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Bühnen-Erinnerungen/4. In den „böhmischen Wäldern“

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Textdaten
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Autor: Arno Hempel
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Titel: Bühnen-Erinnerungen
4. In den „böhmischen Wäldern“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 117–119
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Bühnen-Erinnerungen.


4. In den „böhmischen Wäldern“.


In einem schönen Sommer durchwanderte ich das an landschaftlichen Schönheiten reiche Nordböhmen. Die von Theodor Körner besungene Burgruine Schreckenstein war an einem heißen Nachmittage mein nächstes Ziel. Die Ruine, dem fürstlichen Hause Lobkowitz gehörig und von ihm erhalten, lohnt reichlich die Mühen einer Besteigung. Auf einer Felsenmasse gelegen, die keck in die Elbe vorspringt, bietet sie dem Wanderer einen herrlichen Tiefblick zum schönen Strom hinab.

Beim Durchblättern des Fremdenbuches fielen meine Augen auf eine höchst fragwürdige Gestalt, welche an einem etwas entfernten Tische Platz genommen hatte. Der Mann, der etwas Affenartiges hatte, begrüßte mich mit komisch-grinsender Freundlichkeit.

„Servus!“ –

Ich hatte eigentlich die Absicht, dem Grüßenden den Rücken zuzudrehen. Aber ein forschender Blick, den ich über ihn gleiten ließ, hielt mich davon ab. Ich war immer ein Freund von seltenen „Charaktermasken“. Das war eine.

„Servus!“ wiederholte der Mann nochmals freundlich grüßend und nickend. Ich antwortete ihm kühl:

„Guten Tag!“

„G’fallt’s Ihnen da heroben?“

„O ja!“

Meine neue Bekanntschaft zog ein nichts weniger als sauberes Papier aus der Tasche eines wenigstens dreißig Jahre alten schwarzen Frackes und entfaltete den Inhalt, Brod und Käse, auf seinem Schooße, der durch das enge Zusammendrängen von zwei mageren Beinen gebildet wurde. Diese Beine steckten in schottisch carrirten Pantalons. Ich wähle mit Absicht dieses Fremdwort, denn es bezeichnet einen schon längst aus der Mode gekommenen Beinkleiderschnitt. Nachdem der Mann, mir fortwährend freundlich zugrinsend, seinen Tisch arrangirt hatte, zog er eine sonderbare Mütze mit auffallend breitem Schirm vom Haupte und lüftete ein wenig das alte, schwarze Tuch, welches er um den Hals trug.

„Guten Appetit!“ rief ich ihm zu.

„Ich dank’.“ – Stöhnend fügte der Mann hinzu: „Wann ma jetzt a Pilsener hätt’, bei derer Hitz’!“

Ich rief den Wirth und bestellte „zwei Bier“.

Der schwarze Frack und die schottisch Carrirten erhoben sich und das Gorilla-Antlitz ihres Trägers verzog sich unsagbar komisch. Das Original fuhr mit seiner breiten, braunen, knochigen Hand durch den schwarzgrauen Haarwald, welcher sich bis in den Nacken erstreckte, strich sich dann wohlgefällig das blauschwarze, unrasirte Gesicht, in welchem eine platte Nase saß, und sprach:

„O, i bitt’ Ihnen.“

Dann begann der Kauz Brod und Käse zu vertilgen. Der Wirth brachte das Bier.

„Prosit!“

„G’seg’n’s God!“

Ich beneidete den Mann um die Kehle. Als ob sich das von selbst verstünde, rief er den Castellan zurück und übergab ihm das geleerte Glas zu neuer Füllung, indem er mit freundlichem Gesichterschneiden auf mich zeigte.

„Euer Gnoden san ka Oestreicher?“

„Nein!“

„Aber a Deitscher san Euer Gnoden?“

„Ja!“

„Hm, hm!“ nickte er und nahm einen manierlichen Schluck. Nach einer kleinen Pause, die das Geräusch seiner langsam zermalmenden Kinnladen ausfüllte, fragte er plötzlich: „Euer Gnoden verzeih’n – was san denn Euer Gnoden?“

„Reisender.“

„Hm! – Sunst nix?“ – Die Sache fing an mir Spaß zu machen.

„Sonst? Nicht viel! Es ist zwar keine Schande, aber schön ist’s auch nicht von mir.“

„Wie meinen Euer Gnoden?“

„Ich bin Schauspieler.“

Mit affenartiger Geschwindigkeit schoß das Original in die Höhe und saß dann plötzlich dicht neben mir auf der Bank. Der komische Kauz streckte mir seine Hand entgegen, und als ich diese, wegen der daran haftenden Mahlzeitreste, mißtrauisch beobachtete, rief er freudig:

„Schlagen’s ein! Ich hob’ mir gleich so was denkt. Ich bin der Theaterdirector Pospischil.

Alle Achtung! – Ich hatte schon viel gehört von den böhmischen „Schmierendirectoren“ und von dem Treiben der böhmischen „Schmieren“ überhaupt. Auf diese Wirklichkeit war ich indessen doch nicht gefaßt. Diese Wirklichkeit verwirrte mir die Sinne, und mit befangener Verwirrung schlug ich ein in die dargebotene Rechte des Mannes und sprach halblaut und mechanisch:

„Sehr angenehm, Herr Director!“

Das freudestrahlende Ungethüm hielt meine Hand fest zwischen seinen breiten, braunen „Bratzen“, wie man dort zu Lande sagt.

„Ah, schau’n S’ – dös g’freut mich. Schau, schau! Ein Herr Collega von der Kunst! Hab’ mir’s glei’ denkt. Unserans kennt sich aus als alter Director. Hab’s glei’ g’wittert – die Schminken, die Schminken!“

Es war so viel Herzlichkeit in der naiven Art des böhmischen Schmierendirectors. Mein Unwille gab sich ihr gefangen. Ich befreite meine Hand nach einem freundschaftlichen Drucke aus der gefahrdrohenden Umklammerung des Naturmenschen. Saß doch da vor mir eine der Gestalten der Ur-Hygieine, welche die „Fliegenden Blätter“ mit so köstlichem Humor gezeichnet haben. Freundlich fragte ich, nachdem ich noch weiteres Bier bestellt hatte:

„Wo spielen Sie denn gegenwärtig, Herr Director?“

„Gar net weit von hier. In Schönprießen bei Aussig. Ich sag’ Ihnen – ein feiner Ort!“

„Haben Sie heute Vorstellung?“

Wissen S’, Herr Collega, bei derer Hitz’ und dem schönen Wetter spüll’n ma nur mehr drei Mal in der Wochen. Morg’n wird g’spüllt. Morg’n san ‚Die Raiber’.“

„‚Die Räuber‘?!“

„Ja. Die Schillerischen. Kummen S’ doch aussi zu uns, Herr Collega, morg’n Abend! Ich sag’ Ihnen, es wird beim alten Pospischil a guete Kumedi g’spüllt. Und g’rad’ jetzt mit mei’m Gast!“

„Wer gastirt denn bei Ihnen?“

Herr Director Pospischil zog ein merkwürdiges Gesicht und wiegte nachdenklich den Riesenschädel.

„Ja, schau’n S’, Herr Collega, wer mei’ Gast eigentlich is, weiß ich so genau selber net. Er is vor fünf Täg’ zug’reist und hat bei mir ang’fragt, ob ich ihn net spüll’n lassen wollt’. Unter uns – er schaut eigentlich nicht aus wie a ‚Gast‘; er hält halt nix auf’s Aeußere; er is sehr desolat.“

Daraufhin mußte ich mir das Costüm Pospischil’s doch noch einmal genauer ansehen. Dieser begriff instinctiv, was ich mit meinem fragenden Blicke sagen wollte, und sprach mit einer Art Verschämtheit:

„O, Herr Collega, mich dürfen’s so genau nit darauf anschau’n. Ich bin an alter Kerl, an die Sechszig, und seit dreißig Jahrl’n Director. Ich bin a gueter Kerl, und wann meine Leut’ schlechte Zeiten haben, siecht ma’s z’erst an mir. Und dann hab’ ich auf meine alten Täg’ eine Dummheit begang’n, daß ich alle Stund’ a paar Mal mei paladatschetes G’fries mit Watschen regalir’n möcht’.“

„So?“

„J–a!“ seufzte Pospischil in langgezogenem Tone. „Schaun’s, Herr Collega, so an alter Dalk, wie ich war. Kummt da vor zwei Jahr’n a erschte Liebhaberin zu mir, das heißt – eigentlich war’s damals nur a Kindermädchen aus Dresden, was die Herrschaft in Karlsbad davongejagt hatte – also die kam zu mir. Ich sag’ Ihnen, Herr Collega, eine famose Schauspielerin! Was soll ich lang’ reden; ich wollt’ sie mir festmachen und hab’s geheirath’t.“

„Ah!“

[118] „J–a!“ seufzte Pospischil wiederum mit Nachdruck. „Wissen’s, Herr Collega, es war a dalketer Streich. Vierzehn Täg’ nach der Hochzeit fängt der Liebhaber an, um mei braves Weib herum zu manövriren. A bildsauberer Bub’ is’s – dös mueß i’ sag’n. Er war ehnder Tubabläser in einer Regimentsbanda. Aber was z’ vüll is, is z’ vüll. Mei braves Weib läßt sich fangen und wendet Alles an ihn. Vor vier Wochen hat’s mir alle acht Oellampen verkauft und hat ihm für den Erlös a paar Kravatteln zum Präsent g’macht. Ich hab’ keine Ahnung davon, und als ich Abends die Lampen richten will zur Kumedi – san’s alle pritsch, und ich mußt’ die Leut’ eingetretener Hindernisse wegen wegschicken.“

Ich mußte lachen. Pospischil war ein höflicher Mann. Er lachte mit.

„Aber Ihr Gast?“ fragte ich dann.

„Ich komm’ schon d’rauf. Vor fünf Täg’ ungefähr mach’ ich a kurze Permissionsreis’n in a Dorf, was vier Stunden entfernt ist. Ich komm’ nach Haus – und was glauben der Herr Collega? Ich tret’ in meine Stub’n – steht, mei erster Liebhaber d’rin und küßt mei braves Weib. ‚Herr,‘ schrei’ ich, ‚das is Mißachtung der Direction; das kost’t einen halben Gulden Straf’‘ – da thut sich die Zimmerthür auf und herein tritt der Mensch.“

„Wer? – Ihr Gast?“

„Ja. Er lacht unbändig über mei wüthendes G’fries und declamirt was. Was’s war, hab’ i’ nöt verstand’n. Dann fragt er, ob ich ihn nöt möcht’ gastir’n lassen. Ich schau’ ihn von oben bis unten an und gieb ihm zu verstehen, er schien’ mir auch der rechte ‚Gast‘ zu sein. Da wird er grob, und meint’, ich solle mit einem Hofschauspieler anders umgehen. Ergo: ich lass’ ihn vorgestern spüll’n – den Holtei’schen Hansjürgel. Ich sag’ Ihnen, Herr Collega, der Kerl hat den Teufel im Leib’. So was von Kumedi hab’ ich noch nicht gesehen. Aber – unter uns –“

„Nun?“

„Ich glaub’ –“

„Was?“

„Er sauft.

„So?“

„Ja. Aber a Capitalkerl is er. Morg’n Abend spielt er den Franz. Schau’ sich der Herr Collega morg’n Abend mei’m Gast an! Er spüllt a ganz sonderbare Kumedi.“

Der „Gast“ begann mich zu interessiren. Ich sagte zu.

„Geh’n der Herr Collega mit nach Aussig z’ruck?“

„Ich bleibe noch ein Stündchen hier. Auf Wiedersehen, Herr Director!“

„B’hüet’s God derweil!“

Director Pospischil schüttelte mir sehr herzlich die Hand und ging. Ich suchte mir ein bequemes Plätzchen. Der Vollmond stand schon lange als blasse Scheibe am Himmel. Die Abendschatten wurden tiefer und tiefer, der Mond heller und heller. In der jäh abfallenden Tiefe glänzte, mild beleuchtet, der Strom; die Sterne zweiter und dritter Größe wurden sichtbar; kein Lüftchen regte sich; unten verfolgte ein verspäteter Dampfer seine Bahn; war es ein Wunder, daß meine Gedanken ganz der herrlichen Natur gehörten und nur dann und wann Pospischil’s „Gast“ sich als lösenswerthes Räthsel in den Genuß drängte?

Die späteren Abendstunden des folgenden Tages fanden mich auf der Landstraße, welche von dem Städtchen Aussig nach dem nahen Dorfe Schönprießen führt. Mit Absicht hatte ich die späte Stunde gewählt. Es lag mir zunächst nichts daran, Pospischil’s Bekanntschaft zu erneuern oder die seiner Mitglieder zu machen. Ich rechnete darauf, daß die „Kumedi“ schon begonnen habe. Ich hatte mich nicht getäuscht. Als ich in den kleinen engen Saal des Dorfwirthshauses trat, wurde bereits „gemimt“. Ich drückte mich still in eine Ecke; denn ich habe es noch nicht gelernt, die Entwürdigung der Kunst heiter hinzunehmen. Der gerade bei meinem Eintritte gefallene Vorhang hob sich unter Schwierigkeiten wieder. Die Wirthshausscene des ersten Actes begann. Karl Moor trat auf und leistete in Bezug auf Verständnißlosigkeit und Gebrüll etwas, wie ich es nur noch einmal in gleicher Güte an einem großen Hoftheater gesehen habe. Uebrigens war Karl Moor wirklich „a bildsauberer Bub’“, höchst wahrscheinlich der vielgeliebte frühere Tubabläser. Der Rest ist Schweigen. Ich hätte mich gern schon jetzt entfernt. Der noch zu erwartende „Gast“ fesselte mich indessen.

Der schwermüthige Vorhang hob sich. Der zweite Act begann. Franz saß, den Kopf in die Hand gestützt, am Tische. Der berühmte Monolog vom „Arsenal des Todes“ begann.

Es ist ein eigenes Ding um die Wechselwirkung zwischen Darsteller und Zuschauer. Wer erklärt die ungeheure Macht des genialen Menschendarstellers? Der Franz da oben war ein Genie. Man vergaß die überreife Persönlichkeit; man vergaß das etwas mitgenommene Organ. Man empfand so manche Sonderbarkeit nicht – es war eben eine geniale Darstellungsweise. Ich mußte den Schauspieler, der dort auf dem „Nudelbrett“, wie die Komödianten eine sehr kleine Bühne nennen, agirte, schon irgendwo gesehen, ja bewundert haben. Vor Jahren allerdings. Ich suchte und suchte in meinem Gedächtniß. Endlich hatte ich’s. Der Schauspieler, der da oben mit allen Zeichen eines Rausches Komödie spielte, war der geniale Wilhelm Kl… – Die mir gewordene Klarheit hatte etwas Entsetzliches für mich. Ich hatte keinen Sinn mehr für die Vorstellung. Der elende Unsinn der Darsteller berührte mich nicht. Ich sehnte mich nach dem Ende, denn ich mußte den „Gast“ sprechen. Als der Vorhang, besser das Leichentuch, über dem nichtswürdig zerfetzten und umgebrachten Stücke gefallen war, drang ich hinter die Coulissen. Ich rannte den freundlich grinsenden Pospischil fast über den Haufen, kümmerte mich nicht im Geringsten um die boshaften Bemerkungen der Komödianten, welche mich in allen Dialecten umschwirrten – ich suchte nur den „Gast“ und nahm ihn in Beschlag. Wie ich es fertig brachte, nach so kurzer Zeit mit Wilhelm Kl… in einem Privatstübchen des Wirthes bei einer guten Flasche zu sitzen, weiß ich heute noch nicht. Genug, wir saßen bei einander, und mein sonderbares energisches Vorgehen hatte wenigstens ein Gutes bewirkt: es hatte den erstaunten „Gast“ so ziemlich ernüchtert.

„Mensch, wie kommen Sie hierher?“ fragte ich etwas ungestüm.

Kl… warf mir einen aus Hohn und Wehmuth gemischten Blick zu und meinte:

„Es ist allerdings eine etwas sonderbare Umgebung für einen ehemaligen Hofschauspieler. Indessen,“ er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und that einen tiefen Zug aus dem Glase, „es wird ja überall mit Wasser gekocht.“

„Allerdings. Aber kann Ihnen dieses schauerliche Trostwort der Mittelmäßigkeit genügen?“

„Was wollen Sie? Doch lassen wir das! Erklären Sie mir lieber, wie es kommt, daß so viele geistig gut ausgestattete Menschen dem Fatalismus zuneigen. Ich bin – vielleicht leider! – immer Fatalist gewesen.“

Sonderbar! Der Mann litt noch an den Folgen seines Rausches und sprach doch klar und vernünftig. Er fuhr fort:

„Die Umgebung wäre noch das Wenigste. Erbärmlichkeit und Dummheit finden Sie zur Genüge auch an den ersten Bühnen.“

„Leider. Aber –“

„Hören Sie mich zu Ende! Hier, in diesen Verhältnissen, weiß man doch, daß man es mit der nackten Dummheit zu thun hat. Aber oben, bei den ‚großen‘ Bühnen ist die noch hassenswerthere überfirnißte Dummheit zu finden. Hier hat man es mit der meist gutherzigen Rohheit, dort mit der katzbuckelnden, kriechenden Gemeinheit zu thun. Hier fehlt das Geld, um das äußerlich Erträgliche herzustellen; dort rinnen die Tausende durch hundert Hände, die auch nichts Gescheidtes zu Stande bringen.“

„O, o!“

„Gewiß!“ fuhr er heftig fort. „Ich kenne das genau. Hier freuen sich die armen Komödianten wie das Kind auf’s Weihnachtsfest, wenn ihr Director einmal ein neues Stück ergattert; dort ist der Schlendrian in Permanenz. Dem rohen Karl Moor pocht hier das Herz bei seiner urwüchsigen Komödie; dort wird Ihnen Beamtenkomödie vorgespielt, und wenn Sie ein genauer Kenner sind, können Sie dem Betreffenden an der Art seiner Darstellung gleich ansehen, wie viel Tausende er Gage hat. Hier ist das Kammerkätzchen froh, wenn es ein [119] nettes und reines Kattunkleid tragen darf, dort zieht sich das einfachste Bürgermädchen im Laufe des Abends sechs Mal um, nur um die neuen Stoffkleider zu zeigen. Hier ist die allmächtige Reclame, hier ist die bezahlte Claque eine unbekannte Größe; dort –“

Er schwieg mit einer letzten spöttischen Bemerkung und that einen zweiten starken Zug. Seine Augen blickten hell und geistvoll. Es that ihm sichtlich wohl, in dieser Unterhaltung einmal das ihn umgebende Elend zu vergessen. Vielleicht suchte er auch mit den dramaturgischen Spitzfindigkeiten, die er nun vor mir entwickelte, sich vor sich selbst zu entschuldigen, daß er sich hier befinde. Eine geistvolle, wenn auch allzu schwarz gemalte Schilderung der gegenwärtigen Theaterverhältnisse schloß er mit den Worten: „Schlendrian, Dummheit, Frivolität und Reclameschwindel, das sind die hervorragenden Eigenschaften des gegenwärtigen deutschen Theaters. Hier wie dort – es wird überall mit Wasser gekocht.“

Kl…’s Hände führten wiederum das Glas zum Munde. Seine Absicht, sich gewissermaßen zu rechtfertigen, erreichte er nicht bei mir. Ich empfand nach dem Gehörten noch viel tiefer das entsetzliche Gefühl, einen solchen Menschen in solcher Lage zu sehen.

„Sie gewinnen mich nicht!“ sagte ich ihm. „Um der Scylla des Parquets zu entgehen, wirft man sich nicht in die Charybdis der Pfütze.“

Er antwortete nicht. Wir schwiegen eine Weile. Dann fragte ich: „Lieber Kl…, Sie können doch ein offenes Wort ertragen?“

„Ich denke.“

„Wissen Sie, wem Sie gleichen?“

„Nun?“

„Dem Fuchse in der Fabel von den sauren Trauben.“

Er sah mich scharf und unwillig an. Ich hielt den Blick ruhig aus und fuhr fort:

„Erzählen Sie mir, was Sie wollen! Sie sind doch unglücklich, hier zu sein. Sie empfinden den Zwiespalt, ein großes Talent, vielleicht gar ein Genie, aber niemals ein Charakter gewesen zu sein, doch recht drückend. Ich habe mich immer bemüht, für meine Mitmenschen ein entschuldigendes Verständniß zu haben – dieser Zwiespalt ist Ihr ganzes Unglück.“

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und stützte dann den Kopf in beide Hände. Ohne mich anzusehen, murmelte er halblaut:

„Um mich haben ein Dämon und ein Engel gekämpft. Der Engel – mein Weib – unterlag im Kampfe. Seit dem Tode meines Weibes bin ich ein schwankendes Rohr im Winde, ein meiner Leidenschaft willenlos hingegebener Mensch. Es ist zu spät zu Besserungsversuchen. Die Sache wird ja bald das übliche Ende haben. Meinen Sie nicht, daß mir der wohlbekannte Platz hinter dem Zaune aufgehoben bleibt für alle Fälle?“

Ich brachte kein Wort über die Lippen.

„Mein armes Weib!“ rief er plötzlich mit tiefem, innigem Gefühl, indem er die thränenvollen Augen mir zuwandte. „Wäre sie mir geblieben! Ihr milder Zuruf hätte mir bis an’s Ende bleiben sollen, dann –“

Er trank hastig.

„Haben Sie eine Ahnung davon, wie’s kommen kann, daß ein Weib eine solche Macht gewinnt über einen so leidenschaftlichen Menschen, wie ich es bin? – Ich will Ihnen ein Nachtstück in Callot’s Manier erzählen.“

„Da ist ein Mann,“ fuhr er nach einer Pause fort, „der sein Weib, die Mutter seiner Kinder, herzlich liebt. Das geliebte Weib duldet und schweigt, bleibt immer die aufopfernde, sorglich mahnende Gattin. Die unedle Leidenschaft des Gatten erpreßt ihr in einsamer Nachtstunde manche Thräne. Sie verbirgt ihre Thränen, soviel wie möglich, vor dem reizbaren Gatten. Da stirbt dem Paare ein Kind. Noth herrscht im Hause. Verzweiflung und Reue treiben den Vater, wie so oft, zur Flasche. In später Nachtstunde kehrt er berauscht heim. Schwankenden Ganges betritt er das Zimmer, während im anstoßenden Gemache die trostlose Mutter einsame Thränen dem geschiedenen Lieblinge nachweint. Da – ein Fall – ein Krach – ein Schrei – die entsetzte Mutter eilt mit der brennenden Lampe herbei und sieht – den Vater ihres Kindes, sinnlos berauscht, auf dem offenen, kleinen Sarge liegen, der die sterblichen Reste enthält und den der Unselige in bewußtlosem Falle mit sich niedergerissen hatte.“ –

Lange Zeit herrschte tiefe Stille zwischen uns. Mit erstickter Stimme sprach Kl… dann:

„Seit dieser Nacht lenkte mich mein engelgleiches Weib mit einem Worte. Begreifen Sie nun, was ich ohne sie geworden bin?“

Er leerte das Glas.

„Gute Nacht!“

Er reichte mir die Hand und bat mich, zu bleiben. „Ich wohne in der Nähe und –“ mit eigenthümlicher Betonung schloß er – „ich brauche heute Abend keine Begleitung.“ –

Tief erschüttert kehrte ich in früher Morgenstunde nach Aussig zurück. Den braven Pospischil habe ich nicht wieder gesehen. Kl… ist vor nicht langer Zeit im Krankenhause einer kleinen norddeutschen Residenz gestorben. Ein genialer Schauspieler, ein tüchtiger Lustspieldichter ist mit ihm dahingegangen. Schlummere friedlich, Du vom Dämon Gejagter!

Arno Hempel.