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Aus dem Müglitzthale

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Textdaten
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Autor: Eduard Gottwald
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Titel: Aus dem Müglitzthale
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49-52, S. 533-536, 545-549, 557-564, 569-572
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[533]

Aus dem Müglitzthale.

Eine historische Erzählung aus den letzten Jahren des siebzehnten Jahrhunderts.
Von Eduard Gottwald.

Die Segnungen eines vierzigjährigen ungetrübten Friedens hatten die unzähligen Brandwunden der Verwüstung geheilt, welche die Schreckensjahre des dreißigjährigen Krieges über Sachsen gebracht. – Neu erstanden aus Trümmer und Asche waren die von den östreichischen und schwedischen Kriegsvölkern im Vertilgungskampfe niedergebrannten Städte und Dörfer, und schon längst wieder führte der Landmann von den mit Blut getränkten und Jahre lang wüste gelegenen Feldern die goldnen Früchte der Ernte in die neu und geräumiger erbauten Scheuern. Ueberall, wo Elend und Verzweiflung an wild zerstörter Stätte gejammert, da hatte frischer Lebensmuth und gläubiges Vertrauen auf bessere Tage wieder Platz genommen, und selbst in jenen Gegenden, über welche der Krieg seine Flammengeißel am schonungslosesten geschwungen, war nichts mehr zu finden von Brandstätten und Schutthaufen, wie sie die Kugeln und Pechkränze der Papisten und Lutheraner hinterlassen, oder wie sie die beute- und mordsüchtige Faust der wilden Nachzüglerrotten in die von den Kämpfen der feindlichen Heere verschont geliebenen Wohnungen der unglücklichen Bewohner geworfen. Zu jenen am Härtesten geprüften Gegenden, in welche noch lange nach Beendigung des dreißigjährigen Krieges die versprengten Haufen der Marodeure in Räuberbanden verwandelt, ihr Unwesen trieben, gehörte auch das Meißner Hochland und hauptsächlich die an Thälern, Schluchten, Wäldern und Felspartieen so reichen Aemter Pirna, Hohenstein, Lauenstein, Altenberg und Dippoldiswalde. Aber hier war auch überall Friede und Ruhe wieder heimisch geworden, auch hier überall in Dörfern und Städten reges geschäftiges Leben und durch Fleiß begründeter Wohlstand, und nur selten noch traf der Wanderer auf seinen Wegen in den einsamen von der Kirnitzsch und Sebnitz, von der Biela, Gottleube, Müglitz, Weißeritz und Döllnitz durchströmten Felskesseln, Schluchten und Thälern auf ein wüstliegendes Bauergut oder auf eine dem Verfall anheim gegebene Mühle. –

Aber ein solch’ verfallenes, von der Armuth der [534] Bewohner zeugendes Besitzthum war eine zum Dorfe Fürstenwalde gehörige Mühle, welche eine Stunde vom Städtchen Lauenstein entfernt, in einem nach Nordwesten sich verflachenden Thale nahe der böhmischen Grenze lag, und von dem Müller, Gottlob Bär, den Namen führend, unter der Bezeichnung „die Bärenmühle“ den Bewohnern der Umgegend bekannt war.

An einem rauhen Septembertage des Jahres 1692 standen die Räder dieser Mühle still, sowie schon längere Zeit vorher das Geklapper derselben die ernste Ruhe, welche in der schaurig-wilden Thalschlucht herrschte, in der dieselbe stundenweit entfernt von den Wohnungen der Menschen lag, nicht unterbrochen hatte. Das Schindeldach, welches das Wohngebäude deckte, war lückenhaft und dürftig ausgeflickt und mit durch Steine beschwerte Bretter bedeckt, die einer Umfriedung entnommen waren, deren letzte Reste in einigen verfaulten Planken und Pfählen bestanden, und den Hof der Mühle von einem kleinen Garten trennten, dessen reinlich gehaltene Fußwege und von Unkraut gesäuberte Beete, an deren Endpunkte eine Geisblattlaube sich befand, auffallend abstachen gegen den Verfall des Mühlengebäudes, und das Vorhandensein eines Wesens verriethen, dessen Hand sich sorgsam der Pflege dieses kleinen Raumes gewidmet und es zum Lieblingsplätzchen sich erwählt zu haben schien. – Schuppen und Stallgebäude wetteiferten mit einander an Hinfälligkeit, im Hofe selbst lagen Balken, Schutt- und Steinhaufen, und nur der Weg zum Gärtchen war frei von Gerülle und längst nicht mehr in Gebrauch gewesenen landwirthschaftlichen Geräthschaften. Einige Hühner scharrten emsig auf einem Düngerhaufen, welcher dicht hinter dem offenen Thorwege sich erhob und mit Kürbispflanzen bedeckt war, während der Haushahn, auf einem Pfeiler des Thores stehend, sein heiseres Gekräh erhob und ein halb verhungerter Kettenhund mißgünstig eine Katze betrachtete, die auf der am Hause befindlichen Steinbank sich mit Wohlbehagen zusammengerollt hatte und, Dank der in der Mühle und dem Gehöfte überhand genommenen Mäuse und Ratten, das einzige frei von Nahrungssorgen sich fühlende Geschöpf in diesem Besitzthum zu sein schien, welche letzteren um so drückender auf dem Müller lasteten, der jetzt mit seiner Tochter und einer alten Magd in das kleine Wohnzimmer des Erdgeschosses trat und an einem Tische Platz nahmen, auf welchem eine Schüssel mit Mehlbrei, ein Brot und ein Stück Quark das frugale Abendbrot dieser Familie bildeten. Schweigend setzten sich diese drei Personen zu Tische, schweigend verzehrte jedes derselben seinen Theil der Mahlzeit und schweigend trug die Magd die leergewordene Schüssel und den Rest des Brotes hinaus, indeß die Tochter, ein zur lieblichen Jungfrau heranreifendes Mädchen von siebzehn Jahren, von schlankem Wuchs und zartem Körperbau, sich an ein Spinnrad setzte, welches im Hintergrunde des Zimmers stand, und von Zeit zu Zeit mit banger Besorgniß ihr von langen braunen Locken umwalltes blasses Antlitz erhob und mit stiller Wehmuth den Müller betrachtete, welcher allein am Tische sitzen geblieben war und starr für sich hinsehend, mit seinem Messer eine Brotrinde gedankenlos zerschnitt und die Stückchen derselben aufeinander häufte. –

Kummer und Noth hatten des Müllers Haar vor der Zeit grau gefärbt und die hohe kräftige Mannesgestalt desselben gebeugt, obgleich er nicht älter als fünfzig Jahre war. Früher im Wohlstand, hatte der plötzliche Tod seiner Frau, mit welcher er stets glücklich gelebt, ihn mit finsterer Schwermuth erfüllt und ihm sein Stillleben daheim verbittert, so daß selbst seine Tochter, das einzige Wesen, an welchem der gramerfüllte finstere Mann mit inniger Liebe hing, ihn nichts mehr fesseln konnte, wie früher fleißig sein Geschäft zu betreiben und sein Hauswesen zu überwachen. Indeß der Müller Zerstreuung in den Wirthshäusern der Umgegend suchte und oft spät in der Nacht erst heimkehrte, war Agathe, welche, als die Mutter starb, noch nicht dreizehn Jahre zählte, mit einer alten Dienstmagd allein, während ein Mühlbursche, dem die Führung des Mühlengeschäfts unbewacht überlassen blieb, dasselbe nur nachlässig betrieb und seines Weges ging, als die Kunden nach und nach wegblieben und Noth und Mangel an die Stelle des bisherigen Wohlstandes trat, indeß Spiel- und Zechgelage das Vermögen des Müllers verschlangen und nach wenigen Jahren der bisher für reich gehaltene Gottlob Bär ein armer Mann geworden war, der nichts mehr sein nannte, als ein tiefverschuldetes baufälliges Besitzthum, aus welchem ihm wegen rückständiger Zinsen binnen Kurzem sein Gläubiger, der reiche aber hartherzige Kratzhammerbesitzer Urban Fleck bei Lauenstein, zu vertreiben drohte.

Agathe war während dieser den Ruin ihres häuslichen Wohlstandes herbeiführenden Lebensweise des Vaters zur Jungfrau herangewachsen und hatte frühzeitig schon den stillen Harm kennen gelernt, der die frischen Blüthen des jugendlichen Frohsinns vernichtet; die Klagen der alten Magd, welche sie von Kindheit an gepflegt und gewartet, über des Vaters wüstes Treiben, hatten ihr Herz mit bitterem Schmerz erfüllt, und vergebens hatte sie denselben unter Thränen beschworen, abzulassen von dieser zum Verderben führenden Lebensweise. Der Müller war tieferschüttert aus dem Hause geeilt, um der Tochter Kummer nicht vor Augen zu haben, und hatte wohl oft sich gelobt, fern zu bleiben von Wirthshaus und Spielbank, aber je tiefer er in Schulden versank, je verzweiflungsvoller hatte er nach Allem gegriffen, was er noch an Werth besessen und aufzutreiben vermochte, um es im Spiel zu wagen, in wahnwitzigem Hoffen, wieder zu gewinnen, was er seit Jahren verloren.

So war er eines Nachts spät nach Hause zurückgekehrt, sich und seinen Unstern verwünschend, denn wieder hatte er Alles verloren, was er an Geld und Geldeswerth bei sich getragen, aber statt daß er, wie gewöhnlich, seine Tochter nebst der Magd in Schlaf versunken zu finden glaubte, sah er Licht durch die Fensterladen der Wohnstuhe flimmern, und als er in diese eintrat, fand er Agathen und die Magd, beide wach, beide mit von Thränen gerötheten Augen ihn vorwurfsvoll anblickend. Ohne ein Wort an ihn zu richten, ging die alte Magd nach ihrer Schlafkammer. [535] Agathe aber konnte es nicht über sich gewinnen, und mit dem Ausrufe: „Vater, was soll aus uns werden!“ hatte sie demselben sich in die Arme geworfen und unter heftigem Schluchzen ihr Haupt an seiner Brust geborgen. Tief erschüttert durch diese wenigen Worte, hatte er tief aufseufzend die Tochter nach ihrer Kammer geführt und sich voll bitterer Reue auf sein Lager geworfen. Aber von dieser Zeit an war er still daheim geblieben und hatte in Haus und Hof nachgesucht, was noch an Werth vorhanden, und war zum Kratzhammerbesitzer gegangen, so schwer ihm dahin der Weg auch geworden, um diesen zu bitten. als Pfand das Wenige seiner Habseligkeiten anzunehmen statt der längst fällig gewesenen rückständigen Zinsen, da ihm der Schösser zu Lauenstein angekündigt, daß wenn er diese nicht zahle, er ihm auf Antrieb seiner Gläubiger von Haus und Hof jagen müsse, da er die Mühle dem Urban Fleck verschrieben aus Wandelpön. Hohnlachend aber hatte sein Gläubiger ihn abgewiesen und dem Unglücklichen nachgerufen, daß wenn er zum bestimmten Termine die schuldigen Zinsen nicht baar und richtig bezahlt habe, er sorgen möge, wo er ein Obdach erhalte, denn nicht eine Stunde länger würde er ihn dann noch wohnen lassen in dem verpfändeten Besitzthum.

Dies war an demselben Tage geschehen, an welchem nun Abends der Vater am Tisch, die Tochter am Spinnrocken finster und wortlos ihren Kummer in sich trugen.

Endlich brach Agathe dies peinliche Schweigen, stellte den Rocken bei Seite, näherte sich dem Vater und legte liebkosend ihren Arm um dessen Nacken.

„Vater, lieber Vater!“ begann sie mit wehmüthig bittender Stimme, „laßt das finstere Grübeln und schenkt Eurer Agathe nur ein freundliches Wort, schenkt mir Vertrauen, obwohl ich schwach und hülflos gegen das Drängen Eures Gläubigers mich fügen muß in Alles, was uns als Prüfung auferlegt wird.“

„Das eben ist es, was mich noch wahnsinnig machen wird!“ grollte der Müller, ohne sein Auge zu seinem Kinde aufzuschlagen.

„Aber arbeiten kann ich für Euch!“ fuhr Agathe eifrig fort. „Ihr wißt, Vater, daß ich im Spitzenklöppeln und Strohflechten nicht ungeschickt bin, und selbst wenn uns die bösen, harten Menschen hier forttreiben von Haus und Hof, und“ – setzte sie seufzend hinzu – „und auch mein Gärtchen ihnen anheimfällt, so wollen wir darum nicht verzagen. Ich gehe dann nach Lauenstein und bitte für Euch und mich bei der edlen Gräfin von Bünau um Arbeit und Brot!“

„Nimmermehr!“ rief der Müller, und stand heftig auf, ging einige Augenblicke stumm in der kleinen Stube auf und nieder, dann trat er zu Agathen und rief mit gepreßter leiser Stimme:

„Ja, Agathe, es giebt noch einen Weg, die Mühle zu retten, aber ich – ich mag ihn Dir nicht nennen!“

„O, nenne ihn. Vater!“ drängte Agathe mit freudiger Hast; „nenne ihn, wenn er noch offen ist, um ihn betreten zu können.“

Der Müller schwieg, trat an das Fenster der Wohnstube und blickte mit sich selbst kämpfend in die von dem Dunkel des hereinbrechenden Abends überschattete Thalschlucht.

„Du kennst den schwarzen Mattheus, den Müller aus dem Ochsengrunde,“ begann er endlich, ohne sich nach der ihn ängstlich beobachtenden Tochter zu wenden.

„Ja, Vater, was ist’s mit dem?“ entgegnete Agathe, ohne zu ahnen, wohin diese Einleitung führen könne.

„Er ist alt und häßlich von Gestalt,“ fuhr der Vater fort, „und steht im bösen Rufe, allerhand Zauberkünste zu treiben; aber er ist reich!“

„Will uns dieser helfen?“ frug arglos die Tochter.

„Ja!“ seufzte der Müller tief auf „Der will uns helfen, wenn – – “

„Nun, Vater, was will er denn?“ rief neugierig Agathe.

„Er will Dich!“ stöhnte dieser.

„Mich? um Gott, was soll ich bei diesem Manne!“ entgegnete zitternd Agathe, von böser Ahnung ergriffen.

„Er will Dich heimführen als sein Weib,“ fuhr der Müller in bitter grollendem Tone fort; „und an dem Tage, an welchem Du mit ihm zum Altar trittst, will er Zinsen und Kapital abzahlen an den Kratzhammerbesitzer.“

„Wie! sein Weib! ich! o lieber sterben als diesem Manne angehören!“ schrie Agathe entsetzt und sank auf ihren Sessel zurück, von welchem sie während dieses Gesprächs sich erhoben.

„Dies wäre der einzige Weg, der uns noch offen,“ entgegnete der Müller kalt und ruhig, nachdem dies ihm schwer gewordene Geständniß vorüber. „Aber,“ fuhr er bitter fort, „lieber will ich mit Dir und der alten Martha gleich fahrendem Gesindel auswandern und mein Brot vor fremder Leute Thüren suchen, als Dich diesem Unhold opfern.“

Nach diesen Worten trat wieder eine unheimliche Stille ein. Der Müller blieb finster brütend am Fenster stehen. Agathe saß, ihr Antlitz mit beiden Händen bedeckend, hinter dem Spinnrocken und trocknete von Zeit zu Zeit mit ihrer Schürze die hervorbrechenden Thränen tiefen noch nie empfundenen Seelenleidens.

Unterdeß hatte das Dunkel des Abends sich in finstere Nacht verwandelt. Martha, welche von Außen die Fensterladen angedrückt, brachte jetzt den brennenden Kienspan herein, befestigte denselben zwischen der auf dem Kienstock befindlichen Scheere und kettelte die Laden fest, während sie einen sorgsamen Blick auf Agathen warf, und dann kopfschüttelnd das Gemach verließ.

In diesem Augenblicke schlug der Hund im Hofe an und bald darauf klopfte es an die verschlossene Hausthüre.

Erschrocken fuhr Agathe auf und rief: „Ha! wer mag wohl so spät noch bei uns einsprechen wollen?“

„Nun, Räuber sicher nicht,“ entgegnete mit bitterem Hohne der Müller; „denn zehn Meilen in der Runde ist es ja längst bekannt, daß hier nichts mehr zu finden ist.“

Unterdeß war die alte Magd hinausgegangen und hatte durch die verschlossene Thüre gefragt, wer so spät noch Einlaß verlange.

[536] „Ein junges Blut und ehrlicher Leute Kind, der Gegend fremd und todmüde,“ schallte die Antwort entgegen, aber in fremdartigem Dialekt, jedoch lag in dieser Stimme so viel Treuherzigkeit, daß die Magd die Thüre öffnete.

[545] „Beim heiligen Bartholomäus! das nenne ich Glück, in dieser Wildniß noch eine menschliche Wohnung gefunden zu haben,“ begann jetzt ein junger Mann in schwarzem Sammetwamms, einen breitkrämpigen Hut mit einer Birkhahnfeder geschmückt auf dem Kopfe, einen Eichstock mit stählernem Haken als Griff und eisenbeschlagener Spitze in der Hand und ein starkgefülltes Ränzel auf dem Rücken tragend, als die alte Magd die Thüre argwöhnisch halb öffnete und ihm mit aufgehobener Leuchte in's Gesicht schaute.

„Nun, gefalle ich Euch nicht?“ rief der junge Mann scherzend, als er sah, wie die Magd weit eher Lust zu haben schien, ihm die Thür wieder vor der Nase zuzuschlagen, als ihn eintreten zu lassen. „O, Ihr dürft mir schon trauen!“ fuhr er lachend fort, „gönnt mir nur für heute ein Nachtlager, was ich Euch gern vergüten will, denn ich wüßte wahrlich nicht, wohin ich mich, ohne den Hals in diesem Höllenwinkel zu brechen, bei stockfinsterer Nacht noch wenden sollte.“

„Ich will es wagen,“ entgegnete die alte Magd und öffnete die Thüre ganz, nachdem sie den Fremden einen Augenblick von Kopf bis zu Fuß gemustert und das kecke zutrauliche Wesen desselben ihren Beifall gefunden zu haben schien. „Tretet näher; ein Lager von Stroh wird sich für Euch wohl noch finden, aber auf viel mehr dürft Ihr Euch nicht Hoffnung machen.“

Sie trat in’s Haus zurück, indeß der junge Gesell ihr folgte, und führte diesen nach der Wohnstube, an dessen Thüre der Müller den inzwischen herheigeholten Hund an der Kette haltend stand, welcher mit grimmigem Gebell dem Fremden entgegen fuhr, während Agathe neugierig hinter des Vaters Rücken hervorschaute.

„Zurück, Packan!“ rief der Müller, und nöthigte den Fremden, näher zu treten, die alte Magd aber führte den knurrenden Hund wieder nach dem Hofe zurück und verriegelte sorgfältig die Hausthüre.

„Der Himmel danke es Euch, daß Ihr mich nicht unerhört in die dunkle Nacht hinauswandern ließet,“ [546] begann jetzt der junge hübsche Mann, dem ein kleiner schwarzer Schnurrbart und Knebelbart zu seinem wettergebräunten und jugendlich frischen Antlitz gar trefflich stand. „Ich muß wohl auf diesem weglosen Pfade weit ab von der Straße nach Altenberg gekommen sein,“ fuhr er fort, indeß er sein Ränzel abschnürte und auf einem leeren Schemel Platz nahm.

„Da seid Ihr eine gute Stunde seitwärts gerathen; aber wo kommt Ihr denn eigentlich her, denn Eurer Tracht und Sprache nach seid Ihr nicht aus hiesiger Gegend?“ entgegnete der Müller, den Fremden aufmerksam musternd und neugierig das gefüllte Ränzel desselben betrachtend, in welchem, als der junge Mann dies sorglos auf den Erdboden geworfen, ein Ton erklungen war, als rüttele man Gold- und Silberstücke untereinander.

„Ich bin aus der welschen Schweiz und komme vom Zinnewald her,“ antwortete der Fremde, jetzt erst des Müllers Tochter genauer betrachtend, die vor den feurigen Blicken, welche aus des jungen Mannes schwarzen Augen ihr entgegen blitzten, erröthend sich hinter ihr Spinnrad flüchtete.

„Nun, zu viel wird Euch bei uns nicht im Wege stehen,“ bemerkte trocken der Müller, „aber eine Streu auf dem Fußboden, ein Krug Wasser und ein Stück Brot soll Euch nicht fehlen. Wer weiß“ – grollte er bitter für sich – „wo wir vielleicht morgen schon dies erbetteln müssen.“

„Ich bin vollkommen zufrieden damit,“ entgegnete der Fremde und legte seinen Hut bei Seite, worauf nun fessellos lange glänzend schwarze Locken auf Nacken und Hals desselben herabfielen. „Ruhe ist es nur, die ich bedarf,“ fuhr er fort; „denn an Entbehrung hin ich gewöhnt, aber seit heute früh fünf Uhr bin ich auf den Beinen, und obgleich ich manch eisbedeckten Berg erstiegen und auf Gletschern mich tagelang herum getrieben auf halsbrechenden Pfaden, so bin ich doch noch nie so todmüde geworden, wie heute in diesen Schluchten und Thalgegenden.“

„Nun, die Magd wird Euch sogleich Euer Lager bereiten und auch wir wollen uns zur Ruhe begeben,“ bemerkte der Müller und winkte Agathen, den Spinnrocken bei Seite zu stellen.

„Aber Ihr zürnt mir doch nicht, daß ich Euch so spät am Abend zur Last falle,“ bat der Fremde und bot dem Müller die Hand, welcher mit seiner Tochter sich entfernen wollte. „Und auch Ihr nicht, holde Jungfrau!“ rief er, zu Agathen sich wendend. „Ihr, die Ihr so herrlich hier aufblühet in stiller Einsamkeit, wie das Alpenröslein in unwegsamer Wildniß.“

„Wollte der Himmel, wir könnten Euch besser aufnehmen,“ entgegnete der Müller, ihm zum Nachtgruß die dargebotene Hand schüttelnd. „Da aber dies nicht der Fall ist, so müßt Ihr mit dieser armseligen Bewirthung vorlieb nehmen. Gute Nacht!“

„Schlaft wohl, und verzeiht, daß wir nichts Besseres Euch bieten können als dies Strohlager,“ fügte Agathe schüchtern hinzu, indeß der Fremde der Jungfrau Hand hastig ergriff und zärtlich drückte, worauf diese hocherröthend sich eilig entfernte und dem Vater folgte, welcher die kleine in das obere Stockwerk führende Treppe hinaufstieg, während die Magd das Lager des Gastes bereitete, ein Stück Brot und einen Krug Wasser auf den Tisch setzte, und ihm gute Nacht wünschend bat, den frisch angezündeten Kienspan sorgfältig auszulöschen.

Als der Fremde sich allein sah, warf er seine Blicke forschend umher in der reinlichen aber ärmlich ausgestatteten Wohnstube, streckte sich, die Leuchte auslöschend, auf sein Lager und sprach still für sich: „In diesem Hause scheint das Glück auch nicht heimisch zu sein, aber ein lieblicheres Frauenbild ist mir doch nimmer vorgekommen als hier in dieser Hütte der Armuth,“ und während er bemüht war, das blasse aber von sanfter Duldung mit mildem Lächeln geschmückte Antlitz Agathen's sich recht lebhaft vor den Blick zu zaubern, kam der Schlaf über ihn, und bald schlummerte der junge Mann auf dem harten Lager so süß und ruhig, als liege er auf schwellendem Lotterbettlein in der Wohnung des üppig prunkenden Reichthums.


Dem Müller und seiner Tochter aber blieb der Schlaf fern, und während der müde Wanderer in der Unterstube der Mühle schon mehrere Stunden im Schutze jugendlicher Sorglosigkeit schlief und der neckende Traumgott ihm die liebliche Müllerstochter zuführte, da lag der Müller auf seinem Lager schlaflos und zählte die Stunden bis zu Anbruch des Tages, an welchem er dem Erscheinen der Gerichte entgegen sehen mußte, die ihn von Haus und Hof vertreiben würden; denn auf den nächsten Tag fiel der letzte Termin, bis zu welchem er entweder die rückständigen Zinsen schaffen oder seiner Mühle den Rücken kehren mußte mit Agathen, die durch des Vaters Schuld der Fluch der Armuth und des Elendes so frühzeitig traf.

Nirgend zeigte sich dem Unglücklichen eine Hoffnung auf Rettung, überall hatte man ihn abgewiesen, wo er um Hülfe gebeten, als nach jener Nacht er für immer dem Spiel entsagt; – zurückgezogen hatten sich von ihm all’ die reichen Freunde der Umgegend, mit denen er so oft gezecht und gespielt, seit er leider nur zu spät inne gehalten in blinder Verschwendung seines Eigenthums, und wenn es in unsern Zeiten auch nicht viel besser ist, so war es doch vor 150 Jahren um einen bis auf die Auspfändung heruntergekommenen, früher reichen Manne auf dem Lande ein gar schlimmes Ding, von dem sich Alles abwendete, als sei er verpestet, und besonders wenn er selbst dazu beigetragen durch Schlemmen und Spielen. Nur einer seiner Spielgesellen wollte ihm helfen, und dies war der Mattheus aus dem Oelsengrunde, der aber für blankes Gold die liebliche Agathe als Opfer verlangte, aber dies war ein Handel, auf welchen selbst der so tiefgesunkene Vater nicht einging, und dem ein Pact mit dem Teufel um Leib und Seele, wie das Gerücht in jener abergläubischen Zeit es oft von Diesem oder Jenem aussprengte, nicht entsetzlicher schien, als sein einziges Kind jenem verrufenen Wollüstling in die Arme zu werfen. –

Aber während Kummer um Agathen, Groll gegen seine Peiniger und falschen Freunde, Verzweiflung bei [547] dem Gedanken an die nächste Zukunft des Müllers Lager zur Folterbank umschufen, drängte sich plötzlich das Bild des fremden Wanderers in seine Seele. Das Ränzel desselben, was so reichlich angefüllt war und beim Herabwerfen auf den Fußboden einen so seltsamen Klang von sich gegeben, was konnte wohl anderes darin sein als Gold? – und doch schien der junge Gesell nicht im Besitz großer Reichthümer zu sein, sonst wäre er gewiß nicht so sorglos durch diese einsame und unsichere Gegend allein umhergewandert, und hätte wohl nimmer sein Bündel so achtlos von sich geworfen, – – und dennoch, je länger er bei diesem Gedanken stehen blieb, je lebhafter zeigte ihm seine Phantasie die Möglichkeit, daß der junge Mann doch wohl Gold und Goldeswerth bei sich führe und daß er, im Besitz desselben gelangt, sich noch retten könne. –

„Der Wanderer da unten schläft fest,“ flüsterte es in ihm; „den weckt dein Schritt nicht aus ruhig stärkendem Schlummer. Geh hinab, untersuche sein Bündel, und hat er Gold bei sich –“ hu! – ein entsetzlicher Gedanke durchzuckte ihn. Kein Mensch hatte den Fremden kommen sehen, als seine Tochter und die Magd, kein Mensch würde denselben vermissen als diese Beiden, und wenn diese nach ihm fragen sollten, konnte er nicht vor Tagesanbruch wieder abgereist sein, ehe Beide erwacht? Keine Behörde würde hier nach ihm fragen, der ja in der Nacht nach jeder andern Richtung hin sich verirrt haben oder in irgend einen Abgrund hinabgestürzt sein konnte. – Oder – sollte er dem fremden Manne sich entdecken, sollte er ihn bitten um ein Darlehn, denn Gold, Gold, das wurde ihm von Sekunde zu Sekunde immer wahrscheinlicher, Gold mußte der Fremde bei sich führen! –

Nicht länger ließ es den Gefolterten ruhen, immer mehr gewannen diese aus wilder Fiebergluth der Verzweiflung auftauchenden Bilder Leben und Wirklichkeit, und langsam, um seiner Tochter Schlaf nicht zu stören, schlich er sich von seinem Lager weg und tappte im Finstern nach der zur Unterstube führenden Treppe. –

Aber auch Agathen war der Schlaf geflohen, und seit der ihr Herz so gewaltsam erschütternden Nachricht, daß nichts den Vater mehr retten könne vor Vertreibung aus Haus und Hof, daß nur ein Weg zur schmachvollen Vermeidung dieser Austreibung offen sei, durch des schwarzen Mattheus Gold, wenn sie demselben sich opfere, hatte Agathe mit unsäglichem Schmerz und stiller Verzweiflung zu kämpfen, und nur die Ankunft des jungen Mannes, dessen Bild sich so wunderbar schnell in ihr Herz eingeprägt, hatte die peinigenden Sorgen für die nächste Zukunft und die Bilder der bevorstehenden Schmach des Abzugs als Bettler von Haus und Hof auf kurze Zeit verdrängt. Aber eben jetzt in schlaflos stiller Nacht waren dieselben noch greller und fürchterlicher ihr wieder vor die Seele getreten. Sie batte des Vaters banges Seufzen und Stöhnen vernommen und sich gestellt, als ob sie schlafe; als aber dieser von seinem Lager sich schlich und zur Unterstube hinabstieg, da erfaßte sie der gräßliche Gedanke, der Vater wolle hinaus in die finstere Nacht, um in Verzweiflung sein Leben zu enden im kühlen Wasserschooße, wie er es schon mehrmals frevelnd verkündet, als Alles ihn verlassen. – Auch sie litt es nicht länger in der Kammer und rasch sich ankleidend, schlich sie behutsam wie der Vater geräuschlos die Treppe hinab. Plötzlich blieb sie hinter dem Vorsprunge der Wand am Ende der Treppe stehen. In der Unterstube wurde es hell, der Fremde schlief, o, er schlief so arglos und süß, aber der Vater, was trieb diesen zu dem Fremden? – Sie drückte sich mit laut klopfendem Herzen dicht hinter die halb offene Thür und sah, wie der Vater leise eine im Winkel des Zimmers stehende Axt zur Hand nahm, wie er dem Lager des Fremden näher trat, wie er zitternd dessen Ränzel vom Boden aufhob und wild verstört dabei auf den Schlafenden blickte, und als dieser im Schlafe unruhig sich auf die andere Seite warf, da – ha, das Blut starrte in ihren Adern, da sah sie, wie der Vater die Axt ergriff, und den Blick auf den Schlafenden gerichtet, diese zum Schlag bereit erhob. – Sie wollte aufschreien, aber das Entsetzen fesselte ihre Stimme; sie wollte hinstürzen zu dem Fremden, aber der Schreck lähmte ihre Füße. – Allmächtiger Gott! es war ihr Vater, ihr Vater, den sie im Verdacht hatte, sich das Leben zu nehmen, er war im Begriff, an dem fremden Gaste, der so arglos unter ihrem Dache schlief, zum Räuber und Mörder zu werden. – Sie mußte sich festhalten an dem Treppengeländer, denn sie fühlte, wie ihre Sinne schwanden und ihr Blick sich umflorte.

Jetzt öffnete der Vater das Ränzel - aber es entfiel seiner zitternden Hand und mit lautem Gepolter stürzte statt Gold eine Masse zerschlagenes Gestein auf den Erdboden. Mit einem Sprunge war der Fremde vom Lager auf und stand, rasch nach seinem Stock greifend, zum Kampfe bereit dem Müller gegenüber, diesem aber sank die Axt kraftlos aus den Händen und mit einem Blicke starren wilden Stumpfsinns schaute er auf die um ihn liegenden Steine, während der Fremde sich die letzten Spuren des Schlafs aus den Augen reibend, verwundert auf den jetzt nach einem Sessel taumelnden Müller blickte, auf welchen er mit tiefaufkeuchenden Athemzügen hinsank.

„Nun wahrlich! Ihr seid ein sauberer Gastfreund,“ rief jetzt der junge Mann und warf einen finster drohenden Blick auf den starr zu Boden blickenden Müller. – „Was habt Ihr denn in meinem Ränzel zu suchen gebabt?“

„Ich suchte Gold, um mich zu retten, und glaubte den Muth zu haben, Euch zu tödten, wenn ich es gefunden!“ stöhnte der Müller, auf dessen Stirn ein kalter Angstschweiß trat und dem ein fröstelndes Zittern den Körper durchschütterte. –

„Armer Mann! so tief also seid Ihr schon gesunken!“ sprach mitleidig der junge Mann. „Dann freilich muß es schlimm mit Euch gestanden haben, und obgleich ich vor Schlafengehen schon gewahr wurde. daß hier kein Glück und Segen heimisch sei, so glaubte ich mich doch bei zwar armen aber ehrlichen Menschen sicher, und nicht in eine Mörderhöhle gerathen zu sein. Darum ist es besser, ich scheide sofort von hier, und wenn ich nicht zum Verräther an Euch werde, so dankt dies der lieblichen Jungfrau, Eurer Tochter, deren Herz Ihr [548] brecht durch Euer wahnsinnig verbrecherisches Treiben, und die wahrlich eines bessern Looses werth wäre.“ –

„Das war ich, Herr! arm und ehrlich; aber die Verzweiflung trieb mich zu Mordgedanken!“ rief der Müller mit gedämpfter Stimme, dann aber bei dem Gedanken an seine Tochter in wilden Schmerz ausbrechend, schrie er heftig, sich vor die Stirn schlagend: „O, mein Kind! mein Kind! sie darf mich nimmer wieder sehen!“ und stürzte der Thüre zu.

„Bleibt, Vater, bleibt!“ schrie Agathe und stürzte aus ihrem Versteck hervor, sich diesem entgegen werfend, welcher bei dem unerwarteten Erscheinen seiner Tochter, entsetzt zurück taumelte. Aber auch Agathen verließen jetzt die letzten Kräfte, und erschöpft von einer fieberhaften an Wahnsinn grenzenden Aufregung sank sie bleich und bewußtlos zu Boden.“

„Sie stirbt! Mein Kind stirbt, und ich bin ihr Mörder!“ heulte der Müller, sein Haar sich in wilder Verzweiflung zerraufend, während der Fremde rasch herbeisprang, mit dem im Kruge befindlichen Wasser die Stirn der Ohnmächtigen benetzte und diese auf sein Lager brachte.

„Kommt zu Euch, Mann des Elends!“ rief er jetzt, den Müller heftig rüttelnd, welcher mit weit aus ihren Höhlen hervortretenden Augen starr auf das bleiche Antlitz seiner Tochter schaute. – „Kommt zu Euch!“ fuhr er mit ernster Stimme fort. „Es ist nur eine Ohnmacht, aus welcher sie bald wieder erwachen wird; Ihr aber sucht Euren Schmerz zu bewältigen, und macht sie und Euch nicht noch unglücklicher, als Ihr ohnedem schon seid. Vielleicht ist Euch noch zu helfen!“

„Vater!“ seufzte jetzt Agathe, und schlug, sich von ihrem Lager aufrichtend, die Augen auf.

„Gott sei gelobt, sie lebt!“ wimmerte der Müller, und bedeckte mit Küssen die bleichen kalten Lippen der Tochter, während zum ersten Male seit langen, langen Jahren Thränen tiefen bittern Schmerzes den Augen des Unglücklichen entrollten.

„Geht wieder in Euer Kämmerlein, Jungfrau!“ bat jetzt der Fremde mit zärtlich mitleidigem Blick das blasse leidende Antlitz betrachtend und ihr den Arm reichend, auf welchen diese sich stützte. „Betrachtet, was hier jetzt vorgefallen, wie einen bösen Traum,“ fuhr der junge Mann, ihr Muth und Vertrauen einflößend, fort. „Ich habe jetzt noch mit Euerm Vater zu sprechen, und kann vielleicht, wenn irgend möglich, ihm doch noch Hülfe und Rettung verschaffen.“

„O, Euch sendet Gott als unsern Engel,“ hauchte Agathe und blickte mit innigem Danke zu dem Fremden empor, dann ihren Vater weinend umarmend rief sie mit flehender Stimme nach dem jungen Manne sich wendend, „verzeiht, o verzeiht dem unglücklichen armen Manne, der nicht gewußt hat, was er thun wollte. Gott wird es Euch reichlich lohnen, zu dem ich beten will für Euch und den Vater.“

Und aus dessen Armen sich windend, verließ sie mit wankenden Schritten die Wohnstube. Der Müller aber sank vernichtet, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, auf seinen Stuhl zurück.

„Nun sagt einmal,“ begann jetzt der junge Fremde, als er mit dem Müller allein war und sorgsam die aus seinem Ränzel herausgefallenen Steine wieder aufgelesen und dasselbe fest zugeschnürt hatte, „was hat Euch denn zu so dämonischem Entschluß treiben können, mich zu bestehlen und wohl gar aus der Welt zu schaffen?“

„Sagt das Letztere nicht,“ entgegnete wehmüthig bittend der Müller und reichte, wie um Verzeihung flehend, dem Fremden die Hand, welche dieser, ihn ermuthigend, lächelnd schüttelte. „Ich hätte nicht den Muth gehabt, Euch zu tödten, auch wenn Ihr nicht erwacht wäret. Aber das Entsetzliche meiner Lage, welche mich zwingt, schon heute mit meinem Kinde als Bettler Haus und Hof zu verlassen, ließ mich irre werden an Gott und den Menschen.“

„Und warum müßt Ihr von hier fort?“ frug theilnehmend der Fremde.

„Ich schulde dem Besitzer des Kratzhammers bei Lauenstein 500 meißnische Gülden und 50 Gülden rückständige Zinsen,“ begann der Müller, „und habe ihm dafür Haus und Hof verschrieben auf Wandelpön. Der Termin der Zinszahlung ist heute, ohne daß ich einen einzigen Gülden aufzutreiben vermochte, und daher vertreiben mich bis Mittag 12 Uhr die Gerichte zu Lauenstein auf Antrieb meines Gläubigers und des Oelsengrundmüllers mit Kind und Magd aus der Mühle.“

„Schuldet Ihr denn dem Oelsengrundmüller auch etwas? und ist dies derselbe, den man in hiesiger Gegend den schwarzen Mattheus nennt?“ frug aufmerksam der junge Mann.

„Nein, diesem schulde ich nichts, und es ist derselbe,“ entgegnete der Müller. „Aber er wirbt um meine Tochter, und will für mich zahlen, wenn ich ihm Agathen überliefere, und drängt daher meine Gläubiger, mir nicht länger Gestundung zu geben und mich auf's Aeußerste zu treiben, um mich zu zwingen, sein Begehr zu erfüllen. Doch“ – fuhr er mit wildem Grimme fort – „ehe ich diesem Unhold mein armes Kind überlasse, eher suche ich und Agathe Rettung im kühlen Wassergrabe.“

„Ei was! schämt Euch und verbannt solche sündige Gedanken,“ sprach mit strafendem Ernst der Fremde. „Die 500 Gülden kann ich Euch leider nicht schaffen, aber was die Zinsen betrifft, so will ich um Eurer Tochter willen es wagen, Euch diese zu leihen.“ – Nach diesen Worten zog der junge Mann aus seiner Brusttasche einen ledernen Beutel hervor und zählte die 50 Gülden in Gold auf den Tisch.

„Ist es denn möglich? Dies wollet Ihr mir als Darlehn anvertrauen?“ frug, kaum glaubend, daß ihm Hülfe noch werde, der Müller staunend.

„Gewiß,“ entgegnete lachend der Fremde. „Es ist ja eben so gut, als vertrauete ich Euch diese Summe an, um sie mir aufzuheben, bis ich wieder hierher zurückkehre.“

„Und wann kehret Ihr wieder?“ frug der Müller, tief gerührt von dem Edelmuth des Fremden, dessen Eigenthum und Leben er bedroht.

„Wenn die Schwalben wiederkehren und es auf Euren rauhen Höhen Frühling wird,“ entgegnete dieser.

„Aber!“ fuhr der Müller fort und stützte sein [549] Haupt auf die Hand, als müsse er all’ seine Gedanken zusammenfassen, um sich zu überzeugen, daß kein täuschend Traumbild ihm diese Hülfe vorspiegele und Wirklichkeit es sei, was sich ihm hier zeige. „Womit soll ich beweisen, daß dieses Gold mein Eigenthum ist, da meine Peiniger wohl wissen, daß ich über keinen Groschen mehr gebieten kann und ich gestern noch vergebens um Aufschub gebeten habe?“

„Hm! das ist allerdings zu berücksichtigen,“ sprach der Fremde und sann einen Augenblick nach. „Doch, auch das wird sich machen,“ fuhr er dann fort und riß aus einem kleinen Büchlein, welches er ebenfalls aus seiner Seitentasche zog, ein Blatt weißes Papier und schrieb mit Rothstift einige lateinische Worte auf, brach dann das Blatt zusammen und gab es dem Müller.

[557] „Ist Euch der Superintendent Dr. Schwerdtner in Pirna bekannt?“ frug er nun den Müller, welcher verwundert das Papier betrachtete.

„Wem sollte der weltberühmte und hochgelehrte Mann nicht bekannt sein!“ entgegnete dieser. „O, wohl kenne ich ihn, und noch aus frühern Jahren, als ich noch ein reicher glücklicher Mann und der hochwürdige Herr noch Archidiaconus war und nach Torgau berufen wurde.“

„Nun gut,“ sprach hierauf der Fremde. „Sobald Euch Eure Peiniger morgen fragen, wie Ihr zu dem Golde gekommen, so sagt nur dreist, dies habe Euch Dr. Schwerdtner geliehen, der sich Eurer Noth erbarmt und der auch Bürgschaft leisten wolle für die Rückzahlung des Kapitals acht Tage nach dem Osterfeste des Jahres 1693.“

„Aber, um Gott, wie soll ich – stammelte der Müller, bei der sich ihm so unerwartet zeigenden Aussicht auf Rettung seines Eigenthums, immer mehr und mehr in Verwirrung gerathend.

„Ihr sollt nicht grübeln und sinnen, sondern sagen, wie ich Euch eben gerathen,“ lächelte der Fremde. „Oder glaubt Ihr, daß den Gläubigern oder den Gerichten des Superintendenten Bürgschaft nicht genügt?“

„O, vollkommen!“ betheuerte der Müller. „Aber mir werden sie es nicht glauben, daß dem so sei.“

„Dann werft ihnen nur keck entgegen, daß sie den würdigen Pfarrherrn in Pirna nur selbst fragen sollen,“ entgegnete der Fremde. „Ich aber,“ fügte er dann hinzu, indem er Brieftasche und Geldbeutel sorgsam wieder in die Brusttasche seines Sammetwammses verbarg, „ich werde wohl früher in Pirna sein und den Superintendent von Allem in Kenntniß setzen, ehe Eure Blutegel dort Nachfrage halten können, denn mein Weg führt mich ohnedem dort hinüber.“

„Und wer seid Ihr, der wie ein guter Engel mir zur Seite getreten und mich rettet aus Schmach und Verderben, und dem ich im Wahnsinn bedrohet an Geld und Leben?“ frug beschämt und gerührt der Müller.

[558] „Wer ich bin?“ entgegnete dieser und griff nach Stock und Ränzel. „Nun, das wird Euch später, wie ich freudig hoffe, klar werden; vor der Hand wißt Ihr, daß ich ein Wandersmann bin, der zur Kurzweil sich Steine gesucht auf Euren Bergen.“

Der Müller schüttelte ungläubig den Kopf und der Fremde machte sich nun zum Aufbruch fertig.

Währenddem war es Tag geworden, dessen Anbruch schon längst das heisere Gekräh des Haushahns verkündet hatte. In der Küche und im Vorhaus verrieth das Geklapper der schweren Holzpantoffeln die Anwesenheit der Magd, welche jetzt die Hausthüre öffnete, in die Wohnstube trat, um die Fensterladen aufzustoßen, und nicht wenig erstaunt war, ihren Herrn und den Fremden beim verlöschenden Kienspahn schon wach zu finden.

Aber auch Agathe war wach; denn statt nach jener Scene des Entsetzens ihr Lager zu suchen, als Angst und Bestürzung sie kraftlos hingeworfen, hatte sie mit gespannter Erwartung lauschend jedes Wort des Gesprächs der beiden Männer vernommen, und als durch den Edelmuth des jungen Fremden sich Rettung für den unglücklichen Vater gezeigt, da war sie hinausgeeilt in ihr Gärtchen, und hatte mit dem anbrechenden Morgen Gott auf ihren Knieen inbrünstig gedankt, für die Hülfe, die er in ihrer höchsten Noth ihnen gesendet. Mit den Gefühlen des Dankes und der Verehrung, welche ihr Herz gegen den Fremden erfüllte, war auch die Liebe zu demselben in ihre jungfräuliche Brust eingezogen. Geräuschlos hatte sie die Magd geweckt, nachdem sie sorgfältig sich angekleidet, und trat nun mit dem Besten, was die arme Küche liefern konnte, mit einem frischen Mehltrank und einigen weich gesottenen Eiern herein, um dem Fremden den Morgenimbiß zu bringen.

„Nehmt vorlieb, edler Herr, mit dem Wenigen, was wir Euch bieten können,“ begann jetzt Agathe, und Purpurgluth übergoß ihr blasses Antlitz, als der Fremde bei ihrem Eintreten hocherfreut aufsprang, auf sie zutrat und ihre Hand zärtlich drückte.

„Tausend Dank, daß Ihr mir die Freude macht, Euch noch einmal zu sehen, ehe ich weiter reise,“ rief dieser, mit glühenden Blicken auf der lieblichen Gestalt Agathen’s verweilend. „Werdet Ihr denn auch meiner freundlich gedenken, wenn der lange Winter in Eurem rauhen Norden mich fern hält, bis hier die Lerchen wieder singen und ich mit dem Frühling wieder hierher kehre aus weiter Ferne in Eure Thäler und Felsschluchten?“

„Wie könnte ich Euch je vergessen, Euch, der Ihr uns von Schmach und Verderben gerettet,“ rief Agathe, und richtete voll inniger Liebe tief gerührt vertrauensvoll ihre Blicke auf den Fremden. „O glaubt mir!“ fuhr sie begeistert fort: „so lange ich lebe, wird mein Herz treu Euer Bild bewahren und Eurer dankbar gedenken, der Ihr an dem armen Vater so edelmüthig Gutes mit Bösem vergolten.“ Der Müller blickte bei diesen Worten seufzend zur Erde. Der junge Fremde aber rief, sein Bündel über den Rücken werfend und den Wanderstab erfassend: „Gebt der Vergessenheit anheim, was hier wie ein Gespensterspuk zwischen uns getreten. Denkt freundlich meiner, da auch ich Euer Bild mit in die ferne Heimath nehme als leiblichen Begleiter, und möge unser Wiedersehen ein recht fröhliches, glückliches sein. Gott schütze Euch!“

Mit diesen Worten umschlang er Agathen, drückte einen langen heißen Kuß auf die Lippen der in holder Schaam hocherröthenden Jungfrau, reichte dem Müller die Hand zum Abschied, und verließ mit raschen Schritten die Mühle, deren Bewohner mit Dank und Freudenthränen dem bald ihren Blicken verschwindenden Wanderer nachschaueten, und der noch am Ausgange der Thalschlucht ihnen ein herzliches Lebewohl zurief. –

Der Vater kehrte nun in die Mühle, Agathe aber in ihr Kämmerlein zurück, denn ihr Herz war voll von süßem Weh und unaussprechlich seligem Entzücken, und heitre bunte Träume der erwachenden Liebe suchten die finstern verworrenen Bilder der verhängnißvollen Nachtstunden aus ihrem Innern zu verdrängen. Ueber den Müller aber war ein ganz anderer Geist gekommen, seit der junge Fremde ihn verlassen hatte. Im Besitz der fünfzig Gülden, verbunden mit der Zusicherung so ehrenvoller Bürgschaft für sein schuldendes Capital, sah er furchtlos der Ankunft seiner Peiniger entgegen. Zum ersten Male seit langer Zeit fing er an in der verödeten Mühle und auf dem wüsten Hofraume Ordnung zu schaffen, und die gebeugte Gestalt des kräftigen Mannes richtete sich freier und stolzer empor. Mit dem wieder in seine Brust zurückgekehrten Vertrauen war auch der Sinn für Ordnung und die Liebe zur Thätigkeit in ihm zurückgekehrt, und nicht ohne tiefe Beschämung und Reue sah er in Haus und Hof die stummen Zeugen seiner argen Verblendung und seines bisherigen unsinnigen Treibens. Aber mitten unter den letzten Trümmern seines Vermögens, mit welch’ heiterm Muthe und gläubigem Vertrauen sah er jetzt der Ankunft der Gerichte entgegen, die herbei kommen würden, ihn auszupfänden und auszuweisen, mit welch’ stillem freudigen Danke gegen die Vorsehung, während noch vor wenigen Stunden finstere Verzweiflung sein Herz erfüllte. Mit freudigem Hoffen sah aber auch Agathe, mit stummer Verwunderung die alte Magd auf den von neuem Lebensmuth beseelten Mann, und geschäftig half die Letztere der Müllerstochter die Wohnstube fegen und aufputzen, als sei ein Feiertag nahe, nicht aber die Gerichte, die jetzt des Weges daher zogen in der sichern Meinung, den insolventen Bärenmüller mit Kind und Magd als Bettler aus der Mühle zu treiben.

Und sie kamen auch in der zehnten Stunde des Vormittags, nachdem sie durch den Büttel Gottlob Schwenke, unter Begleitung eines Amtsknechts, die Zeit ihrer Ankunft hatten melden lassen; und bald waren in der sauber aufgeputzten Wohnstube der Mühle versammelt der Amtsschösser von Lauenstein, Abraham Zapfe, der Richter zu Fürstenwalde, Elias Tränkner, der Besitzer des Kratzhammergutes bei Lauenstein, Urban Fleck als Gläubiger, und als Neugierige und Kauflustige, sobald es zum Losschlagen des verschuldeten Grundstückes kommen sollte, der Müller aus dem Oelsengrunde, der schwarze Mattheus genannt, und Christoph Hanitzsch, der Müller aus Dittersdorf. [559] Der Bärenmüller aber hatte seinen besten Festtagsstaat angelegt, und stand mit dem Rücken an den großen Kachelofen gelehnt, die fünfzig Gülden in der Brusttasche sorgfältig in einen linnenen Beutel gepackt, welchen er früher oft gefüllt in die Schenke getragen, aber leer wieder nach Hause gebracht hatte. Das räthselhafte Schreiben aber, welches der Fremde ihm an den Superintendenten Dr. Schwerdtner zu Pirna hinterlassen, hielt er im geheimsten Fache seines Wandschreins verschlossen.

Im Gärtchen aber auf ihrem Lieblingsplätzchen saß Agathe plaudernd mit der alten Magd, heiter und fröhlicher Laune, wie sie seit langen Jahren nicht gewesen, und als der Oelsengrundmüller Haus und Hof durchspähete, im Geheim abschätzend, wie viel die ganze Wirthschaft noch werth sei, und auch dem Gärtchen sich näherte, wo die liebliche, heute gar festlich geschmückte Müllerstochter lachte und scherzte, die er so gern in seiner Gewalt gehabt, da erschrak Agathe nicht wie sonst vor dem unheimlichen häßlichen Gast, sondern plauderte fort und blickte nicht ohne spöttischen Muthwillen auf den gräulichen Freier, der ihr jetzt näher trat.

„Nun, Jungfrau Agathe,“ begann dieser jetzt und fuhr mit der knöchernen Hand durch sein struppiges brandrothes Haupthaar, und sah mit den rothunterlaufenen lauernden Augen, aus welchen hämisches Frohlocken und sinnliche Gier nach dem schmucken Mädchen flackernd aufzuckten, auf die nun Verstummende. „Ihr scheint fröhlichen Muthes zu sein in Eurem Gärtlein, indeß Euren Vater die Gerichte hinausweisen aus der verfallenen Mühle und Ihr Beide nicht wisset, wohin Ihr heute noch wandern und Euer Haupt hinlegen werdet. Hat Euch der Vater nicht gesagt, wie ich ihm beistehen will und die Schmach von ihm abwenden, so Ihr mir zusagt, mir zu folgen als mein Ehegespons, auf daß ich Euch einsetze in die Mühle im Oelsengrunde als Besitzerin und reiche Hausfrau, indeß Ihr hier am Hungertuche nagt?“ –

Mit diesen Worten war er ihr näher getreten, um ihre Hand zu erfassen. Aber Agathe wich scheu zurück, und als sie das von bösen Hautflecken noch ärger verunstaltete häßliche Antlitz mit der niedern Stirn, der eingedrückten Nase und den blauen welken Lippen anschaute, um welche sich ein widersüßliches Lächeln zog, da durchrieselte es ihren Körper mit unheimlichem Schauer und dichter an die alte Magd sich drängend, rief sie entrüstet:

„Laßt ab von mir, noch habt Ihr hier nichts zu suchen, und von mir selbst dann nichts zu hoffen, wenn die Gerichte uns auch von hier treiben sollten; denn lieber will ich mein Brot vor fremder Leute Thüren suchen als in Eurer Nähe weilen.“

„Ei, ei, Jungfrau!“ krächzte der Oelsengrundmüller, unter giftigem Groll sich zum Lächeln zwingend. „Ihr tragt Euer Näschen noch sehr hoch, und stoßt gar stolz des Freundes Hand von Euch. – Nun, wir wollen abwarten, wie es nach wenigen Stunden stehen wird um Euren Hochmuth, und ob Ihr nicht noch froh sein werdet, wenn ich Euch als meine Haushälterin zu mir nehme, wo ich Eure Gunst dann billiger haben kann, als wenn ich Euch einsetze als meine ehrsame Hausfrau, wie ich es bisher gemeint war.“

Mit diesen Worten entfernte sich der Unhold, und Agathe, die den Sinn dieser hämischen Worte nicht verstand, athmete freier auf, während die alte Magd im stummen Grimme drohend die geballte Faust nach dem Fortschleichenden ausstreckte.


Drinnen in der Mühlstube aber schritten die Gerichte unter weitläufigen Förmlichkeiten zum Werke. Nicht ohne Mitleiden ruhete des Amtsschössers Zapfe Blick auf dem Müller, welcher die Versammlung ernst und unbefangen begrüßte, obgleich der Spruch derselben ihrem Vermeinen nach ihn zum Bettler machen sollte. Mit gefühlloser Gleichgültigkeit musterte der Kratzhammerwerksbesitzer die Ausschmückung der Wohnstube und mit langsamer Stimme begann jetzt der Amtsschösser:

„Es ist Euch, Gottlob Bär, gegenwärtig noch Besitzer dieses Mühlgrundstückes, wohl noch erinnerlich, wie Euch von den hochgräflich Bünauischen Gerichten zu Lauenstein auf Ansuchen Eures hier gegenwärtigen Gläubigers, des Kratzhammerwerksbesitzers Urban Fleck, kundgemacht worden, daß wenn Ihr nicht bis zum letzten Euch bewilligten Termine die rückständigen Zinsen Eurer Capitalschuld an Euren Gläubiger zu erlegen vermöget, wir, die Gerichte, einschreiten müssen gegen Euch sub executione et eventuali exmissione, und diese Mühle sammt Schiff und Geschirr Eurem Gläubiger anheim fällt laut Eurer auf Wandelpön ausgestellten Schuldverschreibung.“

„Ja wohl, gestrenger Herr Amtsschösser,“ entgegnete ruhig der Müller und heftete forschend seinen Blick auf Urban Fleck, welcher, ohne ihn anzublicken, in Gedanken mit Abschätzung des Werthes der Mühle beschäftigt schien.

„Nun denn, Gottlob Bär,“ fuhr der Schösser fort, „heute am Tage Hieronymi, dem letzten September des Jahres 1692 ist die letzte Euch bewilligte Frist abgelaufen. Könnt Ihr die fünfzig Gülden rückständiger Zinsen für das Euch geliehene Capital von 500 Gülden zahlen, so will Euch Urban Fleck in Berücksichtigung Eurer preßhaften Umstände das Capital bis Ostern des Jahres 1693 unter den bisher geleisteten Zinsen lassen, dann aber auf Besitznahme dieses Grundstückes dringen, so Ihr bis dahin nicht zahlen könnt, wie jetzt geschehen muß, so Ihr die 50 Gülden jetzt nicht erlegt, und als insolvent ausgewiesen werden müsset.“

„Mit Verlaub, gestrenger Herr Amtsschösser,“ nahm jetzt der schwarze Mattheus das Wort, welcher währenddem wieder in die Wohnstube eingetreten war; „von dieser Clausel ist bei der letzten Vorladung des Schuldners nicht die Rede gewesen und heute wohl Zinsen und Capital fällig?“

„Der Gläubiger hat, wie bereits erwähnt, diese Begünstigung in Erwägung der preßhaften Umstände des Schuldners heute an Gerichtsstelle nachträglich gestattet,“ entgegnete der Amtsschösser, während der schwarze Mattheus dem Urban Fleck einen Blick giftigen Grolles zuwarf.

„Ich wiederhole daher die Frage,“ fuhr der Schösser [560] fort: „Könnt Ihr jetzt in Gegenwart der Gerichte die 50 Gülden rückständiger Zinsen zahlen?“

Bei diesen Worten des Justitiars richteten Urban Fleck und Mattheus mit hämischem Lächeln ihre Blicke auf den Müller.

„Ich kann dies,“ entgegnete dieser ruhig, zog seinen Beutel aus der Brusttasche und zählte die Summe in Gold auf.

„Hölle und Teufel!“ knirschte der schwarze Mattheus. „Wie ist das möglich?“

„Ihr könnt zahlen?“ frug verblüfft der Kratzhammerwerksbesitzer und starrte, als traue er seinen Augen nicht, stier auf das aufgezählte Geld.

„Ihr seht ja, baar und richtig, wie ich es gelobt,“ entgegnete lächelnd der Bärenmüller.

„Dann hat das Gericht hier nichts zu schaffen,“ bemerkte jetzt der churfürstliche Amtsschösser Abraham Zapfe. „Dem Gläubiger ist sein Recht geschehen, und der Schuldner hat binnen acht Tagen die Kosten dieser Expedition an der Gerichtsstelle zu Lauenstein abzuführen.“

„Gestrenger Herr Amtsschösser!“ rief der schwarze Mattheus zitternd vor Wuth, so unerwartet all seine Pläne auf die liebliche Müllerstochter vernichtet zu sehen. „Es dürfte wohl nicht zu verargen sein, den Schuldner zu veranlassen, sich zu legitimiren, von wo ihm so unerwartet dies Geld zugekommen, denn noch gestern, dies kann ich bezeugen und der Schuldner muß es zugestehen, war derselbe gänzlich von Geld entblößt, und hatte keinen rothen Heller im Besitz.“

„Ist dem wirklich so?“ frug befremdet der Amtsschösser, und wendete sich an den Müller.

„Dem ist so, gestrenger Herr Amtsschösser,“ entgegnete ruhig der Gefragte, und maß verächtlich den schwarzem Mattheus von Kopf bis zu Fuß. „Als Alles mich verlassen, kam mir Hülfe durch den Hochwürdigen Superintendenten Dr. Schwerdtner zu Pirna, der mir dies Geld gesendet durch einen Eilboten, und auch Bürgschaft leisten will für mich bei Urban Fleck für die noch schuldenden 500 Gülden bis Ablauf der noch bis Ostern mir gegebenen Frist. Sendet nach Pirna und Ihr werdet die Wahrheit meiner Worte bestätigt finden.“

„Das Gericht wird dies untersuchen lassen!“ sprach der Amtsschösser, und fügte mit einem Blick finstern Unwillens auf den schwarzen Mattheus hinzu: „Um Eurer selbst willen hoffe ich, daß Ihr die Wahrheit gesprochen, denn Ihr habt Eurem frühern Ruf als ehrlicher Mann in letzterer Zeit arg geschadet durch Umgang mit allerhand bösem Gesindel in Schlemmen und Spielen.“

Mit diesen Worten entfernte er sich mit den übrigen Gerichtspersonen, der Kratzhammerwerksbesitzer aber rief giftig: „hätte ich ahnen können, daß Ihr im Besitz der zur Deckung der Zinsen nöthigen Summe gewesen, ich hätte Euch keine weitere Frist für die Zahlung des Capitals vergönnt, und heute noch hätte ich Euch hinausweisen lassen aus Eurem Erbe.“

Und hastig verließ er, noch unterwegs mit dem Oelsengrundmüller sich streitend und Verwünschungen ausstoßend gegen die Gerichte und den Schuldner, nebst dem Mattheus die Mühle.

Der Müller aber ging der aus dem Gärtchen nun herbeieilenden Tochter entgegen, und rief, diese freudig in seine Arme schließend: „Gott sei Ehre und Preis, der seinen Engel uns rettend gesendet und unsrer Feinde Tücke und Rachgier vernichtet.“


Sechs Monate waren seit jenem Tage verflossen, an welchem dem Bärenmüller so unerwartet Hülfe geworden. Auf den Höhen der Gebirge und in den finstern Felsschluchten lag zwar der Schnee noch in dichten Massen und der Winter sträubte sich mit der letzten Anstrengung, das Feld dem nahenden Frühling zu überlassen, der den Thauwind und die Schneeglöckchen voraussendet, seine Ankunft zu verkünden, aber im untern Müglitzthale, da war es schon Lenz, da entfaltete die Corneliuskirsche und das Stachelbeergesträuch das erste frische Grün, die Lerchen jubelten wieder auf den Höhen von Gamig und Maxen und überall auf Feld und Flur regte nach langem Winterschlafe sich neues thätiges Leben.

Auch in die Herzen der Bewohner der Bärenmühle war trotz dem dieselbe noch umstarrenden Winter der Frühling eingezogen mit dem frisch belebenden Hauche und den milderwärmenden Sonnenblicken gläubigen Hoffens und freudigen Muthes. Die Mühle, welche Jahre lang still und verödet von den Bewohnern der Umgegend scheu gemieden worden war, ließ das Geklapper ihrer Räder jetzt täglich wieder weit hin über die einsame Thalschlucht ertönen, mit verjüngter Kraft und unermüdlichem Eifer arbeitete der Müller nebst zwei wackern ihm treu ergebenen rüstigen Mühlknappen. Die funfzig Gülden, die der räthselhafte Fremde ihm geliehen, lagen längst gespart im geheimen Fache des Wandschreins und im Hof schnatterte und gackerte ein lustig Volk von Gänsen, Enten und Hühnern, in den Ställen ertönte das Brüllen der Kühe und das Blöken der Kälber, und auf der Mast liegende Schweine grunzten aus ihrem Versteck hervor. Ein neu gezimmerter Zaun schied Hof und Garten, die Lücken in der Schindelbedachung waren verschwunden und überall zeigte sich durch Ordnung und Fleiß wiederkehrender Wohlstand. – Wer den Müller jetzt sah, wie er unverdrossen bis spät in die Nacht sich mühete und dabei immer heitern Muthes war, wie die hohe kräftige Gestalt nicht mehr niedergebeugt einherwankte, sondern keck und rüstig hochaufgerichtet durch Haus und Hof schritt, wer Agathen jetzt nach sechs Monden wiedersah mit den Rosen auf den Wangen und dem lieblichen Lächeln um die frischen Purpurlippen, und in dem frommen vertrauensvollen Blick ein so süßes Bangen und träumendes Sehnen, wie die holde Gestalt in all’ ihrer jungfräulichen Anmuth so herrlich ausgebildet in Küche, Hof und Garten wirthschaftete mit der alten Magd, die immer mehr an Gehör verlor, die aber dem Müller und dessen Tochter durch ihre Treue und Hingebung so unentbehrlich geworden war, – wer diese drei Menschen jetzt wiedersah und sie vor sechs Monden gesehen hatte, ehe der junge Fremde Einkehr gehalten in der Bärenmühle, wie sie damals durch stille Verzweiflung, bittern Kummer und drückende Noth niedergebeugt trost- und hoffnungslos Tag für Tag [561] stumm und traurig einhergegangen, der hätte so recht deutlich sich überzeugt, welche Wunderkraft durch neu erwachtes Vertrauen auf Gott und sich selbst in trübe Seelen und kranke Herzen strömt.

Mild und ermuthigend hatte der Pfarrherr zu Pirna, der Superintendent Dr. Schwerdtner, den Bärenmüller aufgenommen, als dieser des andern Morgens nach dem Gerichtstage zu ihm geeilt und ihm das von dem Fremden beschriebene Blatt Papier überbracht hatte. Aber nicht allein bestätigt hatte dieser die Bürgschaft, sondern ihm auch noch 50 Gülden geliehen, um sich das Nöthigste in Haus und Wirthschaft anzuschaffen und die Mühle wieder in Gang zu bringen. Von dem Fremden aber war nach wenigen Monden ein Brief angekommen, in welchem dieser sich mit dem Namen Antonio unterzeichnet, und in welchem er dem Pfarrherrn mitgetheilt daß er die Müllerstochter innig liebe und sie als sein ehelich Gemahl begehre, daß er reich genug sei, um ihr alles bieten zu können, was ihr Herz verlange, und daß er, wenn er zum Frühjahre wiederkehre, er sie und den Vater mitnehmen wolle in die neue Heimath, an die herrlichen Ufer des Lago maggiore, wo er unweit von Lucarno ein freundliches Besitzthum habe. Der Superintendent hatte nach Empfang dieses Briefes den Müller sofort zu sich bestellt und ihm dies Alles mitgetheilt, und als dieser erstaunt über diese seltsamen aber auch frohen Nachrichten den Pfarrherrn gefragt, wer denn aber eigentlich dieser Antonio sei und was er hier in Sachsen getrieben, da hatte dieser lächelnd zur Antwort gegeben, das werde ihm, dem Müller, zu seiner Zeit schon klar werden.

Als der Müller aber wieder nach Hause gekommen war und seiner Tochter Wort für Wort wieder erzählt hatte, was er von dem Pfarrherrn erfahren, da war diese dem Vater um den Hals gefallen und hatte demselben in jungfräulicher Schaam erröthend gestanden, daß auch sie den Fremden liebe und sein Bild sie Tag und Nacht umschwebe.

Und nun mit dem Nahen des Frühlings war die Zeit gekommen, wo der Müller und dessen Tochter mit jeder Stunde erwartungs- und sehnsuchtsvoll die Ankunft des geliebten Fremden entgegen sahen, aber auch der Tag war näher gekommen, an welchem der Müller die 500 Gülden erlegen sollte, wenn er nicht jetzt noch sich wollte von Haus und Hof treiben lassen. –

Zwei Tage noch, und der Zahltag war vor der Thür und Antonio noch nicht eingetroffen; von Neuem [562] wieder zeigte sich der schwarze Mattheus in der Nähe der Mühle, um zu versuchen, ob die Angst vor den Gerichten den Müller und seine Tochter nicht andern Sinnes werden lasse, denn von Neuem wieder drängte der Kratzhammerwerksbesitzer mit Auspfändung und Ausweisung, denn zum Unglück des Müllers – dies wußten seine Peiniger, – war der Superintendent in Pirna plötzlich zum Churfürsten nach Dresden berufen worden und von da nach Wittenberg gereis’t und Niemand konnte Nachricht geben, wenn er wiederkehre.

Aber unerschütterlich war das Vertrauen der Bewohner der Bärenmühle auf Antonio’s Verheißung. Als aber der entscheidende Tag gekommen, und der Müller in seiner höchsten Noth die Unglücks-Nachricht erhalten, daß sein Bürge, der Pfarrherr in Pirna, weit von ihm entfernt im Auftrage des Churfürsten verreist sei, da sank auch mit einem Male in seinem Herzen der Muth und wieder nahte sich ihm die stumme Verzweiflung, bei dem Gedanken, ein Opfer des Hasses und der Wuth seiner Gläubiger zu werden, und vergebens suchte die selbst des Trostes bedürftige Agathe den unglücklichen Vater aufzurichten und ihm glaubend zu machen, der Antonio müsse kommen, er müsse in die Mühle eintreten, ehe noch die Gerichte erscheinen würden. –

Aber die Gerichte erschienen wieder mit Büttel und Amtsknechten, doch die Hülfe blieb fern. In ihrem Kämmerlein saß Agathe und sah mit rothverweinten Augen und Verzweiflung im Herzen nach dem Thalwege, auf welchem Antonio zur Mühle kommen mußte. – In der Wohnstube aber stand der Bärenmüller voll bittern tiefen Schmerzes, des Bürgen und des rettenden Freundes beraubt, und schon erhob sich ernst und mitleidsvoll der churfürstliche Amtsschösser Abraham Zapfe, um durch den Ausspruch der Gerichte den Müller aus dem seit Kurzem erst so mühevoll sich erworbenen verbesserten Hausstand zu vertreiben, schon richtete der schwarze Mattheus und der Kratzhammerwerksbesitzer mit teuflischer Schadenfreude die hämischen Blicke auf den Unglücklichen, der all’ sein in den sechs Monaten erspartes Geld im Betrag von 150 Gülden dem hartherzigen Gläubiger vergebens als Abschlagzahlung geboten, schon begann die Verlesung der Schuldverschreibung auf Wandelpön, nach welcher nun sub executione et eventuali exmissione verfahren werden sollte, da drang ein helljubelnder Freudenschrei aus dem Kämmerlein Agathen’s zu den in dem untern Gemach der Mühle Versammelten.

Und ehe noch das Urtheil gesprochen, ehe noch die Uhr auf dem Schloßthurm zu Lauenstein die 12te Stunde des Mittags verkündet, flog die Thüre auf und herein stürzte Antonio in derselben Tracht, in welcher er vor sechs Monden in der Mühle Obdach gesucht, warf einen Beutel voll Goldstücke auf den Tisch und rief:

„Halt! Im Namen des Hochwürdigen Superintendenten Dr. Schwerdtner, welcher Bürgschaft geleistet für den Bärenmüller. Hier sind die 500 Gülden nebst Zinsen, die Gottlob Bär dem Urban Fleck schuldet.“

Und ohne sich weiter um die Anwesenden zu kümmern, eilte Antonio auf den Müller zu, welcher keines Wortes mächtig vor freudigem Schreck zusammensank auf den Stuhl, an welchen er sich in fieberhafter Aufregung und stummer Verzweiflung festgehalten, drückte diesem herzlich die Hand, und schloß vor sämmtlichen Versammelten die Müllerstochter, die glühend vor wonnigem Entzücken ihm entgegengeeilt und nun in jungfräulicher Befangenheit am Eingang der Wohnstube stand, laut aufjubelnd an seine Brust.

Starren Blicks schaute der Kratzhammerwerksbesitzer auf die den Beutel entrollenden Goldstücke, welche der Fürstenwalder Richter jetzt aufzählte. In wilde Fluchworte ausbrechend, verließ der schwarze Mattheus zum zweiten Male getäuscht die Mühle, der Amtsschösser aber rief, dem Bärenmüller die Schuldverschreibung zurückgebend:

„So ist denn endlich diese Angelegenheit in Ordnung gebracht und dem Gläubiger sein Recht geschehen, und der Verklagte ungefährdet wieder im Besitz seines Grundstücks.“ Mit diesen Worten stand er auf, schritt auf den Müller zu und sprach: „Dankt Gott, der Euch einen treuen Freund in höchster Noth gesendet, und grüßt den wackern Hochwürdigen Pfarrherrn in Pirna herzlich von mir, der noch zur rechten Zeit eingetroffen, um Euch aus so schlimmen Händen zu befreien. –“

Hierauf verließ er mit den Gerichten die Mühle, ihnen nach schlich beschämt und voll giftigen Grolles der Urban Fleck mit seinem Gelde, in der Bärenmühle aber blieben drei glückliche Menschen zurück, die unter Freudenthränen sich an’s Herz sanken.


Gegen Abend desselben Tages, welcher so Verderben bringend begonnen und so glücklich geendet, saß der Müller mit Agathen und Antonio bei Tische, der reichlich besetzt war mit Geflügel und Fisch, denn zu Ehren des geliebten Retters hatte Hühnerstall und Fischhalter das Beste hergeben müssen, so wie auch der feurige Rebensaft nicht fehlte, den ein Bote von Pirna aus nachgebracht aus dem Keller des Pfarrherrn.

Mit stiller Rührung schaute der Müller auf Antonio und seine Tochter, die ihre Liebe sich gestanden, und nun unter den Augen des Vaters kosend, von der Zukunft sprachen, die voll süßer Ahnung mit den herrlichsten Bildern geschmückt vor ihren trunkenen Blicken lag. Die Hände gefaltet in stillem Gebet, saß die Magd im Hintergrund des Zimmers, ihre Augen auf die Liebenden gerichtet und schüttelte verwundert den alten Kopf über den wunderlich-seltsamen Fremdling und über die so herzig und unbefangen sich ihm anschließende Agathe.

„Aber nun, Antonio,“ begann jetzt der Müller, dem die Neugier nicht länger ruhen ließ, „nun, da wir so glücklich beisammen sitzen, da dürfte die Zeit wohl gekommen sein, auf welche mich der Hochwürdige Superintendent in Pirna getröstet, um von Euch zu erfahren, was Euch in diese Gegend geführt, und welch' Gewerbe Ihr, der Ihr nun bald als Schwiegersohn mir so nahe steht, wohl eigentlich treibt. Mir ist immer, als stehe dasselbe in Verbindung mit den Steinen, die damals aus Euerm Ränzel fielen, als ich im Wahnsinn Euch bei Nacht plündern wollte.“

„Still davon, Vater Bär!“ bat Antonio und fuhr dann lächelnd fort! „Wer ich bin, habt Ihr erfahren, [563] und ich dächte, es müßte Euch genügen, daß Ihr wißt, Euer künftiger Schwiegersohn ist ein freier Bürger der Schweiz und im Besitz eines Vermögens, welches hinlangt, mich, Agathen und Euch, frei von drückenden Sorgen, zu ernähren. Was mich aber früher in diese Gegend geführt, und jetzt wieder hergebracht und mich noch einige Zeit hier festhalten wird, nachdem Ihr gerettet, dies, Ihr theuren Lieben, ist nicht mein Geheimniß allein, aber so Gott will, sollt Ihr es in wenigen Wochen erfahren, noch ehe der treue Freund in Pirna mich und Agathe für immer verbindet durch den Segen der Kirche.“

„Hm!“ brummte der Müller, getäuscht in seiner Erwartung, endlich zu erfahren, wer der Antonio eigentlich sei. „Dies ist alles recht schön, aber wissen möcht’ ich doch – –“

„Vater, laßt doch das Fragen,“ unterbrach ihn jetzt Agathe. „Ist Euch Antonio’s Wort nicht genug? Mir genügt es, und was er uns auch verschweigen mag, es kann gewiß nur etwas Gutes betreffen, und uns kommt nicht zu, weiter in ihn zu dringen.“

„Ja, Agathe hat Recht,“ entgegnete der Müller und reichte Antonio die Hand. „Ich werde nicht wieder fragen, und abwarten, bis Ihr für gut befindet, meine Neugier zu befriedigen.“

„So ist’s recht!“ rief Antonio lachend, drückte dem Müller die Hand, und küßte zärtlich Agathen’s Stirn. „Und nun darf ich auch hoffen, daß Ihr Euch nicht ängstigt, wenn ich früh von hier fortgehe, und vielleicht erst nach zwei Tagen zurückkehre, denn nur kurze Zeit soll dies noch währen, dann trennt uns nichts mehr und nichts mehr bleibt Euch dann geheim.“


Am Morgen des andern Tages brach Antonio auf und kehrte erst nach zwei Tagen in die Mühle zurück, freudig und zärtlich von Vater und Tochter empfangen, und wieder ging er fort und kehrte nach zwei oder drei Tagen zurück und trieb dies bereits schon Wochen lang, ohne daß irgend etwas sich ereignet hätte, welches dies geheimnißvolle Treiben desselben aufzuklären vermochte, bis endlich Neid und Rache der Feinde des Bärenmüllers die Enthüllung desselben herbeiführen sollten.

Denn so wie Antonio in der Bärenmühle sich einquartirt hatte, wo Liebe und Dank ihn bewirthete, so hatten längs des Schlottwitz- und Müglitzgrundes bis nach Wesenstein hinab, junge rüstige Männer aus fernen Landen sich eingefunden und ihr Quartier in irgend einem entlegenen Bauernhause oder einer in tiefem Grunde versteckten Mühle aufgeschlagen, von denen Niemand wußte, wer dieselben waren und was sie trieben, die aber überall ihren Wirthsleuten reichlich Zahlung gaben für Kost und Nachtlager.

Nun waren zwar die Bewohner des Muglitz- und Schlottwitzgrundes vor 150 Jahren nicht neugieriger, als dies die gegenwärtig dort lebenden Bewohner noch sind, allein wissen hätten alle doch gern mögen, was die fremden jungen Gesellen auf ihren Felsen, in ihnen Schluchten und Gewässern zu suchen gehabt hätten, die weiter nichts bei sich trugen als ein Ränzel und einen Wanderstab, welcher statt des Griffes eine Bergmannshacke hatte, die sich nirgends ausfragen ließen, und ihren Wirthsleuten, welche gut von ihnen bezahlt wurden, mit Wegzug drohten, als einzelne derselben den Fremden nachgeschlichen auf ihren Wanderungen. Nie sah man zwei oder drei dieser fremden Gäste beisammen, und nur in der Bärenmühle, wo der Antonio wohnte, kehrte hin und wieder, wenn dieser schon daheim war, so ein fremder Gesell ein, verlangte des Müllers Gast zu sprechen und verließ wohl gar des Nachts noch mit diesem die Mühle.

Agathe, des Geliebten Wort fest vertrauend, ließ dann ihren Antonio anscheinend beruhigt ziehen, aber als Woche für Woche verging, ohne daß dieses seltsame Treiben aufhörte, da ward ihr oft, wenn sie in ihrem Kämmerlein allein war, unbeschreiblich bang und weh um’s Herz und sie dachte mit Furcht und Zittern daran, wie leicht dem Geliebten im Dunkel der Nacht in der unwegsamen und unsichern Gebirgsgegend ein Unfall treffen könne. Als aber sogar in den Wirthshäusern der Umgegend böse Gerüchte über das Leben der abenteuerlichen Fremdlinge auftauchten und sie zufällig in der Mühle die Knappen davon sprechen hörte, da bestürmte sie selbst den Vater, nach Pirna zum Dr. Schwerdtner zu eilen und diesen zu bitten, daß er den Antonio bewegen solle, sein heimliches Umhertreiben aufzugeben. Dieser aber lächelte über des Müllers Besorgniß, sprach ihm Muth ein und als die Rede auf das geliehene Capital kam, bemerkte der Superintendent zu des Müllers nicht geringem Erstaunen, daß es damit Zeit habe, und daß er dies nicht ihm, sondern dem Antonio schulde, der durch und durch ein braver edler Mann sei.

Beruhigter aber auch um so neugieriger, war der Müller nach Hause zurückgekehrt und hatte der Tochter Wort für Wort seiner Unterredung mit dem Pfarrherrn mitgetheilt, und als Agathe dies dem Antonio und die um ihn gehegte Sorge und Bangniß nicht verschwieg, als derselbe Abends treulich kosend, neben ihr saß, entgegnete dieser lächelnd: „Nun, Agathe, noch acht Tage, dann ist mein Geschäft in hiesiger Gegend geendet, dann geht’s in die schönere Heimath, wohin ich Dich als meine Gattin führe.“

Der schwarze Mattheus aber und der Kratzhammerwerksbesitzer dachten ganz anders darüber, beide waren voll des giftigsten Hasses gegen den fremden Gast des Müllers, so wie gegen den Letztern selbst, Mattheus voll Rache gegen den von Agathen begünstigten Antonio und wegen des Scheiterns seines finstern Planes auf des Müllers Tochter, Urban Fleck wegen der ihm durch des Fremden Hülfe entgangenen Mühle, und als eines Abends in dem Gasthofe zu Glashütte, wo Beide sich zufällig befanden, der Feldmeister Georg Richart erzählte, daß vor wenig Tagen, als er mit seinem Fuhrwerk spät Abends vom Eisenhammer bei Rückenhain zurückgekehrt sei, und gegen Nachts zwölf Uhr in der wüsten Mühle im Trebnitzgrunde habe anhalten wollen, um nicht weit von dort ein gefallen Stück Vieh mit aufzuladen, er in der Wohnstube Licht gesehen und ein seltsam Gemisch fremder Stimmen vernommen habe. Er sei daher aus Neugier von seinem Karren abgestiegen und habe sich mit seinem Knechte näher geschlichen, und durch eine Spalte des Fensterladens lugend, [564] habe er 12 bis 15 junge Männer erblickt, alle bewaffnet um einen Tisch herum sitzend, auf welchem mächtige Haufen Gold gelegen, in die sie sich getheilt und dabei unter Gelächter in gebrochen Deutsch Spottreden auf die Bewohner dieser Gegend geführt hätten. Einer darunter, der einen reich mit Edelsteinen besetzten Leibgurt getragen habe, in welchem Dolch und Pistolen befestigt gewesen wären, habe den Vorsitz geführt und gewiß sei dies kein Anderer gewesen als der in der Bärenmühle wohnende Fremde, der, ehe sich diese Bande getrennt hätte, bestimmt habe, daß zwei Tage später die letzte Versammlung ebenfalls wieder in der Trebnitzmühle sein solle, da diese unbewohnt sei, und von welcher die Sage gehe, daß der böse Feind dort sein Wesen treibe.

„Nun seht!“ schloß der Feldmeister seine Rede; „es liegt doch klar am Tage, daß dies Gesindel nichts Geringeres treibt als Raub und Mord, denn woher sollte ihnen sonst das viele Geld kommen, und am Kürzesten wäre es, man höbe die Sippschaft morgen Nacht in der Trebnitzmühle auf, denn eben morgen ist dort die letzte Versammlung.“

[569] Die Vernünftigeren der anwesenden Gäste wollten jedoch davon nichts wissen, schüttelten bei des Feldmeisters Erzählung ungläubig den Kopf und entfernten sich aus dem Gasthause. Der schwarze Mattheus und Urban Fleck aber voll Haß und Wuth gegen Antonio, schenkten dieser Erzählung vollen Glauben und zogen mit einer nicht geringen Anzahl bewaffneter Bürger aus Glashütte, an welche sich leichtgläubige und beutegierige Bauern aus Dittersdorf und Rückenhain anschlossen in aller Stille des Tages darauf in vereinzelten Trupps in die Nähe der genannten Mühle, um die sich dort versammelnden fremden verdächtigen Gäste während der Nacht zu überfallen.

Schnell wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Morgen nach jenem während der Nacht auch wirklich ausgeführten Ueberfall die Nachricht bis Fürstenwalde und in die Bärenmühle, daß man eine Räuberbande in der Trebnitzmühle gefangen genommen, als diese eben im Begriff gewesen sei, sich in ihren Raub zu theilen, und daß der Anführer derselben kein Anderer gewesen sei, als der beim Bärenmüller wohnende Fremde, der mit dessen Tochter Buhlschaft treibe.

Wie ein Blitz aus heiterm Himmel traf diese Schreckensnachricht den Müller und dessen Tochter, obwohl Beide fest überzeugt waren, daß Antonio gewiß mit Verbrechern nicht in Bündniß gestanden habe, und das Ganze eher ein Bubenstück ihrer Feinde sei. Aber die Angst um den Geliebten erfüllte Agathen mit Entsetzen, als der Mühlknappe, welcher diese Nachricht mit nach Hause gebracht hatte, erzählte, daß Antonio nebst vielen andern fremden Gesellen gebunden in die Kerker des Schlosses Lauenstein abgeführt worden sei. Weinend und verzweiflungsvoll die Hände ringend, trieb sie ihren Vater zum Amtsschösser Zapfe, in dessen Händen das Loos ihres Antonio jetzt lag, und einen der Knappen sendete sie als Eilbote nach dem Superintendent Dr. Schwerdtner nach Pirna, um diesem Nachricht zu geben, von der seinem Schützling betroffenen [570] Schmach, sicher hoffend, daß das Ansehen des allgemein hochgeachteten Pfarrherrn hinreichen werde, Antonio zu retten.

Leichten Herzens und fest überzeugt von des Geliebten Unschuld, erwartete sie nun den Vater zurück, welcher unterdeß in Lauenstein angelangt war und nicht ohne bange Besorgniß und bittere Kränkung beim Amtsschösser sich melden ließ, denn über den Markt weg bis an’s Schloß hatte die versammelte Volksmenge ihn mit Schimpfgeschrei und Lästerungen verfolgt.

Dieser kam ihm freundlich entgegen, und als der Bärenmüller seinen und seiner Tochter Kummer und Schmerz über diese neue ihnen auferlegte so harte Prüfung ausgesprochen, und inständigst gebeten, ihm doch ja nicht zu verschweigen, ob es wirklich mit dem Antonio so schlimm stehe, als allgemein erzahlt werde, da entgegnete der Amtsschösser mit wohlwollender Theilnahme:

„Ich kann es Euch nicht verargen, daß Ihr bitterlich betrübt seid, über diesen Euren Gast betroffenen Unfall, von dem ich ebenfalls so Böses nicht glaube, als das Volk sich von diesen Fremden erzählt, und kann Euch, jedoch nur im Vertrauen, sagen, daß ich das Ganze für nichts mehr halte, als für einen Schalksnarrenstreich, zu welchem der Haß und Groll des schwarzen Mattheus und des geizigen Urban Fleck die Glashütter und Rückenhainer Dummköpfe verleitet hat und die vielleicht gar dem Leben der Fremdlinge Gefahr gebracht hätten, wenn nicht die Bauern aus Dittersdorf diese gegen Mißhandlungen in Schutz genommen. Denn von Raub und Mord wollen die Gefangenen nichts wissen und lehnen entrüstet solchen schweren Verdacht ab. Waffen haben sie auch nicht bei sich getragen, und als sie überfallen wurden, haben alle lachend erklärt, man solle sie nur vor Gericht bringen, da würde ihre Unschuld sich sattsam erweisen, und von Gold und Silber hat man auch nichts bei ihnen gefunden, als was sie in ihren Geldbeuteln für den täglichen Bedarf gebraucht, wohl aber eine Menge seltsam Gestein und leimige Flußerde, und ich hätte die wunderlichen Gesellen sofort wieder auf freien Fuß gesetzt, wenn sie nicht so halsstarrig wären, die Aussage zu verweigern, welchen Zweck überhaupt ihr Herumtreiben in hiesiger Gegend gehabt, denn es liegt weiter nichts Verdächtiges gegen sie vor, und ihre Papiere als Bürger der freien Schweiz sind in bester Ordnung.“

„Gott lohne Euch diese Trostesworte!“ rief neuermuthigt der Bärenmüller. „Ja, ich und Agathe wußten wohl, daß der Antonio unschuldig und solch’ verbrecherischen Treibens nicht fähig, als ihn jetzt die ganze Umgegend beschuldigt, aber ich am allerwenigsten hätte ihn vertheidigen dürfen gegen das böse und dumme Volk, welches auf seinen Fang ausgezogen und von nichts als von Mord- und Brandthaten spricht, die jene Fremden verübt haben sollen. Denn überall, wo ich mich auf dem Wege hierher sehen ließ, schrie die wilde, bethörte Menge mir zu: „Da geht er, der Helfershelfer der Strolche und Wegelagerer, da geht er, der sein Kind verkuppelt an den Räuberhauptmann!“

„Hört, Bärenmüller,“ entgegnete hierauf der Amtsschösser: „Wollt Ihr Freundes Rath befolgen, so reist mit dem Antonio, so wie dieser wieder auf freiem Fuße ist, und dies wird binnen wenigen Tagen der Fall sein, fort aus hiesiger Gegend, denn hier dürfte Euch wenig Freude mehr erwachsen an guten Nachbarn und desgleichen, und das Gericht nicht immer die Macht haben, Euch vor der Tücke und Rohheit Eurer Feinde zu schützen.“

„Dies habe ich auch schon gedacht,“ sprach hierauf wehmüthig der Bärenmüller, „und es wird wohl auch nicht anders werden, obgleich es mir recht schwer werden wird, die Mühle, die ich gleichsam zum zweiten Male wieder geerbt, und die mir nun wieder lieb geworden, zu verlassen und in ein wild-fremdes Land hinauszuziehen.“

„Nun, überlegt es Euch, und fragt den Hochwürdigen Pfarrherrn in Pirna um Rath, wenn Ihr vielleicht glaubt, daß Ihr und ich zu schwarz sehen in dieser Angelegenheit,“ rief der Amtsschösser. „Jetzt aber eilt, daß Ihr zu Eurer Tochter kommt und dieser Trost bringt. Sprechen könnt Ihr den Antonio jetzt nicht, denn das Verhör beginnt sogleich wieder, aber fest versichern könnt Ihr dem liebekranken Mägdlein, daß binnen hier und drei Tagen der Antonio wohlbehalten wieder bei Euch eintrifft.“

„Das will ich mit Freuden hinterbringen, gestrenger Herr Amtsschösser,“ entgegnete der Bärenmüller und verließ nochmals dankend für Trost und Rath das Schloß. Und wieder auf seinem Heimwege rief ihn der Spott und Hohn des von dem schwarzen Mattheus und dem Kratzhammerwerksbesitzer aufgewiegelten Volkes die schmählichsten Schimpfreden nach.

Mit fieberhafter Ungeduld harrte Agathe des Vaters Heimkehr, obwohl in ihrem Innern den Antonio, rein und schuldlos, nicht der leiseste Hauch eines Verdachtes traf, aber schon seine Gefangennahme war Grund genug, sie mit Furcht und Bangen um den Geliebten zu erfüllen, aber als der Müller des Weges daher eilte, und von fern schon als Zeichen froher Botschaft die Mütze hoch in die Luft schwang, da athmete sie wieder freier und froher auf, und hörte begierig auf jedes der Trostworte, welche der Vater heim brachte. Der Müller aber wandelte mit schwerem Herzen den ganzen Tag in Mühle und Hof umher und nahm schweigend Abschied von Allem, was er wieder sein genannt, denn er fühlte gar wohl, daß der Amtsschösser nicht unrecht gehabt, und daß er auf Glück und Segen hier nicht mehr bauen dürfe, wo so viele ihm aufsässige Feinde in seiner Abgeschiedenheit und Einsamkeit ihm schaden konnten an Eigenthum und Leben, aus Habgier und Rache, abgesehen vom Trennungsschmerz, wenn die geliebte Tochter mit dem Antonio fortgezogen wäre, und ihm seinen Willen gelassen hätten, allein mit den Mühlknappen in seiner Väter Erbe zu bleiben.

Denselben Tag noch traf der Superintendent Schwerdtner von Pirna in Lauenstein ein, mit diesem zugleich aber auch nach erhaltener Meldung von Seiten des Gerichts der Graf Rudolph von Bünau, der Dicke genannt, churfürstlicher Amtshauptmann der Aemter Dippoldiswalde, Grüllenburg und Altenberg. – Beide Männer hatten lange in geheimer Unterredung [571] sich besprochen, nach deren Beendigung der Amtsschösser beauftragt wurde, die Gefangenen vorzuführen.

Mit einem Ausruf freudiger Ueberraschung eilte Antonio dem wackern Pfarrherrn entgegen, der ihn mit väterlichem Wohlwollen in die Arme schloß und ihn dann dem Grafen von Bünau vorstellte, welcher zum nicht geringen Staunen der anwesendem Gerichtspersonen und zum Schrecken des schwarzen Mattheus und Urban Fleck’s, welche Beide mit vorgeladen worden waren, sich auf das Freundlichste mit dem als Räuberhauptmann verdächtigten Fremden unterhielt und sodann die sofortige Freilassung sämmtlicher Gefangenen anbefahl; den bei dem nächtlichen Streifzug betheiligten Bürgern und Bauern aus Glashütte, Rückenhain und Dittersdorf nebst deren Anführern Mattheus und Fleck aber wurde angedeutet, daß sie wegen unbefugter, durch nichts gerechtfertigter Gefangennahme dieser unbescholtenen Fremdlinge, auf welche nicht der geringste Verdacht geheimer verbrecherischer Umtriebe zu bringen sei, die auf solche Gewaltstreiche gesetzlich stehende Strafe an Geld und Freiheit noch besonders zu erwarten hätten, sobald von den Gerichten die von den Fremden gegen sie anhängig gemachte Beschwerde genügend geprüft und für begründet gefunden worden sei.

Als nun bald darauf der Graf von Bünau sich entfernte, nachdem er nochmals freundlich von Antonio Abschied genommen, kehrte auch der Superintendent Schwerdtner nach Pirna zurück, von sämmtlichen, nun wieder auf freien Fuß gesetzten Gefährten des Antonio bis zur schwerfälligen Pfarrherrncarrosse begleitet, welche den wackern Dr. Schwerdtner wieder nach Pirna zurücktrug. Antonio aber eilte mit all’ seinem Freunden nach der Bärenmühle, deren Bewohner von der erfolgten Befreiung der Verhafteten durch vorausgesendete Boten schon unterrichtet worden waren.

Dort gab Antonio, nachdem er die ihm unter Freudenthränen entgegengeeilte Geliebte herzlich umarmt und geküßt und Agathen und dem Bärenmüller seine Freunde vorgestellt, diesen den Abschiedsschmaus, denn der Tag der Trennung war gekommen, und diese durch jenen Ueberfall um so bestimmter herbeigeführt. Als nun die Becher hell erklangen auf Antonio’s und Agathen’s Glück und Wohl, und Alle auch des Bärenmüllers unter lautem Jubelruf gedachten und ihm Glück wünschten zur Reise in die neue Heimath, da ließ es diesen nicht länger Ruhe und zu der fröhlichen Gesellschaft sich wendend, begann er:

„Nun aber, Ihr wunderlichen Leute, die Ihr selbst von Seiner hochgräflichen Gnaden, dem churfürstlichen Amtshauptmann von Bünau, unserm braven dicken Gutsherrn, in Schutz genommen worden seid gegen Eure und meine Widersacher, die Ihr nun hier zum letzten Male versammelt seid und dann Euch trennt, Jeder seines Weges nach der Heimath zusteuernd auf geheimen Wegen, wie ich wohl vernommen aus Eurem Geplauder, und Du vor Allem, mein Antonio, mein lieber theurer Sohn, nun dächt’ ich doch, wär’ es endlich an der Zeit, daß der alte Bärenmüller und Agathe auch erfahren, warum Ihr hier gehauset und wie die Kobolde in allen Schlupfwinkeln und Abgründen dieser Berge Euch herumgetrieben, und von denen Niemand erkundschaftet, was Ihr dort vor Euch gebracht; jetzt könnt Ihr uns doch wohl mit in das Geheimniß ziehen, um das der Hochwürdige Herr Superintendent Dr. Schwerdtner gewiß auch gewußt und dessen Ansehen und Machtwort Euch so schnell wieder in die freie Luft gesetzt hat?“

„Ja, heute sollt Ihr, Vater Bär, und auch Du, meine herzinnig geliebte Braut, dies erfahren,“ entgegnete ernst aber freundlich Antonio. „Seht,“ fuhr er nun fort, nachdem er die Gläser voll zu schenken befohlen, „ich und meine Freunde hier sind wohlhabender Eltern Söhne und trieben bis jetzt ein Geschäft, was den Wohlstand unserer Väter begründet, und was diese so geheim gehalten wie wir, die wir durch ein Gelübde gebunden, dasselbe nie eher an Uneingeweihete zu verrathen, als bis wir zum letzten Male diese Berge und Thäler verlassen sollten. Dies ist nun jetzt der Fall. Wir Alle kehren nicht wieder hierher zurück, theils weil das Geschäft von Jahr zu Jahr an Ausbeute weniger gegeben, theils weil Haß, Aberglaube und Habgier der hiesigen Bewohner uns nicht länger friedlich hier hätte verkehren lassen. Aber all’ unsern und unserer Eltern Wohlstand hat uns diese Gegend verschafft, die Steine Eurer Felsen und der Flußsand Eurer Gewässer!“

„Also doch richtig errathen!“ rief triumphierend der Bärenmüller. „Mit den Steinen in Eurem Ränzel – Ihr wißt doch noch, Antonio – hing das Geheimniß zusammen, nur begreife ich noch nicht, wie!“

„Vater,“ bat Agathe, „schweigt doch davon still.“

„Ihr habt recht,“ fuhr Antonio fort, ohne weiter auf die Hindeutung an jenen Abend einzugehen. „Aber wenn Euch dies noch nicht klar ist, so will ich es Euch jetzt begreiflich machen. In jenem rohen Gestein waren Edelsteine enthalten, die nach kunstvoller Ausscheidung und Schleifung uns theuer bezahlt wurden; in jenem leimigen Flußsand der Müglitz waren reine Goldkörner enthalten, die wir jedesmal, sobald die Frühlingsgewässer sich in Euren Bergen verlaufen hatten, dort reichlich vorfanden; aber wohl bald ausgespült mag nun die leicht zu Tage gelegene Goldader sein, denn nur wenig noch gab dies mühsame Suchen nach Gold in den letzten Jahren Ausbeute; was wir aber täglich in unsern Ränzeln gesammelt, das wurde bei Nacht in Kisten und Kasten gebracht und ging aus unserm geheimsten Versteck auf unscheinbaren Frachtkarren nach Teplitz und von da auf weiten Umwegen in die Schweiz. Gesichert aber waren wir und unsere Fuhrleute, die ebenfalls durch dies Geheimniß uns verbündete Freunde waren, durch gültige Dokumente und fürstliche Geleitscheine, und sichergestellt bei jeder Landesbehörde als Naturforscher gegen falschen Verdacht, denn als solche hatte der große Rath der Eidgenossenschaft uns in unsern Pässen ausgegeben. Dies ist das ganze Geheimniß.“

„Herr Gott im Himmel droben, hier uns auf der Nase Gold und Edelsteine! das hätte ich nimmer gedacht!“ rief staunend der Bärenmüller. „Nun wird mir freilich klar, warum Ihr Euch nimmer ausfragen [572] ließet, denn wäre dies bekannt geworden, so hättet Ihr bald nichts mehr finden sollen.“

„Dies wäre den unwissenden Leuten wohl nicht so leicht geworden, denn auch dies Gold- und Edelsteinsuchen setzt tiefere Kenntniß voraus,“ bemerkte lächelnd Antonio.

„Aber wie bist Du so vertraut geworden mit dem Superintendenten zu Pirna, der wie ein Sohn Dich liebt und hochachtet?“ frug nun Agathe.

Dr. Schwerdtner erkrankte vor zehn Jahren auf der Heimreise nach Deutschland, aus Verona kommend in meiner Eltern Hause zu Lucarno, und genaß durch die sorgfältige und liebevolle Pflege, welche ihm von unserer Familie zu Theil ward, schneller als wir geglaubt. Meine damals noch lebenden Eltern zogen den so kenntnisreichen und verschwiegenen Mann nach mehrfacher Prüfung in ihr Geheimniß und baten ihn, mir, der ich das Jahr darauf zum ersten Male als Bube von vierzehn Jahren mit meinem ältern Bruder die Reise nach Deutschland machte, wo ich es nöthig hätte, seinen Schutz und seine Hülfe zu gewähren; und dies hat der edle Mann auch redlich gethan.“

„Also bist Du oft schon in hiesiger Gegend gewesen?“ frug neugierig Agathe.

„Hier früher nicht, sondern erst seit drei Jahren, aber wohl in Böhmen und im Fichtelgebirge,“ entgegnete Antonio. „Aber eben hier,“ fuhr er zärtlich fort und drückte Agathen liebeglühend an sein Herz, „hier habe ich Dich, den schönsten und seltensten Edelstein dieser Berge gefunden.“

„Und ich in Dir reines lauteres Gold!“ rief lieblich erröthend Agathe, seinen Kuß erwiedernd.

„Und nun zum Aufbruch, Freunde und Gefährten!“ sprach Antonio ernst und feierlich, sein Glas erhebend. „Auf glückliche Heimreise und freudiges baldiges Wiedersehen an den heitern Gestaden des Lago Maggiore!

Da klangen die Becher hell an einander, und Abschied nehmend in herzlicher Umarmung, tönte dem Brautpaar noch ein freudiges Hoch, dann griffen die Gefährten Antonio’s zu Ränzel und Wanderstab und verließen, von den Segenswünschen der Zurückbleibenden begleitet, die Mühle.

In Pirna aber segnete zwei Tage darauf der Superintendent Dr. Schwerdtner den Antonio Carelli, Bürger zu Lucarno im Canton Tessin, mit Agathe, der Tochter Gottlob Bär’s, Besitzer der Mühle bei Fürstenwalde, als Neuvermählte ein, und des andern Tages darauf fuhr ein leichter Planwagen vom Städtchen Lauenstein der böhmischen Grenze zu, in welchem Antonio, Agathe, der Müller nebst der alten Magd der neuen schönen Heimath zuzogen. Die Mühle aber übernahm käuflich von Gottlob Bär durch des wackern Gerichtsschösser Zapfe freundschaftliche Mitwirkung die Commun zu Fürstenwalde.


Noch lange Jahre erfreute sich der Bärenmüller des ungetrübten Glückes seiner Kinder, an den Superintendenten in Pirna aber und an den Amtsschösser zu Lauenstein gelangten nach Verlauf einiger Monate werthvolle Geschenke von freundlichen Bittschreiben begleitet, des Antonio und der frühern Bewohner der Bärenmühle auch in der Ferne wohlwollend zu gedenken. Dem Grafen Adolph von Bünau aber übersendete Antonio ein aus Müglitzgold kunstvoll gefertigtes Lamm zum Andenken, welches dieser dem Kurfürsten von Sachsen als Geschenk für das Dresdner Kunstkabinet überreichte.