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Aus der afrikanischen Wildniß

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Textdaten
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Titel: Aus der afrikanischen Wildniß
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 681–683
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus der afrikanischen Wildniß.

Charles John Anderson, der bekannte Reisende, der uns schon öfter Erlebnisse, Forschungen und Abenteuer aus Südafrika, vom Ngami-See etc. erzählte, ist jetzt mit einem neuen Werke: „der Okavango-Fluß“, eine Beschreibung seiner letzten Reise, herausgetreten, das namentlich auch eine Reihe höchst interessanter Jagdabenteuer enthält.

Er drang vom Cap durch das westliche Damara-Land weiter als früher und als Andere, wenigstens in bis dahin unerforschte Gegenden des inneren Afrika ein und erwies sich besonders als Nimrod gegen Elephanten. Niedrigeres Hochwild wurde blos gelegentlich auf’s Korn genommen und trotz der entsetzlichsten Gefahren immer überwunden; wie denn überhaupt der gebildete Mensch in dieser seiner geistigen Ueberlegenheit sich fast immer siegreich gegen Wildniß und Barbarei trotz oft tausendfacher physischer Ueberlegenheit geltend zu machen weiß. Er und zwölf andere geschulte Männer schlugen auf dem Wege eine bewaffnete Schaar von sechshundert Wilden theils in die Flucht, theils todt.

Der Mensch ist blos schwach, wenn er sich fürchtet und nicht zu rechter Zeit richtig schießen kann in der Wildniß. Anderson nahm’s gelegentlich mit großen Armeen von Elephanten auf, wenn sie mit starr ausgestreckten Rüsseln und segelartig ausgespannten Ohren wüthend um ihn her trompeteten.

Das erste Elephanten-Abenteuer erlebte er in einer prächtigen Thierwildniß in der Nähe des Omaruru-Flusses voller Giraffen, Zebras, Gnus, Kuudus etc. Die Spuren wurden verfolgt, bis sie in einer Entfernung von drei Viertel englische Meile ruhig fressend entdeckt wurden. Sie fielen ohne besondere Abenteuer, und Schaaren von Berg-Damaranern stürzten wie aus der Luft und Erde geierartig herbei, um sich an Hunderten von Centnern Fleisch zu mästen. Der Held selbst schmauste am folgenden Morgen von einem gebratenen Elephantenfuße und wildem Honig.

„Das Erhebendste, was ein Jäger erleben und genießen kann, fand sich kurz darauf in einer herrlichen Mondscheinnacht, deren Licht das natürlichste und wildeste Thierleben zauberhaft beleuchtete.

Wie geheimnißvoll die tiefsten Sinne und Nerven aufregend und spannend, sich mitten in der Nacht, mitten in schauerlich auflebender Wildniß allein, unbemerkt, ungeahnt als Zeuge dieser wilden, räthselhaften Bewegungen, Gewohnheiten und Neigungen der Bewohner einer solchen unvermenschlichten Natur zu fühlen! Die Natur in ihrer ganzen reichen Gestaltungs- und Bildungspracht! Keine künstliche Fütterung, keine Ketten, Kasten und Kerker, keine Tyrannen-Disciplin eines Wärters hat die stolze Kraft, wundervolle Elasticität, Lebensfrische und Laune dieses animalischen Lebens entnervt und zu armseligen Kunststücken verhungert und verhauen. Welch spannende Erregung bei jeder neuen Anmeldung einer neuen Erscheinung! Der entfernte Fußhall, jetzt deutlich über steinigen Boden klappernd, jetzt leise vibrirend in das gespannte Ohr, während er über weichen Grund schreitet – eine zarte Antilope, ein plumper Elephant, ein wildes Schwein, ein boshaftes Rhinoceros, ein Gnu, eine Giraffe, ein Schakal, ein Löwe – was ist’s – was mag es sein? Jeder Sinn, jedes Atom in uns lauscht, beobachtet, erstaunt und sieht scharf, wie genau sich nicht nur die verschiedenen Arten, sondern auch die einzelnen Exemplare derselben Art individualisiren! Und wenn sie sich begegnen und der Elephant mit dem Rhinoceros, der Löwe mit dem Tiger, zwei männliche Löwen um eine Geliebte auf Leben und Tod kämpfen! Wie sie sich belauschen und belisten, fliehen und aufsuchen, lieben und hassen – Alles in furchtbarster Kraft und Unmittelbarkeit! Anderson gesteht, er habe in einer einzigen solchen Nacht mehr Naturgeschichte kennen gelernt, als durch jahrelanges Wandern, Forschen und Studiren „am Tage“.

„Weit, weit in der Ferne von menschlichem Sein, mitten in den Behausungen des wilden Gethiers, neben den Klüften der Büffel, in Thälern, wo der Oribi spielt, wo Gnus und Gazellen und Hirschthiere grasen, wo Eland und Kudor unverjagt nachten in grauen, von wildem Wein überwachsenen Urwaldsäumen, wo der Elephant in Frieden weidet und das Flußpferd ungescheucht plätschert im Bade und das Nashorn sich nach Willen wälzt und der wilde Esel sich seines Nachttrunks erlabt – über den braunen Karru, wo des Springbocks Stimme klagend blökt und des furchtsamen Quaggas pfeifendes Gewieher an der Quelle den Morgen ruft und Zebraheerden muthwillig ihre Mähnen schütteln und mit wilden Hufen die trostlose Ebene durchdonnern und der fußbeschwingte Strauß hoch wie ein Reiter dahin galoppirt, um seine Heimath in hundertmeiligen Entfernungen immer neu zu suchen, wo der wilde Eber die Erde doppelpflügt, die Hyäne lacht, der Löwe donnert und der Tiger schleicht, über den braunen Karru hin mit ausgedörrtem, versandetem Bette wollen wir wandern, weit, weiter weg von den Gehäusen der Menschen –“

Mit diesen Worten eines echten Wildniß-Poeten schließt Anderson sein Entzücken über die mondbeleuchtete afrikanische Nacht. Er stand im Schutze und Schatten eines Ameisenhügels, bis krachende und knackende Zweige des Waldes und der Büsche des Waidmanns Leidenschaft wieder erweckten. Es waren Elephanten, wie ein Dutzend aus der Dunkelheit hervor grauender Riesenkörper verriethen. Es schienen noch dazu junge männliche zu sein. „Ich war zu weit für einen Schuß. Auch schienen sie mich sofort zu wittern, da sie sich nach einiger Prüfung der Luft zurückzogen. Kurz darauf erscheint ein Trupp ausgewachsener Bullen-Elephanten und marschirt mit festem, geradem, vorsichtigem Schritt zum Wasser. Ich lief hinter einen Baum, um ihnen in den Weg zu kommen. Just als der erste in gefährlicher Nähe an mir vorbeischritt, schickt’ ich ihm eine sichere Kugel mit schwerer Ladung in den Leib. Er stieß einen schwachen Schrei aus, spannte die Ohren weit aus und floh mit hoch hin und her schwenkendem Rüssel.

Einer von dessen Begleitern floh in entgegengesetzter Richtung, so daß ich zwischen beide kam. Da nun auch noch zwei andere zum Vorschein kamen, vorsichtig, voll Verdacht, als witterten sie mich, hielt ich meine Lage nicht für übermäßig sicher. Dennoch schoß ich, als sich einer in einer gar zu verführerischen Stellung vor mir aufpflanzte. Ich traf, und eine zweite Kugel warf ihn, nachdem er etwa fünfzig Schritt gewankt hatte, todt nieder. Sein Begleiter kehrte nach kurzer Flucht zurück, witterte mich, floh und fiel von einer Kugel.“

Kurz darauf erschien eine ganze große Heerde von Mutter-Elephanten mit Jungen und näherte sich unbesorgt dem Wasser, wo sich bald aus anderen Richtungen her noch andere Heerden einfanden. Welch ein unerhörter Anblick, als sie sich alle wie auf Commando in gerader Linie, wie eine Front Infanterie auf der Parade, dicht neben einander aufstellten und so am Rande des Wassers hin tranken, ohne es durch plumpes Hineinsteigen zu trüben! Und das war wahrscheinlich ihr Grund. Die Linie mochte ungefähr aus 150 Exemplaren bestehen. Der Mond war gerade klar [682] hervorgetreten und verbreitete ein zauberhaftes, träumerisches Licht über die gigantischen Creaturen hin. Mir verging die Lust, ein so großartiges, seltsames, lebendiges Naturgemälde zu stören, so daß ich meine mörderische Büchse fallen ließ und mich ganz der Betrachtung ergab. Aber als sie nach reichlicher Tränkung zurückzuziehen begannen und in ungewissem Mondlicht grau verschwammen, sprang ich auf, um wenigsten einen der Letzten abzufangen. Ich schoß und traf einen Mutter-Elephanten. Das Stürzen und Rauschen und Brausen und wuthschmetternde Trompeten, das folgte, war wahrhaft entsetzlich. Es war ein besonders grausames Chor, wie ich bald nachher beinahe auf Kosten meines Lebens erfuhr.

Eines Morgens befand ich mich in der Nähe eines Ortes, genannt Oromboto, wo Elephanten ganz besonders gern zum Trinken sich versammeln, obgleich nirgends Wasser zu sehen ist. Sie graben’s sich jedesmal mit ihren Rüsseln, mit denen sie es mehrere Fuß tief unter der Oberfläche zu riechen scheinen. Hier lauerte ich auf deren Ankunft und fand mit der Zeit eine Heerde von Mutter-Elephanten mit Jungen, wahrscheinlich alte Bekannte aus der Mondnacht. Ich hatte nicht Lust zu schießen, weil Mutter-Elephanten sehr gefährlich sind und auch wenig Elfenbein liefern, aber eine große Menge halbverhungerter Ovatdschimbas, die jämmerlich um Nahrung heulten, bewogen mich, einen Schuß zu versuchen.

So kroch ich leise bis auf dreißig Schritt an einen noblen Mutter-Elephanten heran und wartete auf eine gute Position. Während dieser Minuten waren mir unvermerkt vom Rücken her zwei andere nahe gekommen, der erstere 30 Schritt vor, die beiden anderen 15 Yards hinter mir. Das war eine Lebensfrage, die in zwei Secunden gegen mich entschieden worden wäre, wenn ich nicht im Augenblicke des Gewahrwerdens mit einem furchtbaren Satze über den nächsten Busch gesprungen und nach windesschneller Flucht vor den raschen Verfolgern hinter einem größeren Busche Schutz gesucht und mich platt auf den Boden hingeworfen hätte. Als ich wieder etwas aufsah, stand mir eine ganze Heerde auf der andern Seite des Busches wüthend gegenüber. Mit ihren kleinen, durchdringenden, unruhigen, drohenden Augen, ihren klappenden, schlaffen Ohren und hocherhobenen Rüsseln bildeten sie einen furchtbaren Feind für einen einzelnen Menschen. Aber nachdem sie eine Zeitlang gedroht und vergebens gesucht hatten, machten sie alle plötzlich Kehrt und gaben mir sofort meine ganze Jägerleidenschaft wieder. Ich richtete mich auf und schoß auf den Leit-Elephanten.

Das war eine unbesonnene Tollkühnheit. Schrill und Mark und Bein durchdringend trompetend waren sie im Nu herum und in voller Jagd auf mich los. Jetzt erfuhr ich, was es heißt, für sein Leben zu laufen. Ich behielt mit der Kraft der Eile Geistesgegenwart genug, immer hinter Büsche springend davonzulaufen, wobei mir meine schwere, gereifelte Büchse sehr hinderlich ward; aber obgleich ich meine Feinde dicht hinter mir stampfen und Zweige und Aeste krachend niederbrechen hörte, ich hielt sie nur fester und lief und lief und stürzte immer vorwärts, athemlos, sinnlos und von einem neuen Todesschrecken überfallen, als ich eine große Strecke offenes, baum- und buschloses Land vor mir sah. Hätten sie mich bis dahin verfolgt, es wäre mein Tod gewesen. Aber plötzlich merkte ich, daß sie sich durch dichteres Gebüsch hinter mir hatten aufhalten lassen, und dann, daß sie sich zurückzogen. Jetzt wieder Leben und einige Sicherheit fühlend bestieg ich einen hohen Ameisenhügel, um zu sehen, was sie eigentlich vorhätten. Nach einigem Suchen zwischen Walddickicht und Gebüsch entdeckte ich blos einen Elephanten unter einem Baume. In der Meinung, es könnte der von mir angeschossene sein, rückte ich vorsichtig näher, sah aber bald meinen Irrthum, nämlich fast noch die ganze Heerde. Und sie sahen so erbittert und boshaft aus, daß ich mich eilig wieder zurückzog. Dabei schienen sie mich zu bemerken oder zu wittern, denn sie stürzten plötzlich wieder vorwärts. Dann und wann hielten sie, gleichsam um zu recognosciren und in alle Winkel und Ecken zu blicken. Es gelang mir, mich in Sicherheit zu verkriechen und so, daß ich ihre Bewegungen genau beobachten konnte. Sobald sie an gewisse Stellen kamen, wahrscheinlich solche, wo ich und mein eingeborener Diener (der auf eigene Rechnung geflohen) gestanden, machten sie Halt und untersuchten den Boden umher mit dem größten Eifer. Dann ging’s eilig weiter mit aufgehobenen Rüsseln, klatschend an die Seiten schlagenden Ohren und mit raschem Hin- und Hergepeitsche der stumpfen, haarlosen Schweife. Als ich sie aus dem Gesicht verloren, athmete ich erst auf und wurde mir erst der Gefahr bewußt, der ich entkommen. Ich dankte meinem Schöpfer und beschloß, nie wieder Mutter-Elephanten mit Kälblein anzugreifen.“

Es wurde ihm nicht schwer, Wort zu halten, da sich stattliche männliche Elephanten und auch andere achtbare Feinde oft genug einfanden. Zum Beispiel Löwen. Zwar hat schon Livingstone diesem feigen Katzengeschlechte die ihm von Freiligrath unverdient zuerkannte Wüsten-Königskrone vom Kopfe geschlagen, und auch Anderson fand keine besondere Veranlassung, es zu ehren und zu fürchten, da ihm Löwen theils heil und mit ganzer Kraft, theils angeschossen davonliefen; aber alte, blos Menschen fressende Löwen sind ihm das Scheußlichste und Schauerlichste in der Wüste. „Stellt mich jedem beliebigen Feinde gegenüber,“ sagt er, „Mensch oder Thier, und ich nehme es mit ihm auf, wenigstens unter dem Lichte der Sonne. Aber ein versteckt lauernder, feig kriechender, nächtlicher Schleicher, dessen katzenartige Bewegung und Annäherung kein Ohr entdecken kann, dessen Muskelkraft die aller andern Thiere übertrifft, der im Stande ist, mitten durch Heerden Vieh hindurch zu schleichen, ohne sie zu berühren, nur um sich einen Menschen aus dem Schlafe zu holen – ist mehr, als der muthigste Jäger ruhig fürchten kann, wenn er sich in der Wildniß sein Lager zurecht macht, zumal wenn man Vorfälle, wie den folgenden, noch nicht vergessen.

Vorige Nacht führten zwei alte Löwen eine Schreckenstragödie in meinem Viehgehege auf. Der Himmel regnete in pechfinsterer Nacht herab, und in der Furcht, Löwen möchten eine solche Nacht zu einem Ueberfalle benutzen, hielt ich mich Stunden lang wach. Endlich übermüdet, tröstete ich mich damit, daß die Ochsen einen solchen Ueberfall laut genug ankündigen würden, und legte mich zum Schlafen zurecht. Kaum fühlte ich mich im Halbschlummer, als der furchtbarste Schrei, der in ein Todesröcheln auslief, mich wach rief. Ich werde diesen entsetzlichen Aufschrei, dieses rasch verstummende Todesröcheln nie vergessen. Zwei Löwen hatten sich in das Viehgehege eingeschlichen und einen Treiber aus seiner Hütte, wo er mit Weib und Kindern schlief, herausgerissen, um ihn in kurzer Entfernung von unserm Lager hörbar mit gierig wohlgefälligem Gebrülle zu zerreißen und zu verzehren. Das eine Ungeheuer hatte sich einen Weg durch die schwachen Pfähle und Wände erzwungen und den Unglücklichen mit einem Sprunge und Schlage seiner Vordertatzen, wobei er auch noch die Frau verwundet, ergriffen und davongeschleppt. Der Mann mochte sich an Pfähle der Hütte angeklammert haben, denn sie war ganz umgerissen und zum Theil weit mit fortgeschleppt worden. Die nächtliche Scene, welche jetzt folgte, kann sich Niemand denken. Das Geschrei der Frau und der Kinder, das tumultuarische Entsetzen der Thiere, das Gekrache und Gebrüll der beiden fressenden Löwen in der Nähe, fortwährendes Schießen von unserer Seite in die Nacht hinein, um weitere Ueberfälle abzuschrecken – das war mehr, als selbst ein in den Schrecken der Wildniß abgehärteter Nimrod mir ruhigem Blute erleben konnte.

Mit anbrechendem Tageslichte verfolgten wir die Spur der Löwen, nachdem wir 200 Yards von uns die Stelle gesehen, wo sie ihre Beute bis aus einige Knochen und Fetzen von Kleidungsstücken aufgefressen. Aber eine zwölf Meilen weite Verfolgung blieb ohne Erfolg. Die feigen Ungeheuer hatten sich sicher vor dem Tageslichte verkrochen, um in der Nacht wieder herbeizuschleichen und Gelegenheiten abzulauern. Die alten Menschenfresser von Löwen folgen immer in den Spuren, wo sie auf Menschenfleisch rechnen. Schon in der dritten Nacht nach der erwähnten Tragödie schlich sich ein solches Ungeheuer in das drei Tagereisen weiter aufgeschlagene Lager, um vor Ochsen und anderem Vieh vorbei ein neues Opfer zu holen, während Ochsen und Schafe in maßlosem Schrecken ihre Fesseln und Schranken durchbrachen und nach allen Seiten davon stürzten. Das Gekreische der Weiber und Kinder, das Brüllen der Männer und des Löwen, aufzischende und die Schreckensscene beleuchtende Feuerwerkskörper, das Büchsengeknalle, das Heulen, Brüllen, Blöken, Quieken, Lachen und Schreckensgetön anderer aufgescheuchten wilden Thiere aus der Nabe und Ferne gab eine Scene, gegen welche die großartigsten Wolfsschluchts- Freischütz-Schrecken zu einem lächerlichen Kinderspiel werden.“

„Gestern Abend um 11 Uhr,“ erzählt er an einer andern Stelle, „ward ich durch einen furchtbaren Aufschrei aus meinem Schlafe aufgeschreckt. Ich dachte sogleich an die zwei Löwen, die uns wie geheime Spione und gedungene Mörder zu folgen pflegten und uns schon öfter unbequem geworden waren. Mit Büchse [683] und Pistole hinausspringend fand ich bald heraus, daß einer der Löwen den jungen Buschmann, den wir am vorigen Tage gefangen genommen, überfallen und fortgerissen hatte. Wir eilten mit mehr störenden als erhellenden Lichtern hinaus in die dunkele Nacht zur Verfolgung, wobei mir Herr Hahn (ein Deutscher) mit seiner Laterne leuchtete. Die Buschmänner und die Hunde heulten, unsere Zugthiere stampften, ächzten und zitterten, die Wildniß draußen lag theils drohend, theils selbst in Furcht und Schrecken dicht vor und dicht um uns. Wir konnten nichts von dem feigen Mörder entdecken, aber mit Grausen stolperten wir über den Rest seiner Beute, dem ein Arm und die Eingeweide abgefressen worden waren. Trotz unseres Wartens und Wachens in entsprechender Entfernung ließ sich das feige Ungeheuer nicht wieder wittern. Wir beschlossen mit anbrechendem Tage ihn und seinen Collegen aufzuspüren und abzuthun. Spuren fanden sich bald mit Hülfe der Hunde, auch sahen wir einen oder den andern dann und wann aus dichtestem Dickicht hervorschimmern, aber sie hielten sich stets in der Weise verfolgter Katzen mit bösem Gewissen möglichst unzugänglich und wußten weichend und kriechend sich stets vollkommen zu decken und wieder unsichtbar zu machen.

Endlich mußten wir uns zurückziehen, um eine bessere Gelegenheit abzuwarten. Diese fand sich in der Gegend von Otschiomaware, wohin uns die Menschenfresser von Löwen, wie sich hernach ergab, gefolgt waren.

Ungefähr 3 Uhr Morgens bekam ich Lust zu einem nächtlichen Ausfluge. Bald stand ich mit meiner Doppelflinte und der Revolver-Rifle-Büchse als einsamer menschlicher Zuhörer der Wildniß-Nacht-Musik, besonders zweier um die Wette brüllender Löwen, die sich in nicht freundlicher Absicht unserm Lager nähern zu wollen schienen. Ich hatte bald 4 oder 5 gut bewehrte Begleiter, mit denen ich eine Jagd gegen sie unternahm. Hier glückte mir zum ersten Male ein oft versuchter Schuß, den ich nach dem Gehör richtete. Ich glaube nun ein gutes Ohrenmaß zu haben. Mit ihm auf dem Brüllen der Löwen Richtung und Ferne berechnend und demgemäß zielend, schoß ins und hörte sofort das Schmerzgeheul eines bisher Brüllenden. Alle erklärten, ein Löwe sei sicher getroffen. Erneutes Brüllen neben schwachem Gewinsel schien diese Hoffnung nur zu bekräftigen. Wir malten uns die Scene zwischen den beiden Löwen nach ihrem Gebrüll deutlich aus. Der gesunde suchte durch ermuthigendes Brüllen den getroffenen winselnden zur Flucht zu bewegen, aber letzterer konnte nicht, so daß sich das Gebrüll des Ersteren in eine Art von mitleidigem Seufzen und tröstendem Röcheln herabstimmte. Mit anbrechendem Tage spürten wir den verwundeten Feind auf. Die Hunde machten’s uns leicht und führten uns bald in die Nähe Beider, wie sie eben an dem Flußufer hin langsam die Nacht des nahen Waldes zu gewinnen suchten. Ich machte mich bald mit meinen Hunden bis auf 50 Schritte an den letzten, langsamsten heran, zielte und traf ihn durch beide Vorderblätter, also tödlich. Mit furchtbarem Geheul fiel und zappelte und schlug er mit dem Schweife die Seiten. Kaum hatte ich mich noch mehr genähert, um ihn vollends abzuthun, als der andere Löwe mit riesigen Sätzen aus einem Hinterhalte auf mich zusprang. Ich kniete grade, zielte gut und meinte ihn mitten in die breite Brust zu treffen. Aber welch Entsetzen! Der Schuß versagte, eben so der zweite und dritte. — Mein Revolver ging nicht los. Mit dem nächsten Sprunge war ich zerschmettert, ganz sicher, wenn ich Miene zur Flucht machte. So blieb ich knieen mit festem, herausforderndem Auge gegen das Ungeheuer. Das war meine Rettung. Mein Blick erschien ihm unheimlich. Er machte eine feige Abbiegung und zog sich dann mit beschleunigter Geschwindigkeit zurück. Während die Hunde den sterbenden Löwen zaus’ten, verfolgten wir den Flüchtling, nachdem ich den Fehler an meinem Revolver entdeckt und beseitigt, aber vergebens. Nur des Nachts kehrte er wiederholt zu seinem todten Freunde zurück und brüllte und winselte in echter Löwentrauer, aber ohne uns je schußgerecht zu werden.

Leoparden und Panther, gejagt und zerrissen von Hunden, Antilopenheerden, aus Dickicht oder hohem Gras hervor plötzlich überfallen von Panthern, Leoparden oder Löwen, Alligatoren, Flußpferde, Ottern und Rhinocerosse in warmen, schlammigen Gewässern, Auswanderung ganzer Stämme, nachdem Löwen Hunderte von Weibern und Kindern gefressen, gefährliche Jagden gegen das Rhinoceros, das im Kampfe mit Löwen und Elephanten zuweilen blos durch die ungeheuere Gewalt seines Stoßrappiers auf der Nase siegt, Abenteuer mit der agilen Gymnastik der Springböcke und mit der Hunde übertreffenden Schnelligkeit oder brutalen Grausamkeit wilder Schweine, Giraffen, Zebra’s, Gnu’s und Kudu’s, Löwen, Hyänen und Schakale, weiße Ameisen siegreich gegen thurmhohe Giraffen, dazu Hunger, Durst, Hitze, Gefahr und Kampf gegen wilde Menschen, die oft gefährlicher sind, als Heerden von reißenden Bestien — immer kämpfend Tag und Nacht gegen unzählige, namenlose, ungeahnte, unüberwindlich erscheinende Hindernisse — immer siegreich aus tausend Niederlagen, unter der Tatze des Löwen hervor aufstehend, Truppen von Löwen in die Flucht schlagend, Heerden von Elephanten wie erschreckte Schafe in die Wildniß hineintreibend — sich als Einzelner und Einziger unter Tausenden von grimmigen Menschenfeinden, von denen Jeder unendlich überlegen ist an Kraft — haltend, bewährend, Tag für Tag und Nacht für Nacht, wachend und schlafend immer auf’s Neue und stolzer als Herren der Schöpfung in ihrer wildesten Grausamkeit und Größe Geltung ertrotzend: — das ist ein echtes, glorioses Nimrod-Leben — und das ist der immer wieder mächtige, unwiderstehliche Zauber, den solche Touristen-, Jagd- und Forschungs-Bücher auf uns in Unterjacken und Unterziehhosen und Pelzen und hinter Doppelfenstern ausüben.