Zum Inhalt springen

BLKÖ:Held, Johann Theobald

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Held, Ignaz von
Nächster>>>
Held, Matthäus
Band: 8 (1862), ab Seite: 243. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Jan Theobald Held in der Wikipedia
Jan Theobald Held in Wikidata
GND-Eintrag: 12783107X, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Held, Johann Theobald|8|243|}}

Held, Johann Theobald (Arzt, Musikus und Humanist, geb. zu Hohenbruck 11. December 1770, gest. zu Prag 20. Juni 1851). Bruder des Vorigen; erhielt gleich demselben in der Schule seines Geburtsortes Unterricht im Gesange und im Spiele von Instrumenten, wofür er mit ihm die Begabung theilte. Nach dem Tode seines Vaters (1780) nahmen sich gute Menschen des Knaben an und H. wurde Sing-Chorknabe an der Altstädter Pfarrkirche Maria in der Wiege in Prag, zugleich besuchte er das Gymnasium, wo ihm sein guter Fortgang bald ein Stipendium verschaffte, dessen Genuß ihm bis zur Beendung seiner Studien verblieb. Bis in sein 19. Jahr (1789) versah H. den Chordienst als Sopranist; als nun seine Stimme mutirte, verlegte er sich eifrigst auf das Spiel der Violine und Altviole. Die philosophischen Studien hörte er unter Lehrern wie Cornova [Bd. III, S. 8], Gerstner [Bd. V, S. 161], Meißner, Seibt u. A., Männer, welche nicht bloß ihre Gegenstände vortrugen, sondern die empfänglichen Gemüther ihrer Zöglinge auch zu bilden und anzuregen verstanden. Nun widmete sich H. dem Studium der Arzneiwissenschaft und erlangte 1797 die medicinische Doctorwürde. Eingedenk der letzten Worte [244] seines Vaters: sein Glück in der Fremde zu versuchen, war er eben daran, sein Vaterland zu verlassen und seinem Bruder nach Polen zu folgen; aber die Vernichtung Polens vereitelte seinen Plan und H. blieb im Vaterlande. An dem noch jungen Physikus des barmherzigen Brüderspitals Dr. Daniel O’Hehir (gest. im Alter von 27 Jahren 1799) fand Held einen trefflichen Freund, der ihn sogleich zu seinem Substituten im genannten Spitale erwählte. In dieser Stellung hatte sich H. bald das Vertrauen des Convents der Barmherzigen in dem Grade erworben, daß sie ihn nach seines Freundes O’Hehir Tode zu dessen Nachfolger erwählten. Bis 1827, also volle 30 Jahre, wirkte H. an dieser Humanitätsanstalt in einer Art, die ihn unvergeßlich gemacht hat; seinen Gehalt von 400 fl. verwendete er in der Regel zum Besten der Kranken und für die Bedürfnisse des Spitals. Im Jahre 1806 wurde ihm auch die Besorgung der Internisten-Abtheilung im allgemeinen Krankenhause zugewiesen; von 1813 bis an seinen Tod wirkte er zuerst als Substitut, später als Ordinarius des Ursulinerklosters; übernahm auch 1815 unentgeltlich die Besorgung einer den barmherzigen Brüdern zugetheilten Filial-Irrenanstalt des allgemeinen Krankenhauses. Im August 1822 wurde H. als Primararzt im allgemeinen Krankenhause berufen. Seine Collegen, die Regierung und seine Mitbürger würdigten in Held den Mann der Wissenschaft, den hilfreichen Arzt und den edlen Menschen. Die medicinische Facultät Prags erwählte ihn in den Jahren 1818, 1819, 1823, 1824 und 1825 zu ihrem Decan; das medicin. chirurgische Studien-Directorat ernannte ihn am 15. December 1823 zum Examinator bei den strengen medicinisch-praktischen Prüfungen; die Prager Universität erhob ihn 1826/27 zum Rector magnificus; Se. Majestät der Kaiser verlieh ihm im Jahre 1841 den Titel eines kais. Rathes, mehrere Humanitätsvereine Prags ernannten ihn zu ihrem Ausschußmitgliede, die Städte Pilsen, Hohenbruck u. A. verliehen ihm das Ehrenbürgerthum. Am 21. August 1847 feierte H., der Nestor der Prager Aerzte, sein 50jähriges Doctorjubiläum, welches er noch vier Jahre überlebte, worauf er im Alter von 81 Jahren starb. Die große Praxis am Krankenbette, von dem Anbeginn seines ärztlichen Wirkens bis an seinen Tod, gestattete es H. nicht, sich größeren literarischen Arbeiten zuzuwenden; doch hat er gelegentlich mehreres veröffentlicht. Diese Schriften sind: „Das Heimatsfest zu Hohenbruck, in Böhmen am 16.–18. Juli 1816“ (Prag 1818, kl. 8°.), vorher im „Hesperus“ mitgetheilt; es ist dieß die Beschreibung eines Festes, welches 44 in Hohenbruck Geborne feierten, die sich aus weiter Ferne, wo sie Amt und Stellung und eine zweite Heimat gefunden, in ihrer ersten auf vorangegangene Einladung eingefunden hatten; – „Ein Wort bei der Immatriculation der an der Prager Carl-Ferdinands-Universität sich den sämmtlichen Studien der Heilkunde widmenden Zöglinge“ (Wien 1820, gr. 8°.); es ist dieß seine bei Erlangung der Doctorwürde öffentlich gehaltene Rede, mit welcher er auch einen seit Jahren außer Acht gelassenen Gebrauch würdevoll erneuerte; – „Kurze Geschichte der Heilanstalt der Barmherzigen Brüder in Prag. Nebst Rückblicken auf Entstehung, Verbreitung und Schicksale dieses Ordens überhaupt“ (Prag 1823, mit K. K. und Beil., 8°.); – „Tentamen historicum illustrandis rebus anno MCCCCIX in Universitate pragena gestis“ (Prag 1827, Calve); [245] – „Blick auf Carlsbad. Ein Sendschreiben an den Herrn Johann Ritter de Carro“ (Prag 1835, gr. 8°.), – und „Zweiter Blick auf Carlsbad. Ein Sendschreiben u. s. w.“ Ebenda 1838, gr. 8°.), beide in de Carro’s „Almanac de Carlsbad“ 1835 und 1838 in’s Französische übersetzt; – „Ein Wort an die Zöglinge der vom Vereine für Kirchenmusik begründeten Orgelschule“ (Prag 1837), als Beilage zum 10. Jahresberichte über die genannte Lehranstalt. Mit dieser Wirksamkeit als Mann seines Berufes verband H. eine große Liebe zur Musik; nicht nur, daß er die Violine und die englische Guitarre musterhaft spielte und ein guter Baritonsänger war, er componirte auch, namentlich in früheren Jahren, fleißig und mit Glück Lieder, Balladen, Romanzen, Variationen, welche in Prag und in Leipzig gedruckt worden und denen sein Biograph „künstlerischen Werth“ zuschreibt. Auch erschienen von ihm in späteren Jahren Compositionen böhmischer Volkslieder, die er unter dem Namen Orebsky herausgab. Was er als Mensch war, läßt sich nicht in wenig Worte fassen; die zahllosen Züge seines edlen Herzens leben noch in der Erinnerung von Tausenden. Es wird hier nur noch auf die Quellen verwiesen, in denen eine Grabschrift mitgetheilt wird, die zu einer Zeit auf ihn verfaßt wurde, als der auf den Tod erkrankte H. bereits als todt ausgegeben wurde, um dann noch über ein halbes Jahrhundert zum Frommen der leidenden Menschheit zu wirken. Als ausübender Arzt bekannte sich H. zu folgendem Grundsatze: „Das beste System in der ausübenden Heilkunst war zu allen Zeiten das eklektische, die Natur ist unendlich, das unübersehbare Feld der wissenschaftlichen Kunst schwankt, leider! von jeher zwischen Ebbe und Fluth. Fort- und Rückschritte lösen einander ab und stets bilden sich die jüngsten unerfahrensten Kunstjünger ein, beim Auftauchen irgend einer neuen Methode, welche die Erfinder rasch zu einem System potenziren und die Jünger blindlings als die ultima ratio fanatisch ergreifen, daß es ihnen endlich gelungen sei,. den Stein der Weisen zu erhaschen. So scharfsinnig die Ansichten und Hypothesen der naturphilosophischen Medicin eines Schelling, Marcus, Troxler, Malfatti, Kieser u. A. an sich sein mögen, und wirklich auch sind, der praktische Arzt möge sich immerhin mit ihnen vertraut machen, aber sich von ihnen nicht verleiten lassen; er muß den beherzigenswerthen anthropologischen Erfahrungssatz immer festhalten, daß man die Menschen je nach ihrem Temperamente, individuellen Bildungsgrade, Stande u. s. w. eben so verschieden wie die verschiedenen musikalischen Instrumente behandeln müsse, um auch am Krankenbette erfolgreicher mit ihnen zu verkehren; ganz anders muß der Schlag auf die türkische Trommel geführt werden als auf ein Tambourin; einen andern Bogenstrich erfordert der Contrebaß als die Violine u. s. w.“ Näheres zur Charakteristik dieses edlen Humanisten theilen unten die Quellen mit.

Weitenweber (Wilhelm R.), Aus dem Leben und Wirken des Herrn Dr. Johann Theob. Held. Eine Festschrift (Prag 1847, gr. 8°., mit Portr.). – Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst (von Hormayr) (Wien, 4°.) XVI. Jahrg. (1825), Nr. 4, S. 20: „Die Tonkunst in Böhmen“, von J. A. v. Rittersberg. – Dlabacz (Gottfried Johann), Allgemeines historisches Künstler-Lexikon für Böhmen und zum Theile auch für Mähren und Schlesien (Prag 1815, Gottl. Haase, kl. 4°.) Bd. I, Sp. 602. – Oesterreichische National-Encyklopädie, herausg. von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. VI, Suppl. S. 478 [nach [246] dieser geboren 1773]. – Schmidl (A. Dr.), Oesterreichische Blätter für Literatur, Kunst u. s. w. (Wien, 4°.) 1847, Nr. 233, S. 928. – Rittersberg (L.)[WS 1], Kapesní slovníček (Prag 1850, kl. 8°.) S. 622. [nach diesem geboren im Jahre 1773]. – Gerber (Ernst Ludw.), Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1812, Kühnel). Bd. II, Sp. 27. – Porträt. Ohne Unterschrift. Unter dem Bildesrand die bekränzte Leier, gekreuzt von dem schlangenumwundenen Aeskulapstabe. Lith. u. gedr. bei F. Sir in Prag, 8°. – Zur Charakteristik Held’s. Gleich vom Beginne seiner ärztlichen Praxis an hatte H. reichliche Gelegenheit die verschiedensten Nationalitäten kennen zu lernen, weil das Spital der barmherzigen Brüder in Prag alle männlichen Kranken ohne Rücksicht auf Nationalität und Glaubensbekenntniß aufnimmt. Hierbei erlangte H., den die Natur mit einem eminenten Gehörsinn beschenkt hatte, bald die besondere Fertigkeit, den größten Theil der deutschen Dialecte auf der Stelle, nach wenigen gewechselten Worten zu unterscheiden, so daß er binnen einigen Jahren beinahe mit Bestimmtheit zu errathen vermochte, aus welchem Winkel Deutschlands oder Oesterreichs der kranke Ankömmling gebürtig war. Auch kam ihm sein angebornes Nachahmungstalent zu statten, dem zufolge er nicht selten seine Conversation in demselben Jargon führte und dem dadurch vertraulicher gewordenen Kranken auf diese Weise gar manches Geständniß über die veranlassenden Krankheitsursachen, subjective Symptome u. dgl. m. zu entlocken wußte. Einen eclatanten Beweis dafür, in welch’ hohem Grade Held’s Gehörsinn durch musikalische Bildung gesteigert war, kann unter anderen folgende verbürgte Thatsache liefern. Held behandelte (es war im Jahre 1820) gemeinschaftlich mit dem ebenfalls gefeierten Prager Praktiker Professor Krombholz einen Nervenfieberkranken. Während bei der gemeinschaftlichen Consultation Krombholz den aufgetriebenen Unterleib des Patienten forschend precutirte, bemerkte der noch 6–8 Schritte vom Krankenbette entfernt stehende Held: „Heute ist der Meteorismus besser!“ – Krombholz versetzte schmunzelnd: „Wie weiß er denn das?“ – worauf Held ebenso kurz erwiderte: „Herr Musikus! nach dem Tone.“ Der selbst musikalisch geübte Krombholz, abermals zweifelnd schmunzelnd, wiederholte in seiner lakonischen Weise: „Nach dem Tone?“ und Held antwortete mit Bestimmtheit: „ohne Zweifel nach dem Tone; denn gestern resonnirte der gespannte Bauch D, heute C; daher heute weniger Spannung“. Das glänzendste Zeugniß aber, was H. als Mensch und Arzt gewesen, ist die auf Held den Todtgeglaubten entworfene Grabschrift. Im September 1799 verfiel H. in eine lebensgefährliche Krankheit und mit einem Male verbreitete sich die Nachricht von seinem Tode in Prag und von da nach Wien. Es wurden in Neupaka (am 7. October 1799) und auf Veranstalten seines Freundes Prof. Joh. Christian Mikan zu Wien in der Karlskirche Seelenmessen für den Todtgeglaubten gelesen und Mikan entwarf folgende Grabschrift auf Dr. Held: „Ohne Leitung | fand er den Weg zu Wissenschaften, | ohne Glücksgüter | war er über sie erhaben; | Vertraut | mit der Muse des Saitenspiels | und Gesangs | Kannte er den Werth reinen Vergnügens. | Seinem edlen und kraftvollen Geiste | machte des Herzens Güte den Rang streitig; | Tausenden war er Schutz wider verzehrende Krankheit. | Ihn selbst raffte frühzeitig ihre Wuth dahin.“ Wenigen Sterblichen dürfte es widerfahren, ihr Epitaphium, die Ankündigung der für sie abzuhaltenden Exequien und die eigene schriftliche Danksagung – denn als H. gesund geworden, bedankte er sich für diese Theilnahme – für diese, nach einem vermeintlichen Tode erwiesene Theilnahme und letzte Ehrenbezeigung zu einer Zeit zu erleben, welcher noch ein halbes Jahrhundert gemeinnützigen und rastlosen Wirkens folgte, um so zu sagen, den ihn Ueberlebenden sein Epitaph urkundlich hinterlassen zu können. –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Rittersberg (J.).