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Aus einer Wahlversammlung in London

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Titel: Aus einer Wahlversammlung in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 227–228
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus einer Wahlversammlung in London.

Das vereinigte Königreich Großbritannien (England, Schottland, Wales und Irland) hat unter 28 Millionen Einwohnern 5,500,000 großjährige Männer. Davon sind etwa 800,000 im Besitze von Häusern und so viel Schillingen, als die in unentwirrbaren Foliobänden vorgeschriebenen Wahlgesetze zur Ausübung des Wahlrechts verlangen. Von den 800,000 Wählern haben sich jetzt bei dem unerhörten Parlamentswahlschwindel, zur Wiederherstellung des Vertrauens, welches das aufgelöste Parlament dem Premierminister Lord Palmerston abgesprochen, im Durchschnitt ein Viertel zur Ausübung ihres Wahlrechts eingefunden, so daß 200,000 Menschen „das Land“ waren, an welches Palmerston appellirte, und daß sie das neue Parlament mit Ausschluß der meisten unabhängigen Männer (Cobden, Bright, Gibson u. s. w.) aus den „Poll-Buden“ und von den Rednerbühnen zusammenwählten. Das „Land“ war in großer Aufregung, hieß es, die Zeitungen brachten alle Tage viele Ellen lang engbedrucktes Papier darüber. Die elektrischen Telegraphen hatten weder Tag noch Nacht Ruhe, um die Kämpfe und Schlachten, Siege und Niederlagen in den verschiedenen Wahlflecken und Wahldistricten in alle Welt zu verkündigen.

Um was handelte es sich denn? Setzen wir den wesentlichen Thatbestand noch einmal hierher. Chinesische Polizei hatte im vorigen October von einem chinesischen Schiffe Seeräuber weg arretirt. Das chinesische Schiff hatte früher Concession zur Aufziehung einer englischen Flagge gehabt. Die Flagge diente hauptsächlich dazu, den Opiumschmuggel der Agenten der ostindischen Compagnie zu schützen. Der englische Consul Parkes in Canton schrieb an den englischen Gouverneur Sir John Bowring in Hongkong, daß die Chinesen die englische Flagge beleidigt. Bowring antwortete in einem dem Parlamente vorgelegten Briefe: „Die Concession des chinesischen Schiffes zur Aufziehung der englischen Flagge war erloschen, folglich hat es kein Recht mehr auf englischen Schutz.“ Etwas später schrieb derselbe Bowring an den chinesischen Gouverneur Yeh von Canton, der die Seeräuber hatte arretiren lassen: „Das Schiff trug die englische Flagge gesetzlich kraft einer von mir gegeben Concession.“ Er müsse also die Seeräuber herausgeben. Yeh berief sich auf den Thatbestand und sagte daher, das chinesische Schiff sei kein englisches Schiff. Aber er gab erst neun, dann die übrigen drei Seeräuber heraus und bat um Entschuldigung für den Umstand, daß er Recht habe. (Auch der zweite Brief ist in dem Actenstücke, das dem Parlamente vorgelegt ward, zu finden.) Bowring hatte gedroht: Wenn Du die Seeräuber nicht herausgiebst, lasse ich bombardiren. Yeh gab die Seeräuber heraus. Darauf ließ Bowring Canton zerstören, und zwar aus dem Grunde, wie er in einem andern dem Parlamente vorliegenden Briefe sagte, weil die Chinesen nicht gewußt hätten, daß die Concession, die englische Flagge zu ziehen, für das betreffende Schiff erloschen war.

Das Parlament tadelte auf Cobden’s Antrag Lord Palmerston und seine Collegen, weil sie die Barbareien, auf doppelte Lügen begründeten Barbareien Bowring’s in Schutz nahmen. Gut, sagte Palmerston! ich löse euch auf und appellire an’s Land, das mich loben wird, da ich die „Ehre der britischen Flagge“ nicht ungestraft beleidigen ließ. Das „Land,“ d. h. die Wähler von den 200,000 (unter 28 Millionen Bewohnern), welche nicht lesen oder Unrecht nicht von Recht, Unwahrheit nicht von einfachster ermittelter Wahrheit unterscheiden konnten und wollten, wählten eine Majorität für Palmerston, den Secundanten Bowring’s. Fast überall fielen die Männer, welche Lüge Lüge genannt, in den Wahlen durch, nur in der City von London nicht. Das eigentliche Parteiprincip des großen Wahlkampfes hieß: Er hat die Unwahrheit gesagt und sie und die darauf gegründete Brutalität als Wahrnehmung der britischen Ehre bezeichnet. Ist diese Unwahrheit und Brutalität unsere Ehre oder nicht? Sagst Du, Unwahrheit und Brutalität seien nicht unsere Ehre, so bist Du nicht Palmerston’sch und fällst durch. – Und so fielen sie denn auch so lange durch, bis die Majorität für Palmerston herauskam, nur nicht in der City, welche mit drei Andern unser alter Freund, der kleine Lord John Russel, vertritt. Er sollte durchaus durchfallen, Lord Palmerston hatte deshalb vorher expreß beim Lord Mayor gegessen und eine feurige Rede geredet zur Ehre der britischen Flagge. Aber er fiel doch nicht durch, so entschieden er auch für Cobden gestimmt hatte. Die Freunde des Lord-Mayors, die englischen Händler in der City, haben freilich kein Verdienst dabei. Lord John Russel verdankt seine Wiederwahl in der City wesentlich den Juden, deren Emancipation er wiederholt im Parlamente beantragte. Die Juden in der City sind zahlreich, reich und einig. Gegen 5000 haben das Wahlrecht. Sie stimmten alle für Rothschild und Russel. (Die Wähler in Districten, die mehrere Vertreter haben, wählen nicht je einen, sondern alle Wähler wählen alle Vertreter, so daß jeder Wähler in der City für vier stimmte.) Wo echte Engländer wählten, ließen sie ihre verdienstvollsten, populärsten Männer durchfallen. Es gibt keinen verdienstvolleren Mann in England, als Richard Cobden, und Richard Cobden, von seinen bisherigen Wählern verschmäht, fiel als Candidat in Huddersfield durch. Dort siegten die Palmerstonianer. In der City kam es ihnen noch vielmehr darauf an, denn der Name Russel, obgleich durch manche Acte der Schwäche, Halbheit und Unklarheit abgescheuert, hat doch noch einen mächtigen Klang; aber in der City siegten sie nicht. Die Juden waren anständig und einig.

Ich ging den Wahlen, wo ich Spuren davon sah, immer aus dem Wege, wie drei Viertheile der Wähler mit Ekel an ihr Wahlrecht dachten und sehr empfindlich baten, man möge davon schweigen, wenn man sie daran erinnerte, wie ich dies aus vielfacher specieller Erfahrung weiß. Aber zur City-Wahl ging ich doch, erstens weil ich ein Billet zur Gallerie der Guildhall, des City-Rathhauses und Wahllocals hatte, besonders aber um Feruk Khan zu sehen, den persischen Gesandten in Paris, der zum Besuche ist und der sich den Schwindel auch ansehen wollte, wie mir versichert ward. So begab ich mich am 27. März per Omnibus und Eisenbahn hinunter von meinem London nach dem Centrum Londons und kam fast um zwischen Wagenrädern und Menschen in Cheapside, der Hauptverkehrsader in der City, aus welcher eine kurze Königsstraße (King street) direct in die Guildhall führt, wenn Platz ist. Heute war aber kein Platz, gerade so, wie damals, als Kossuth in Guildhall speiste, gerade so, wie damals, als wieder Kaiser Napoleon in Guildhall speise, gerade so, wie dann, wenn Mazzini oder Gouverneur Yeh, falls Ersterer als Präsident von Italien und Letzterer als Kaiser von China nach London käme, in Guildhall speisen würden:

„Sei’s Christian oder Itzig:
’s Geschäft bringt’s mal so mit sich!“

Nein dieser Spectakel von Guildhall! Keine Wahl hängt von den Wählern ab, sondern von den Wahl-Committees, die sich in geschlossenen Localen mit verschiedenen Candidaten „abfinden“ und dann für ihn wühlen, drucken lassen, Placate anschlagen, ein paar Hundert Pfund in Droschken verfahren, Lieder drucken und auf der Straße absingen lassen, freundschaftliche Besuche bei mächtigen Wühlern machen und Alles „so weit“ abschließen, daß sie nur noch Crethi und Plethi abstimmen zu lassen brauchen. Diese Abstimmung, die „Nomination“ geschieht durch „Händeaufheben“ entweder vor öffentlichen Rednerbühnen auf der Straße oder, wie hier, in einer großen Halle. Eine gewissenhafte Controle über Wahlrecht und Nichtwahlrecht gibt’s dabei nicht, so daß die gemietheten Banden oft direct den Ausschlag geben. Vor Guildhall hatten sich die Freunde und Agenten von fünf Candidaten placirt und kämpften mit einander, Spottlieder durch die Nase quäkend, kleine Zettel und große Zettel gewaltsam in die Hände der Leute drückend, worin die [228] traurige, hoffnungslose Lage Lord John Russels geschildert ward, so daß es vergeblich und der englischen Ehre zuwider sei, irgend etwas für ihn zu thun. Zettel und Wähler für Lord John Russel bemerkte ich nicht. Er ist doch persönlich ein nobler, alter Herr, der diese gemeinen Schwindeleien verachtet. Freilich hatte er ein Wahlcommittee, bestehend aus 270 der größten Banquiers und Großhändler der City. Außerdem mochte er wissen, daß die Juden ihm wirklich und einig zugethan seien und keiner Wahlumtriebe, keiner Freibillets auf Bier und Schnaps bedürften. Aus der alten, eisigen, steinernen Guildhall hervor hämmerte und donnerte es hervor unter die Bänkelsänger und Agitatoren der vier Candidaten. Equipagen drängten sich hindurch, Damen und Herren stiegen aus und gingen kühn zwischen die Bretter und das Gehämmere und den Wirrwarr im Innern, wo es galt, in höchster Eile die „Poll-Buden“ zu vollenden. Pollbuden, wie Rednerbühnen, werden sonst immer im Freien aufgeschlagen; aber in Guildhall ist Platz, außerhalb aber keiner, so daß das Wahlrecht der „Poll“ im Innern geübt werden konnte. Wenn Candidaten mit der „Nominationswahl“ durch bloßes Händeaufheben nicht zufrieden sind, verlangen sie auf gemeinschaftliche Kosten aller Candidaten (keine Wahl und auch kein Durchfallen mehr möglich ohne 4–5000 Pfund Kosten für Jeden, der gewählt ward oder werden wollte) die Poll, d. h. persönliche, schriftlich aufgenommene, offene Stimmengebung jedes einzelnen Wählers in dazu errichteten Buden. In der City sollte aber für und gegen fünf Candidaten, von denen nur vier gewählt werden konnten, gepollt werden.

Skandal und Gedränge bis 2 Uhr. Der kleine alte Mann, Lord John Russel, tritt mit zwei Freunden herein. Oben sah man seine Gattin und ein paar seiner deutsch erzogenen Söhne mit ihrem deutschen Hauslehrer. Dicht um ihn ward fürchterlich gezischt und gebrummt, oder vielmehr gegrunzt („groaned“ ist das Wort). Seine Gegner hatten sich alle dicht um ihn gedrängt. Die Freunde im Hintergrunde tobten Beifall. Darauf erschien Rothschild, der so oft Gewählte und stets aus dem Parlament Gewiesene, unter rasendem Jubel. Die drei andern Candidaten wurden stiller empfangen.

Der Wahlcommissarius, Mechi mit Namen, ging die verschiedenen Formalitäten durch und bat, jedem Redner ein geduldiges Ohr zu schenken. Eine Stimme aus der Mitte: „Bravo Micki!“ (Furchtbares Gelächter.) Ein Mann, der jetzt auftrat, setzte auseinander, daß Russel 16 Jahre die City vertreten habe und er dies auch künftig möchte (Beifall und Gezische und Gegrunze). So ging’s fort auch während der Rede eines Zweiten, der Lord John Russel vorschlug. Unter ähnlichen Betheiligungen des Publicums wurden auch die vier andern Candidaten vorgeschlagen, so daß die Sache bald undramatisch und einförmig aussah.

Endlich trat Lord Russel selbst auf. Das Beifallsjauchzen dauerte mehrere Minuten. Das hatte etwas zu bedeuten, wir erfuhren auch, was? In seiner trocknen, ruhigen Weise erzählte Lord John, daß man gelogen und betrogen habe und zwar unter Direction eines Palmerston’schen Committee’s, welches ausgesprengt hatte, daß er zurückgetreten sei u. s. w. Die Rede, die man in jeder Zeitung nachlesen kann, so daß ich sie hier ganz übergehe, ward mindestens hundertmal von Beifallsstürmen und unzähligen „Hört! Hört!“ unterbrochen. Er war schwach in seinen Argumenten und schwach in seiner Verurtheilung des Chinawahlfiebers und Palmerston’s, aber in seinem Behaben gegen Intrigue und Feinde ein nobler, tapferer, alter kleiner Herr. Er setzte sich unter allgemeinem Beifallssturme nieder. Alle diese Ehre theilte er mit Rothschild, der nach ihm auftrat und sich für Palmerston erklärte. Die andern Candidaten wurden weniger beachtet. Die Sache dauerte ohne besondere Störung, ohne daß ein einziges principiell bedeutendes oder rednerisch schönes und erwärmendes Wort fiel, ein paar Stunden und endigte mit Aufhebung und Zählung von Händen, wonach Russel, Rothschild, Duke und Crawford als Vertreter der City durch „Nomination“ gewählt waren. Der fünfte Candidat Currie hatte die wenigsten erhobenen Hände, so daß seinetwegen gepollt werden mußte. Eine Wahl durch Poll macht die Wahl durch Nomination ungültig, so daß Alles von der Zahl der eingeschriebenen Wählernamen abhängt. Daß die Wähler am folgenden Tage von 8 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags fortwährend zu den Pollschreibern in den Pollbuden gingen und ihre Namen für ihre Vertreter aufschreiben ließen und davon gingen, hat durchaus nichts Dramatisches, in äußerlicher Erscheinung Interessantes, geistig noch weniger, da die Meisten für Russel, den Gegner des Chinaflaggenehrenbombardements, und Rothschild, den Freund der Palmerston’schen Flaggenehrenpolitik, zugleich stimmten. Das einzige Interessante in der Wahlversammlung war Feruk Khan in seiner diamantenblitzenden blauen Robe und der großen, spitzigen Mütze, mit den ruhig funkelnden Augen und dem ungeheuern schwarzen Barte, aus welchem das gelbliche Gesicht und die schwarzen Augen so ruhig und unbewegt hervorschienen, als wäre Alles aus Stein gehauen. Er verzog nie eine Miene. Der Glückliche verstand kein Englisch, sonst hätte er jedenfalls, obgleich Gesandter einer demoralisirten und schwach gewordenen Nation und einer despotischen Regierung, öfter verächtlich lächeln müssen, obgleich dies die wichtigste, die lebhafteste, die interessanteste von allen 654 Wahlen in England, Schottland und Irland war, wenn man die in Kidderminster, der tief und eng im Thale gedrängten Teppichstadt, wo der Pöbel den Palmerston’schen, gewählten Candidaten prügelte und sein Haus ziemlich demolirte, nicht dramatischer finden will.

Blos als der kleine Lord John Nachmittags aus Guildhall unter die Nichtwähler und verunglückten, wahlunfähigen Urwähler und Urwählerinnen auf der Straße heraustrat, wurde es noch einmal auf ein paar Minuten malerisch. Alt und Jung, Weib und Kind, Lumpen und Vatermörder bettelten den kleinen Lord John stürmisch um ’ne Rede an. „A speech! A speech!“ schrie es aus allen Tonarten, nachdem sich der Begrüßungssturm gelegt hatte. Lord John gab ihnen ein kleines Almosen und machte folgende „speech“: – „Was jetzt in Guildhall stattgefunden, hat gezeigt, daß Verleumdung nicht wirkte. Ich hege das Vertrauen, daß die Poll morgen noch deutlicher die wirkliche Gesinnung der Wähler Londons bekunden wird, und ihr, die ihr Nichtwähler seid, werdet wohlthun, euren Freunden, die wählen, zu einer zahlreichen Einfindung bei der Poll zu rathen.“ – Das war wenig. Aber die Nichtwähler empfingen die kleine Gabe mit jubelndem Danke und gingen dann von selbst auseinander.

In der City hat die Verleumdung und Lüge nicht gesiegt, aber blos der 2000 stimmenden Juden wegen. Im ganzen übrigen Lande ist sie mit wenigen entschiedenen Ausnahmen, z. B. in der Messerstadt Sheffield, siegreich gewesen, so daß, wie selbst die Times sagte, die eigentliche Ehre und Kraft des vorigen Parlaments außerhalb des neuen Parlaments fallen und das neue Parlament als eine Frucht der Unwahrheit, der Verleumdung und des pfiffigen Schwindels falscher Vorwände dastehen wird.