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Aus der algerischen Revolution von 1871

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Textdaten
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Autor: Heinrich von Maltzan
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Titel: Aus der algerischen Revolution von 1871
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 194–196
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus der algierischen Revolution von 1871.
Von Heinrich Freiherrn von Maltzan.


Es widerspricht gewiß dem Geiste der Civilisation, wenn ein europäisches Culturvolk auf ein anderes, mit welchem es Krieg führt, eine Bande roher Barbaren hetzt, die alle Grausamkeiten eines fremden Welttheils und einer tieferen Culturstufe in den europäischen Krieg hineintragen und so dessen unvermeidliche Schrecken noch viel grauenvoller machen. Daß die Franzosen ein solcher Vorwurf trifft, das werden wohl Alle zugeben, welche deren afrikanische Söldlinge, die Turcos, in ihrer schaudervollen Thätigkeit gesehen haben. In einem vor zwei Jahren in der Gartenlaube erschienenen Artikel habe ich dieser Turcos gedacht und bei der Gelegenheit erwähnt, daß die Meisten derselben von Kabylen stammen und daß die Kabylen sich unter den Eingeborenen Algeriens durch Grausamkeit auszeichnen. Der eigentliche Araber ist zwar rachsüchtig, blutdürstig, aber, so viel ich beobachtet habe, gefällt er sich nicht in unnützen Grausamkeiten. Der Kabyle dagegen, obgleich im Frieden den Europäern weniger abgeneigt als der Araber, somit vielleicht civilisationsfähiger als dieser, ist im Kriege ein wildes Thier. Wie der Panther seiner Gebirge sich nicht damit begnügt, nur die Thiere, welche er verzehren will, umzubringen, sondern in der von ihm überfallenen Heerde hier eins erwürgt, dort ein anderes mit tödtlichem Tatzengriff trifft, und so viel mehr Opfer, als seine Nahrung erheischt, aus baarem Grausamkeitsinstinct schlachtet (ganz anders hierin, als der Löwe, der, wenn er nicht gereizt ist, nur aus Nothwendigkeit tödtet) – ähnlich der Kabyle im Kriege. Ihm genügt nicht das Tödten in offenen Kampfe; auch am Verwundeten und Gefangenen will er seine Blutgier auslassen. Das Abschneiden von Ohren, Nasen, Fingern, das Verstümmeln von Armen und Beinen, Zungenausreißen, Bauchaufschlitzen sind ihm eine Wollust. Menschen, mit solchen Instincten behaftet, wurden von den Franzosen unseren braven Kriegern entgegengestellt. Aber die Nemesis blieb nicht aus! Noch war kein Jahr vergangen, so sollten die Väter und Brüder ebenderselben Kabylen ihre grausame Wildheit an den Franzosen selbst auslassen und eine Reihe blutiger Schreckensthaten den afrikanischen Boden röthen.

Als im Jahre 1871 die französische Macht am tiefsten darniederlag, da machten auch die Eingeborenen Algeriens den Versuch, das Joch abzuschütteln, das bald ein halbes Jahrhundert auf ihnen gelastet. Aber ihre Revolution kam zu spät. Politischen Erfolg konnte sie nicht mehr haben, denn der Friede, der bereits zwischen Deutschland und Frankreich geschlossen war, machte es diesem möglich, wieder Truppen nach Afrika zu schicken. Der Kampf gegen die Commune von Paris hielt zwar größere Truppensendungen noch eine Zeitlang zurück, aber das Ende dieses Kampfes mußte jeder gewiegte Politiker als bald bevorstehend voraussehen. Zu ihrem Unglück glaubten jedoch die Algierer an einen möglichen Sieg der Commune oder wenigsten an eine längere Fortdauer des anarchischen Zustandes. Deshalb wählten sie gerade den Monat April (1871) zum Ausbruch ihrer Revolution.

Diese war lange vorbereitet gewesen und brach nun mit einer seltenen Einhelligkeit aus. Größere Erfolge konnten jedoch nicht mehr erreicht werden, denn bereits waren die wichtigsten Städte und Forts wieder mit Truppen besetzt. Nur die im Flachlande und auf den Bergen zerstreuten Niederlassungen fielen als Opfer der Rache der Einheimischen. Dabei kamen zahlreiche Tödtungen friedlicher Colonisten vor. Eigentliche Grausamkeiten fanden jedoch fast ausschließlich in den von Kabylen bewohnten Gegenden statt. Die Menge dieser blutigen Thaten, wer vermag sie zu schildern? Viele sind nie aufgehellt worden und können es auch nicht werden, weil es an europäischen Zeugen fehlt. Nur diejenigen Massenmorde, denen einige Europäer wie durch Wunder entgingen, während die Mehrzahl ihrer Gefährten ihnen zum Opfer fiel, sind nachweisbar. Einige derselben wurden in den letzten Monaten vom Geschwornengericht in Algier verhandelt und deren Urheber zur Rechenschaft gezogen. Dadurch wird auf einmal ein Zipfel vom Schleier gehoben, der das blutige Gemälde des Aufstandes von 1871 deckte.

Wenn wir hier einige dieser Gräuelthaten schildern, so geschieht es nicht, um Sensation zu erregen, sondern um unseren Landsleuten zu zeigen, welchem Schicksale sie durch die Tapferkeit unserer Truppen entgingen. Denn hätten diese nicht verhindert, daß die Franzosen nach Deutschland kamen, so wäre wohl manches deutsche Dorf einem ähnlichen Schicksale ausgesetzt gewesen, wie es die französischen Colonisten in Afrika traf. Man denke sich ein deutsches Dorf in Händen der Turcos! Wessen diese fähig waren, das wird man danach beurtheilen, was ihre Väter und Brüder in Afrika thaten.

In den Gebirgen Großkabyliens liegt ein kleines, meist von Italienern bewohntes Colonistendorf, dem man zur Erinnerung an die gleichnamige Schlacht den Namen Palestro gegeben hat. Es ist ziemlich weit von andern Colonistendörfern entfernt. Die Gegend rings herum ist ausschließlich noch in den Händen der Eingeborenen; das Gebirge gehört den Beni Chelfun, einem Kabylenstamm; [195] die Thäler bewohnt der arabische Stamm der Amenal. Mit diesen standen die Colonisten auf dem besten Fuße, so daß sie gar nicht an feindliche Absichten derselben glauben wollten, obgleich sich seit Ende 1870 die Anzeichen einer bald ausbrechenden Revolution täglich mehrten. Diese unglückliche Vertrauensseligkeit war um so unerklärlicher, als die Eingeborenen gar kein Blatt vor den Mund nahmen, stets vom Ausbruch der Rebellion sprachen und die Europäer bedrohten, einstweilen nur mit Worten. Selbst einzelne wohlmeinende Araber warnten die Colonisten, aber diese schlugen alle Warnungen in den Wind. Eines Tages überhörte ein junges Mädchen, die Tochter eines Rathes, ein Gespräch der Araber, worin einer derselben, auf sie hindeutend, zu seinem Vater, dem Scheich der Amenal, sagte:

„Wenn der Krieg ausbricht und wir die Christen alle todtschlagen, so will ich nicht, daß man auch dieses Mädchen tödtet; die habe ich mir schon lange für meinen Harem ausersehen!“

Das Mädchen, das durchaus keine Lust hatte, in ein arabisches Harem zu kommen, empfand einen leicht begreiflichen Schrecken vor dem Loose, mit dem sie bedacht schien. Als sie aber ihren Eltern sagte, was sie gehört hatte, nahmen diese es als bloßen Scherz und lachten sie aus. Dennoch bestand sie darauf, daß man ihr erlaube, nach Algier zu gehen. Dadurch rettete sie sich, denn bald darauf sollte Palestro der Schauplatz der blutigsten Auftritte werden.

Anfangs April 1871 konnte man täglich den Ausbruch des Aufruhrs erwarten. Die Anzeichen mehrten sich und waren unverkennbar. Dennoch blieben die Autoritäten von Palestro, der Maire Basetti und ein französischer Ingenieurofficier, Anger, voll blinden Vertrauens. Sie glaubten den Versicherungen der Scheichs, daß nichts zu fürchten sei; ja sie ließen ebendiese Scheichs, die doch die Anstifter der Rebellion waren, Recognoscirungen in der Umgegend machen, von welchen diese natürlich stets mit der Auskunft zurückkamen, daß überall die größte Sicherheit herrsche. Endlich, am 20. April, konnte niemand mehr an der Feindseligkeit der Eingeborenen zweifeln. Das ganze Dorf war von Bewaffneten umzingelt. An Flucht war nicht mehr zu denken, Hülfe nicht zu erwarten. Die Colonisten waren auf ihre eigenen Vertheidigungsmittel allein angewiesen. Das Dorf hatte nicht einmal eine Mauer, wie andere Dörfer Algeriens, denn gegen die Kriegsführung der Eingeborenen ist selbst eine Mauer schon ein Schutz. Es waren nur drei größere Steinhäuser da, die Gensdarmeriecaserne, das Pfarrhaus, das Cantonnementsgebäude. In diese flüchtete sich die Einwohnerschaft.

Kaum waren die Colonisten in vorläufiger (freilich sehr problematischer) Sicherheit, als der Einbruch in’s Dorf erfolgte. Zwölfhundert Mann überfielen es, nahmen Besitz von den leergelassenen Häusern, tödteten die Europäer, die nicht Zeit gehabt hatten, sich in die drei Häuser zu flüchten, und bereiteten Alles zum Angriff auf die Verschanzten vor.

Am zweiundzwanzigsten kam der Scheich der Beni Halfun mit seinen Kabylen. Man griff zuerst das Pfarrhaus, welches die schwächste Position war, an. Selbst in diesem Augenblick gab sich der Maire Basetti noch der Illusion hin, die Aufständischen würden nichts Ernstliches unternehmen, und verbot den mit ihm Verschanzten, auf die Häuptlinge zu schießen. Gegen Abend gelang es den Kabylen, die Thür des Pfarrhauses einzustoßen. Jetzt blieb keine Rettung, als durch einen bewaffneten Ausfall. Die Belagerten verließen das Gebäude, in dem sie sich nicht mehr halten konnten, und es gelang ihnen, bis zur Caserne zu dringen, alle bis auf vier Mann, die unterwegs gefallen waren. Gleich darauf wurde das Pfarrhaus ein Raub der Flammen. Die Helle des Feuers diente den Kabylen dazu, die anderen beiden Häuser zu überwachen, damit niemand entkäme.

Am anderen Morgen forderten die Eingeborenen die Belagerten auf, sich zu ergeben. Nach langen Verhandlungen kommt eine Capitulation zu Stande, wonach die in der Caserne Verschanzten frei abziehen und sogar ihre Waffen behalten dürfen. Der Scheich der Beni Halfun, Said ben Ali, giebt sein Wort, daß die Capitulation gehalten werden soll. Aber kaum haben die Belagerten die Caserne verlassen, so versucht man, ihnen dennoch ihre Waffen zu nehmen. Ein Colonist hält das Bajonnet vor. Man umringt ihn, will ihn entwaffnen. Er leistet Widerstand. Da trifft ihn eine Salve und streckt ihn todt nieder. Dies ist das Signal zu einem allgemeinen Gemetzel. Es ist unmöglich, alle Schauderthaten zu schildern, welche nun folgten. Einige wenige Scenen mögen von ihnen einen Begriff geben!

Vier Kabylen bemächtigten sich des Pfarrers. Umsonst fleht er um sein Leben. Sie reißen ihn nieder und schlitzen ihm den Bauch auf. Drei andere fassen einen Officier; man enthauptet ihn. Ein gewisser Sliman packt einen Colonisten, dem er Geld schuldig ist. Er wirft ihn zu Boden und schneidet ihm Brust und Leib auf; dessen Sohn, ein Kind, der für seinen Vater um Gnade fleht, wird mit einem Bajonnetstich ermordet. Andere fallen nach gräßlicheren Martern. Man schneidet ihnen Ohren und Nase ab, reißt die Zungen, sticht die Augen aus und läßt sie sterbend liegen. Der Raub ist überall mit dem Mord gepaart. Den Frauen zerreißt man die Ohren und schneidet ihnen die Finger ab, um schneller die Ohrgehänge und Ringe zu bekommen. Dann tödtet man auch sie. Im Ganzen werden von den in die Caserne Geflüchteten einundvierzig getödtet, das heißt Alle, bis auf zwei. Die Geretteten sind der Genieofficier, den man als Geisel behalten will, und ein Knabe, der Sohn des Maire; dieser hatte sich nicht von seinem Vater trennen wollen. Die Kabylen reißen ihn mit Gewalt von ihm los; eben wollen sie ihn erschlagen; da gelingt es ihm, einen Schlupfwinkel zu finden. Aber auch hier wird er bald entdeckt. Nun verfällt er auf ein seltsames Mittel, sein Leben zu erkaufen. Er reißt seine goldene Uhrkette in Stücke und giebt Jedem, der an sein Asyl kommt und ihn herausziehen will, einen Theil, so sein Leben stückweise erkaufend. Endlich aber wird er doch herausgerissen. Ein Araber nöthigt ihn, sich auf die Leiche des Pfarrers zu setzen, und zieht ihm die Schuhe aus, um zu sehen, ob er dort nichts versteckt habe. In diesem Augenblick reitet der Scheich vorbei. Der Knabe läuft mit ausgestreckten Armen auf ihn zu und bittet um Rettung. Der Scheich nimmt ihn auf sein Pferd und entreißt ihn so seinen Verfolgern. Dies ist das einzige Beispiel einer menschlicheren Regung inmitten dieses grausigen Gemäldes. Noch war der Vater des Knaben am Leben. Dieser erblickt ihn von Weitem und bittet den Scheich, auch ihn zu retten. Der aber erwidert nur: „Ich komme später wieder.“ Natürlich war dann der Maire erschlagen. Indeß behauptet man vielfach, der Scheich habe nicht die Macht gehabt, die Morde zu verhindern.

Jetzt blieb nur noch das Cantonnementsgebäude übrig. Auf dieses stürzen sich nun die Kabylen. Durch ein unbegreifliches Versehen war dessen Thür offen geblieben. Der Feind dringt ein. Die Belagerten flüchten auf eine kleine Terrasse im ersten Stock, wohin ihnen die Angreifer nicht folgen können, da sie die Treppe zerstört haben. Bald steht das ganze Haus in Brand. Da aber die Terrasse eine eiserne Stütze hat, so bleibt sie stehen. Aber in welch’ elender Lage befinden sich die dorthin Geflüchteten! Die Terrasse hat nur zwölf Quadratmeter Flächeninhalt und auf diesem stehen fünfundvierzig Menschen, die sich noch dazu meist in liegender Stellung halten müssen, denn die Brüstung ist nur vierzig Centimeter hoch. Wer sich aufrichtet, wird augenblicklich von den untenstehenden Feinden erschossen. Die Liegenden trifft ein Hagel von Backsteinen. Dabei brennt die glühende afrikanische Sonne auf die Scheitel der Unglücklichen und das Feuer unter ihnen macht schon die eiserne Stütze der Terrasse erglühen. Kein Tropfen Wasser, um den versengenden Durst zu löschen! In dieser unsäglichen Qual enden einige der Belagerten ihr Leben durch Selbstmord. Die Frauen bitten ihre Männer, sie zu tödten; dennoch will noch keiner sich ergeben. Das Loos der Belagerten der Caserne steht noch Allen vor Augen. Sie wollen lieber im Rauch, der immer dichter wird, ersticken, als den Eingeborenen in die Hände fallen. Endlich beginnt doch das Gewölbe zu krachen. Der oberste Scheich macht den Belagerten Versprechungen, daß er ihr Leben retten wolle. Sie lassen sich bereden zu capituliren, und siehe da – so unberechenbar sind die Schicksale bei solchen Aufständen – diesmal wird die Capitulation wirklich gehalten, und so entgehen diese Belagerten dem Tode Nach wenigen Tagen schon befreit sie eine französische Colonne aus der Gefangenschaft.

Das französische Gericht ist bei Aburtheilung dieser Metzeleien von dem Grundsatz ausgegangen, daß die Scheichs vor Allem schuldig seien, da sie die Morde verhindern konnten und nicht verhinderten. Demgemäß wurden acht Eingeborne, worunter die [196] Vornehmsten der beiden Stämme, zum Tode verurtheilt. Ob die Schuld der Scheichs wirklich so groß war, das heißt ob sie die Macht hatten, die Massenmorde zu verhindern, ist übrigens keineswegs constatirt. Es scheint uns, man hätte wenigstens den Retter des Knaben verschonen sollen. Aber er ist gerade der Erste unter den zum Tode Verurtheilten.

Zur selben Zeit, als Palestro fiel, hatte ein anderes kleines Colonistendorf, das ebenfalls einen Schlachtennamen führt, es heißt nämlich Alma, einen blutigen Kampf gegen die Kabylen zu bestehen; Dank rechtzeitiger Truppensendung, wurde Alma gerettet. Aber ein Dutzend zerstreut wohnender Franzosen fiel doch auch hier als Opfer der Eingebornen. Vier derselben, zwei Männer und zwei Frauen, hatten sich einem Scheich ergeben, der sie zu schützen versprach. Dieser Scheich galt für einen Franzosenfreund. Das war das Unglück der Gefangenen, denn, um sich von dem Verdacht zu reinigen, der ihn als einen Parteigänger der Fremdherrschaft bezeichnete, und seine Feindschaft gegen die Franzosen recht offen zu zeigen, brach er sein Wort. Er führte die Gefangenen mitten in’s Lager. Dort fragte er das Volk: „Was soll ich nun mit den Christenhunden machen?“ Man antwortete ihm, man glaube, daß er sie in Sicherheit bringen wolle. Da schulterte er sein Gewehr und rief: „Ihr sollt sehen, wie ich sie in Sicherheit bringen will.“ In dem Augenblicke schoß er auf seine Schützlinge und gab so das Signal zur Metzelei, der sie zum Opfer fielen, nur eine Frau hatte sich gerettet. Ein Kabyle nahm sie gefangen, führte sie in sein Haus, um sie dort – zu ermorden. Auch diese Angelegenheit wurde im Januar 1873 vor den Assisen Algiers verhandelt und endete mit drei Todesurtheilen.

Ein schreckliches Drama ist das, welches sich genau zur selben Zeit in Ued Chaba bei Batna (Provinz Constantine) abspielte. Hier lebten achtzehn Europäer, fern von andern Colonisten, mitten unter Eingebornen in einer Sägemühle. Auch sie hielten ihre Nachbarn für Freunde und diese versicherten sie ihres Schutzes. Als aber der Aufstand ausbrach, wurden auch sie belagert; man legte Holz und Stroh um die Mühle, und bald loderten die Brandfackeln auf und die Belagerten sahen sich genöthigt, ihre Zufluchtsstätte zu verlassen. Kaum hatten sie dies gethan, als sie unter den Streichen der Feinde fielen. Alle kamen um; nur eine einzige Frau, welche gleichfalls als anscheinende Leiche auf dem Platz liegen gelassen worden war, lebte noch. Als sie wieder zu sich kam, sah sie sich, von Wunden bedeckt, aller Kleider beraubt, mitten unter Leichen, ohne Lebensmittel und fern von aller Hülfe. Die nächste Niederlassung war vierzehn Stunden Weges entfernt, dennoch gelang es ihr, sich zu retten. Aber sie brauchte in ihrem erschöpften Zustande und bei der steten Gefahr, die sie zwang, nur Nachts zu gehen, drei Tage, bis sie das nächste Städtchen erreichte. Sie nährte sich von Wurzeln, bedeckte ihre Blöße mit Blättern, und in diesem Zustande kam sie in Batna an. Dieser Criminalproceß endete mit acht Todesurtheilen.

Die Leser der Gartenlaube werden diese Gräuelscenen lebhaft an den in Nr. 6, 7 und 10 dieses Jahrganges geschilderten Indianeraufstand in Minnesota erinnern. In Amerika, wie in Afrika, unter allen sogenannten Naturvölkern dieselbe Grausamkeit und Rohheit, derselbe Blutdurst! Nur daß wir es in Afrika mit einem Volke zu thun haben, das einst civilisirt war und jetzt in einen so tiefen Zustand zurückgesunken ist, daß es den Wilden nahe steht. Natürlich können wir in beiden Fällen nicht unsern europäischen Maßstab anlegen, um den Grad der Schuld zu ermessen.

Hoffen wir aber, daß die Franzosen, nachdem sie die Wildheit der Kabylen wieder einmal zu ihrem eigenen Schaden erfahren haben, in Zukunft dieses ungesittete Element vom europäischen Kriegsschauplatz verbannen werden.