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Aus den Papieren eines Asiaten (2)

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Textdaten
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Autor: Hermann Köcher
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Titel: Aus den Papieren eines Asiaten
2. Eine reine Männerstadt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 464–466
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Erster Teil
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[464]

Aus den Papieren eines Asiaten.[1]

Alle Rechte vorbehalten.
2. Eine reine Männerstadt.

Sir John Redcliffe erzählt in einem seiner Romane von einem Frauen-, respective Amazonendorfe, welches von den Russen in der Türkei besetzt wurde. Aber es wäre umsonst, wollte ein moderner Abenteurer die interessante Ansiedelung aufsuchen, und durchforschte er auch die ganze Türkei; denn dieses Amazonendorf existirte nur in der Phantasie des Dichters. Keine Fabel ist es dagegen, daß es in der Welt eine Stadt giebt, die bei 3000 Einwohnern nur Männer in ihren Mauern birgt. Ihr Name wird übrigens Allen, die im praktischen Leben noch mit asiatischer Geographie zu thun haben, bekannt sein.

Diese reine Männerstadt ist Mai-ma-tschin (Handelsstadt) im äußersten Norden der Mongolei; sie liegt an der russischen Grenze, 100 Schritt vom bekannten Kiachta, und darf kein Weib in ihren Mauern beherbergen; denn die chinesischen Landesgesetze verbieten den Frauen des himmlischen Reiches der Mitte den Aufenthalt in diesem nördlich von der großen chinesischen Mauer gelegenen und den Fremden leicht zugänglichen Orte. Schon der Name charakterisirt die Stadt als Handelsplatz und es wird hier allerdings noch ein eifriger Tauschhandel betrieben, doch tritt im Falle von Mangel an Tauschobjecten auch oft Geld (russische Banknoten, alle Gold- und Silbermünzen, von letzteren vorzüglich mexicanische Dollars und chinesisches Silber) als Gegengabe in Cours.

Eintönig ist der Weg durch die Steppe, den wir, um nach Mai-ma-tschin zu gelangen, zurücklegen müssen. Wir begegnen auf demselben nur der russisch-chinesischen Post, sei es, daß der kleine Train an uns vorüberziehe und wir einen flüchtigen Gruß tauschen mit den spitzbehuteten Führern derselben, sei es, daß diese auf dem Wüstenboden gerade Rast halten, während wir des Weges kommen. Solche Chinesenpost in der Wüste macht trotz des unwirthlichen Terrains, auf dem sie abgehalten wird, einen gewissen häuslichen Eindruck. Die wackeren Herren Postofficianten (vergl. Abbildung S. 465) kochen sich gemüthlich ihren Thee, bekanntlich das Lieblingsgetränk der Nordasiaten, und schicken sich an, auf dem improvisirten Tische, wenn wir die aus der Erde ausgebreitete Decke also nennen dürfen, ihre Mahlzeit einzunehmen. Wir fahren an ihnen vorüber und eilen rasch vorwärts – es eilt sich gut; denn die Steppe bildet den schönsten Fahrweg, da ihr fetter Boden keine Geleisespuren in sich aufnimmt und durch seinen Lehmgehalt wie eine dicke Gummidecke federt. Nach Ueberwindung der letzten Hügelkette leuchten uns zwei blendende Sterne entgegen, die auf einer grauen Masse sich erheben; es sind dies zwei blank geputzte Metallkugeln, welche, auf sieben Meter hohe Stangen gesteckt, vor dem Palais des Gouverneurs von Mai-ma-tschin prangen; etwas nach rechts ragt ein schöner schlanker Thurm einer russischen Kirche in die Lüfte. Die Kirche steht bereits auf russischem Boden, nämlich in Kiachta, doch sehen diese Grenzstädte der beiden Kaiserreiche aus der Entfernung wie eine Stadt aus, da zwischen ihnen nur ein Grenzraum von etwa 100 Schritt neutralen Bodens liegt. Kommen wir näher, so sehen wir allerdings, daß die russische Stadt zur Grenze hin von einem sehr primitiven grauen Holzzaun umgeben ist, während die chinesische nach der landesüblichen Bauart uns nur fensterlose Außenwände der Häuser und durch Schirme verdeckte Eingangsthore zeigt. Grenzformalitäten giebt es hier nicht; denn das russische Zollgebiet beginnt erst am Baikal, und da Thorwächter nicht den Eingang wehren, so können wir sofort die Stadt betreten.

Die Straßen sind so holprig und eng, daß zwei breitere Equipagen nicht an einander vorüber fahren können; am schlimmsten ist’s an den Kreuzungspunkten der Straße, die von den vielstöckigen, zierlichen chinesischen Thürmchen, mit den bekannten Glöckchen, noch mehr verengt werden. Auch nach der Straße zeigen uns die chinesischen Häuser keine Fenster, sondern nur große Hofthore, auf und über denen die Schilder und Inschriften prangen, und die grauen nackten Wände aus Ziegel, Lehm und Stroh, die von den gerippten, malerischen Dächern überwölbt sind; auf das Geräusch unserer Equipage stürzen aus allen Hofpforten kläffende Hunde chinesischer Rasse, die mit ihren kurzen Nasen äußerst putzig aussehen. Straßenleben existirt hier nicht – überall eine tödtliche Monotonie! In der Mitte der Stadt liegt die Citadelle, ein Quadrat, dessen Seiten etwa neunzig Meter lang sind, von einer vier Meter hohen, rothen Ziegelmauer umgeben, deren Krone weiß getüncht ist; das Thor ist verschlossen und keine Wache zu sehen. Halten wir an unseren europäischen Merkmalen fest, so werden wir überhaupt keinen Soldaten zu Gesicht bekommen; denn erst später wird es uns klar, daß die halbnackten mongolischen Reiter mit Bändern am Hute und dem Messer im Gürtel (aber ein solches führt jeder Mongole bei sich) eben die chinesischen Soldaten sind. Sechs wohlgezielte Granaten schmettern die Citadelle zu einem Schutthaufen zusammen, und ein Piquet russischer Soldaten mit Hinterladern bewaffnet kann schon einige hundert der mongolischen Reiter in die Flucht treiben.

Vor dem Palais des Gouverneurs Dsargutschei befindet sich der Tempel des Confucius und in dessen Vorhof – das Theater. Zu den großen Festen, wie am Neujahr, welches bei den Chinesen gewöhnlich in den Februar fällt, am Himmelfahrtstag aller Seelen der im Jahre Verstorbenen (im Sommer) etc., werden dort Vorstellungen gegeben, die sich durch viele Tage hinziehen. Entrée wird hier nicht gezahlt, um so billiger können wir uns das Vergnügen gönnen, dieses Theater zu besuchen. Die Bühne ist offen und auch die Zuschauer stehen unter freiem Himmel. Im Sommer geht es noch, aber im Winter bei dreißig bis achtunddreißig Grad Kälte! Heiliger Confucius, wie mögen da die Schauspieler und Zuschauer frieren!

Im Hintergrund der Scene sitzt das in der Regel fünf Mann starke Orchester. Zweisaitige Streichinstrumente, bei denen die Bogenhaare zwischen den Saiten liegen, klingen uns nicht recht melodisch; hölzerne und steinerne Platten, auf einem Dreifuße ruhend, dienen als Trommel; ein Gong (beckenartiges Instrument aus Metall) vervollständigt dieses gräßliche Ensemble. Die Damenrollen werden von Herren gegeben. Mit pathetischen Gesten und dramatischem Schritt bewegen sich die Darsteller; die Lieder werden in den höchsten Fisteltönen ohne Melodie vorgetragen, so, daß der angereiste Fremde, der zum ersten Male das Theater besucht, sich ängstlich umsieht, wer denn einer armen Katze so roh und consequent auf den Schwanz tritt, wenn ein beliebter Sänger plötzlich ein chinesisches Liebeslied intonirt.

Der Tempel ist nur an hohen Festtagen geöffnet. In der Mitte des Allerheiligsten prangt eine Kolossalstatue des Confucius; Beleibtheit gilt bei den Chinesen für Schönheit; darum ist auch dieser große Weise übermäßig dick, ebenso die beiden rechts und links neben ihm stehenden Göttergestalten; den Confucius ziert ein riesiger Schnurrbart, der natürlich schwarz ist, da bei den Chinesen keine andere Haarfarbe vorzukommen pflegt. Die Länge des Bartes bezeugt den göttlichen Ursprung; denn bei den Chinesen [465] ist der Bartwuchs ungemein spärlich; – Backenbärte sieht man kaum und einen Schnurrbart darf der Chinese erst von seinen dreißigsten Jahre an tragen, aber auch der wird nie starke so sehr ihn sein Inhaber auch als schönsten Schmuck pflegt. Vor den eben erwähnten Göttern stehen Opfertische, die zu den Festen mit reichen Gaben bestellt und durch hunderte von Kerzen geschmückt werden. Diese Opfergaben, welche nicht berührt werden dürfen, bestehen meistens – es ist fast komisch zu sagen – aus abgezogenen Hammeln.

Betreten wir den Vorhof des Palais, so bietet sich uns ein trauriger Anblick – unser Auge fällt auf einen Haufen bestrafter Verbrecher; der eine trägt um seinen Hals ein Viereck aus schweren Bohlen von einem halben Fuß Dicke, welche der Verurtheilte oft einen Monat lang Tag und Nacht tragen muß; ein anderer Verbrecher liegt am Boden; denn seine Füße stecken im spanischen Bock; ein dritter ruht ebenfalls. weil die eben erhaltene Bastonade ihm ein Auftreten auf die Fußsohlen unmöglich machst.


Russisch-chinesische Post.
Nach einer Skizze von A. Larsen auf Holz gezeichnet von H. Heubner.


Weiterhin steht unter einer Veranda ein mit einem Tigerfelle bedeckter Stuhl, und hier thront der Machthaber, wenn er ein Urtheil fällt. Der Gouverneur zeigt sich selten; einmal im Jahre ladet er alle russischen Beamten zu einem officiellen Diner, das aber ärmlich ist im Vergleich zu den Mahlzeiten, die Einem der chinesische Kaufmann auftischt. Doch nehmen mir Abschied von den hohen Behörden Mai-ma-tschins, um auch das Leben gewöhnlicher Sterblicher in der eigentümlichen Stadt kennen zu lernen.

Ein angenehmes Bild fesselt unser Auge, wenn wir den Hof eines chinesischen Kaufmannshauses betreten. Die Wände aller Wohnräume, die auf den Hof hinausgehen, haben Fenster; der reinlich gehaltener Raum prangt in prächtigem Blumenschmuck, und hell grüßt uns der Gesang der chinesischen Nachtigall und vieler anderer bunter Vögel. Freudig empfangt uns der Wirth, und seinem Beispiele folgen alle seine Commis; sofort werden wir zum Thee eingeladen und treten in’s Haus; aus einem kleinen Entrée führen nach rechts und links durch Holzgeflecht verhängte Thüren in die Paradegemächer, deren Hinterwand eine zwei Fuß hohe Estrade schmückt; vor dieser steht ein Tisch mit einem Messingbecken voll glühender Kohlen, neben Welchem aus Papier zusammengerollte Stäbchen liegen. Wirth und Gast nehmen nun die Ehrenplätze rechts und links vom Kohlenbecken ein. und es beginnt alsbald das leckere Mahl, welches sich aus Thee, getrockneten Früchten und chinesischen Confituren zusammensetzt. Gar kunstgerecht versteht der Wirth die Stäbchen, nachdem er sie an den Kohlen zum glimmen gebracht, zu entflammen; nun bietet er seinen Gästen das Feuer zur Cigarette, und schmunzelt vergnügt, wenn auch wir, seinem Beispiele folgend, das glimmende Stäbchen bis zur Flamme anzublasen versuchen und es uns natürlich nicht gelingt. Nach einer Weile kramt er seine Schätze an Seidenstoffen und anderen chinesischen Waaren aus und freut sich, wenn sie Gefallen erregen. Als wir uns aber zum Scheiden rüsten, entläßt uns unser liebenswürdiger Wirth nur gegen das Versprechen, ihn am andern Tage zu Mittag zu besuchen, und packt noch Süßigkeiten für die etwa zu Hause wartenden Kinder ein.

Am andern Tage verfehlen wir natürlich nicht, uns zur bestimmten Stunde in dem gastlichen Hause unseres neuen Freundes einzufinden. Welch ein geschäftiges Treiben empfängt uns dort. Der Tisch ist gedeckt, und statt der Teller stehen kleine Schälchen halb so groß wie eine Untertasse, da und statt der Weingläser Näpfchen von einhalb Zoll Tiefe und ein Zoll Durchmesser; dazu kommen kleine Zinnkessel, die auf Kuhlen gewärmt werden. Der Wirth gießt aus dem Kesselchen eine helle warme Flüssigkeit in die Näpfchen; es ist Maigolo, der chinesische Reisschnaps. der warm getrunken wird. Nun folgen in rascher Reihe fünfzig bis hundert Gerichte: Mollusken, Seetang, allerlei Ungeziefer, närrische Pflanzen. Fleisch, in ganz schmale Striemchen geschnitten, Nudelsuppe etc. und Alles wird von demselben Schälchen mit chinesischem Essig (einer dunklen aromatischen Flüssigkeit, die keine Aehnlichkeit mit unserem Essig hat) genossen. Endlich erscheint ein Gefäß, wie eine Theemaschine, nur viel niedriger und bauchiger; wieder wird gegessen; zum Schluß wird ein unzerstückelt gebratener Hammel präsentirt und natürlich verspeist. Der Wirth und seine Commis sitzen nicht mit am Tische, sondern bedienen die Gäste. die nach vergeblichen Versuch, die Speisen auf chinesische Art mit zwei Stäbchen in den Mund zu bringen, endlich zu Messer und Gabel greifen. [466] Am besten ist’s, man fragt nicht, was man ißt oder gegessen hat; denn Viele haben solche Neugierde sofort gebüßt und hinfort kein chinesisches Gericht mehr angerührt. Wein würzt das Mahl; Thee schließt es. –

Die Chinesen sind liebenswürdig, gastfrei und, so lange sie nicht mit Europäern zusammenkommen, auch ehrlich und vertrauensvoll; wie naiv sie übrigens trotz der russischen Cultur sind, dafür nur ein Beispiel: Vor Kurzem schwatzte ein Russe einem Chinesen ein Handelsbillet sub Nr. 15,896, das schon längst abgelaufen war, als russischen Staatsschein auf obige Summe für 15,000 Rubel auf; der Gauner machte sich natürlich dann schnell aus dem Staube. Der arme Betrogene, Scha-lan-dhai, bat mich aber bei meiner Abreise, ich möchte doch dem russischen Kaiser sagen, daß er sein Geld noch immer nicht bekommen habe. O, du liebe, heilige Unschuld! – Bei den Handelsgeschäften mit den Russen auf Credit nimmt keine Partei eine Handschrift, sondern es genügt, daß Jeder sich in seinem Buche das Credit oder Debet notirt. Den Tag über geht der Kaufmann seinem Geschäfte nach, besucht die Comptoirs in Kiachta und fragt an, wie die Preise stehen; zu Mittag tauscht dann das ganze Personal eines Magazins (das sich wohl auf zwanzig Personen beläuft) das Erhorchte aus und sucht es zu verwerthen. Naiv ist der Chinese auch in der Art, wie er die dort lebenden Europäer mit seinen Besuchen beehrt. Er besucht eben jeden Europäer, ob bekannt oder fremd, und thut, als ob er bei ihm zu Hause wäre. Wird Einer mit Punsch regalirt, so hast du ihn als täglichen Gast im Hause. Findet er Niemand daheim, und hat er Zeit, so legt er sich zu einem Schläfchen im fremden Hause hin. Im Plaudern wird er oft lästig durch seine Wißbegierde, deren Fragen kein Ende haben, und doch ist der Refrain nach allen Mittheilungen: „In Peking haben Sie das Alles noch viel besser und schöner.“

Seinen Zopf hält der Chinese über Alles werth; denn am Zopfe ihn fassend schleudert ihn der liebe Gott in den Himmel, also: Zopf verloren – Himmel verloren. Am bereits erwähnten Himmelfahrtstage der Seelen werden die papiergeschnitzten Conterfeis der Verstorbenen verbrannt, geschmückt mit ebenfalls papiernen Emblemen ihres irdisches Berufes.

Die Gegend bei der Stadt Mai-ma-tschin ist öde und trostlos – kein Baum, kein Wasser! Die Wälder sind auf achtzehn bis zwanzig Werst ausgehauen und die Bäche in Folge dessen versiegt. Die Bodenbeschaffenheit fördert die Ziegelbrennerei, die recht schwunghaft betrieben wird, sodaß die russischen Nachbarstädte Kiachta und Troitzkosawsk aus Mai-ma-tschin ihren Ziegelbedarf beziehen, und an Handwerkern findet man in der Stadt viele Tischler und Schneider, die äußerst accurate Arbeit liefern; so gab ein Kaufmann dem chinesischen Schneider einen alten geflickten Rock als Modell zu einem neuen, war aber wenig erfreut, als dieser letztere auch alle sorgfältig aufgesuchten Löcher, offen und geflickt, genau wie der alte Rock, aufwies.

Der Dsargutschei wird auf drei Jahre nach Mai-ma-tschin geschickt und geht von dort wohl nie ohne Vermögen weg; denn von jedem Kauf und Verkauf erhebt er seinen Antheil, der gern gegeben wird, damit man größeren Erpressungen entgeht. Um neun Uhr Abends ertönt ein Kanonenschuß, das Zeichen, daß der Herr schlafen geht; dann werden die Thore der Stadt geschlossen, und Alles muß sich zur Ruhe begeben.

Genügsam und arbeitsam, verdient sich der Chinese hier im Norden ein kleines Capital, um dann endlich zu seiner Familie in die sonnige Heimath zurückzukehren; die Bevölkerung wechselt also ziemlich oft, manch’ Einer kehrt aber nicht zu den Seinen zurück; denn die nächtlichen Raufereien kosten manchem das Leben, die Mörder werden aber nie gefunden, und da den Getödteten meist Goldschmuggelei nachgesagt wird und diese streng verboten ist, so lassen die Chinesen denn auch die Todten sanft ruhen. Der Dsargutschei kommt wohl mit großer Escorte in seinem Galawagen auf das russische Polizei-Amt, allein der Mörder findet sich eben nicht; es werden ihm viele Complimente gemacht – aber es hilft nichts.

Still und eintönig verläuft das Leben in der Männerstadt; nur das neue Jahr bringt Bewegung und Festjubel. Eine Woche vor Anbruch desselben verschwindet der Stadtgott, um droben seinen Jahresbericht abzustatten, und am Sylvesterabend zieht die Bevölkerung aus, um den Gott zu suchen, der ungesucht nicht zurückkehrt. Anspruchsvoll ist er übrigens nicht; denn oft findet man ihn in einem Düngerhaufen versteckt; in vollem Jubel wird er nun heimgeholt, und die ganze Stadt wirft sich in das schönste Festkleid. Eine unzählige Menge Laternen und papierne Fähnchen schmücken Häuser und Straßen; überall prasselt Feuerwerk, und endlich setzt sich der Festzug in Bewegung. Die ganze Bevölkerung, voran die Schauspieler, geführt vom Dsargutschei, zieht in alle vornehmen Häuser zur Gratulation, die natürlich beim Champagner entgegengenommen wird. Das ist das große Laternenfest, auf welches man sich das ganze Jahr lang freut; eine fürchterliche Musik von vielleicht sechszehn Instrumenten wüthet während dieser Tage in jedem Hause, bis nach Ablauf des Jubels wieder die alte Monotonie beginnt. Ich fragte meine chinesischen Freunde einmal, warum es bei ihnen stets so still und langweilig sei: „Chosajuschki netu!“ war die Antwort in gebrochenem Russisch; also auch die Chinesen meinen: „Ohne Damen kein Vergnügen!“

Hermann Köcher.
  1. Vergl. Nr. 6.