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Aus der Zeit der preußischen schweren Noth von 1806

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Textdaten
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Autor: F. H.
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Titel: Aus der Zeit der preußischen schweren Noth von 1806
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 256
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[256] Aus der Zeit der preußischen schweren Noth von 1806. So lange es der sogenannte „Civilist“ ist, in welchem der gepflegte Corpsgeist des preußischen Soldaten in Friedenszeiten ein durch die Kluft der Montur von ihm getrenntes, sogar feindliches Wesen erkennt, so lange der Soldat im Bürgerthume nicht seinen Ursprung, seinen Halt im Waffenrocke und seine Zukunft im Bürgerkleide zu ehren versteht: so lange ist es nöthig, Geschichten zu erzählen, welche von der Bürgertreue und dem Heldenmuthe preußischer „Civilisten“ zu einer Zeit zeugen, wo adelige Militairs mit wenigen, umso ehrenwertheren Ausnahmen, als Festungscommandanten Eid und Treue brachen, eine Schmach, die nur auf einen einzigen bürgerlichen Commandanten (Eickemeyer) lastet, während „Civilisten“, wie Nettelbeck und seine Kolberger, Alles opferten, um ihre Festung dem Könige und dem Vaterlande zu erhalten. Aus jener Zeit stammt auch das folgende Beispiel von treuem, bürgerlichem Opfermuthe in der äußersten Noth und Gefahr.

Nach der Schlacht bei Jena und besonders nach dem Gefechte bei Prenzlau (am 28. October) wandte sich einer der Ströme der flüchtigen Preußen und der französischen Verfolger nach dem nördlichen Brandenburg und entweder die Oder entlang oder über dieselbe hinüber nach dem jenseitigen Pommern. Als die Franzosen sich in Brandenburg festgesetzt hatten, war ihre Hauptsorge, den Flüchtigen alle Wege über die Oder abzusperren. Alle Arten von Oderfahrzeugen wurden mit Beschlag belegt und an gewissen Punkten unter französische Aufsicht gestellt; außerdem bedrohten die französischen Befehlshaber Jeden mit dem Tode, welcher zur Ueberschiffung preußischer Officiere und Mannschaften behülflich sein würde.

Damals lebte auf dem Gute Neu-Galow, zwischen Schwedt und Stolpe, der Pächter Schumacher, der zu jener Zeit kein Soldat und folglich „Civilist“ war. Jede gute Karte von Brandenburg zeigt dem Leser, daß dort eine Reihe von Hügeln an die Oder stößt; die zum Theil tief vordringenden Thäler zwischen denselben bieten namentlich während des Hochwassers, wo einzelne derselben weit hinein überschwemmt sind, ebenso treffliche Verstecke als Ueberfahrtspunkte über den Strom. An einer solchen Stelle liegt Neu-Galow, das, als einzelnes Vorwerk auf den damaligen Karten nicht verzeichnet und durch seine Lage hinter den mit Gebüsch bedeckten Hügeln und abseits von den großen Verkehrswegen den Späheraugen der Feinde verborgen, damals ein Zufluchtsort für alle Nachbarn ward, welche der Schreckensruf: „Die Franzosen kommen!“ von Haus und Hof getrieben. Insbesondere wurde aber dieser Schlupfwinkel bald von den flüchtigen preußischen Officieren, welche sich in der Uckermark verborgen hielten, ausgekundschaftet, und von diesem Augenblick an begann hier eine großartige allnächtliche Thätigkeit. Schumacher, der seine Kähne nicht, wie öffentlich in dieser Gegend befohlen war, nach Schwedt abgeliefert, sondern versenkt hatte, machte sie nun wieder flott und beförderte mit seinen Leuten und unterstützt von der ihm treu ergebenen angrenzenden Fischergemeinde zu Stützkow fast jede Nacht Häuflein von Officieren sammt deren Burschen und Pferden über die Oder an das jenseitige Ufer der Neumark, die damals noch nicht von den Franzosen besetzt war und von wo sie, durch die großen Waldungen gedeckt, nach Kolberg eilten, das unter Gneisenau, Schill und Nettelbeck den Franzosen den preiswürdigsten Widerstand leistete.

Auf diesem Wege waren bereits mehrere Hundert Officiere für den preußischen Kriegsdienst gerettet worden; Schumacher hatte sie, die meist von Hunger und Strapazen erschöpft angekommen waren, mit Nahrung gestärkt, mit Wäsche und Reisegeld versehen, und von vielen schon war er mit der dankbaren Benachrichtigung über ihre glückliche Ankunft in Kolberg erfreut worden. Da langte eines Abends ein Major von Witzleben (später Flügeladjutant Friedrich Wilhelm's III.) mit mehreren anderen Officieren an. Sie waren der Pflege so bedürftig, wie alle ihre Vorgänger, und sollten erst am Morgen übergefahren werden. Alles begab sich daher zeitig zur Ruhe. Nach Mitternacht weckte jedoch ein Officierbursche Schumacher mit der Nachricht, daß einer der Burschen, ein Pole, mit des Majors Epauletten und goldener Uhr desertirt sei, wahrscheinlich um den Franzosen in Schwedt diese Ueberfahrtsstelle zu verrathen.

Schumacher rief sofort die Schläfer aus ihrer Ruhe auf und rüstete zur Ueberfahrt. Als das Boot vom Ufer stieß, stieg er auf eine nahe Anhöhe, auf welcher er aus einer hohlen Eiche sowohl die Ueberschiffung seiner Schützlinge, als auch die zum Gute führenden Wege zu beobachten pflegte. Der Morgen brach bereits an, und kaum oben angelangt, hörte er aus der Ferne den Ruf: „Die Franzosen kommen!“ Er eilt nach seiner Wohnung, anfangs zur Flucht entschlossen, aber auch sogleich von der Unmöglichkeit derselben überzeugt, dem, die Franzosen waren rasche Verfolger. Schon hatten 50 Mann Reiterei alle Wege, Höhen und Thäler rings um das Gehöfte besetzt, und 100 Mann Infanterie unter der Führung eines Obersten nebst einem Generalauditeur rückten auf den Hof.

Sofort arretirt und in’s Verhör genommen, leugnete natürlich Schumacher, daß Preußen am Orte seien. Der kurze Bescheid, der ihm hierauf ward, lautete jedoch, daß, wenn man nur eine Spur des Feindes finde, man ihn erschießen und das Gut plündern und niederbrennen werde. Ein Corporal ward beordert, den Gefangenen von sechs Mann in die Mitte nehmen und vor das nächste Scheunenthor führen zu lassen. Dort luden diese vor seinen Augen die Gewehre, spannten die Hähne und hielten im Halbkreise die Bajonnete ihm entgegen, während ein anderes Commando die Durchsuchung des Wohnhauses und aller Wirthschaftsgebäude begann. Schumacher stand da – „ein aufgegebener Mann“. Er war seines Todes gewiß, denn ein Preuße in Uniform befand sich noch im Hause, ein Officierbursche, der von einem früheren Flüchtlingstrüppchen krank zurückgelassen worden war. Nur ein Wunder konnte dem Schergeneifer und der Spürfähigkeit der französischen Soldaten den einträglichen Fund entziehen. Schumacher’s Gattin wurde gezwungen, den die Visitation leitenden Officier zu führen, alle Thüren und Thore, Kisten und Kasten zu öffnen; alle Winkel wurden durchstöbert, Stroh und Heu, Kleider und Wäsche mit Bajonnet und Säbel durchstochen, vom Keller bis in die Schornsteine hinauf erstreckte sich die Untersuchung. Die Aussicht auf die Plünderung der stattlichen Habe spornte den Eifer der Soldateska mit jedem Schritt.

Während Schumacher am Scheunenthore den Tod erwartete und seine Gattin an der Spitze der Häscher unsägliche Pein der Angst litt, vor jeder Thür neu erbebte, vor jedem Laken zitterte, denn mit jedem Augenblick konnte der kranke Preuße gefunden werden und Tod und Verderben über ihr Alles bringen – hatte die Kunde: „die Franzosen in Neu-Galow!“ sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Nachbarschaft verbreitet, und sie rief einen „Freund in der Noth“ herbei. Bei der damals von den Franzosen in Schwedt organisirten Gensd’armerie befand sich auch ein Freund Schumacher’s. Dieser, eben auf einer Patrouillirung begriffen, hat kaum die Schreckensnachricht vernommen, so sprengt er nach dem Vorwerk Alt-Galow, das etwa einen Büchsenschuß von Neu-Galow entfernt ist, ruft im Vorbeireiten den dort wohnenden Tagelöhnerfamilien zu: „Reißt aus, die Franzosen kommen!“ und stürmt weiter nach Neu-Galow. Hier sofort dem commandirenden Obersten gemeldet, überraschte er diesen mit der Notiz, daß nicht in Neu-, sondern in Alt-Galow Preußen übergesetzt seien, und überzeugte den Officier von dem Irrthum, der hier obwalte, wenigstens so weit, daß dieser die weitere Nachforschung einstellen, Schumacher aus seiner qualvollen Lage erlösen ließ und ein Commando nach Alt-Galow beorderte, das natürlich dort keine menschliche Seele mehr vorfand. Nach nochmaligem Verhör und strenger Vermahnung Schumacher’s marschirte die Executionsmannschaft wieder ab; doch wurde eine starke Einquartierung zurückgelassen, welche auf dem Hofe unentgeltlich verpflegt werden mußte.

Der kranke Officierbursche, dessen Leben so viel Todesangst gekostet, kam, als die Einquartierung zur Ruhe gebracht war, aus seinem Schlupfwinkel hervor, und zwar aus einem Zimmer, welches der Feind ebenfalls durchforscht hatte. Er, wie noch mancher brave preußische Officier, wurde, trotz aller französischen Einquartierung, nächtlicher Weile gestärkt und über die Oder geführt, und Schumacher’s höchste Genugthuung für solchen Opfermuth war die, daß der edle Gneisenau selbst es für seine Pflicht hielt, dem wackeren Pächter von Neu-Galow für die vielen tüchtigen Männer zu danken, die er für das bedrängte Kolberg und für den fernern Dienst des Königs gerettet habe.

Das waren Tage der Bürgerbegeisterung im Kampfe gegen fremden Uebermuth; es muß zwischen Waffen- und Bürgerrock Vieles besser, viel einheimischer Uebermuth getilgt werden, wenn die nächste schwere Noth etwas Besseres im Volke finden soll, als – dem soldatischen Separatgeiste gegenüber – das Zerrbild einer Civilistenbegeisterung.

F. H.