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Aus der Beamtenwelt/Nr. 3. Das Stipendium

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Titel: Aus der Beamtenwelt/Nr. 3. Das Stipendium
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 657–659
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[657]
Aus der Beamtenwelt.[1]
Skizzen nach der Natur.
III. Das Stipendium.

Ein zeitiger Herbst hatte früher als sonst die Bäume entlaubt, und die rauschenden Blätter, die ein schneidender Ostwind, der Vorbote baldigen Schnees, emporjagte, umwirbelten im raschen Tanze einen verspäteten Wanderer, der auf den Promenaden einer deutschen Universitätsstadt mit raschen Schritten seiner Behausung zueilte. Das flackernde Licht der Gaslaternen, das den trüben Octoberabend erhellte, ließ einen hagern Mann in mittleren Jahren erkennen, der den Kragen seines abgetragenen Burnus schützend emporgezogen und die Mütze tief in die Stirn gedrückt hatte.

Mit Unmuth gedachte er des kalten Zimmers, das ihn daheim erwartete, da er noch keinen wärmenden Holzvorrath für den häuslichen Heerd zur Abwehr der Kälte hatte bergen können, und mit banger Sorge sah er der unruhigen Nacht entgegen, die ihm bevorstand, da im gemeinsamen Schlafgemach ein krankes Kindlein die langen dunkeln Stunden im Arm der Mutterliebe durchwimmerte. „Elende Generation, die man da heranzieht!“ murmelte er endlich zwischen den Zähnen, den unmuthigen Gedanken, die ihn erfüllten, Worte gebend, „aber wie kann es anders sein bei Kartoffeln und Schwarzbrod? denn weiter reicht der Gehalt eines Secretairs ja nicht, als um das Leben der Familie eben zu fristen. [658] Fast weiß ich nicht mehr wie durchkommen mit den fünf Kindern! Und nun die neue Sorge, die mir der Heinrich macht – daß ihm auch das verwünschte Hebräisch nicht in den Kopf will! Hilft nichts – er muß sich anstrengen; ich weiß keinen andern Ausweg für sein Fortkommen.“

Daheim im kalten Stübchen saß indessen der Gegenstand seines Zürnens, der unglückliche Heinrich, beim Licht einer grünen Schirmlampe vor einem aufgeschlagenen dicken hebräischen Bande. Seine blasse Wange ruhte in der aufgestützten Hand und trüben Blickes starrte er auf die wunderlichen Buchstaben hin, deren Sinn ihm auch heut’ gänzlich verschlossen blieb. Wie Hieroglyphen wimmelten sie vor seinen Augen auf dem vergilbten Papier durcheinander, und sorgenvoll schweiften seine wirren Gedanken nach Rath und Hülfe umher. Plötzlich schreckte ihn der wohlbekannte Klingelzug des Vaters empor, und mit einem schweren Seufzer eilte er hinaus nach dem Vorplatz, ihm zu öffnen. Finsteren Blickes trat der Secretair ein und erwiderte kaum den schüchternen Gruß des Sohnes, der schon im Voraus geängstet durch die peinlichen Erklärungen, zu denen es jetzt kommen mußte, schweigend dem Vater den Mantel ablegen half und ihm in das Stübchen folgte.

Stumm nahm er seinen Platz am Tische wieder ein, während der Zürnende hastig auf und ab schritt. An der Thür des Schlafzimmers, aus welchem man eben wieder die wimmernden Schmerzenstöne eines Kindes und die tröstende Stimme der Mutter vernahm, verweilte er einen Augenblick und fragte kurz: „Schlafen die Kinder noch immer nicht?“

„Die Größeren wohl,“ antwortete Heinrich, ohne aufzusehen, „aber Mariechen leidet gar so arge Schmerzen an den aufgegangenen Drüsen.“

„Auch dies Kind wieder scrophulös!“ murrte der Vater und trat dann dem erbebenden Sohne näher, zu dem er strengen Blickes sagte: „Du hast wohl daran gethan, mir Deine Censur durch die Mutter übergeben und Dich nicht eher vor mir sehen zu lassen, als bis sich mein Zorn etwas gelegt hat. Du, ein achtzehnjähriger Secundaner, bringst mir in Latein und Griechisch die Drei und im Hebräischen gar eine Vier. Pfui, der Schande! Aber ich durchschaue Dich; ich weiß, daß Du zur Theologie keine Lust hast, und Du denkst mich durch schlechte Censuren zu zwingen, meinen Plan, Dich Theolog werden zu lassen, aufzugeben und Dir einen andern, weltlichen Beruf zu erlauben. Aber daraus wird nichts; denn auf keinem andern Wege darf ich auf die Unterstützung durch Stipendien hoffen, die mir Dein Pathe, der Herr Consistorialrath, zugesagt hat, wenn Du Theolog wirst.“

„Aber lieber Vater, wie kannst Du so Schlimmes von mir glauben?“ stammelte der gekränkte Jüngling, und seine ganze schmächtige Gestalt erbebte vor innerer Aufregung, „ich kann auf’s Heiligste versichern, daß ich mir alle Mühe gegeben, und Tag und Nacht daran gesetzt habe, in so kurzer Zeit als möglich diese unglücklichen Sprachen zu erlernen, aber ich habe einmal dafür keine Auffassungsgabe, und deshalb – nur deshalb – scheue ich mich vor dem Studium der Theologie. Du weißt, ja selbst, lieber Vater, daß ich mit schwerem Herzen, aber dennoch willig meinem Lieblingswunsche, Techniker zu werden, entsagt habe; aber diese Sprachen nachzuholen, das geht über meine Kräfte! In Mathematik und im Deutschen habe ich ja noch immer die Eins erhalten“ – und zögernd setzte er hinzu: „O, wenn es jetzt noch möglich wäre; wenn ich wieder zu dem früher erwählten Studium zurückkehren dürfte – Du solltest Deine Freude an meinen Fortschritten haben!“

„Techniker!“ warf der Vater verächtlich ein, „also noch immer der verrückte Gedanke, der unaufhörlich in Deinem Gehirn spukt, so oft ich Dir ihn mit vernünftigen Gründen ausgeredet zu haben glaubte! Soll ich Dir’s immer von neuem wiederholen, daß damals, als ich Dich auf’s Gymnasium brachte, mit der Absicht Dich später zum Techniker ausbilden zu lassen, noch ganz andere und bessere Zeiten für die Staatsdiener waren? In den letzten Jahren sind ja die Preise der Lebensmittel und Wohnungen um fast fünfzig Procent gestiegen, die Besoldungen also auf die Hälfte entwerthet, und Du hättest ein Handwerk lernen müssen, wenn Dein Herr Pathe sich nicht mit seinem Anerbieten in’s Mittel geschlagen hätte.“

„Vater,“ bat der geängstigte Sohn, „laß mich doch noch den Versuch machen; ich erwerbe mir ja schon jetzt so Manches durch Unterrichtgeben. Die Mathematikstunden werden sehr gut bezahlt, und ich will Tag und Nacht arbeiten und mich gewiß auf’s Aeußerste einschränken!“

„Es ist unmöglich,“ erwiderte der Vater barsch, „diesen Gedanken mußt Du Dir aus dem Sinne schlagen. Allein kannst Du Dich nicht fünf Jahre lang auf der theuren Schule erhalten, und auswärts kostest Du mir bei weitem mehr, als wenn Du hier die Universität besuchst und Dein Kämmerlein mit Deinen Brüdern theilst, für die doch auch gesorgt werden muß. Zwar ist dies Kämmerlein schon jetzt zu eng für Euch Drei, aber eine theurere Wohnung kann ich nicht bezahlen! So werden wir wohl,“ fügte er bitter lachend hinzu, „Cojen oder Hängematten für Euch anbringen müssen wie auf den Schiffen. Uebrigens ist in dieser Angelegenheit ein Wort so gut wie tausend, denn die Sache ist zwischen mir und dem Herrn Consistorialrath längst abgemacht. Nicht Jedem wird es so gut geboten, und Du, als Erstgeborner, bist es Deiner Familie schuldig, diese herrlichen Aussichten nicht von der Hand zu weisen, denn wenn Du ausstudirt hast, verschafft Dir Dein Herr Pathe eine einträgliche Hauslehrerstelle und später eine ansehnliche Pfarrei, wo Du Latein und Griechisch an den Nagel hängen und den dicken Hebräer meinetwegen vermodern lassen kannst! Also strenge Dich nur ein paar Jahre noch an; dann kannst Du auf Deinen Lorbeeren ruhen. Und nun gute Nacht; dies is mein letztes Wort.“

Rasch wandte er sich und ging in’s Schlafzimmer, ohne die flehende Gebehrde und den verzweiflungsvollen Blick des unglücklichen Sohnes zu beachten.

Draußen fand er die arme Mutter am Lager ihres eben ein wenig eingeschlummerten leidenden Lieblings in bitteren Thränen, die sie vergebens vor ihm zu verbergen suchte. Aber er sagte ihr kein teilnehmendes Wort; er fürchtete die Bitten der weichherzigen Gattin, und begab sich schnell zur Ruhe, wenn auch nicht zum Schlummer, denn Unmuth und Sorge hielten ihn noch lange wach. Leise schluchzte die Tiefbetrübte hinter dem Tuche; sie hatte jedes der harten Worte gehört, und mit jedem war ein Schwert in ihre Seele gedrungen, aber sie wagte nicht den grollenden Gatten durch wiederholte Bitten noch mehr zu erzürnen.

Sie war die Vertraute des armen gequälten Sohnes: sie war Zeugin und Gefährtin seines nächtlichen Fleißes gewesen, wenn sie, die am Tage unermüdliche und thätige Hausfrau, auch die Stunden der Nacht noch zu Hülfe nehmen mußte, um die sich mehrende Arbeit zu bewältigen.

Wie viele heiße Thränen hatte sie da schon mit dem vergebens sich abmühenden und ringenden Sohne vergossen! Wie oft hatte sie ihn mit der Hoffnung zu trösten gesucht, daß er gewiß, was ihm jetzt schwierig erscheine, noch mit Leichtigkeit überwinden werde, wenn ihm einmal erst das Verständniß für die ihm so widerwärtigen Sprachen aufgegangen sei! Doch konnte sie auch ihrem Gatten, den nur die Last der Sorgen aus einem milden, zärtlichen Vater in einen so rauhen, unerbittlichen umgewandelt hatte, nicht ganz Unrecht geben; sie konnte nur mit dem Sohne weinen; und sein Schicksal beklagen, das ihn in eine Laufbahn drängte, die ihm nicht zusagte. Aber die günstige Lage, in die er durch Gehorsam gegen den Willen des Vaters später vielleicht die ganze Familie versetzen würde, schien auch ihrem einfachen Verstande die einzige Rettung aus der drückenden Noth, in welche sie, ohne diese Aushülfe, nur immer tiefer versinken mußten.

Vergebens hatten sich die beiden Gatten abgemüht, durch Fleiß und Entbehrungen ihre Lage zu verbessern; nur höchst selten gestattete er sich – wie heute – im Kreise einiger Freunde Erheiterung und Erquickung bei einem Glase einfachen Bieres zu suchen; eben so selten erlaubten sie sich einen längeren Spaziergang in’s Freie, um den Kleinen einmal Erholung in der schönen Gottesnatur zu gönnen; umsonst waren all ihre Entsagungen – die Theurung wuchs und die Noth nahm zu, da auch die Kinder alle mit mehr oder weniger langwierigen Krankheiten zu kämpfen hatten. All diese trüben Gedanken wogten in der Seele der armen Mutter auf und ab, und ihr Schluchzen unterdrückend, um den Gatten nicht zu stören, stand sie endlich leise auf und schlich in's Nebenstübchen, dem Sohne ihres Herzens, den sie so unglücklich wußte, noch ein Wort der Theilnahme zu sagen.

Das junge sorgenschwere Haupt in die Hand gestützt, saß er noch immer, in tiefes Sinnen verloren, Selbst die sanfte, tröstende Stimme der Mutter vermochte nicht sogleich, ihn aus seinem starren Hinbrüten zu wecken. Eine Weile stierte er sie mit glanzlosen Augen an, dann fuhr er empor und sagte mit heiserer, beklommener Stimme: „Gut, daß Du kommst, meine Mutter; eben wollte ich gehen!“

[659] „Ach ja, geh nun zu Bett, mein armes Kind,“ flüsterte sie zärtlich, „Du bist überwacht und aufgeregt; morgen wird Dir hoffentlich nicht Alles mehr in so trübem Licht erscheinen, und mit neuem Muthe wirst Du Dich in Dein Schicksal finden.“

„Mein Schicksal wird mich finden, Mutter!“ entgegnete er mit dumpfem Tone, „ich kann mich mit den entsetzlichen Sprachen nicht länger abquälen; es würde doch zu nichts führen, und meine ganze Ehre steht auf dem Spiele.“

„Gib Dir von nun an doppelte Mühe, mein lieber Heinrich,“ sagte die Mutter ermuthigend; „ich will treulich mit Dir wachen und zu Gott beten, daß er Dir Kraft gebe, Deine Abneigung zu überwinden. – Thu’s aus Liebe zu mir und zu Deinen armen kranken Geschwistern,“ fügte sie bittend hinzu.

„Ach, Ihr fordert das Unmögliche von mir!“ rief er verzweifelnd und händeringend aus. „Der Rector, der es ehrlich mit mir meint, rieth mir heute selbst, noch vor Beginn des Semesters abzugehen, da ich das Maturitätsexamen schwerlich bestehen werde!“

„Ich weiß mir keinen Rath mehr,“ flüsterte weinend die Mutter, „aber ich setze mein Vertrauen auf Gott: der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo Dein Fuß wandeln kann. – Doch gehe nun zur Ruh; Mariechen regt sich schon wieder, und es ist spät.“

„Wie weit ist’s in der Nacht, Mutter?“ frug er, plötzlich aufschauend, mit seltsamem Blick.

„Bald zwölf Uhr, mein Sohn.“

„Bald zwölf – da ist Alles still und einsam auf den Straßen.“ –

„Ganz still – und wenn der Wind oben in Eurem Dachkämmerchen nicht gar zu arg tobt, kannst Du ungestört schlafen. Doch nun gute Nacht, mein armer Heinrich; Gott schenke Dir eine sanfte Ruhe, Deinen Kummer zu vergessen.“

„Das ist ein guter Wunsch,“ sagte er ernst; dann die Hand der Mutter ergreifend und ihr liebevoll in’s Auge schauend, flüsterte er mit innigem, aber schmerzlichem Ausdruck: „Gute Nacht denn – meine liebe, liebe Mutter. –“

Er riß sich von ihr los und schritt nach der Thür, während sie rasch aber lautlos in’s Schlafzimmer eilte, da Mariechens leises Wimmern sich wieder vernehmen ließ. –

Nach mehrstündigem Wachen am Bett des Kindes, wobei das bleiche, schmerzerfüllte Bild des geliebten Sohnes der armen Mutter unablässig vor der Seele schwebte, wurde die Kleine ruhiger, und die übermüdete Frau durfte endlich auch die Ruhstatt suchen.

Noch schlief sie den Schlaf der Erschöpfung, als sie durch die ängstlichen Stimmen der jüngern Söhne aus demselben aufgeschreckt wurde.

Blutigroth und trübe war der rauhe Herbstmorgen heraufgezogen, aber trüber noch zog er in die beklagenswerthe Familie des Secretairs ein, denn Heinrich – der geliebte treue Heinrich – wurde vermißt. Sein Bett war unberührt, und Niemand konnte Auskunft über ihn geben; Niemand hatte ihn erblickt, seit er um Mitternacht so schmerzlichen Abschied von der Mutter genommen. Jetzt erst vergegenwärtigte sie sich seinen stieren Blick, sein trauriges Lächeln und den heißen Händedruck, womit er ihr gute Nacht wünschte, und eine entsetzliche Ahnung tauchte in ihrer Seele empor, sie mit tödtlicher Angst erfüllend. Wie ein Alp lag diese Ahnung ihr auf dem Herzen, und nur mechanisch erfüllte sie ihre häuslichen Pflichten, während Vater und Brüder nach allen Richtungen hin eilten, den Verschwundenen zu suchen und nach ihm zu forschen.

Manchmal, wenn sie recht inbrünstig zu Gott gebetet hatte, er möge das Entsetzliche – was Keiner aussprach, und doch Jeder im Stillen fürchtete – von ihrer Familie abwenden, kam eine gläubige Zuversicht in ihre Seele, und sie hoffte wieder auf eine frohe Kunde von dem theuren Verlornen. Aber als Tage und Wochen dahin schwanden ohne die leiseste Spur von seinem Schicksale, starb auch diese Hoffnung langsam dahin, und eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich des Mutterherzens.

Stumm trug der Vater die schwere Sorge um den geliebten, durch seine Härte zur Verzweiflung getriebenen Sohn, und keines der übrigen Kinder wagte in seiner düstern Gegenwart ein lautes Wort.

Endlich tauchte ein Gerücht auf; der Fluß habe einige Stunden unterhalb der Stadt die Leiche eines Jünglings an das Ufer geschwemmt. –

Welch entsetzlicher Gang für den bekümmerten Vater war es, als er an einem heiteren Herbstmorgen hinauswanderte, die Todtenschau zu halten! Er vermochte nicht, die geliebten schon entstellten Züge enthüllen zu lassen – die einfache Kleidung des Ertrunkenen verrieth ihm die ganze gräßliche Wahrheit. –

Als der letzte Morgen des October in goldner Pracht über den Horizont emporstieg, ward in aller Stille das unschuldige Opfer der traurigsten Verhältnisse auf dem friedlichen Dorfkirchhofe beerdigt.

Es war ein schauerlich einsamer Leichenzug, der dort aus der niedrigen Todtenhalle hervortrat und sich still nach der Ecke der Kirchhofsmauer bewegte. Nur der gebeugte Vater und die beiden Brüder gaben dem geliebten Todten das Geleit; die Mutter vermochte es nicht. Dohlen und Raben krächzten dort oben vom Kirchthurme ihr traurig eintöniges Lied, und selbst die Dorfkinder standen in scheuer Entfernung.

Was in jenen schrecklichen Augenblicken in der Seele des unglücklichen Vaters vorging, ward nur dem Allwissenden kund, denn nie hat der tiefgebeugte Mann ein Wort über jene entsetzliche Begebenheit gesprochen, selbst nicht zu seiner treuen Gattin, die ihm in dem tiefen Kummer so gern tröstend und theilnehmend zur Seite gestanden hätte. Aber er war von jenem schrecklichen Tage an wieder der milde, zärtliche Vater, der er früher gewesen, und frei durften später die beiden jüngern Söhne ihren bescheidenen Beruf wählen; nur bat er sie mit zitternder Stimme, ihn nicht in der Sphäre des Beamtenthums zu suchen.

Das Unglück erweckte der bisher unbeachteten Familie teilnehmende Freunde; man half ihnen, wo man vermochte; wohlhabende Gönner sorgten für ärztliche Hülfe und für den Unterricht der Kinder, so daß von da an ihr äußeres Leben frei von drückenden Sorgen verfließen konnte – aber das traurige Andenken an den heißgeliebten Tobten verließ sie nie.

Jahre sind seitdem verflossen, doch den einsamen Hügel in der Ecke des Dorfkirchhofes schmückt noch immer grünender Epheu, und alljährlich am Geburtsfeste des theuren Dahingeschiedenen, das in die mildere Jahreszeit fällt, wallfahrtet die trauernde Familie hinaus nach dem stillen Friedhofe, um sein Grab mit frischen Blumen zu schmücken.



  1. Siehe Gartenlaube, Jahrgang 1857, Nr. 38 und 44.