Zum Inhalt springen

Aus dem Skizzenbuche eines sächsischen Auswanderers. I. Im Walde

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus dem Skizzenbuche eines sächsischen Auswanderers
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 39-40
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[39]
Aus dem Skizzenbuche eines sächsischen Auswanderers.
I. Im Walde

– – Drei Tage waren wir bereits in dem endlosen pfadlosen Walde gegangen, zwei Nächte hatten wir in seinem Schatten geschlafen, und noch immer zeigte sich keine menschliche Wohnung, kein Ende des Baumlabyrinthes. Mein Freund war noch weit erschöpfter als ich; in den letzten zwei Stunden hatte ich ihn oft stolpern sehen, und als wir plötzlich an einem tiefen schleichenden Wasser standen, das uns das Weitergehen in der angenommenen Richtung versperrte, setzte er sich nieder und sagte, er könne nicht weiter gehen und wolle lieber da sterben.

Was war zu thun? Ich sprach dem Freunde Muth zu und forderte ihn auf, sich auf mich zu stützen; er schüttelte statt aller Antwort mit dem Kopfe. Sollte ich ihn verlassen oder bei ihm bleiben und mit ihm untergehen? Nach ernster Ueberlegung entschied ich mich für das Erstere, denn es blieb doch eine Möglichkeit, daß ich aus dem Walde hinaus käme und einen Menschen fände, mit dessen Hülfe ich den Verlassenen holen könnte.

So theilte ich mit ihm den geringen Vorrath von Lebensmitteln, ließ ihm Schwefelhölzchen zurück, damit er Feuer anmachen könnte, nahm ihm das Versprechen ab, von dem stillen Flusse sich nicht weit zu entfernen, damit man ihn leichter finde und wanderte mit schwerem Herzen weiter.

Es war ein heißer Sommertag und kein Blatt regte sich. Meine Kräfte schwanden ebenfalls mehr und mehr. Der Weg durch einen Urwald ist unbeschreiblich beschwerlich; buchstäblich bei jedem Schritte finden sich Hindernisse: ein Baumstumpf, ein stacheliger herabgestürzter Fichtenwipfel, ein undurchdringliches stechendes Dickicht, ein Morast mit schwarzem, glänzendem, weichem Boden, ein Gewirr von kriechenden Gewächsen, aufgeschichtete Felsen und – Durst! Durst! Das Wasser in dem stillen Flusse, an dem ich mich immer hielt, war lau und erregte heftigen Ekel nach dem Genusse.

Ich taumelte mehr weiter als ich ging; mehrmals hatte ich mit Gewalt die Sehnsucht niederzukämpfen, wie der verlassene Freund das Weiterwandern aufzugeben, mich hinzulegen und den Tod zu erwarten. Zum Glück gelang es mir immer mich wieder aufzuraffen. So kam allmälig der Abend heran, freilich ohne daß sich ein Ende des Waldes zeigte. Nur die Beschaffenheit des Bodens änderte sich allmälig; es ging etwas aufwärts, das Wasser in dem Flusse strömte rascher und wurde klarer und endlich kam ich an eine Stelle, die zu einem Nachtlager sich vortrefflich zu eignen schien. An dem Flusse lag ein grünes Plätzchen, das nach dem Walde zu drei Baumriesen schlossen, zwischen denen ein dichter Buschvorhang eine Art Wand bildete.

Hier zündete ich mir ein Feuer an, fing mir ein paar Fische, kochte sie mit Speck in der Pfanne, die ich natürlich bei mir getragen hatte, aß und – beschmierte mir Gesicht und Hände, wie es der Wanderer im Walde thun muß, mit dem warmen Schweinefett.

„Pfui!“ denken wahrscheinlich die Leser. „Warum dies?“

In den Wäldern Amerika’s giebt es drei unerträgliche Plagen – Muskitos, Mücken und Sandfliegen. Diese verfolgen den Menschen mit unermüdlichem Eifer und zapfen ihm das Blut ab.

Die Muskitos kann er todtschlagen – wenn er sie bekommt. Die Mücken sind so klein, daß man sie kaum sieht, und folglich schwer zu fangen und zu tödten. Die Sandfliegen endlich schwärmen in so dichten Schaaren umher, daß ein Fangen und Erschlagen derselben ein völlig hoffnungsloses Unternehmen bleibt. Ein tüchtiger Fettüberzug auf Gesicht und Händen ist der beste Schutz gegen die kleinen Feinde. Die Mücken wagen es nicht, sich darauf zu setzen, weil sie kleben bleiben; die Sandfliegen und Muskitos scheinen schon vor dem Geruche des Fettes eine Abneigung zu haben. Ich saß oft Stunden lang da, ohne ein einziges Mal gestochen zu werden, obwohl die Sandfliegen in so dichten Wolken mich umschwärmten, daß ich den Mund nicht aufthun konnte, ohne einige hinein zu bekommen, und sie mir in die Nase und die Augen krochen. Sich so von Millionen kleiner Teufel umsummt zu hören, die ihre Bosheit nicht ausüben können, ist die schönste Serenade, die man sich denken kann.

Nach dem Einreiben mit Fett war das Nächste, mein Bett zurecht zu machen. Ich schnitt eine junge Fichte mit weichen Nadeln ab und streute die Zweige auf einen Platz sechs Fuß lang und zwei Fuß breit, suchte mir dann weiteres Brennholz, um das Feuer zu unterhalten und legte mich nieder um zu schlafen. Auf dem weichen, duftigen Lager, nach der heftigen Anstrengung, schlummerte ich bald ein. In der Nacht wurde ich indeß durch ein Gefühl unangenehmer Wärme bald geweckt. Kein Wunder; da ich mein Feuer auf Grasboden angemacht hatte, das aus hunderten von Schichten abgestorbener Pflanzen bestand, so fraß es unter und um sich, und als ich erwachte, war es mir bereits so nahe gekommen, daß ich in unruhigem Schlafe mich selbst hinein gerollt haben würde.

Ich sprang auf, räumte mein Lager mehre Schritte weit hinweg an eine Stelle, nach welcher das Feuer sich nicht zu wenden schien und legte mich wieder nieder. Wie es aber zu gehen pflegt, wenn der Schlaf im Anfange plötzlich unterbrochen wird, die Fortsetzung desselben ist dann meist unruhig und von Träumen gestört.

Auch ich träumte und träumte seltsam. Mir war es, als sei ich der Erde entrückt, und aus großer Tiefe unter mir dringe ein schauerliches Gemisch zahlloser Menschenstimmen zu mir herauf. Es klang wie ununterbrochene Klagelaute, leise murmelnd wie das ferne Rauschen des Meeres. Aber das Menschliche in den Tönen und das Klagende derselben erkannte ich genau. Dazwischen vernahm ich Töne, die wie Hohn klangen, als sei ich von unsichtbaren Feinden umgeben, und ich empfand eine unbeschreibliche Angst, sie würden mich fassen und mich hinunterschleudern in die bodenlose Tiefe unter mir.

Das dauerte lange und ich mag wohl sehr schwer geathmet haben. Allmälig schien das Klaggeschrei unten lauter und vernehmlicher zu werden, als ob die jammernde Menge zu mir heraufsteige oder ich zu ihr hinunter sinke. Aus dem allgemeinen Gemurmel traten mitunter einzelne Stimmen hervor und näher und immer näher kamen sie mir. Endlich schienen die Stimmen wie ein wildes Heer an mir vorüber zu sausen; sie berührten mich fast; ich fühlte mich mitten unter ihnen; das Entsetzen schnürte mir die [40] Kehle zu; ich wollte schreien, ich wollte fliehen; vergebens, denn ich brachte keinen Laut über meine Lippen, ich konnte kein Glied rühren.

Endlich erstickte ich fast vor Angst, ich nahm alle meine Kräfte zusammen und – sprang auf.

Es war die höchste Zeit. Der Rauch erstickte mich; das Feuer hatte weiter und weiter um sich gefressen; es hatte selbst mein Lager schon ergriffen, es knisterte, es zischte, es murmelte unter den dürren Blättern und Gräsern; es lief an den Büschen und Bäumen hinan. Was ich im Traume gehört hatte, waren die Stimmen der Flammen, die mir näher und näher gekommen und größer und gewaltiger geworden waren. Eine große Fichte brannte bereits oben am Gipfel und stand wie eine riesige Fackel in der finstern Nacht.

Es blieb mir nichts übrig, als einen Kampf mit dem Elemente zu beginnen. Wenn ich nicht kräftige Maßregeln ergriff, konnte der ungeheuerste Waldbrand entstehen, denn es war mehrere Wochen lang sehr dürr gewesen, und dann war ich nebst dem verlassenen Freunde und Allem verloren, was der Wald in seinem Schooße barg. Ich nahm mein Beil und hieb an der äußersten Grenze des Feuers die brennenden Zweige und Büsche nieder, warf sie in den großen Feuerherd in der Mitte oder versuchte sie auszutreten. An der Flußseite half ich mir mit Wasser, das ich mittelst der Bratpfanne in die Glut spritzte.

Nach einer Arbeit von einer halben Stunde etwa glaubte ich gesiegt und das Feuer gebannt zu haben. Ich legte mich nochmals hin, aber ich schlummerte nur eine ganz kurze Zeit. Das Feuer erwachte von Neuem und ich mit ihm. Ich sprang wieder auf. Dichte Wolken am Himmel bargen Mond- und Sternenlicht und um den kleinen Feuerkreis vor mir lag die schwärzeste Nacht wie eine Mauer. Eine gewaltige Wurzelmasse, die vor Jahren irgend einen längst verfaulten Baumriesen genährt und getragen, hatte Feuer gefangen. Wie ein großer Feueraltar stand sie vor mir. Aber da hinter ihm – was ist das? Eine Gestalt! Ist es ein Indianer, der einen weißen Feind vor sich sieht und nur auf eine bequeme Gelegenheit wartet, ihn zu erschlagen und zu berauben? Eine einzige Kugel, und Niemand wußte, wo ich geblieben. Sollte ich ruhig stehen bleiben als Zielpunkt für den rothen Mann? Nein! Rasch trat ich in das Dunkel des Waldes hinein und versuchte hinter den brennenden Wurzelstumpf zu schleichen, um mir den Gegner genauer anzusehen.

Ein grauer kahler Baumstamm war es, der mich geängstigt hatte.

Ich kehrte beruhigt an meine Lagerstätte zurück, und da das Feuer nicht weiter um sich greifen zu können schien, wollte ich mich nochmals niederlegen. Aber es war fast Morgen und ich zu wach, als daß ich weiter hätte schlafen können, zumal mein Bett verbrannt war und die Hände mir schmerzten von Brand- und Kratzwunden. So gab ich jeden weitern Versuch auf, kochte mir ein Frühstück, ganz gleich dem Abendessen und verzehrte es mit dem eigenthümlichen Appetite, den man fühlt, wenn man unruhig, kalt und in den Kleidern geschlafen hat.

Der Morgen dämmerte; Gras und Blätter wurden naß vom Thau; hier und da stiegen Morgennebelflocken auf; einzelne Vögel begannen sich zu regen und zu zwitschern; das Dunkel im Walde wurde schwächer und schwächer und an einzelnen hohen Baumwipfeln zeigte sich der rosige Schein der Morgenröthe.

Wie war es aber dem ermatteten Freunde ergangen, den ich verlassen? Was sollte ich thun?

Es war nutzlos den Weg zurück zu machen und den Wandergefährten aufzusuchen, also, – weiter, weiter wandern!

Ich brach auf mit dem Muthe der Verzweiflung und bahnte mir mit unsäglichen Beschwerden einen Weg an dem Flusse hin. Es mochten etwa zwei Stunden vergangen sein, als ich plötzlich über dem Flusse drüben an einem Hügel einen Platz bemerkte, wo keine Bäume, aber viele Baumstümpfe standen und – da ein Stück Feld! Es mußte also ein Mensch, es mußten Menschen in der Nähe sein. Wie stärkte dieser Anblick meine Glieder! Der Fluß schien nicht sehr tief mehr zu sein; mit raschem Entschluß trat ich also hinein und watete hindurch. Eilig schritt ich dem Felde, dem Hügel zu. An der andern Seite desselben stand ein Haus; weiter hin lichtete sich der Wald mehr und mehr; da spannte sich eine Brücke über einen Bach, der sich in den Fluß ergoß und dort, ja dort ragten noch mehrere Häuser zwischen Bäumen hervor.

Ich stürzte in das erste Haus hinein, und mein Aussehen muß seltsam genug gewesen sein, denn die Leute erschraken offenbar. Sie waren aber freundlich und gutmüthig und hörten die Bitte theilnehmend an, die ich ihnen vor allem vortrug, die Bitte, meinen verlassenen Freund zu suchen, zu holen, am besten in einem Boote.

Der Farmer besaß ein Boot, und war sogleich bereit, Einen seiner Leute fortzuschicken. Aber würde dieser allein die nöthige Ausdauer gehabt haben? Ich selbst wollte mitfahren und ließ mich von dem Unternehmen nicht abbringen.

Wir setzten uns in das kleine Boot und fuhren den Fluß hinunter. Wir blickten dabei rechts und links in das Ufergebüsch; wir riefen sehr oft, aber weit waren wir in den Wald hinein gekommen und hatten keine Spur von einem Menschen gefunden, keine Antwort auf unser Rufen vernommen als das schwache Echo des Waldes. Endlich raschelte es in dem Gebüsch am Ufer, eine Stimme antwortete, und der Freund erschien. Aber kaum erkannte ich ihn. Von seinem Anzuge waren nur noch einzelne Fetzen übrig geblieben, die ihm um die Glieder hingen. Sein Gesicht war voll Blut und roth aufgeschwollen von zahllosen Insektenstichen und Bissen. Die Hände hatten kaum noch die Gestalt von menschlichen Händen. Er sank erschöpft in unser Boot und rührte sich da so wenig als er ein Wort sprach.

Erst später erzählte er, wie es ihm ergangen.

Er hatte eine Zeit lang gesessen und dann gegen sein Versprechen sich vorgenommen, weiter zu gehen, mir nach. Dabei hatte er über einen kleinen Arm des Flusses zu springen versucht, war aber hineingefallen, hatte sich vom Kopfe bis zu den Füßen durchnäßt, seine wenigen Lebensmittel verdorben und die Schwefelhölzer verloren. So konnte er, als die Nacht anbrach, kein Feuer anmachen und mußte sich hungrig in nassen Kleidern auf den kahlen Boden legen. Und wie sich gegen die Muskitos und die andern Feinde schützen? Er trug so viel Laub und dürre Zweige als möglich zusammen, kroch in diesen Haufen hinein, bedeckte sein Gesicht mit einem Tuche und hoffte so den Blutsaugern entgehen zu können. Aber sie fanden ihn und behandelten ihn, daß sein Gesicht bald aussah, wie ein roth aufgehender Vollmond. Beim ersten Grauen des Morgens brach er auf und setzte die mühselige Wanderung fort, bis wir ihn fanden.

Wir blieben zwei Tage bei dem Farmer, der uns so freundlich aufgenommen, hatten Gelegenheit da unsere Garderobe wieder etwas in Stand zu bringen, und setzten dann unverdrossen unsere Wanderung fort.



[172]
Aus dem Skizzenbuche eines sächsischen Auswanderers.
II. Ein Naturbild.
Nicht die große seltne Noth der Welt, die Fluthen, die Erdbeben, die Eure Städte verschlingen, rühren mich; mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich selbst zerstörte.
Goethe. 

Jedes lebendige Wesen verfolgt andere und wird von andern verfolgt, denn in der Natur herrscht ununterbrochen Kampf, Krieg und Blutvergießen und das Recht des Stärkern ist das alleinige Gesetz, die einzige Richtschnur aller Erschaffenen, die nicht Mensch heißen. Auf jedem kleinen Spaziergange in Europa schon findet der aufmerksame Beobachter diese Wahrheit bestätigt, greller und auffallender aber tritt sie ihm in Ländern entgegen, wo das Naturleben in üppigerer Fülle, in mächtigerer Kraft und frei von menschlicher Censur und Polizei sich regt.

Wir befanden uns im Süden der Vereinigten Staaten und hatten uns vor zwei großen Bäumen gelagert, die von Schlinggewächsen wie von Guirlanden dicht umschlungen und verbunden waren. Die Blätter verschwanden unter einer Fülle von Blüthen, die sich wie ein bunter Teppich darüber breiteten und meist aus großen scharlachrothen Bignoniaglocken bestanden.

„Sie da, zwei fliegende Edelsteine!“ rief mein Freund. „Colibris! Da kriecht einer wie eine Biene in einen Blüthenkelch hinein. Ob ich ihn zu schießen versuche?“

„Das kleinste Schrot würde ihn in Stücke zerreißen; man schießt Colibris bisweilen, wie ich hörte, mit Mohnkörnchen, aber laß sie leben; siehe lieber zu, Du hast ja so gute Augen, ob Du das Nest findest.“ [173] Ehe der Freund dies Suchen begann, kam summend eine große Hummel herbei, die sich auf dieselbe Blume setzte, in welcher der Colibri naschte. Sofort schoß dieser auch heraus, griff zornig die Hummel an, und es entstand in der Luft ein Miniatur-Kampf zwischen den kleinen Wesen; die Hummel flog indeß bald davon.

Das Colibrinestchen wurde glücklich gefunden, eine oben offene kleine Kugel von feinen Moosfädchen in der Gabel eines Astes. Wir betrachteten es aufmerksam und hatten uns kaum entfernt, als der eine Colibri in das Nest flog, während der andere unter den rothen Blüthen eifrig nach kleinen Fliegen mit blauen Flügeln schnappte.

Da bewegte sich etwas über dem Nestchen; wir sahen uns um und bemerkten bald, daß ein häßliches Thier unter den Blättern heranschlich. Wir verhielten uns still. Das Thier war etwa so groß als die kleinen Colibris; der Körper bestand aus zwei in der Mitte verbundenen Theilen, war über und über mit starren rothbraunen Haaren bedeckt und hatte zehn lange ebenfalls behaarte Beine mit Haken. Es war die große Vogelspinne, die den Colibri beobachtete, welcher um die Blüthen summte. Sobald er in einem Kelche verschwand, lief sie schnell näher; kam er heraus, so versteckte sie sich unter einem Blatt. Jetzt schwebte der Colibri über einer Blüthe ganz nahe bei der Spinne, und sofort sprang diese hinzu und faßte ihn. Er flatterte noch, er suchte fortzufliegen, aber die häßliche Spinne, die ihn fest umklammert hielt, war ihm zu schwer, und bald sanken beide nieder. Der Vogel war todt und die Spinne schickte sich an die Beute in ihr Versteck zu schleppen, um sie ungestört zu verzehren.

Während dies geschah, wurden unsere Blicke durch etwas Glänzendes angezogen, das sich an der rauhen bräunlichen Rinde des Lianenstammes hinbewegte. Es war ein eidechsenartiges Thier und so schön als eine Eidechse es sein kann, aber die häßliche, fast menschliche Form dieser Geschöpfe, ihre blitzenden Augen und ihr raubsüchtiges, tückisches Wesen machen sie mehr zum Gegenstande des Widerwillens als der Bewunderung, abgesehen davon, daß einige giftig sind.

Der ganze obere Theil der Eidechse, die wir jetzt vor uns sahen, war smaragdartig goldig grün, der untere grünlich weiß, der gleichsam aufgeschwollene oder aufgeblasene Kopf glänzte im schönsten Scharlachroth, während die kleinen Augen wie Diamanten auf Goldgrund funkelten und am Halse ein Lappen hing wie bei dem Hahne. Die Glieder waren grün wie der Rumpf, und die Zehen an den Beinen hatten die Eigenthümlichkeit, daß sie gleichsam in kleinen Kugeln endigten. Es war ein Anoly oder eine Mopseidechse, häufig auch Chamäleon genannt, etwa sechs Zoll lang.

Sobald die Eidechse die Spinne bemerkte, drückte sie sich platt an den Stamm. Ihre Farbe veränderte sich: die Kehle wurde weißlich, dann blaßgrau, und an die Stelle des glänzenden Grüns trat ein rostfarbenes Braun, so daß das Thier von dem Stamme nicht leicht unterschieden werden konnte. Es schien die Spinne angreifen zu wollen und so geschah es. Sobald die Spinne mit der schimmernden Beute ganz nahe gekommen, war die Eidechse mit einem Sprunge bei ihr, packte sie mit den gewaltigen Kinnladen und Eidechse, Spinne und Vogel fielen hinunter an den Boden. Die Spinne ließ dabei den Vogel los, und nun begann zwischen ihr und dem Chamäleon auf dem Rasen ein Kampf, der einige Minuten dauerte. Die Spinne wehrte sich tapfer, war aber dem Gegner nicht gewachsen, der ihr bald die langen Beine abbiß, so daß der sackartige Rumpf hülflos dalag. Da packte das Chamäleon die Beute am Kopf, drückte ihm die spitzen Zähne hinein und machte sie todt. Merkwürdig war uns, daß in dem Augenblicke, als die Eidechse sich auf ihre Beute stürzte, ihre Farben, Roth und Grün, im schönsten Glanze plötzlich wieder erschienen.

Aber auch sie sollte die Beute nicht in Ruhe verzehren können. Oben an dem Baume, an welchem das Chamäleon emporlief, befand sich ein Loch, in dem wohl einmal ein Vogel sein Nest gehabt hatte, und aus welchem eben jetzt eine Scorpion-Eidechse mit rothem Kopfe und braunen Schultern hervorlugte. Wer in den amerikanischen Wäldern gereiset ist, wird solche Geschöpfe häufig genug gesehen haben, denn die Scorpion-Eidechse mit ihrem rothen Kopfe, olivenbraunem Rumpfe und höchst widerwärtigem Aussehen zeigt sich dem Wanderer oft. Die, welche jetzt oben auf dem Baume lauerte, wackelte mit der spitzen Schnauze hin und her, und die schwarzen funkelnden Augen hatten einen tückischen Ausdruck. Das Chamäleon, das über die dürren Blätter hinkroch, hatte offenbar ihre Aufmerksamkeit erregt.

Blitzschnell fuhr jetzt die Scorpion-Eidechse aus dem Loche heraus, legte sich an den Stamm des Baumes, den Kopf nach unten, wartete so noch eine kurze Zeit und lief dann äußerst geschwind hinunter. Dort sprang sie so fort auf das Chamäleon, das in Folge dieses wüthigen Angriffs die Spinne losließ und fliehen zu wollen schien. Aber das Chamäleon ist muthig, und da sein Gegner nicht viel größer war als es selbst, so setzte es sich zur Wehr. Seine Kehle schwoll auf und wurde noch glänzender roth. Mit weit aufgerissenem Rachen stürzten beide auf einander zu und wälzten sich auf der Erde, die Schwänze emporgestreckt. Mehrmals ließen sie aber los und begannen den Kampf von Neuem, ohne daß Einer der Gegner das Uebergewicht zu gewinnen schien.

Der schwächste Theil der grünen Eidechse ist der Schwanz, den der leichteste Ruthenschlag von dem Rumpfe trennt. Das schien die Scorpion-Eidechse recht gut zu wissen, denn sie versuchte mehrmals die Gegnerin von hinten zu packen. Das Chamäleon seinerseits mochte dies fürchten, denn es manövrirte lange so, daß es der Gegnerin stets mit dem Kopfe gegenüber blieb.

Die kleinen Thiere kämpften wüthend wie große Krokodile mehrere Minuten, bis endlich das Chamäleon den Muth zu verlieren schien, wobei seine grüne Farbe immer matter wurde. In diesem Augenblick unternahm die Scorpion-Eidechse noch einen heftigen Angriff, warf das Chamäleon dabei auf den Rücken, faßte es rasch am Schwanze und biß denselben glatt vom Rumpfe ab. Der arme Ohneschwanz entfloh und versteckte sich unter daliegenden Baumstämmen.

Das war sein Glück, und auch die Scorpion-Eidechse hätte sicherlich klüger gethan, wenn sie in ihrem Verstecke geblieben wäre. Wir bemerkten bald ein Rascheln unter den Blättern und etwas Rothes, das etwa einen Fuß lang von einem Aste herabhing. Es war so dick wie ein gewöhnlicher Rohrstock, aber an den glänzenden Schuppen und der zierlich gebogenen Gestalt erkannten wir leicht eine Schlange.

Sie hing nicht unbeweglich da, sondern glitt langsam herunter, so daß wir jeden Augenblick einen neuen Theil ihres Körpers sahen, der oben eine blutrothe, unten am Bauche eine lichtere Farbe hatte.

Es war die rothe Schlange der Felsenberge, von welcher die amerikanischen Jäger viel zu erzählen wissen.

In diesem Augenblicke bemerkte auch die Eidechse den langen rothen Körper der Schlange, die über ihr hing, und da sie dieselbe als schrecklichen Feid kennen mochte, entfloh sie und suchte sich im Grase zu verstecken, statt sich nach einem Baume zu wenden, auf dem sie durch ihre Schnellfüßigkeit sich wohl hätte retten können. Die Schlange kam unterdeß ganz herunter und kroch am Boden hin mit hoch gehobenem Kopfe und aufgerissenem Rachen. Im nächsten Augenblicke erreichte sie die Eidechse und tödtete sie auf der Stelle.

Wir waren ihr nachgeschlichen und hatten uns hinter einen Busch versteckt, um sie beobachten zu können. Sie lag jetzt da und schickte sich an ihre Beute zu verschlingen. Die Schlangen kauen bekanntlich nicht was sie verzehren, denn ihre Zähne sind nur geeignet, festzuhalten und das Festgehaltene zu tödten. Die rothe Schlang ist nicht giftig, hat aber eine Doppelreihe sehr spitziger Zähne, bewegt sich außerordentlich rasch und besitzt eine ziemliche Kraft, das Thier, um das sie sich geschlungen, in ihren Ringen zusammen, wohl gar todt zu drücken. Die, welche wir vor uns hatten, riß den Rachen so weit als möglich auf, packte den Kopf der Scorpion-Eidechse und schlang dieselbe allmälig ein, was häßlich genug anzusehen war.

Andere Augen außer den unserigen beobachteten sie auch, denn ihr blutrother glänzender Körper, der da im Grase lag, hatte den scharfen Blick eines Feindes angezogen. Ziemlich hoch über uns schwebte eine großer Vogel in weiten Kreisen. Die schneeweiße Farbe seines Kopfes und seiner Brust, die spitzauslaufenden Flügel und der lange Gabelschwanz verriethen so fort den großen Gabelweih.

Er zog schwebend, ohne die Flügel zu bewegen, seine Schraubenkreise kleiner und kleiner niederwärts, offenbar nach der Schlange zu. Jetzt fiel der Schatten seiner mächtigen Flügel auf den Rasen [174] gerade vor diese. Sie sah empor und erblickte ihren schrecklichen Gegner mit Grauen, denn sie schien am ganzen Leibe zu zittern, ihre Farbe wurde blässer und sie barg den Kopf im Grase, als wollte sie sich verstecken. Aber es war zu spät; der Weih senkte sich herab, er schwebte einen Augenblick dicht über ihr und als er sich darauf wieder erhob, sahen wir die Schlange in seinen Krallen sich winden.

Einige Flügelschläge hoben den Vogel über die höchsten Bäume empor, aber je höher er stieg, um so rascher und unregelmäßiger wurde die Bewegung seiner Flügel, es hinderte ihn offenbar etwas im Fluge. Die Schlange hing nicht mehr; sie hatte sich um den Leib ihres Gegners gewunden und wir sahen ihre glänzend rothen Ringe wie rothe Bänder sich um und durch sein weißes Gefieder ziehen.

Mit einem Male blieb der eine Flügel bewegungslos und obgleich der andere sich um so rascher und kräftiger anstrengte, stürzte der Vogel doch bald mit der Schlange, die ihn umringelt hatte, schwer an den Boden nieder. Indeß schien der Fall weder den Vogel, noch die Schlange bedeutend verletzt zu haben, denn kaum hatten sie die Erde berührt, so begann ein Kampf auf Leben und Tod. Der Vogel bot Alles auf, sich von den ihn umschnürenden und zusammendrückenden Ringen der Schlange zu befreien, während diese ihn um so fester zu halten suchte. Sie mochte wohl wissen, daß sie nur dadurch zu siegen vermöchte, denn wenn sie losließ und zu entschlüpfen versuchte, packte sie der Weih sicherlich zum zweiten Male und diesmal entscheidend mit den gewaltigen Krallen.

Der Kampf schien lange dauern zu müssen, denn obwohl die beiden Gegner sich im Grase wälzten und der Vogel mit dem noch freien Flügel mächtig um sich schlug, änderte sich doch viele Minuten lang in dem Zustande nichts.

Der Vogel konnte nicht fort, die Schlange wagte nicht zu fliehen; wie sollte der Kampf enden, wenn nicht ein Dritter sich einmischte?

Wir wollten eben einschreiten, als uns ein neues Manöver der Kämpfenden zurückhielt: der Vogel hackte wüthend mit dem Schnabel nach dem Kopfe der Schlange und diese versuchte ihn zu beißen, weshalb sie von Zeit zu Zeit den Rachen aufriß und dabei die Doppelreihen der spitzen Zähne sehen ließ. In einem solchen Augenblicke hackte der Vogel die Schlange in den Rachen, der sich sofort schloß und den Schnabel des Feindes festhielt, dem die spitzen Zähne aber nichts anzuhaben vermochten.

Der Vogel mochte erkennen, daß er jetzt offenbar im Vortheil sei, obgleich sein Schnabel im Schlangenrachen sich befand, denn er zog mit aller Kraft seines Halses den Kopf der Schlange niederwärts, um ihn in die Nähe seiner Krallen zu bringen. – Das gelang ihm auch und er packte mit den Fängen den Hals der Schlange fest wie mit einem Schraubstock.

Das machte dem Kampf ein Ende. Die Ringe der Schlange löseten sich; der Körper zuckte noch einige Zeit im Todeskampfe, dann lag er kraft- und regungslos im Grase. Der Sieger zog nun leicht seinen Schnabel aus dem Rachen der Schlange, hob den Kopf empor, breitete die Flügel aus, flog mit Triumphgeschrei davon und trug die Schlange mit sich hinweg, die wie ein rothes Band herabhing.

Seinem Schrei antwortete alsbald ein anderer, fast wie ein Echo, aber er war weit kräftiger und rauher, er konnte nur aus der Kehle eines weißkopfigen Adlers kommen. Wir sahen empor und hoch über uns am dunkelblauen Himmel segelte in der That einer jener mächtigen Vögel gerade auf den Weih zu, wahrscheinlich um ihm die Beute abzujagen, die dieser mit so viel Mühe sich errungen.

Der Weih hatte den Schrei wohl vernommen und er verstand auch die Bedeutung, denn mit seiner ganzen Flügelkraft hob er sich höher und höher, jedenfalls um zu fliehen.

In einer weiten Spirallinie flog er tiefer und tiefer in das Blau des Himmels hinein; der Adler folgte ihm, ebenfalls in Kreisen, aber in weiteren, als wolle er den Weih umkreisen. – Höher und immer höher ging der Flug; sie schienen sich einander zu nähern, die Kreise schienen enger zu werden, aber das sah wohl nur so aus, weil sie sich mehr und mehr von uns entfernten. – Der Weih war endlich für uns nur noch ein kleiner dunkeler und unbeweglicher Punkt, und dann verschwand er ganz. Der Adler seinerseits verkleinerte sich auch zu einem Pünktchen in der Höhe und verschwand endlich, doch nicht sogleich ganz, denn sein weißer Schwanz schimmerte noch immer, bisweilen wie ein weißes Wölkchen oder wie eine Schneeflocke in dem Blau des Himmels. Dann wurde auch dieses weißschimmernde Pünktchen undeutlicher und zuletzt war gar nichts mehr zu erkennen.

Wir gaben die weitere Beobachtung auf, da - was war das? Isch -. Sch - sch! Ein Zischen wie eine aufsteigende Rakete. Es fiel etwas Schweres dort auf den Baum, wahrhaftig der Weih und - todt. Und U - sch - sch! Der Adler! Mit der Schlange in den Krallen! Aus der Höhe, in der ihn kein menschliches Auge mehr zu erkennen vermochte, schoß er herunter wie ein von mächtiger Sehne abgeschnellter Pfeil. Erst in Thurmhöhe etwa breitete er die riesigen Flügel und den Fächer seines Schwanzes aus. Mit langsamen Flügelschlägen schwebte er majestätisch daher und endlich ließ er sich auf den Gipfel einer abgestorbenen Magnolia nieder.

Ich konnte nicht an mich halten, griff nach meiner Büchse, trat in das Gebüsch, schlich so nahe als möglich an den dürren Baum, legte an und zielte wohl. Der Schuß knallte und der Adler, der die Schlange noch in den Fängen hielt, stürzte, zum Tode verwundet, flatternd herab.

[292]
Aus dem Skizzenbuche eines sächsischen Auswanderers.
2. Was ein Jäger erzählt.[1]

Als ich im Herbst 1854 auf dem Dampfschiff „Stern des Westens“ einen großen Theil des Missisippi befuhr, das sehr häufig an den Ufern anlegt, um Reisende auszusetzen und einzunehmen, wurde ich mit einem Ansiedler aus Texas bekannt, der gleich mir mehrere Tage auf dem Dampfer blieb, und seinen Erzählungen nach einer der größten Jäger sein mußte. Er sprach sehr gern und sehr oft von seinen Abenteuern, vorzüglich, wenn er einige Gläser steifen Grogs getrunken hatte. Namentlich erinnere ich mich einer seiner Jagdgeschichten, die er an einem Abende drei Gruppen von Reisenden nach einander in folgender Weise erzählte:

„Ich befand mich zum Besuch bei einem Freunde. Sie alle wissen, daß wir Pflanzer sehr passionirte Jäger sind und werden sich also nicht wundern, daß wir, mein Freund und ich, den ganzen Tag mit den Büchsen umherliefen. Eines Morgens war ich allein ausgegangen, schlenderte an dem Saume einer Waldes hin und stieß auf eine Herde Pekaris. Damals kannte ich den boshaften, rachsüchtigen, niederträchtigen Charakter dieser verfluchten wilden Schweine noch nicht, welche in Texas heute noch häufig hier und da eine wahre Landplage sind. Ich schoß also unkluger Weise nach Einem und es blieb auf dem Flecke liegen. Sogleich stürzten die übrigen mit ihren scharfen Hauern auf mich zu und wollten über mich herfallen. Da ich keine Zeit hatte, mein Gewehr wieder zu laden, so drehete ich es um und schlug mit dem Kolben unter meine Feinde, aber sie haben so dicke Schädel, daß meine kräftigsten Hiebe nichts ausrichten und ich wirklich schlimm in das Gedränge kam. Zum Glück stand ein Baum ganz in der Nähe, der einen Ast ziemlich tief über mir ausstreckte. Als ich mich nicht anders mehr zu retten wußte, sprang ich empor, faßte glücklich den Ast und zog mich auf denselben mit beiden Händen hinauf.

„Vor der Hand war ich freilich in Sicherheit, aber mein Sitz da oben ein höchst unbequemer. Es verging eine Stunde, es vergingen zwei, drei Stunden, keine Hülfe zeigte sich, und meine böswilligen Feinde schienen mich auf dem Baume belagern zu wollen, denn sie wichen und wankten nicht von der Stelle. Da fuhr mir endlich ein Gedanke durch den Kopf; „vielleicht sucht mich mein Freund,“ sagte ich mir; „wenn ich einmal schieße, wird er hören, wo ich bin und zu meiner Befreiung herbeikommen. Wenn ich aber so Nothschüsse abfeuere,“ dachte ich weiter bei mir, „könnte ich ja mein Pulver zugleich in anderer Weise gut anwenden, nämlich eins oder das andere der fanatischen Schweine niederstrecken.“ Gedacht, gethan. Ich lud meine Büchse, und das stärkste der Pekaris wälzte sich gleich darauf in seinem Blute unter dem Baume. Hat man einmal einen guten Gedanken gehabt, so folgen ihm bald andere. „Ich habe zwanzig Kugeln bei mir,“ sagte ich mir, „und lebendig sind nur noch neunzehn Bestien. Nichts leichter als sie alle neunzehn zu erlegen.“ So lud ich denn und schoß, und bei jedem Siege rief ich ein lautes Hurrah. Dieses fortwährende Knallen rief denn wirklich meinen Freund herbei, und er erschien vor mir in dem Augenblicke, als das letzte Schwein unter meiner Kugel gefallen war. Sie können sich vorstellen, wie er staunte, als er sah, welches Blutbad ich angerichtet hatte.“

Nach einer Viertelstunde erzählte mein Texaner einer andern Gruppe sein Abenteuer mit den Pekaris ebenfalls; zu meiner Verwunderung aber in folgender Weise:

„Auf dem Baume saß ich. Eine Stunde verging, es vergingen zwei, drei Stunden, keine Hülfe zeigte sich; meine Kräfte waren erschöpft und mein Muth fast gebrochen. – Ich suchte mich bequemer zu setzen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel. Zum Glück ließ ich geschwind mein Gewehr los und konnte mit der rechten Hand noch einen Ast des Baumes fassen. Da hing ich nun und, wie gesagt, ich war so erschöpft, daß ich mich nicht hinaufzuziehen vermochte. Meine Füße waren vielleicht sechs Fuß von dem Boden entfernt, und wenn der Dahängende ich nicht selbst gewesen wäre, würde ich laut aufgelacht haben über die häßlichen Pekaris, die sich komische genug ausnahmen, denn sie standen rund um meine baumelnden Beine herum und versuchten empor zu springen, sie zu fassen. Zum Glück blieben alle ihre Bemühungen vergeblich, und ich hielt mich für gerettet, wenigstens in so weit, daß sie mich nicht fassen konnten, aber – wer kann sagen, wie weit der Instinkt der Thiere geht? Sie glauben wahrscheinlich nicht, was ich Ihnen erzählen will, aber, so wahr ich ein ehrlicher Texaner bin, es ist buchstäblich wahr. Einige der Pekaris legten sich platt auf den Bauch; auf den Rücken der Daliegenden stieg das größte der häßlichen Schweine, stellte sich auf die Hinterbeine und schnappte nach meinen da baumelnden Füßen. Es faßte den Absatz meines rechten Stiefels, und ich stieß nun aus Leibeskräften mit dem linken, aber ich wäre doch gewiß verloren gewesen, wenn mein Gegner auf dem Rücken der Seinigen einen festern Stand gehabt hätte. Die unter ihm Liegenden erhoben sich quiekend und grunzend, drängten sich hinweg, und mein entsetzlicher Feind – denken Sie sich! – blieb mit den Hauern an meinem Stiefelabsatz ebenfalls in der Luft hängen. Die Last, die ich zu tragen hatte, war für mein Bein zu groß; ich schwitzte Blut; denn ich sah den Augenblick schon vor mir, in dem ich den Ast würde loslassen und mich meinen Feinden übergeben müssen. Da fiel plötzlich ein Schuß; ich erschrak, ließ los und fiel auf das Pekari hinunter. Gott sei Dank, es war todt. Mein Freund war noch zu rechter Zeit gekommen und hatte das da Hängende erlegt. Blitzschnell griff ich nach meiner daliegenden Büchse; wir schossen beide unter die Heerde und errangen bald einen vollständigen Sieg über die Feinde. Fünfundzwanzig Pekaris blieben auf dem Platze.“

Einem Kentuckier, der später auf das Schiff kam, wo mein Texaner Jagdfabeln zu erzählen versuchte, theilte er sein Abenteuer mit den Pekaris in folgender Weise mit, um den Aufschneider durch Wahrheitsliebe zu beschämen:

„Es verging eine Stunde, zwei, drei Stunden vergingen und keine Hülfe erschien. Ich fühlte, daß meine Kräfte abnahmen. – Ich hätte wohl versuchen können, die Pekaris zu erlegen, aber ich hatte meine Büchse wegwerfen müssen als ich den Baum erkletterte. Was war zu thun? Ich wollte mich der Verzweiflung überlassen, mitten unter die Belagerer springen und mich durchzuschlagen versuchen, als plötzlich mein Freund vor mir erschien. Sobald er erkannte, in welcher peinlichen Lage ich war, legte er, ohne an die eigene Gefahr zu denken, auf das größte der Pekaris an, drückte ab und streckte es nieder. Alsbald kehrte sich die ganze Heerde unter dem schauerlichsten Grunzen gegen ihn. Der Trieb der Selbsterhaltung veranlasste meinen Freund, mein Beispiel nachzuahmen; er kletterte nämlich auf den ersten besten Baum. Während nun die Pekaris unter dem Baume lauernd standen, auf den mein Freund sich geflüchtet hatte, kletterte ich vorsichtig von dem meinigen herunter, nahm meine Büchse, lud sie und streckte Eines der Pekaris nieder. Natürlich stürzten sich alle Uebrigen sofort nach mir, ich aber schwang mich rasch wie ein Eichhörnchen wieder auf meinen Ast. Mein Freund kletterte nun von seinem Baume, nahm seine Büchse, schoß einen Feind nieder und flüchtete zurück auf den Baum. Ich stieg wieder herunter, lud, streckte noch ein Pekari nieder, wurde wieder verfolgt, gelangte aber von Neuem glücklich auf den Baum. Warum sollte ich Ihnen die Sache weiter ausmalen, die so einfach ist; genug, das Manöver wurde sowohl von mir, als von meinem Freunde funfzehn Mal wiederholt; denn die dummen Thiere liefen jedes Mal nach dem hin, welcher zuletzt geschossen hatte. Als alle gefallen waren, zählten wir: es lagen richtig funfzehn an meinem und funfzehn an dem Baume meines Freundes.“

  1. Laut Register: Teil 3 der Reihe.