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Aus meiner Pilgertasche/2. Herr von Senkenberg

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Textdaten
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Autor: Ferdinand Freiherr v. Biedenfeld
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Titel: Aus meiner Pilgertasche/2. Herr von Senkenberg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 435–436
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[435] Aus meiner Pilgertasche. Von Freiherrn v. Biedenfeld. Nr. 2. Herr von Senkenberg, der von seinem kleinen Gute bei Pforzheim oft in mein väterliches“ Haus kam und durch seine Frau mit uns in ferner Verwandtschaft stand, hatte mich für einige Tage nach Baden-Baden mitgenommen, wo damals zu dem jetzigen Glanz und Rumor noch gar viel fehlte. Ich war regierender Tertianer und wurde von drei Leidenschaften beherrscht: Vögel schießen und Schmetterlinge schonend fangen, daß mein Vater solche ganz naturgetreu malen konnte; Flöte spielen auf dem schönen Instrumente, welches Kammermusikus Ehrhardt in Karlsruhe für meine einzige linke Hand erfunden und gemacht hatte, und in irgend einem einsamen Winkel Schiller’s, Hölty’s, Salis’, Matthison’s Gedichte mit wahrer Andacht lesen. Ich liebte das einsame Herumstreichen, gewöhnlich ausgerüstet mit Allem zu abwechselnder Pflege dieser drei Passionen. Der alte Waidmann hatte meiner Schießlust ein würdiges Ziel angewiesen: ein dichtes anmuthiges Hölzchen am Abhange des Schloßberges, worin eine ganze Familie von Dorndrehern (Lanius minor) hauste und mit Vertilgung aller kleinen Sänger des Waldes drohte. Die Jagdlust gegen diese Wütheriche spiegelte sich in lebendigen und bilderreichen Träumen, erweckte mich vor Tagesanbruch, trieb mich unwiderstehlich hinaus. Die Jagd fiel äußerst glänzend aus: nach einigen Stunden des Rennens, Schießens, Laufens hatte ich drei der Mörder in der Tasche und fühlte mich unendlich glücklich in allerlei wachenden Träumen, Ich lehnte die Flinte an eine Eiche, ließ mich daneben auf einer Rasenbank nieder, blies „Freut euch des Lebens“ und „Guter Mond, du gehst so stille“ auf meiner Flöte, vertiefte mich alsdann in Schiller’s Gedichte und schlummerte am Ende der Götter Griechenlands selig ein.

Plötzlich weckte mich eine rauhe Stimme aus den süßesten Träumen, erschrocken fuhr ich empor, verstand noch halb im Dusel die Worte: „Aha, Herr Wilddieb, haben wir Dich!“ und vor mir stand in grauer Pikesche und mit grauer Mütze ein wohlbeleibter, stattlicher Mann von Mittelgröße, dessen Auge aus dem runden Gesicht auf mich herab wetterleuchtete, während seine Rechte mein Gewehr erfaßt hatte. Unwillkürlich fuhr ich danach, es ihm zu entreißen, aber er zog es rasch zurück und grollte:

„Damit ist’s nichts, junger Herr, Wilddieben nimmt man ihre Gewehre.“

„Ich bin kein Wilddieb, ich habe nur ein paar Dorndreher geschossen.“

„Dorndreher? Was ist denn das für ein Wild?“

„Da liegen sie ja, sehen Sie selbst,“

Beim Anblick der kleinen Vögel schnurrte er mich noch zorniger an:

„Wie, Bösewicht! Wir danken dem lieben Gott, daß er uns den Busch mit Singvögeln bevölkert hat, und Du läufst herum, die lieben Thierchen zu morden.“

„Die Dorndreher sind ja keine Singvögel –“

„Was sind sie denn anders?“

„Raubvögel, welche unsere kleinen Singvögel fressen, wenn man nicht sie selbst vertilgt. Da sagte mir nun der alte Förster, ich sollte früh Morgens hierher gehen und die Dorndreherbrut wegschießen, also darf man mir meine Flinte nicht nehmen.“

„Da hast Du sie wieder, ich wollte Dich nur erschrecken. Der alte Förster ist ein kluger Mann und Du scheinst ein braver Junge zu sein Aber wem gehörst Du?“

Ich nannte ihm meinen Namen.

„Dein Vater ist also der Major und Kammerherr in Karlsruhe?“

„Ja!“

„Das ist mir lieb, wir sind recht gute Freunde. Aber sage mir, wo steckt denn der Bursche, der Dir die Flinte ladet?“

„Ich lade sie selbst.“

„Du ladest sie selbst, armer Junge? Mit einem Arme?[1] Nun, das laß mich einmal sehen.“

Nicht auszudrücken vermag ich, wie wunderbar sich indessen seine Blicke, seine Züge, seine Stimme verändert hatten. Unaussprechlich rührend klang das „armer Junge!“ zwischen den Worten des heitern Wohlwollens hervor, sein Auge ruhte so wehmüthig und liebevoll aus mir, sogar die flachen silbernen Ohrringe, welche mir anfangs so seltsam vorgekommen, erhöhten nun den eigenthümlichen Eindruck dieser herzgewinnenden Erscheinung, – Mechanisch lud ich das Gewehr, wie gewöhnlich, sehr schnell. Er sah mir eifrig zu.

„Sehr gut! Und wie machst Du es mit dem Schießen?“

Ich zeigte ihm auch diese einfache Manipulation.

„Wer hat Dir das Alles gelehrt?“

„Niemand, ich habe es von selbst so gelernt.“

„Merkwürdig! Und dabei wollen die gelehrten Herren dem Menschen den Instinct absprechen. Hast Du, außer Deinen Dorndrehern, auch schon anderes Wild geschossen?“

„Ja, Hasen und Hühner und Wachteln.“

„Du bist ein ganzer Kerl! Aber,“ fuhr er lachend fort, „was thust Du denn mit der Flöte hier? Wartest Du auf einen Cameraden, der Dir was vorblasen soll, wenn Du da in dem Buche studirst?“

„Ich blase mir selbst etwas vor, es klingt so hübsch in den Büschen und Bäumen.“

„Du selbst, mit einer Hand?“

Er wendete und betrachtete die Flöte nach allen Seiten mit tiefem Sinnen, schüttelte zweifelnd mit dem Kopfe und reichte mir die Flöte mit den Worten:

„Seltsam! So etwas muß man selbst sehen, wenn man es glauben soll. Thu’ mir den Gefallen und blase mir eins, was Dir gerade einfällt.“

Mir fiel das „Blühe, liebes Veilchen“ ein und ich blies es mit der vollsten mir angeborenen Wärme. Er schien ebenfalls von dieser einfachen Melodie tief ergriffen zu sein, nahm mich am Kopfe, küßte mich auf die Stirn und sagte herzlichst:

„Nun, ein Veilchen bist Du eben nicht, aber blühe so fort, Du glücklicher Junge!“ Von der Rührung sich aufraffend, fuhr er hastig fort:

„Du Tausendkünstler, wie geht es denn mit dem Schreiben?“

[436] „Es geht sehr leicht; aber das kann ich Ihnen hier nicht zeigen, ich habe nichts zum Schreiben bei mir.“

„Mir geht’s auch so; nun, kommt Zeit, kommt Rath. Ich muß jetzt ohnehin wieder nach Hause, sonst glauben am Ende meine Leute, ich sei verloren gegangen. Wie lange bleibst Du noch hier?“

„Bis heute Nachmittag, da nimmt mich Herr von Senkenberg wieder mit nach Karlsruhe.“

„Heute schon? Hm, da sehen wir uns ein anderes Mal wieder. Apropos, bringst Du denn Deinen Schwestern von hier etwas mit?“

„Dazu hat mir der Vater kein Geld gegeben.“

„Alle Hagel, das ist garstig von dem Vater So nimm Geld von mir und kaufe Deinen Schwestern etwas recht Hübsches.“

Dabei hatte er aus der Westentasche eine Portion Geld geholt und reichte mir es freundlich hin Verlegen schob ich die Hand auf den Rücken, erröthete über und über, es verdroß mich, daß der fremde Mann mir Geld anbot. Lachend holte er meine Hand vom Rücken hervor, drückte mir das Geld hinein und sprach:

„Brauchst nicht krebsroth zu werden, von mir kannst Du das Geld schon annehmen; sage Deinem Vater nur, der König Max von Baiern habe Dir’s gegeben und lasse ihn schön grüßen. Glückliche Reise!“

Ich stand eine gute Weile ganz verblüfft und regungslos in dem ehrfurchtsvollen Schrecken, diesem munteren, liebevollen König Max, von dem mein Vater mir so viel erzählt hatte, so ungenirt gegenüber gewesen zu sein. Endlich packte ich meine sieben Sachen zusammen, ging verdutzt nach Hause und erzählte dem guten Herrn von Senkenberg, was mir im Wäldchen widerfahren. Er tröstete mich mit den Worten:

„Dem König Max gegenüber braucht’s kein Katzenbuckeln, er gibt sich natürlich, wie er ist, und liebt auch Offenheit und Natürlichkeit im Umgange mit Anderen. Der König hat in ihm den Menschen nicht verdrängt, sondern veredelt, und Anderen Freude machen ist seine größte Freude.“

König Max vergaß mich nicht. Als er wieder in unser Land kam, ließ er mich rufen: ich mußte bei ihm schreiben, Federn schneiden, Bleistifte spitzen, besonders aber belustigte er sich daran, wie ich mit Hülfe der fünf Finger und der Zähne mir die Halsbinde umlegte, wollte es nachmachen und brachte es nicht zu Stande und schilderte bei der Tafel sehr jovial seine königliche Unbehülflichkeit gegenüber dem Raffinement meines Instinctes, der mir alle Dinge leicht machte.

Lebhaftest ergötzte er sich über die Schilderungen einiger Carricaturen von Lehrergestalten am Lyceum und über die lustigen, freilich eigentlich betrübenden, Vorfälle zwischen ihnen und den ausgelassenen Schülern, deren manche heutzutage, dem Himmel sei Dank, für durchaus unmöglich gelten würden.

Später sah ich den freundlichsten aller Könige niemals wieder; aber trennen kann ich mich von ihm nicht ohne die Erzählung eines Zuges seines königlichen Hanges, in heiterer Weise Freude zu machen, zu überraschen.

Mein Vater war für ernstere und tiefere Studien geboren, jedoch in der Pagerie zum Officier damaligen Zuschnittes und zum Hofcavalier erzogen, auch bald Officier, aber dabei nicht reicher, geworden. Dieser oft so verhängnißreiche Widerspruch zwischen Natur und Erziehung brachte bei ihm keine unglücklichen Folgen, Den Müßiggang als einen der ärgsten Menschenfeinde fassend und stets vom Bedürfniß irgend einer geistigen Anregung gedrängt, beschäftigte er sich in allen dienstfreien Stunden mit Zeichnen und Malen nach der Natur, mit Vogel- und Blumenzucht, mit dem Studium von Werken über Physik und Chemie, was ihn oft trostlos stimmte, weil er Manches darin nicht verstand. Im Dämmerstündchen erfrischte er sich mit seiner Violine und später las er der arbeitenden Frau und Schwiegermutter irgend einen Roman vor, häufig erst, wenn er uns Kinder beseitigt hatte, weil er uns kein Romanzeug in den Kopf setzen wollte. Auswärts bestand sein einziges Vergnügen in der kleinen Jagd mit dem Hühnerhunde. Bei dem Allen kamen denn mitunter harmlose Schrollen und Seltsamkeiten zum Vorscheine.

So hatte er sich einmal in den Kopf gesetzt, durch Erziehung und Macht der Gewohnheit die Natur der Insectenfresser überwältigen und sie mit pur vegetabilischer Nahrung fortbringen zu können, worüber seine schönen Grasmücken, Nachtigallen u. s. w. eingingen. Ein anderes Mal verfiel er auf den Gedanken, die heterogensten Vögelgattungen zur Vermischung zu bringen, woraus ihm nur Aergerniß erwuchs. Das Abstehen des Ultramarins an seiner vortrefflich gemalten Schmetterlingssammlung brachte ihn auf den lustigen Gedanken, sich selbst echten Ultramarin zu bereiten, und zwar aus Silber. Er studirte hiernach eifrigst einige Schriften über Ultramarinbereitung, versah sich mit den nöthigen Utensilien und Ingredienzien und verwendete dabei eine Portion der alten silbernen Löffel, welche gelegentlich durch neue ersetzt werden sollten.

Meine vortreffliche Mutter, welcher das männliche Rumoren in der Küche, der Geruch von Scheide- und Königswasser schon ein Gräuel gewesen, hatte sich völlig entsetzt über eine so abenteuerliche Anwendung der Silberlöffel, und darüber bei ihren vertrautesten Freundinnen sich ausgelassen. Diese hatten es wieder bei Hofe erzählt, und König Max hatte sich die lustige Geschichte auf seine Weise ad notam genommen. Am andern Tage sendete er meinem Vater ohne alle weitere Bemerkung als „zum Ultramarinmachen!“ ein Dutzend silberner Löffel in schönem Etui und 12 Flaschen Champagner, statt der gewöhnlichen Etikette mit der Aufschrift „echtes Königswasser“ versehen; zugleich aber meiner Mutter eine mächtige Portion des kleinen Zuckerbackwerks, welches in Karlsruhe „Geduldstäfelchen“ genannt wird.





  1. Herr v. Biedenfeld hat nur einen Arm. D. Redact.