem ganzen Sein und Wirken verwachsen. Er trennte sich von ihnen mitunter und mit Schmerz. Doch widerte ihn das steifleinene Preußenthum endlich stark an und in dem humanen, discreten, großmüthigen Oesterreich fand er sich so behaglich, daß er zu sagen pflegte: „Die österreichische Ungnade ist mir lieber [208] als die preußische Gnade“. Zu seinen literarischen Freunden gehörten Ayrenhof, Retzer, Leon, Benedict Arnstein. Was endlich sein oben beschriebenes Beinkleid betrifft, so bemerkt Gräffer darüber: „Eine Monographie dieses Beinkleides, eine Selbstbiographie dieser Hose würde Crebillon’sches Interesse (Soppha) haben“.