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Aus der Spinnstube

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: H. Heinz
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Titel: Aus der Spinnstube
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 864
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[864] Aus der Spinnstube. (Mit Illustration S. 856.) Thüringen, das grüne Blatt, welches sich Deutschland, nach dem Worte des Dichters, zum Schmuck und zur Zierde an seine Brust gesteckt hat, ist nicht blos durch seine natürliche Schönheit vor vielen anderen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes ausgezeichnet, sondern übt auch durch die eigenartigen Sitten und Gebräuche seiner Bewohner einen mächtigen Reiz auf den Fremden aus. Die Liebe zur gemüthlichen Geselligkeit, die bei dem sangeslustigen Thüringer von Alters her so sehr zu Tage tritt, hat auch manche volksthümliche Gewohnheiten geschaffen, die sich unverändert von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt und erhalten haben. Ein solcher Brauch, der sich noch in vielen Gegenden unseres Vaterlandes findet, ist der „Spinngang“. Kommt die kalte Jahreszeit und hüllt die ganze Natur in ein eisiges Schneegewand, dann beginnt für die Land- und Waldbewohner Thüringens eine einförmige, freudenarme Zeit, und die mächtigen Schneewehen schneiden ihnen oft jeden Verkehr mit der Außenwelt ab. Darum suchen sie sich gegenseitig die trübe Winterzeit abwechselnd zu gestalten, und namentlich in den hochgelegenen Gebirgsorten gewährt dann die „Spinnstube“ für Alt und Jung Unterhaltung und Lust. Die Nachbarn kommen des Abends zusammen, die Frauen spinnen, die Männer schmauchen ihr Pfeifchen, und dabei wird erzählt von Berg und Thal, von Thier und Baum, von Land und Meer. Ungleich lustiger geht es in den Spinnstuben der Dorfjugend zu. Da sprudeln die jugendlichen Gemüther über, es giebt ein Scherzen, Necken und Spielen ohne Ende. Gern mischt sich wohl ein altes Mütterlein mit unter das übermüthige Volk der Burschen und Mädchen, und manch schönes Waldmärchen erzählt die Alte den aufmerksamen „Spinngästen“.

Erst wenn der Ruf des Wächters auf der Straße ertönt, dann kehren Vater und Mutter vom Nachbar zurück, und auch die Spinngäste rüsten sich zum Aufbruch. Freundlich geleiten die biedern Hausleute die flinken Spinnerinnen bis zur Hausthür, aber nur zaghaft treten diese hinaus in’s Freie. Denn gewöhnlich werden sie dort von den vorausdrängenden Burschen mit Schneeballen empfangen, und nur schleunige Flucht bringt sie aus dem unsichern Bereiche der lachenden Schützen. H. Heinz.