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Aus einem deutschen Kleinstaat

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Autor: Karl Volckhausen
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Titel: Aus einem deutschen Kleinstaat
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 283–287
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[283]
Aus einem deutschen Kleinstaat.

Von Karl Volckhausen.

I.

Französische Reisegesellschaft. – Ein deutscher Reichstagsabgeordneter. – Ein lippescher Prügel-Amtmann. – Weiterfahrt nach Horn. – Hausmann als Rechtsanwalt.

Seit einer Reihe von Jahren hatte ich mein Specialvaterländchen, das Fürstenthum Lippe, nicht besucht. Umsomehr regte sich in mir das Heimathsgefühl, als ich an einem der letzten Tage des September vorigen Jahres von der Eisenbahnstation Herford aus an dem rothgelben Grenzpfahle vorbei in das unter Woldemar des Ersten Scepter stehende Territorium hineinfuhr. Das Fürstenthum Lippe entbehrt noch der Wohlthat, von Schienenwegen durchkreuzt zu werden. Es wird nur von der Hannover-Altenbekener Eisenbahn an seinem südöstlichen Rande gestreift und die Post vermittelt den spärlichen Personenverkehr innerhalb der Grenzen des Ländchens. Auf die nach Lemgo abgehende Post hätte ich mehrere Stunden in Herford warten müssen aber auf dem Wege zum Postgebäude fand ich einen Hauderer, der sich gerade zur Abfahrt anschickte. „Wohin, Kutscher?“

„Nach Lemgo.“

„Wollen Sie mich mitnehmen für die Posttaxe?“

„Wenn der Herr, der den Wagen gemiethet hat, damit einverstanden ist.“

Der Herr trat hinter dem Wagen hervor; wir wurden rasch einig, und ich stieg ein. Es war ein junger Mann, kaum zwanzig Jahre alt, der, telegraphisch aus einer der größeren Fabrikstädte des nördlichen Frankreich herberufen, einer gestorbenen Verwandten das Geleite zum Friedhofe geben wollte. Er war Tag und Nacht gefahren und hatte sich kaum Zeit gegönnt, etwas zu genießen. Nachdem ich mein Frühstück aus dem Reisesacke genommen und mit ihm getheilt, kamen wir in ein lebhafteres Gespräch. Der Sohn eines in Frankreich naturalisirten Deutschen und während des deutsch-französischen Krieges noch ein Kind, war er damals zu Verwandten nach Lippe geschickt worden und hatte es nicht vergessen, daß seine lippeschen Schulcameraden ihn gelegentlich als Reichsfeind tractirten. Jetzt war er vollständig Franzose; der Hochmuth der Grande Nation schwellte bereits seine junge Brust, und es war ein wunderbarer Contrast, wie er sich sympathisch äußerte über seine lippeschen Verwandten, das heißt über die einzelnen Deutschen, die er kannte, und wie er sich unmuthig ausließ über die Bevölkerung Lippes und Deutschlands im Allgemeinen, von der seine geographische und geschichtliche Kunde höchst dürftig war. Da er bald herausfand, daß ich weder ein blinder Bewunderer deutscher Zustände noch ein Franzosenhasser war, so ließ er sich in ungenirter und naiver Weise gehen. Er machte die üblichen Scherze über das deutsche Kleinfürstenthum; er grollte über den Krieg und die Kriegführung, vor Allem aber variirte er das Thema: Wir sind ein reiches Volk, und Ihr seid trotz der Milliarden eine arme Nation.

Die Strecke lippeschen Landes, die wir durchfuhren, bot ihm dazu einen ausgiebigen Stoff. Das Terrain zwischen Herford und Lemgo ist ziemlich eben und baumlos. Die Felder waren, so weit das Auge reichte, öde und leer, theils wegen der bereits vollzogenen Ernte, theils in Folge der anhaltenden Dürre des August. Die bewaldeten Hügel, die sich in einiger Entfernung links vom Wege hinziehen, ließen sich kaum erkennen, denn es war ein grauer, wolkenverhängter Septembertag, der von Zeit zu Zeit einen Regenschauer auf uns niederschüttete. Dank den Regengüssen der vorigen Tage trat der bedauernswerthe Zustand der Chaussee recht grell hervor; die ausgefahrenen Geleise waren in Pfützen verwandelt, und Koth und Wasser spritzten an den Pferden und an den Rädern hoch hinauf. Nur äußerst spärliche Spuren des Lebens erblickten wir auf der mehrstündigen Fahrt; keine Equipage, kein Postwagen, kein Reiter kam uns zu Gesicht. Zwischen zwölf und zwei Uhr Mittags rastet der Landmann, und das mochte die Ursache sein, daß wir auch nur zweimal ein Ackerfuhrwerk sahen und daß auf den grau-braunen Feldern rechts und links ein paar einsame Krähen die unbestrittene Alleinherrschaft hatten.

Das lippesche Städtchen Salzuffeln, das man passiren muß, macht auch keinen erbaulichen Eindruck. Den Titel einer Stadt führt es nur nach historischem Rechte; der weitaus größte Theil desselben sieht aus wie ein ärmliches Dorf. Es hat sich seit den vierzig bis fünfundvierzig Jahren, wo ich als Knabe es kannte, wenig vergrößert oder verändert. Fast wollte es mir scheinen, als ob das holprige Pflaster von damals noch heute dasselbe sei, und die zerbröckelten Mauern, die rissigen Wände verschiedener Häuser, einige Misthaufen an der Straße grinsten mich als alte Bekannte an. Ein freundlicheres Intermezzo bildet nur die kurze Straße von Salzuffeln bis nach dem nahe gelegenen saubern Dorfe Schötmer. Von da an wird die Scenerie wieder ganz monoton.

Es wäre verlorene Mühe gewesen, wenn ich meinem französischen Reisegefährten eine bessere Meinung von dem lippeschen Lande und dessen Bevölkerung hätte beizubringen versuchen wollen, und ich gab mir diese Mühe auch nicht. National überhitzte Gemüther sind der Belehrung ebenso unzugänglich wie die religiösen Fanatiker. Nur das konnte ich mir nicht versagen, den jungen Mann leise zu mahnen, ein wenig Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu üben. Er mußte auch Etwas vom deutschen Michel gehört haben, und sprach seine Bewunderung darüber aus, daß dieser sich von seinen Fürsten so lange und so geduldig am Gängelbande hätte führen lassen.

„Ja wohl,“ sagte ich ihm, „es ist das Unglück der Völker, daß sie aus der Geschichte Nichts lernen und das Meiste vergessen. Wir theilen dieses Malheur mit fast allen Nationen und auch mit der Ihrigen. Frankreich hat die Ideen von 1789, aber an jenem Unglück, das Sie mit uns theilen, liegt es, daß Bourbonismus und Orleanismus, Bonapartismus und Clericalismus noch heute eine Macht sind, welche jene Ideen nur kümmerlich zur Verwirklichung kommen ließen.“

So traurig, wie das lippesche Land dem Fremden erschien, ist es in der That durchaus nicht. Selbst jene monotone Strecke, die wir an dem regnichten Septembertage durchfuhren, ist ein äußerst fruchtbares Gelände. Im Frühling und Hochsommer wogen dort die üppigsten Saaten. Die Hügelkette, die sich zwischen Herford und Lemgo zur Linken der Chaussee hinzieht, birgt eine Anzahl hübscher Dörfer und stattlicher Gehöfte. Gehölz und Feld und Wiese wechseln ab in anmuthigem Gemisch. Zumeist sind es Bauerngüter von erheblichem Umfange, welche an den Berghängen und in den Thälern zerstreut liegen. Bei weitem schöner wird aber das Land, wenn man weiter nach Süden – südöstlich in den Bereich der Weserberge, südwestlich zum Teutoburger Walde – gelangt. Einen so anmuthigen Wechsel von Berg und Thal, von Feld und Gehölz, von sattem Wiesen- und reichnüancirtem Waldesgrün findet man im deutschen Reiche nicht leicht. Himmelanstrebende Berge, schroffe Hänge, wilde Gießbäche giebt es da freilich nicht, aber manche Dorfkirche mit dem von Bäumen beschatteten Pfarrhause, manche Mühle am Bache und manch einsamer Bauernhof sieht aus wie ein verkörpertes reizendes Idyll. Um diese Blüthen landschaftlicher Schönheit zu Gesicht zu bekommen, bedarf es freilich des Abweichens von der Heerstraße.

Seit das Hermannsdenkmal vollendet und eingeweiht ist, hat sich der Ruf, daß ein Durchwandern des lippeschen Ländchens „lohnend“ sei, auch in andern deutschen Gauen verbreitet. Die Einweihungsfeier des Jahres 1875 lockte Gäste aus weiter Ferne herbei, und sie sind die Apostel der Reize des Teutoburger Waldes geworden. Jener große Waldcomplex, den man unter diesem Namen auf der Karte zwischen Detmold und Paderborn verzeichnet findet, wurde, wie ich mir sagen ließ, in den Sommermonaten dieses Jahres von mehreren tausend Touristen durchstreift, und die Dörfchen, die am Rande des Waldes, von Detmold bis zum Städtchen Horn, von der Grotenburg bis zu den Externsteinen zerstreut liegen, sind von Vielen als Standquartier für längeres Verweilen benutzt worden. Ein Besuch, den ich meinem langjährigen Freunde, dem Reichstagsabgeordneten für Lippe Franz Hausmann, abstattete, führte auch mich in dieses Revier.

[286] Der Reichstagsabgeordnete Hausmann ist mit der neuesten Geschichte des Fürstenthums Lippe eng verwachsen. Der Verfassungskampf, den das Land seit einem Vierteljahrhundert geführt hat, ruhte vorzugsweise auf seinen Schultern. Das große Ansehen, das er in der Bevölkerung genießt, hat er nicht etwa im Sturme, auf der Rednertribüne errungen. Seine oratorischen Gaben sind nicht gerade bedeutend. Seine Feder ist schwer und entbehrt der journalistischen Eleganz. Wie seine Rede, so ist seine schriftliche Diction eine an den gefunden Menschenverstand und an das Rechtsbewußtsein appellirende Auseinandersetzung. Aber man hört auf das, was er sagt und schreibt, weil man Respect hat vor seinem klaren Verstande, vor seiner redlichen Gesinnung, vor seiner rücksichtslosen Energie, weil sich diese wie jener in einer langen Reihe von Jahren, unter den schwierigsten Verhältnissen erprobt haben. Schon als junger Jurist kam er in eine oppositionelle Stellung zur lippeschen Bureaukratie.

Im Fürstenthum Lippe war in den vierziger Jahren und ist noch heute Justiz und Verwaltung nicht getrennt. Ein lippescher Amtmann ist in seinem Bezirk Verwaltungsbeamter und Richter zugleich, und es hat Amtmänner gegeben, die an Willkür einem türkischen Pascha Nichts nachgaben. Zu einem solchen kam Hausmann, bald nachdem er sein juristisches Examen absolvirt hatte. Herr Liebich war das Vorbild des Gellert’schen Amtmanns, der lediglich durch Machtsprüche regierte. Ich habe ihn selbst gekannt und erinnere mich seiner als einer stattlichen Figur, wohlbeleibt, hoch aufgerichtet und würdevoll die Straße entlang schreitend, Jeden, der ihm begegnete, fest ansehend, als ob er einen Gruß erwarte, und halb zürnend halb schmerzlich bewegt mit den Lippen zuckend, wenn dieser nicht erfolgte. Schlimmer noch als seine Bauern waren seine Untergebenen, Assessor, Auditor, Untervogt und Pedell, daran. Er tyrannisirte und chicanirte dieselben in tragikomischer Weise. Da er ein Hagestolz war, so sollte die Gerichtsstube ihm das Familienzimmer ersetzen, und er dehnte die Verhandlungen in’s Unendliche hinaus, um sich die Zeit zu vertreiben; die unglücklichen Assessoren und Auditoren mußten die Protokolle, die er dictirte, niederschreiben bis in die Nacht und dazwischen anhören, wie er mit lächerlichem Pathos Stellen aus den Classikern recitirte. Einen Assessor, dem die Tyrannei zu arg wurde und der einen Anlauf nahm, sich zu emancipiren, hat er eigenhändig durchgeprügelt. Der Zerbläute erhob Klage oder Beschwerde bei der Regierung. Der Amtmann leugnete; der einzige Zeuge, der Amtspedell, sagte aus, daß er zwar denn Assessor auf der Erde liegend und den Amtmann knieend mit Jenem beschäftigt gesehen, aber keine Prügel wahrgenommen habe. Die Regierung verfügte, daß frühere Assessoren verhört werden sollten, ob sie den Amtmann einer solchen That wohl für fähig hielten, aber ehe diese Vernehmung erfolgte, zog der Assessor seine Beschwerde zurück, und die Regierung fand sich nicht gemüßigt, auf Fortsetzung der Untersuchung zu bestehen. Es blieb also beim Alten.

Zu diesem Amtmanne kam Hausmann. Es waren Jahre der grausamsten Quälerei. Vor dem Schlimmsten wußte er sich freilich zu sichern. Es mochte ihn der Gedanke anwandeln, daß der Pascha sich auch einmal an ihm vergreifen könne. Er erzählte also eines Tages Jenem beim Becher, daß er ein außerordentlich jähzorniger Mann sei, daß er in seinem Jähzorne kein Maß kenne und gelegentlich dann sogar zum Messer greife. Die Erzählung erwies sich als ein vortreffliches Präservativ gegen den ebenso feigen wie brutalen Menschen. Wenn die Beiden später in Wortwechsel geriethen und Hausmann eine zufällige kleine Bewegung mit der rechten Hand machte, so sprang Liebich ein paar Schritte zurück, schrie auch wohl: „Lassen Sie das Messer nur stecken!“ Aber Friede hatte der Auditor darum doch nicht; es war ein ewiger Kriegszustand zwischen ihm und seinem Obern. Die endlosen Protokolle, welche der Amtmann dictirte und der Auditor niederschreiben sollte, waren eine unversiechbare Quelle des Haders. Unzählige Male weigerte sich Hausmann, die Dictate zu Papier zu bringen, denn der Amtmann hatte u. A. auch die abscheuliche Gewohnheit, Dinge in’s Protokoll aufzunehmen, welche die vor Gericht stehenden Parteien gar nicht gesagt hatten. Auch daß Hausmann nicht bis in die Nacht hinein auf dem Amte bleiben wollte, sondern zur bestimmten Stunde die Feder niederlegte, den Hut nahm und nach Hause ging, war ein fortwährender Anlaß zu Reibungen. Der Amtmann beschwerte sich eines Tages über seinen Auditor bei der Regierung; diese forderte den Verklagten zur Vernehmlassung auf, und derselbe kam der Aufforderung nach, indem er eine drastische Schilderung von dem ganzen Thun und Treiben des Amtmanns einreichte. Der Letztere erhielt eine Abschrift davon, und die Schilderung verdroß ihn so, daß er seine Beschwerde nicht weiter verfolgte. Aber der Kriegszustand hörte darum nicht auf; der Pascha besserte sich nicht, und auch die Regierung that keinen Schritt, um dem unleidlichen Zustande ein Ende zu machen. Daß Hausmann aus dieser seiner Stellung, als er dieselbe später mit dem Posten eines Stadtrichters in Horn vertauschte, eine wohlbegründete Abneigung gegen den Bureaukratismus mit hinwegnahm, lag in der Natur der Dinge. Die Revolution von 1848 berief ihn in den constituirenden lippeschen Landtag, und er war bald der erklärte Führer der demokratischen Partei in demselben. Er ist das Haupt dieser Partei noch heute, und wenn auch der Name „demokratische Partei“ im Laufe der Zeit und unter dem Drucke einer tollen Reaction – welche ebenso sprüchwörtlich in Deutschland geworden ist wie die mecklenburgische – demjenigen der „Fortschrittspartei“ weichen mußte, die Ziele und Bestrebungen sind die gleichen geblieben.

Um die drei bis vier Stunden Wegs von Lemgo nach Horn in einem Ruck zu durchmessen, reichte der postalische Verkehr für mich nicht aus. Ein Postwagen fuhr Abends von Lemgo nach Detmold, aber nicht weiter nach Horn. Hausmann machte mich, als er die Ankündigung meines Besuches beantwortete, brieflich darauf aufmerksam und versprach, mich vom Posthause in Detmold mit seinem eigenen Fuhrwerk abzuholen. Im Postwagen von Lemgo nach Detmold war ich der einzige Passagier, aber den einsamen, nächtlichen Weg, den ich in jungen Jahren gar oft zu Fuße gewandert, verkürzten mir nicht nur die Erinnernungen an vergangene Tage, sondern auch der blasende Postillon. Hier in den lippeschen Bergen scheint die alte Kunst, dem Posthorne melodische Töne zu entlocken, die in vielen Theilen des Reiches fast erloschen ist, noch zu blühen. Der Schwager blies das Mantellied so präcis, daß ich mich gedrungen fühlte, ihm seine Kehle beim ersten Wirthshause anfeuchten zu lassen und ihn so zu mehrmaliger Wiederholung zu reizen. Wie die vollen Töne so melancholisch klangen, als wir durch das dunkle Gehölz, und dann so schmetternd, als wir hinabrasselten von der Höhe in die hell und freundlich erleuchtete Residenz!

Im Posthause traf ich den Freund, und an seiner Seite rollte ich in dessen Halbchaise bald dahin auf dem Wege nach Horn. Er führte selbst die Zügel und lenkte das Pferd, eine Peitsche verschmähend, mittelst derselben. Ein warmer Thierfreund, wie er ist, – die richterliche Bewährung dieser Freundschaft für die gefiederten Sänger des Waldes hat ihm einstmals einen Proceß und eine Geldstrafe zugezogen – steht er auch auf cameradschaftlichem Fuße mit seinem Roß. Ich erhielt auf dieser Fahrt sofort eine Probe davon. Wir mochten unter lebhaftem Gespräch eine halbe Stunde gefahren sein, als unsere lebendige Locomotive plötzlich stehen blieb. Besorgt fragte ich Hausmann, was das zu bedeuten haben möge.

„O,“ sagte er, „das ist nichts Ungewöhnliches; der Gaul ist ein ziemlich altes Militärpferd, das mitunter das Bedürfniß fühlt, ein wenig auszuruhen. Er wird gleich von selbst weitergehen.“

In der That setzte sich das Thier nach Verlauf von zwei oder drei Minuten wieder in Trab. Es machte noch ein oder zwei Mal solche Pausen während der Fahrt, sonst aber griff es kräftig aus und brachte uns ziemlich rasch vor Hausmann’s Wohnung.

Das Städtchen Horn hat an und für sich keine besonderen Reize. Es ist ein Landstädtchen mit etwa zweitausend Einwohnern, die größtentheils vom Ackerbau leben. Der Wohlstand, der unter ihnen herrscht, fällt wenig in’s Auge. In dieser kleinbürgerlichen Welt ist noch Alles streng zugeschnitten auf den Bedarf, nicht auf die Schönheit und auf den Schmuck des Lebens. Um den städtischen Häusercomplex, von welchem man draußen nur die einförmigen rothen Ziegelsteindächer sieht, lagern sich rings Gemüsegärten, und daran schließen sich nach allen Richtungen hin, Hügel auf Hügel ab, bis zu den Waldrändern hin, die Korn- und Kleefelder der Bürger Horns, nur hier und da von lebendigen Hecken eingerahmt und durchbrochen. Aber die weitere Umgebung der Stadt ist von hoher landschaftlicher Schönheit. Mein [287] Freund Hausmann hat sich, seit eine Feuersbrunst vor Jahren mit einem bedeutenden Theile der Stadt seine Wohnung in Asche legte, ein stattliches Haus vor dem Thore gebaut; aus den Fenstern desselben genießt man eine Aussicht, die ihres Gleichen sucht. Von dem Kranze dicht bewaldeter Hügel und Berge, welche die Gemarkung Horn einrahmen, sieht man dort mehr als ein Drittheil, und jedenfalls das schönste Drittheil. Gen Süden ragen aus dem Waldgewirre ein paar steil abfallende Berge hervor, der stundenweiten Entfernung halber in Dust verschleiert. An sie schließen sich nach Westen zu in langgestreckten Wellenlinien, im Hintergrunde wieder von höheren Kuppen überragt, niedrigere Hänge, die sich an einem Punkte bis auf eine Viertelstunde der Stadt nähern. Gerade da aber, wo sie das thun, wird der Blick gefesselt von ein paar grauen Kolossen, die aus dem Blättermeere hervorlugen. Es sind die Externsteine (S. Jahrg. 1862, S. 381), jene Felsengruppe, in der der Sandstein, das Knochengerüst des Teutoburger Waldes, sich an die Oberfläche drängt.

In den paar Tagen, die ich bei Hausmann verweilte, habe ich diese Umgebung von Horn mit meinem freundlichen Wirthe fleißig durchstreift. Während das Auge sich labte an den in herbstlicher Farbengluth strahlenden Laubmassen, während die Lunge sich erfrischte auf den ozonduftigen Waldwegen, bot sich mir zugleich die willkommene Gelegenheit, mich über die Zustände und Schicksale des Fürstenthums Lippe zu orientiren und die Lücken meiner eigenen Kunde davon zu ergänzen. Hausmann ist damit ganz genau vertraut. Die mittelalterliche Justizverfassung des Ländchens gestattet es dem Richter, macht es ihm des spärlichen Gehalts wegen wohl auch nöthig, neben seinem richterlichen Berufe die advocatorische Praxis zu treiben. Natürlich nur außerhalb des richterlichen Bezirks. So ist denn Hausmann ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt. In denjenigen Fällen, wo es darauf ankommt, mit Energie und ohne Rücksicht aufzutreten, wendet man sich aus den entlegensten Winkeln des Landes an ihn. Wer einen Proceß gegen die fürstliche Domainenkammer hat, kommt zu ihm. Wer irgend eine einflußreiche Person im Lande verklagen muß, ersucht den Stadtrichter von Horn, seine Sache zu führen. Daß den Bauern und den Gemeinden das Jagdrecht auf eigenem Grund trotz Flotten-Fischer und Oheimb und Flottwell auf processualischem Wege gerettet oder vielmehr wiedererobert wurde, ist Hausmann’s Verdienst. In den Tagen, in denen ich bei ihm war, kam durch Besuche oder einlaufende Briefe die Rede auf mehrere interessante schwebende Processe. Da hatte ihn um seine Hülfe ein Vater ersucht, dessen Knabe als Scheibengucker vom Sohne eines in Detmold sich aufhaltenden deutschen Generalconsuls a. D. zum Krüppel geschossen war und dem die gebotene Entschädigung von fünfhundert Thaler nicht genügend erschien. Da streitet er als Anwalt einer Bauerschaft gegen die fürstliche Domainenkammer, welche althergebrachte Holzlieferungen unter sonderbaren Vorwänden einstellen will. Auch jener merkwürdige Proceß, welcher bereits zu einem Kriege en miniature geführt hat und seiner Zeit im preußischen Abgeordnetenhause zur Sprache kam, ruht gegenwärtig in seiner Hand. Es ist die Sache des Colonus Romke bei Lippstadt, dem die Verwaltung des lippeschen Fräuleinstiftes daselbst einen am Flüßchen Glenne gelegenen Zipfel Weidelandes abstreitet und eines schönen Tages mit bewaffneter Mannschaft occupirte. Der streitige Zipfel Weideland liegt auf der Grenze der preußischen Provinz Westfalen und Lippes, und als die preußischen Gerichte unter Berufung auf den Grenzregulierungsvertrag sich für incompetent erklärten, wandte sich der preußische Colonus Romke an Hausmann, damit dieser seine Sache vor den lippeschen Gerichten führe. Hausmann hat, nachdem er sich an Ort und Stelle instruirt, den Proceß übernommen und bereits eine vorläufige für seinen Clienten günstige Entscheidung erstritten. Noch einen tieferen Einblick als die advocatorische Praxis hat dem Stadtrichter von Horn aber seine hervorragende Betheiligung an den Verfassungskämpfen des Landes in die Verhältnisse desselben verstattet.

Diese Kämpfe haben ein volles Vierteljahrhundert gedauert. Sie kamen vor das Forum des alten Bundestages und vor dasjenige des deutschen Reichstages; sie zogen die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland auf sich, und wenn sie im Laufe dieses Jahres auch einen formellen Abschluß fanden, so kann man doch leider kaum annehmen, daß die Streitaxt definitiv begraben worden sei.

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aus: Die Gartenlaube 1877, Heft 33, S. 552–553
[552]
II.

Die Umgebung der Externsteine ist einer der schönsten Punkte des lippischen Waldes. Was die menschliche Hand dort gethan hat, um die Anmuth der Scenerie zu heben, ist nicht gerade viel, aber verdienstlich, anerkennenswerther noch, daß dasjenige, was die Natur aus eignen Mitteln schuf, mit mehr Respect behandelt worden ist als anderwärts. Die Axt des Holzhauers, deren Spuren der lippische Wald leider gar zu viele aufweist, ist hier doch ein wenig maßvoller gehandhabt worden. Gleich am Saume des Waldes, den man vom Städtchen Horn aus auf der nach Paderborn führenden Chaussee in fünfzehn bis zwanzig Minuten erreicht, blickt man zur Rechten in einen Hain mächtiger alter Eichen, der sich mählich hinabsenkt in eine Schlucht. Ein geheimnißvolles Halbdunkel und eine tiefe nur vom Kreischen des Hähers und dem Klopfen des Spechts unterbrochene Stille herrscht unter diesen Baumkronen. Vorüber dann an einer grünen Matte links und einem Wirthshause von wunderlicher Architectur rechts gelangt man an die größten der Felsen. Gleich riesigen Pförtnern stehen sie vor der Thalschlucht, welche von Höhen rechts und von Höhen links eingefaßt wird und welche den Durchblick gestattet auf die im Hintergrunde sich aufthürmenden, malerisch geschichteten Waldmassen. Was die Felsen selber betrifft, so erscheint es wie ein barocker Einfall der Mutter Natur, daß sie von den Gliedern der selbigen Unterwelt ein paar hinauswachsen ließ über ihre Cameraden um mit Baum und Busch und Haidekraut und Moos, den licht- und luftliebenden Kindern der Oberwelt, zu fraternisiren. Denn, wenn jene Steinblöcke in ihrer allernächsten Umgebung auch noch einige Genossen haben – im übrigen Walde tritt das felsige Knochengerüst selten anders als in Steinbrüchen zu Tage. Wer etwa von Paderborn oder Detmold her stundenlang den Wald durchwandert hat, ohne auf irgend Etwas den Externsteinen Gleichartiges zu stoßen, und nun sich plötzlich diesen grauen Riesen gegenübersieht, der schaut sie vielleicht ebenso verwundert an, wie der berauschte Student in des verflossenen und verstorbenen und hoffentlich nunmehr seligen preußischen Cultusministers Liede den Mond. Die Sohle des Thales, vor dem die Externsteine – der Bürger von Horn nennt sie schlechtweg die „Steine“ – Wacht halten, ist von einem kleinen Bache durchflossen. Ein Damm hält ihn auf, zwingt ihn so, einen kleinen See oder, wenn das bescheidener klingt, einen großen Teich zu bilden, und unmittelbar an den Felsen rauscht das überschüssige Wasser über das Wehr hinab. Eine Wanderung um diesen kleinen See auf den wohlgepflegten Pfaden, die Schatten gewähren ohne doch der Ausblicke zu ermangeln, ist ein idyllischer Genuß. Zumal am Morgen oder Abend eines sonnigen Herbsttages, wo die Blätter bereits angefangen haben sich zu gilben oder zu bräunen und wo man sicher ist, nicht wie an den Sommertagen auf Schwärme von Touristen zu stoßen. Ein paar Schwäne ziehen auf dem See stumm ihre Kreise, im Hintergrunde steigt aus dem einsamen Forsthause ein Rauchwölkchen empor, eine wilde Taube gurrt, aus weiter Ferne ertönt auch wohl der Ruf des brünstigen Hirsches – sonst ist Alles still und athmet Frieden und Ruhe. Zuverlässigere Zeugen des Zaubers, den diese Gegend in sich trägt, als ich sind die Künstler, welche dieselbe vielfach durchstreifen. Allsommerlich kommt seit mehreren Jahren eine Anzahl Düsseldorfer Maler hierher, um die an Motiven überreiche Landschaft auszubeuten. So trafen auch wir eines Nachmittags, als wir den See umwandert hatten, am Forsthause den Maler Kröner, dessen Jagdscenen sich des wohlverdienten besten Rufes erfreuen. Er hält sich jährlich Monate lang in Horn auf und hat von meinem jagdliebenden Freunde Hausmann, der das Revier der Stadt Horn in Pacht hat, einen Theil dieses Reviers übernommen.

Auf unseren Wanderungen in der Nähe der „Steine“ war mir von besonderem Interesse eine Bergwand, die sich gleichfalls zu dem kleinen See hinabsenkt. Auf weitetem Umwege durch ein am Waldrande gelegenes kleines Dörfchen führte mich mein ortskundiger Begleiter dahin. Die Wand ist zum Theil mit Eichen bestanden. Es sind uralte, graue Häupter, über die schon manches Jahrhundert hinweggerauscht sein mag. Sie sind gar nicht so hoch und mächtig, aber jeder einzelne Baum hat seine ausgeprägte charaktervolle Individualität. Der steinige Grund und der rauhe Nordwest hat ihnen das Leben schwer gemacht. Man sieht ihnen den Kampf um’s Dasein an. Im Wetter gehärtet stehen sie da als Vorbilder westphälischen Trotzes und altcheruskischer Kraft. Das gewaltige Wurzelgeflecht, das ihren Stamm umlagert, konnte nicht Raum finden in dem felsigen Boden, und umklammert denselben dafür um so krampfiger und fester, nur spärlich von der dünnen mit Moos und Flechten bewachsenen Kruste überdeckt. Der Stamm ist kurz und gedrungen und trägt ein keineswegs reiches, aber wunderbar knorriges, wild phantastisches Geäst. Hier und da hat der Sturm einen Wipfel gebrochen, der Wetterstrahl eine Krone gestreift, aber die gierige Hand der lippischen Domänenverwaltung ist an diesen Zeugen der Vergangenheit – sei es aus Respect, sei es in der Erkenntniß, daß sich so gar viel Capital nicht daraus schlagen ließe – schonend vorübergegangen. Hoffen wir, daß sie dies auch ferner thue.

Einen tieferen Blick in den lippischen Wald that ich am Tage, als ich Horn verließ. Ich hatte den Wunsch geäußert, das Hermanns-Denkmal noch zu besuchen, und Hausmann bot mir seine Begleitung an. Morgens zu guter Stunde ward das Rößlein angeschirrt, und in raschem Trabe brachte es uns durch die Feldmark von Horn zum Dörfchen Berlebeck. Hier ist es, wo die Sommergäste des lippischen Waldes vorzugsweise ihr Standquartier aufschlagen. Und sie haben guten Grund dazu. Das langgestreckte Thal mit seinem krystallklaren Bache im Grunde, mit den zwischen Gärten und Baumgruppen zerstreuten Häusern und Gehöften ladet zum Verweilen ein. Ueberdies sind der anmuthigen Punkte genug in der Nähe – Bergkuppen mit weiter Aussicht, schattige Wege an den Hängen und in den Schluchten, auch die Trümmer einer alten Burg (der Falkenburg) fehlen nicht.

Wir fuhren zunächst an dem Bache hinauf, um dessen Quelle zu sehen. In einem von ein paar Buchen beschatteten kühlen Grunde, dicht unter den Wurzeln der Bäume, sprudelt das Wasser kräftig hervor. Die Buchen sind uralte, mächtige Stämme, mit starkem, fast eichenartig knorrigem Gezweige. Mit dem Bedauern, daß von dem Hochwalde, der einst diese Schluchten bedeckte, nur so spärliche Reste übrig gelassen, sieht man von ihnen hinweg auf das junge, niedrige Gestrüpp der Hänge und Hügel umher.

In dem Dorfkruge zu Berlebeck gab Hausmann den Wagen ab mit der Anweisung, ihn in’s benachbarte Dorf Heiligenkirchen zu bringen. Dann stiegen wir aufwärts, zwischen Gehöften und Feldern, die sich malerisch an den Bergwänden hinausziehen, hindurch, und gelangten bald an den Rand des Waldes. Wir standen vor einer Gitterpforte. „Was ist denn das?“ fragte ich, die Hand an das Thor legend, den Freund. „Ist hier mitten in den Bergen ein Hirschpark etablirt?“

„Man hört’s,“ erwiderte er, „daß Du lange nicht in der Heimath warst. Der ganze Wald ist Hirschpark; er hat als fürstliches Gehege schon lange die Ehre, umgittert zu sein. Solch ein Zaun, wie Du ihn hier siehst, läuft um den gesammten Stock des Waldes, nur die Vorberge, die Ausläufer mit ihren kleineren isolirten Gehölzen sind uneingefriedigt geblieben.“

„Und warum das?“ fragte ich weiter.

„Zum Theil, um das Wild zu schützen vor den Wilddieben und vor den jagdberechtigten Grundbesitzern am Waldrande, zum Theil aber auch, damit die fürstliche Domänencasse keine Wildschäden zahlen muß für die Verwüstungen, welche die Hirsche auf den angrenzenden Feldern anrichten.“

„Meinst Du denn, daß der Gewinn dem Aufwande, welchen Anlage und Erhaltung dieses Gitters verursacht, entspricht? Wenn man auch das Material zu diesen dicken Pfählen in Fülle selbst besitzt, so hat man doch die schweren, dichtgespannten Eisendrähte und die Arbeit nicht umsonst.“

[553] „Nein,“ sagte er lachend, „das glaube ich freilich nicht. Die Wilddiebe finden doch wohl ihren Weg in das große Revier, und die Beute an Hirschen, welche die benachbarten Jagdberechtigten davon trugen, zusammengerechnet mit den Wildschäden von ehedem, deckt lange nicht die Kosten des ungeheuren Gitters, das mehrere Quadratmeilen umrahmt. Bei alledem züchtet man auch kein Wild ersten Ranges innerhalb dieser Zäune. Der Edelhirsch, wenn er zur vollen Entwicklung seiner Kraft und Schönheit gelangen soll, muß ungehemmt streifen und hinaustreten können in die Vorberge; vielleicht aber,“ fügte er hinzu, „hat das Gitter auch noch seine Nebenzwecke. Man will das Laubsammeln der Erwachsenen hindern und das Beerensuchen der Kinder controlliren können.“

„Ist es wahr,“ fragte ich, „daß der im vorigen Herbste verstorbene Fürst einmal höchsteigenhändig einem Knaben im Walde einen Sack mit Laub abgenommen und den Inhalt ausgeschüttet hat?“

„Verbürgen,“ entgegnete Hausmann, „kann ich’s freilich nicht; aber man erzählte es allgemein.“

Die Umzäunung des Waldes ist auch für den Touristen höchst unbequem. Auf Richtwege, auf das regellose Umherstreifen über Berg und Thal, darf er sich nicht einlassen. Er läuft sonst Gefahr, plötzlich vor dem Gitter zu stehen und Viertel- oder halbe Stunden weit gehen zu müssen, bis er eine Pforte findet. Er muß den Waldwegen folgen. Das thaten denn auch wir. In sanften Windungen führte uns der Pfad auf die Höhe um eine Einsenkung herum, und nach einstündigem Wandern waren wir auf der Spitze der Grotenburg, am Fuße des Hermanns-Denkmals. Ich hatte das vollendete Standbild noch nicht gesehen. An der Wiege des Denkmals hatte ich allerdings sozusagen als Taufzeuge mit gestanden. Bei der Grundsteinlegung – es sind lange Jahre her – spielten die Gymnasiasten von Detmold, zu denen ich damals gehörte, eine hervorragende Rolle. In altdeutschem Rocke mit übergeschlagenem Hemdkragen, schwarzem Sammtbarett mit weißer Feder, umgürtet von schwarz-rothgelber Schärpe, schritten wir im Festzuge auf die Grotenburg, hinter einer prächtigen Fahne drein, die von Detmolder Frauen gestickt war und die ein braungelockter, kräftiger Commilitone trug. Das war in der Denkmalsgeschichte die Periode des Enthusiasmus. Sie ging rasch vorüber, der Bau stockte und es folgte die Periode der Ironie. In den vierziger Jahren, als der Spott fast die einzige Waffe war, welche der Freiheits- und Einheitsdrang in Deutschland schwingen konnte, schonte der Zug der Zeit auch das Denkmal des Cheruskerfürsten nicht. Wer etwa noch ein paar Jahrgänge des von Otto Lüning[WS 1] redigirten radicalen „Westfälischen Dampfbootes“ besitzt, wird darin zahlreiche Spuren jener Ironie auffinden können. Dann kam die Periode der Vergessenheit. In der Zeit, wo der Czar Nicolaus in Europa, Manteuffel in Preußen und Hannibal Fischer in Lippe dominirte – wer dachte da noch an’s Hermanns-Denkmal – mit Ausnahme von Bandel und von einem kleinen Kreise Getreuer? Erst die Bismarck’sche Realpolitik hat dem Künstler geholfen, seine Idee in die Wirklichkeit zu setzen; der neue deutsche Staat legte sich in’s Mittel und das Erzbild ward fertig.

Diese Perioden der Denkmalsgeschichte flogen an meiner Seele vorüber, als ich dem Heros der deutschen Vorzeit gegenüberstand. Aber hinweg mit den Erinnerungen, sie stören den Genuß an der Gegenwart! Es ist ein wunderbar prächtiger Octobertag – ich will ihn mir gerade hier weder durch historische noch durch ästhetische Krittelei verderben! Zwei Momente stimmen harmonisch zusammen und üben auf den Beschauer, der sich der Stimmung naiv hingiebt, eine mächtige imposante Wirkung: die riesige Männergestalt und der Ort, wo sie steht. In dem gewaltigen Gliederbau, in der Haltung des Cheruskers prägt sich eine feste, selbstbewußte Kraft aus, in der landschaftlichen Scenerie eine ruhige Größe. Von dem hochragenden Leibe des Recken schweift der Blick auf die Baumkronen in der Nähe, die im Winde leise und geheimnißvoll rauschen, von den Baumkronen hinweg durch die Lichtung über das Buschwerk und über die Gipfel der umliegenden Hügel und Berge in die weite duftige Ferne – da ist ein voller glücklicher Einklang!

Wir brachten eine gute Weile am Denkmal zu und genossen die dort herrschende einsame Ruhe in vollen Zügen. Dann stiegen wir wieder abwärts. Das Dorf Heiligenkirchen, unser nächstes Ziel, lag lockend drunten im Thal, die Fahrstraße dehnte sich in weitem Bogen – so kletterten wir auf’s Gerathewohl hinunter, fanden nach einigem Suchen glücklich eine aus dem fürstlichen Gitter führende Pforte und erreichten einen abkürzenden Pfad. Im Wirthshause war Hausmann’s Fuhrwerk richtig angelangt; wir nahmen ein ländliches Mahl ein, dann rollten wir weiter nach Detmold zu. Heiligenkirchen, wie Berlebeck vom Bache durchströmt, verräth schon die Nähe der Residenz. Zwischen den Bauerngehöften sieht man Häuser in modernem Villenstyl und hie und da begegnen uns Menschen in städtischer Tracht und im Promenadenschritt. Fast der ganze Weg von Heiligenkirchen bis Detmold – die Entfernung mag eine Stunde betragen – ist in der That eine reizende Promenade. Ein wunderschöner Baumschlag rechts und links an den Höhen, saftige Wiesen, durch welche der Bach sich hindurchschlängelt, im Grunde – das dehnt sich hin bis unmittelbar an die Häuser der Residenz. Es war mir das prächtige Thal so wohlvertraut aus früherer Zeit und doch so neu in seiner zauberischen Schöne.

„Wie hübsch ist doch das Ländchen!“ sagte ich zu meinem Begleiter.

„Es ist wahr,“ erwiderte Hausmann, „und wie Du, sagen es Alle, die auch andere durch ihre Schönheit berühmtere Theile des deutschen Landes gesehen. Aber,“ fuhr er nach einer Weile, das Pferd zu langsamerer Gangart nöthigend, fort, „ich kann diese Herrlichkeiten kaum betrachten, ohne daß sich die bittere Erinnerung mir einmischte: wie übel auf diesem prächtigen Stück Erde gewirthschaftet ist und gewirthschaftet wird. Wie eine mittelalterliche Burgruine im Walde, so liegt Lippe im deutschen Reich. Von dem etwa zwanzig Quadratmeilen großen Fürstenthum sind etwa vier Quadratmeilen, also ein Fünftheil (vierundzwanzig bis dreißig Millionen Mark an Werth), Domanialgut, und der Rest wird als Zubehör des fürstlichen Domanialgutes betrachtet.“

„Aber meinst Du nicht,“ sagte ich, „daß Eure neue Aera dem ein Ende machen könnte?“

Er zuckte die Achseln. „Du hast unser neues Wahlgesetz gelesen, und ich brauche Dir die Tendenz desselben nicht zu deuten. Die ganze künstliche Zersplitterung der Wählerschaft weist darauf hin, daß man dem, was bisher ungesetzlich prakticirt wurde, jetzt nur die Form der Gesetzlichkeit geben will. Mit den hundertundzwanzig bis hundertunddreißig höchstbesteuerten Wählern erster Classe und den achthundert Wählern zweiter Classe legt man die Masse der zwanzigtausend Wahlberechtigten in der dritten Classe lahm.“

„Sollte denn auch die zweite Classe der Regierung ein so sicheres Contingent stellen?“ warf ich ein.

„Leider nur zu wahrscheinlich.“ entgegnete Hausmann, „denn in ihr stecken fast all die Elemente der Bureaukratie, welche in unserem Verfassungswirrwarr alle Selbstständigkeit verloren haben.“


Unter solchen Gesprächen waren wir in Detmold angelangt. Verweilen konnte ich dort nicht; die Zeit, die ich dem Besuch im Lippische widmen durfte, war um. Ich schied von Hausmann mit herzlichem Händedruck, schickte meinen Reisesack zur Post und machte mich zu Fuß auf den Weg nach Lemgo. Als ich, die Cigarre im Munde, die Hauptstraße der Residenz entlang ging, erinnerte ich mich, daß das Fürstenthum doch eine der Errungenschaften von 1848 nicht verloren hat – die Rauchfreiheit nämlich. Vor dem März war es streng verboten, mit brennender Cigarre namentlich an den Wachtposten vorüber zu gehen. In den Märztagen, als der revolutionäre Luftstrom durch alle Poren drang, kam die komische Scene vor, daß ein Posten einem rauchend vorübergehenden Advocaten die Cigarre aus dem Munde nahm und sie zwischen die eigenen Zähne steckte. Jetzt passirte ich die Hauptwache am Schloßplatz ohne Anstand und nahm die befriedigende Gewißheit, daß Lippe doch nicht so ganz hinter unserer Zeit zurückgeblieben, mit auf den Weg.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Lünig