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BLKÖ:Fossati, Johann Anton Laurenz

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 4 (1858), ab Seite: 307. (Quelle)
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Fossati, Johann Anton Laurenz (Arzt und Phrenolog, geb. zu Novara in der Lombardie 30. April 1786). Sein Vater war Spitalsverwalter, der aber später sich auf das Land zurückzog und die Wirthschaft selbst betrieb. Der junge Fossati blieb bei seinem Onkel mütterlicher Seits, dem Pfarrer Ambros Baliana, der ihn studiren ließ; 1801 hörte er Philosophie, nach deren Beendigung 1803 er sich für das Studium der Chirurgie entschied. In Novara, damals Departemental-Hauptstadt, befand sich ein Lyceum nebst einem Cours medicin. Vorbereitungsstudien; daselbst besuchte F. die Vorlesungen der Prof. Branca und Deagostini, und nahm Zeichnenunterricht bei dem Ingenieur Orelli. Die politischen Bewegungen des Jahres 1798 mit den Regungen einer vorher nie gekannten Freiheit hatten auch den 12jährigen Knaben entflammt und für den Republikanismus begeistert; als nun Napoleon den bei seinem Eindringen in’s Land ausgesprochenen Ansichten entgegen sich 1805 mit einem Male zum Könige von Italien krönen ließ, faßte F. gegen ihn, von dem er die Erfüllung der von den sogenannten Patrioten seines Vaterlandes gehegten Hoffnungen erwartet hatte, nach solcher Täuschung einen unbesiegbaren Widerwillen. Im Alter von 16 Jahren (1802) verlor er den Vater, zwei Jahre später die Mutter, und [308] war nun mit noch fünf Geschwistern verwaist und auf ein unbedeutendes Erbe beschränkt, welches er der Erziehung seiner Geschwister widmete, und worin ihn sein Onkel, der Pfarrer, unterstützte. Im J. 1804 begab er sich nach Pavia, um seine Studien fortzusetzen. Nach Vollendung derselben erhielt er 1807 das Diplom eines Doctors der Chirurgie, im April 1809 jenes der Medicin und der freien Praxis. F. wurde nun mit Dr. Sacco dem General-Director der Vaccine bekannt und zugleich besuchte er im Frauenspital bei St. Katharina die Klinik Locatelli’s; Dr. Sacco hatte solches Vertrauen zu F.’s Tüchtigkeit, daß er ihm, als er 1811 eine große Geschäftsreise nach Baiern und Frankreich unternehmen mußte, seine Patienten, das Impfungsgeschäft und die Aufsicht über seinen Besitz übertrug. Später wurde F. Sacco’s Assistent im Civilspitale zu Mailand, übte aber, da der berühmte Chirurg Branca, der auch für F. eine große Vorliebe besaß, ihn stets zu wichtigen Operationen berief, auch die Chirurgie aus. 1812 wurde F. Assistent des berühmten Rasori, und allmälig sein Freund und Mitarbeiter bei den wissenschaftlichen Arbeiten. Die polit. Wirren des J. 1814 traten störend in das wissenschaftliche Wirken F.’s, wozu sich viel häusliches Unglück gesellte. Einer seiner Brüder wurde geworben und fiel im Kriege; eine liebliche Schwester erlag einem schleichenden Fieber, in Folge des Schreckens, der sie befiel, als sie unter ihren Fenstern einen Kampf von Soldaten der italienischen Garde mit Oesterreichern sah; der Gemal einer zweiten Schwester verlor beim Regierungswechsel seine Stelle und wurde brodlos. F. setzte seine Praxis in der Stadt und im Spital fort, mit Rasori, der indessen in der Festung Mantua, dann im kleinen Fort von Mailand gefangen gehalten wurde, einen wissenschaftlichen Briefwechsel unterhaltend. Als aber Strambio, Rasori’s Gegner, an dessen Stelle die Direction des Spitals erhielt, war für F., den Freund Rasori’s, und den Träger exaltirter Tendenzen wenig Aussicht in Mailand. Er führte nun sein seit längerer Zeit beschlossenes Vorhaben, nach Paris zu gehen, 1820 aus. Seine Verbindung mit Rasori, dem Reformator der medicinischen Studien in Italien, kam ihm in Paris gut zu Statten; nach seinen Instructionen ordinirten Laennec im Hospital Necker und Kapeller im Hospital St. Antoine Emetica, als Digitalis, Aconit, Gummigutti in starken Dosen bei Entzündungskrankheiten und in den äußersten Fällen mit Erfolg. Ein Zusammentreffen mit dem berühmten Dr. Gall veranlaßte ein innigeres Verhältniß zwischen beiden Männern; Fossati studirte die Wissenschaft seines Freundes, die Phrenologie, mit aller Liebe. Von seinem sterbenden Onkel in die Heimat berufen, kehrte F. dahin zurück, traf aber den Onkel bereits todt; nun bereiste er Italien, machte daselbst Galls Lehre bekannt und trat mit den Fachgelehrten seines Vaterlandes in wissenschaftlichen Verkehr. Nach seiner Rückkehr nach Paris 1825 ließ er sich als praktischer Arzt bleibend daselbst nieder, und eröffnete an der Pariser Universität Vorlesungen aus der Phrenologie. Zu gleicher Zeit war er einer der Redacteure der „Revue encyclopédique“, für welche er viel arbeitete und namentlich die Kenntniß der italienischen Literatur in Frankreich vermittelte. Nach Galls Tode schrieb er auch viel für die „Encyclopédie moderne“, darunter die Artikel: „Encéphale, Folie, Organologie“; im franz. „Dictionnaire de la Conversation“ die phrenologischen Aufsätze; F. war auch einer der Hauptbegründer der phrenologischen Gesellschaft zu Paris. Während [309] solcher wissenschaftlichen Beschäftigung blieb F. den politischen Bewegungen seines Vaterlandes nicht fremd, sein Haus war der Sammelplatz der sogenannten italienischen Patrioten, welche exilirt daselbst lebten, und als die Julirevolution ausbrach, bildete er die Société des Patriotes italiens, welche er aber bereits 30. Oct. 1830 auflöste, an ihrer Stelle die „Société centrale italienne“ stiftend. In dieser Gesellschaft wurden die Maßregeln neuer Erhebungen berathen und die letzteren organisirt. Der Ausgang dieser Umtriebe waren die italienischen Wirren im J. 1831, welche mit der Hinrichtung Menotti’s in Modena endeten. F. beschränkte nunmehr seine Thätigkeit ganz auf das Gebiet der Wissenschaft. Als praktischer Arzt wuchs sein Ruf, theils durch seine humanistische Weise, da er von den arbeitenden Classen seiner Patienten nie eine Zahlung annahm, theils durch seine Geschicklichkeit, worin ihn seine reichen Kenntnisse, seine Erfahrung und sein Scharfblick unterstützten. Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte er außer den bereits genannten folgende: „Del l’Epilepsia“, in der „Collezione dei opusculi scientifici di Bologna“ (Bologna 1826, 4°.); – „De la Nécessité d’étudier une nouvelle doctrine avant de la juger; application de ce principe à la physiologie intellectuelle“ (Paris 1827, 8°.); – „De l’Influence de la Physiologie intellectuelle sur les sciences, la littérature et les arts“ (Paris 1828); – „De la Mission du Philosophe an XIX. siècle et du caractère qui lui est nécessaire“ (Paris 1828); – „Manuel pratique de Phrénologie ou physiologie du cerveau d’après les doctrines de Gall, de Spurzheim, de Combe et des autres phrénologistes“(Paris 1845, mit Portr.). Auch hat F. des Georg Combe phrenologisches Werk unter dem Titel: „Nouveau Manuel de Phrénologie …“ aus dem Englischen übersetzt, mit vielen Zusätzen und Anmerkungen vermehrt (Paris 1835, 12 °.) herausgegeben. Seine zahlreichen in verschiedenen Zeitschriften zerstreuten phrenologischen Aufsätze begann F. 1856 zu sammeln, um sie unter dem Titel: „Questions sociales, philosophiques et politiques traitées d’après les principes de la physiologie du cerveau“, herauszugeben.

Biographie des hommes du jour ... par Germain Sarrut et B. Saint-Edme (Paris 1835, Krabbe, 4°.) V. Bd. I. Abth. S. 176. – Nouvelle Biographie générale ... publiée sous la direction de M. le Dr. Hoefer (Paris 1853) XVIII. Bd. Sp. 246.