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Aus dem Storchleben

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Titel: Aus dem Storchleben
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 332-334
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus dem Storchleben.

Wenn der Landmann mit seiner Familie bei Frühlingsanfang die Schlafstätte verlassen hat, da stecken sie alle die Köpfe zur Thür hinaus und sehen nach dem Dach der Scheune, ob denn die Storchwohnung da oben, die von des Winters Stürmen manchen Schaden gelitten hat, wieder bezogen sei von den alten Freunden. Und die Städter eilen hinaus vor die Thore und besuchen die Plätze, wo hoch auf dem Wipfel der Bäume das Schloß eines ernsten Storchenpaares thront. Manchen Tag sehen die Einen, gehen die Andern vergebens; zerrissen und durchlöchert stehen die Nester noch immer verwaist. Wenn aber eines Morgens der Sonnengott seine tägliche Rundreise antritt unter den vielverheißendsten Zeichen, wenn er kein Wölkchen duldet am weiten, hellblau bekleideten Himmelszelt, keinen Nebel den Poren des Erdkörpers entsteigen läßt, wenn er mit Silberperlen Auen und Wiesen geschmückt hat, und mit unwiderstehlicher Macht aus den Herzen der Menschen die Grillen und Sorgen verscheucht – da kannst Du sehen, daß er auch die längst ersehnten Gäste mitgebracht hat, die Störche. Sie sind da.

Wenigen nur ist es vergönnt, die Störche auf der Reise selbst zu beobachten, zumal bei ihrer Ankunft, welche sich von dem Wegzuge dadurch unterscheidet, daß dieser eine gewisse Gestalt hat, die von dem Maler wieder gegeben werden kann, während jene, gestaltlos möchte man sie nennen, bildlich nicht darzustellen ist. Von der Ankunft kann man eben nichts weiter sagen, als daß sie vollendet ist. Eines Morgens sind die Störche da. Um welche Zeit sie aber angekommen sind, und ob in großer oder kleiner Gesellschaft, oder ob ganz allein, das haben nur sehr wenige, in der Regel niemand gesehen. Selbst in den Gegenden, wo sie sich in großer, oft zahlloser Menge aufhalten, wie auf der Insel Rügen, in Pommern, in der Mark Brandenburg und andern Orten, wird selten jemand diese Vögel in ihre Quartiere einrücken sehen. Unbemerkt kommen sie in der Nacht an und jedes Paar sucht in aller Stille sein altes Haus auf und nimmt ohne Weiteres davon Besitz. Anders verhalten sie sich zur Zeit der Abreise. Rückt diese heran, so kann man sie allabendlich wohl fünf, sechs, auch acht Tage lang auf passend gelegenen Stoppelfeldern sich versammeln sehen. In der Mark standen auf einer Fläche von etwa hundert Morgen bei Sonnenuntergang einige Tausend solcher Rothschnäbel. In dieser Zeit bewohnten sie ihre Nester nicht mehr, den Tag über flogen sie einzeln nach Nahrung aus und bekümmerten sich gar nicht um einander, mit dem Scheiden des Tages kamen sie meist paarweise aus allen Himmelsgegenden auf jenen Feldern zusammen, blieben des Nachts daselbst und zerstreuten sich bei Sonnenaufgang wieder. Man konnte sie dann den Tag über an den Plätzen gehen und Nahrung suchen sehen, wo sie den Sommer über dieses Geschäft zu besorgen pflegten. Fand man sie an einem der folgenden Tage nicht mehr hier, oder wer vor Sonnenaufgang schon hinausgegangen war, früh nicht mehr auf ihrem Sammelplatze, so wußte man, daß sie in der vergangenen Nacht ihre Reise nach dem Süden angetreten hatten.

Der Unterschied zwischen ihrer Ankunft und ihrem Wegzuge ist der, daß sie im Frühjahr, wenn sie in die Nähe ihrer alten Wohnungen kommen, von dem Gros der Reisearmee sich trennen und paarweise ihre Nester beziehen, ohne sich zuvor auf einem gemeinschaftlichen Platze niedergelassen zu haben. Im Herbste aber ziehen sie nicht einzeln ab, sondern in Gemeinschaft und das bewerkstelligen sie während einer fünf- bis achttägigen Sammelzeit auf einem bestimmten Platze. Ob das in jedem Jahre derselbe ist, wollen wir nicht behaupten, doch haben wir in derselben Gegend der Mark in zwei auf einander folgenden Jahren den Abzug der Störche beobachtet und gefunden, daß sie im zweiten Jahre auf denselben Aeckern sich versammelten, wo es im vorigen der Fall gewesen war. Aehnliches haben wir bei den Schwalben in zwei verschiedenen Gegenden bemerkt. In Leipzig z. B. haben sich diese den schönen Marktplatz zum Sammeln auserkoren, denn während sie von den andern Punkten der Stadt, wo den Sommer über kleinere Schaaren zu schwärmen pflegten, sich weggewendet haben, wird die Menge derer, die über dem Markte sich ausbreitet, eben durch den Zuflug jener von Tage zu Tage größer. Ein anderer Sammelplatz für die Schwalben, weit entfernt von diesem, sind im Thüringer Lande die Burgruinen der Rudelsburg und Saaleck. Auch da schwärmen sie zur Zeit der Abreise vier bis sechs Tage lang in fast unglaublicher Menge.

Doch wir wollen heute bei den Störchen weilen und einige Züge aus ihrem Leben, die wir selbst beobachtet haben, mittheilen. Es ist bekannt, daß diese Vögel ein wahres Muster von ehelichem Leben sind und daß Tausende von Menschen sich müssen beschämen lassen von einem Storchenpärchen. Mann und Frau leben nur mit und für einander. Sie ziehen in dieselbe Wohnung ein, verlassen dieselbe nur, wenn sie auf Nahrung ausfliegen, und trennen sie sich dann auch, so ist es selten weit, meist ist das eine in der Nähe des andern. Häufig kehren sie fast gleichzeitig in das Nest zurück, und läßt ja das eine einmal auf seine Rückkunft etwas länger warten, so steht das andere gewiß in seiner luftigen Wohnung als Einbein, fleißig nach dem ausbleibenden Gatten ausspähend und ihn mit auf dem Rücken zurückgelegten Schnabel durch langanhaltendes Klappern ängstlich zur Heimkehr auffordernd. Hat das Weibchen Eier gelegt, so wechseln sie im Brüten, sobald die Störchin ihren Hunger stillen will, und sind endlich die Jungen da, so sorgen beide Alten auf eine rührende Weise für die kleine hungrige Gesellschaft, indem sie unablässig ab- und wieder mit vollem Schnabel zufliegen. Keines der drei bis fünf Kinderchen bleibt ungesättigt. und erst nach der Fütterung der Jungen geht eins von den Alten aus zur eigenen Mahlzeit, während das andere die kleine Brut im Neste bewacht. Ist dann die ganze Familie satt, so laufen die Eltern nicht davon und lassen die Kleinen ohne Aufsicht, wenigstens nie auf lange Zeit, sondern Vater und Mutter bleiben hübsch fein zu Hause und lehren die Kinder. Da kann man das spaßhafte Geklapper mit den Schnäbeln oft Stunden lang beobachten; auch wie ein Söhnchen trotz vielen Probirens und Exercirens nichts Gescheidtes herausbringt, bis endlich der Vater ärgerlich ihn niedersetzen heißt, und nun ein Töchterchen seine größere Fähigkeit und Geschicklichkeit produciren darf.

Sind sie endlich so weit, daß sie ihre Flügel gebrauchen können, so ist der unermüdliche Eifer der Mutter sehenswerth, mit dem sie die Jungen auffordert, den stolzen Flug des Vaters nachzuahmen, der nicht allzu hoch über dem Neste in schön gezogenen Kreisen dahinschwebt, fast regungslos, nur dann und wann einigen Schwung mit den Flügeln sich gebend. Und prächtig ist es, wenn endlich nach langem Zureden die Kleinen es wagen. Tage lang haben sie sich schon im Neste stehend geübt im Flügelschlage, noch aber hatten sie ihre Geburtsstätte nicht verlassen. Jetzt geht die Mutter voran, nicht gleich hoch in die Luft, nur erst heraus auf den First des Daches. Da kommt ein Sohn; ängstlich und wackelig steht er anfangs da, dann aber, sobald er etwas sicherer fußt, freudig die Flügel schlagend und seinen Geschwistern stolz zuklappernd, froh das Gefürchtete unternommen und ausgeführt zu haben, während jene noch zaudern. Das flößt diesen Muth ein, und bald bestehen auch sie mit Hülfe der ausgebreiteten Flügel den kühnen Sprung aus dem Neste auf’s Dach. Nun lassen ihnen die Alten keine Ruhe mehr, sie müssen mit ihnen sich in die Luft erheben. Freilich nimmt sich dieser erste Ausflug etwas lächerlich aus. Die kleine Schaar flattert noch ängstlich hierhin und dahin, mit dem Fliegen will es sich nicht gleich machen. Sie weiß nicht, soll sie das Kühne unternehmen, den Flug nach oben zu heben, oder soll sie nicht lieber in die Tiefe sich wenden, wo der feste Erdboden eine sicherere Stütze bietet, als die balkenlosen Räume der Luft. Wie mag ihnen in dieser Unbeholfenheit das kleine laufen lernende Kind, von sorgsamer Mutterhand geleitet, beneidenswerth erscheinen! Doch es hilft nichts, sie müssen vorwärts nach oben, so wollen es die Eltern. Und versucht nun Eins oder das Andere den Kreis des Vaters nachzufliegen, so ist es doch gerade, als ob überall Ecken dem kleinen Ungeschick im Wege wären, an denen er ohne Anstoß nicht vorüber gelangen könnte. Es mag wohl dieser prächtige, majestätische Flug bald in weit, bald eng gezogenen Cirkeln, wie wir ihn an den Störchen und einigen andern Vögeln so gern betrachten, nicht ganz leicht sein, wenigstens müssen ihn die Jungen Wochen lang studiren, ehe sie so weit Fortschritte machen, daß die Alten die häufigen und strengen Uebungen einstellen, und die Jugend sich mehr selbst überlassen. Streng aber sind in ihrem Unterricht Vater und Mutter. So ein kleiner Bursche mag nur mehrere Male den begonnenen Kreisbogen durch eckige Bewegungen nach rechts oder links ungehörig vergrößern oder verkleinern, schnell ist Mama oder Papa bei der Hand, den kleinen [333] Tölpel mit Hülfe einer Flügelspitze in die richtige Bahn zu schieben. Versieht er sich nach wiederholter Zurechtweisung dennoch, so geht es nicht mehr so glimpflich ab, es setzt dann wohl zur Strafe einen Klapps mit dem Flügel, und wie stark ein solcher ausfallen kann, werden wir später sehen. In dieser Weise führen sie ihr Familienleben fort, fast bis zur Abreise. Während der Sammelzeit lockern sich die verwandtschaftlichen Bande und lösen sich mit dem Aufbruch ganz, indem nun das ehelose Völkchen nach einem Gatten sich umschaut, mit dem es im neuen Vaterlande eine eigene Familie begründe.

Auf diesen Wanderzügen, die gleichzeitig für die Jungen Reisen auf Freiersflügeln sind, mag es nicht selten treffen, daß ein junges, von der Natur besonders ausgestattetes Storchenfräulein, etwa durch seine strahlenden Augen, mit denen es der jungen Männerwelt herausfordernde Blicke zuwirft, durch seinen schneeigen Busen und seine zart gefesselten, hochroth gezeichneten Beine das Herz von mehr als einem wackern Jüngling sich erobert. Wenigstens haben wir einen solchen Fall und sein tragisches Ende zu beobachten Gelegenheit gehabt.

Wir hatten auf zwei Scheunen drei fest gebaute und wohl angelegte Storchnester, die alljährlich von ihren alten oder neuen Insassen ohne Streit mit fremden Eindringlingen bezogen wurden. Wie in dem vorhergehenden Jahre, so wiederholte sich in jedem neuen dieselbe Scene: an einem heiteren Aprilmorgen richteten sich unsere Blicke, wie schon Tage lang vorher, nach den Scheunendächern und freudig rief eins dem andern zu: die Störche sind da.

Im Frühling vor mehreren Jahren trat aber die längst erwartete Ankunft unserer lieben Sommergäste unter einem ganz ungewöhnlichen, neuen Bilde auf. Zum ersten Male trafen am Morgen nach ihrer nächtlichen Ankunft unsere Augen sie nicht in dem Neste, sondern erblickten sie hoch oben über unseren Häuptern kreisend. Ungewöhnlicher Weise waren es statt der gewöhnlichen sechs an Zahl sieben. Ließen sie sich nieder, so geschah es, um an den ihnen bekannten Sumpfstellen die nöthige Nahrung zu suchen. Vergebens erwarteten wir ihren Einzug in die Nester, sie kamen dem Hofe nicht nahe. Da wir am ersten Tage außer der ungleichen Anzahl und der scheuen Entfernung von ihren alten Nestern nichts Auffallendes an ihnen gewahr wurden, so suchten wir den Grund des gestörten Einzuges der Störche nicht bei ihnen, sondern bei uns. Doch war weder an den Gebäuden noch auf dem Hofe irgend eine Veränderung eingetreten, die ihnen unbekannt gewesen wäre, die sie ängstigend von uns hätte verscheuchen können.

Dasselbe Federvieh lief gackernd und schnatternd auf dem Hofe umher, dieselben Pferde und Kühe, Schafe und Schweine gingen aus den Ställen heraus und wieder hinein, weideten auf denselben Weideplätzen und wälzten sich in demselben Kothe. Selbst der Kettenhund war noch derselbe, und lag noch auf dem gleichen Flecke, wo er im vergangenen Jahre gelegen hatte. Es blieb nichts Anderes übrig, als die Nester in Augenschein zu nehmen, ob da eine die Störche störende Aenderung vor sich gegangen sei. Ein wagehalsiger Hirtenjunge ward hinaufbeordert, jedes Nest genau zu untersuchen und jede etwa eingetretene Unordnung zu entfernen. Er kletterte von einem Nest zum andern und kam mit der Meldung zurück, er habe alles in Ordnung gefunden. Die in jedem Jahre wiederkehrenden Winterschäden werden, wenn sie nicht gänzliche Zerstörung im Gefolge haben, von den Vögeln selbst ausgebessert; so hatten wir also das Unsrige gethan und mußten den Langbeinen selbst es überlassen, das Räthsel zu lösen.

Der Abend war angebrochen, die Störche hatten schon längst das Schwimmen im Aethermeere aufgegeben, sie waren zur Erde zurückgekehrt und ruheten – wo? das wußten wir freilich nicht, ihre Wohnungen auf unsern Dächern waren leer.

Dasselbe Schauspiel vom vorigen Tage wiederholte sich am folgenden. Ehe sie sich jedoch heute zu ihrem Mittagsschmauße begaben, senkten sie sich nach unten und diesmal, zwar nicht in die Nester, doch neben dieselben auf die Dächer. Sie waren im höchsten Grade unruhig, sie flogen herüber und hinüber, bald standen diese, bald jene neben einander. Da marschirten plötzlich zwei im Schnellschritt auf einander los, spreizten die Flügel aus und fingen an sich gegenseitig mit Schlägen zu tractiren, daß es eine Art hatte. Nach manchem herzhaften auf beiden Seiten gefallenen Schlage flog plötzlich die ganze Gesellschaft wieder auf und davon und kreiste so ruhig, als ob der Friede weder vorher noch jetzt auch nur im mindesten eine Störung erlitten hätte. Abermals ließen sie sich auf die Dächer herab, und wiederum klatschte sich ein Paar, wahrscheinlich dasselbe von vorhin. Bisweilen versuchte ein Dritter sich hinein zu mengen, doch da er von den Kämpfern nicht weiter beachtet wurde, zog er sich alsbald wieder zurück. Eine öftere Wiederholung dieser Scenen, die Übrigens zu keinem Resultat geführt zu haben schienen, wurde durch das materielle Bedürfniß des Hungers unterbrochen. Um dasselbe zu befriedigen, zerstreuten sie sich nach verschiedenen Seiten hin.

In den Nachmittagsstunden, nachdem sie sich wieder zusammengefunden hatten, begann von neuem das Kampfspiel vom Vormittag, das uns, die wir seine ernste Bedeutung nicht kannten und ahnten, nicht wenig ergötzt hatte. Es war aber inzwischen ein gemeinsamer Rath abgehalten und ein entscheidender Beschluß gefaßt worden (so mußte es uns wenigstens vorkommen): kaum war der ganze Kreis einige Minuten von den Dächern entfernt gewesen, so kehrte er wieder zurück und während zwei von ihnen auf der einen Scheune Fuß faßten, nahmen die andern fünf auf der gegenüberstehenden Platz. Ohne Zaudern gingen jene mit einer solchen Heftigkeit auf einander los, daß man wohl sah, wie hier ein Kampf, auf Tod und Leben ausgefochten werden sollte. Gewiß eine Viertelstunde lang fiel Schlag auf Schlag, ohne daß einer auch nur einen einzigen Schritt zurückgewichen wäre. Zwar erhoben sie sich mehrmals ein klein wenig und flogen in ganz kurzem Bogen etwas zurück, doch geschah dies nicht aus Kampfesfurcht, oder um zu capituliren und den Streit in friedlicher Weise zu lösen, sondern aus steigendem Kampfesmuth –

Es galt ja das Liebste,
Die Braut, zu erwerben
Im blutigen Strauß.

Mit unbeschreiblichem Ingrimme und wachsender Wuth stürmten sie von neuem gegen einander, da klatscht es noch einmal schallend nieder und schwer getroffen rollte der eine das Dach herab in den Hof.

Schnell nahm das zuschauende Storchpublicum – oder war es vielleicht das schiedsrichterliche Tribunal? – den siegreichen Helden in seine Mitte und führte ihn mit sich fort hoch in die Lüfte, wo sie als kleine, unscheinbare Punkte das Siegesfest feiern mochten. Von diesem Augenblick an kehrte Ruhe und Frieden in unsere Storchcolonie zurück, denn nicht lange nachher senkten sie sich langsam und weite Kreise beschreibend nieder und bezogen je ein Paar die bis dahin unbenutzten Nester. Den gefallenen Kämpfer aber nahmen wir, das dem Trauerspiel beiwohnende Parterre-Publicum, in Empfang, leider ohne alle Aussicht, ihn, selbst durch ärztliche Hülfe, ins Leben zurückzurufen. Wahrscheinlich hatte der entscheidende Schlag sein Herz getroffen.

Keine Wunde, kein Tröpfchen Blut war zu sehen, aber regungslos war er vom Dache auf den Boden niedergefallen und leblos scharrten wir am Abend, durch ein Grab im Garten den tapfern Kämpen ehrend, ihn in die Erde ein. Sein Gegner, befreit von dem verhaßten Nebenbuhler, führte das schwer errungene Liebchen heim, und dieses, stolz auf den Heldengatten, nährte und erzog mit ihm die junge Brut nach Storchenart.

Einen ähnlichen Ausgang nahm ein Liebeshandel anderer Art, der uns gleichzeitig den Beweis liefert, wie theuer dem Storch die Gattenehre gilt, deren Verletzung er nicht ungerächt läßt. Ganz in unserer Nähe nistete ein Paar auf dem abgestutzten Gipfel eines Pappelbaumes. Es war ein wunderschöner Vormittag, als die Störchin allein im Neste stand und durch unaufhörliches Klappern unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Dabei war das Tempo ihrer Rufe nicht gleichmäßig: bald schien sie durch schnelles Zusammenschlagen des Schnabels über das lange Außenbleiben des Gatten zu zanken, bald wieder, als ob sie mit Liebesworten ihn lockte.

Das hatte auch ein Storch gehört, der – wir wollen es zu seiner Ehre annehmen – entweder als Wittwer vereinsamt war oder durch die Verhältnisse gezwungen im Cölibat leben mußte. Der mochte meinen, ob mit Recht oder Unrecht können wir freilich nicht entscheiden, jene Liebesrufe gälten ihm. So hatte er sich denn aufgemacht und nahm, wie in seinem eigenen Hause, neben der Hausfrau Platz.

Diese empfing ihn allerdings nicht in der Weise, wie die Störche bei ihrer Heimkehr sich zu empfangen pflegen. Sie klapperte ihm nicht freudig entgegen, schmiegte sich nicht ihre Liebe bezeigend an seine Brust an, noch weniger liebkoste sie ihn mit ihrem Schnabel am Halse, wie es so die Art eines Storchenpaares ist. [334] Vielmehr wich sie scheu vor ihm aus, sobald er ihr nahen wollte. Das fiel uns auf, und schon vermutheten wir, daß hier ein Fremdling eingedrungen sein müsse, als unsere Vermuthung zur Gewißheit wurde.

Schnell, wie ein Pfeil, sahen wir einen andern Storch auf das Nest zueilen, und als bei dessen Ankunft jener dasselbe verließ, folgte er ihm auf dem Fuße nach. Zornig bliesen sich seine Halsfedern auf, als er neben seinem Gegner auf der Wiese stand, und mit schnellen Schritten zog er gegen ihn los, mit den Flügeln ihn peitschend. War dieser von Natur dem beleidigten Feind an Kraft nicht gewachsen, oder raubte ihm das Schuldbewußtsein dieselbe, genug er setzte sich nicht zur Gegenwehr, sondern beschränkte sich darauf, die hageldicht fallenden Hiebe seines Gegners mit dem Flügel zu pariren.

Plötzlich ließ er denselben sinken und rückwärts hüpfend suchte er den weiteren Angriffen durch die Flucht zu entgehen. Noch ein paar derbe Schläge ertheilte ihm der andere, dann erhob er sich stolz als Sieger in die Luft und eilte in mächtigen Bogen an die Seite der geängstigten Gattin.

Wir aber liefen dem armen Schächer, der mit zerschlagenem Flügel für seine Liebeslust büßen mußte und vielleicht aus Schwäche und Schmerz den Kampfplatz nicht verließ, zu Hülfe und trieben ihn langsam vor uns her nach dem Hofe. Es verging einige Zeit, ehe er sich wieder erholte, sein Flügel ward aber nicht wieder gesund, traurig mußte er ihn neben sich her schleppen. Den Sommer über lebte er, wie es schien, bis auf den lahmen Fittig wohl und munter unter dem übrigen Federvieh, als aber der Herbst kam und die Nester auf den Scheunen wieder leer wurden, da mochte doch die Sehnsucht nach dem Süden und die gänzliche Verlassenheit mit Gewalt über ihn kommen. Eines Morgens fanden wir ihn im Stalle als Leiche. Die Frauen beweinten seinen Tod als einen an gebrochenem Herzen, die Männer nannten es Heimweh.