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Aus dem Leben einer jüdischen Familie/Geleitwort

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Aus dem Leben einer jüdischen Familie
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GELEITWORT

Wer sich an die Darstellung des eigenen Lebens wagen will, muß zu tiefer innerer Reife gelangt sein. In scheinbar unbeschwerten Erinnerungen liegt oft unsagbar viel suchendes, ringendes Leben verborgen. Geist und Gemüt bedürfen des Aufschwungs zum Licht und zum Frieden, ehe die Hand zur Feder greifen darf, um das zu deuten, was dem Leben Wert verlieh, für sich selbst und für andere.

Von diesem höheren Standpunkt aus erkennt das Ich zwischen vormals zufälligen, unbedeutenden Vorfällen bedeutungsvolle Beziehungen; es erfaßt mit zunehmender Deutlichkeit ein Bild, das es sich bewußt ist, nicht selbst entworfen zu haben. Der Einfluß vieler, verschiedener Personen in ihrer Eigenart und in einem der eigenen Person vorbestimmten Maße wird offenbar. Alles Erlebte, und noch vielmehr alles Erlittene fügt sich nun in einen Rahmen, während das Leben sonst überschattet bleibt von der ungelösten Frage: Warum hat es so sein sollen?

In einem Rückblick auf das eigene Leben spricht Edith Stein den Gedanken aus: „Was nicht in meinen Plänen lag, hat in Gottes Plan gelegen“. Der Gipfel inneren Lebens muß erreicht sein, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Wir, die um den Weg dieses Lebens zum Opfertod wissen, neigen das Haupt vor dem Licht, das in diesen Worten aufleuchtet.

Gleich der Sonne des neuen Tages, die sich in früher Morgenstunde durch wachsende Helle ankündigt, allmählich den Himmel in Morgenrot erglänzen läßt, um schließlich selbst sichtbar zu werden und ihre Strahlen über die Erde zu senden, so erscheint in dieser Selbstbiographie das erste Morgenleuchten der Gestalt Edith Steins, die einst einer Sonne gleich ihr Licht über die Erde ergießen wird.

Der aufmerksame Leser möge in diesem Bild die tiefere Bedeutung des ersten Teils der Lebensbeschreibung erfassen: das Morgenrot der Wahrheit wird in diesem aufrichtig suchenden Geist Edith Steins und in der sich schenkenden Liebe ihres Herzens offenbar.

[VI] Die Beschreibung der zweiten Lebenshälfte, die das Archivum Carmelitanum als nächsten Band von Edith Steins Werke zu veröffentlichen hofft, soll darstellen, wie der Glaube und die Erkenntnis die Erscheinung Edith Steins in voller Entfaltung zeigt.

Es sei uns erlaubt, diese Betrachtung durch eine Skizze der geistigen Entwicklung Edith Steins zu verdeutlichen.

Klar und lichtvoll war Ediths Erscheinung von Jugend auf. Ihr Gemüt war empfänglich für das Gute und Schöne, doch bald erkannte ihre Vernunft auch den Schatten, den jedes irdische Licht wirft.

Sie hatte ein einfühlendes Herz, längst ehe das Problem der Einfühlung als Thema ihrer Dissertation in den Brennpunkt ihres philosophischen Interesses trat.

Den tieferen Sinn der Dinge in voller Klarheit zu erkennen, zum Ursprung ihres Seins vorzudringen, das war das aufrichtige Verlangen dieses Menschen. So gelangte Edith zum Quell alles Werdens und Vergehens und erkannte den Sinn des Seins im ewigen Logos, dessen Abbild in der Seele des Menschen individuell niedergelegt ist.

Der Aufstieg zum endgültigen Ruhen in der Wahrheit bleibt der Darstellung der zweiten Lebenshälfte vorbehalten. Die Selbstbiographie der ersten Lebenshälfte steht im Zeichen des ergreifenden Wortes Edith Steins im Rückblick auf ihr eigenes Leben: „Meine Sehnsucht nach Wahrheit war ein einziges Gebet“.

Dieses Gebet wurde im Himmel vernommen, noch ehe sie selbst begriff, wohin sie ihr strebendes Bemühen führen sollte. Der Vater in der ewigen Höhe erhört ja gerade solches Gebet, auch wenn das Kinderherz es noch nicht zu deuten versteht.

Ediths Jugendfreund, Fritz Kaufmann, schrieb mir wenige Jahre vor seinem Tod die folgende Betrachtung, ein erhabenes Zeugnis religiösen Philosophierens und menschlicher Größe[1]:

„Daß das Gebet eine Lebensmitteilung ist und die Tür zu Lebensräumen aufstößt, die weit über den Einzelnen hinausreichen, daß es im Preise dieser unbegreiflichen Macht, die im Alleben waltet, uns mit ihm eint, das fühlte und glaube ich auch; und es ist ja der Sinn des jüdischen Kaddisch: Rühmung der Allmacht noch am Grab unsrer Lieben. Daß das, was in ihnen lebendig war und wirkte, wirksam lebendig bleibt – nicht nur von Gnaden der Erinnerung, die wir ihnen bewahren, sondern in einer Gnade, die uns geschenkt wird und uns bewahrt, – so wie sie schon zuvor in dem war, was [VII] uns gegeben ward, ehe es genommen wurde: ja, all dies verstehe und bejahe ich, obwohl es mir sehr, sehr schwer fällt. Ich weiß wohl, daß für Sie selber ‘Auferstehung, Unsterblichkeit’ noch einen tieferen und volleren Klang hat; aber ich muß mit dieser leisen und lieben Stimme fürlieb nehmen. Edith Stein hat mich, als sie schon Nonne war, dringend gemahnt, alle Klugheit zu vergessen und wie ein Kind zu werden, um so ins Himmelreich eingehen zu können“.

Wir bringen in diesem ersten Teil der Biographie Edith Steins wortgetreu die Selbstbeschreibung ihrer Kinder- und Jugendjahre. Die Autorin hat sie so verfaßt, in dem unverkennbaren Bestreben, Tragik und Glück des jüdischen Familienlebens in seiner vollen Tiefe und Schönheit darzustellen. Sie will das bedeutsame Licht, in dem sie die intimsten Beziehungen zur eigenen Familie erblickte, unverhüllt auch vor unsern Augen erstrahlen lassen.

Die tiefe Verbundenheit mit ihren Lieben, mit ihrem Volke, mit allen, die von ihr erwähnt und mit meisterhafter Feder gezeichnet werden, bestimmt Form und Farbe ihres Selbstporträts. Edith Stein trägt zeit ihres Lebens die Züge der Familie, aus der sie hervorging.

Edith Stein betont in ihrem Vorwort den apologetischen Sinn und Anspruch dieses Lebensromans. Obgleich dies heute vielleicht weniger dringlich erscheint, da gerade die vom Nationalsozialismus gemeinsam erlittene Verfolgung das alte und das neue Gottesvolk näher zusammenführte, so bleibt diese Familiengeschichte doch ein fruchtbarer Beitrag zum tieferen Verständnis der Eigenart des jüdischen Volkes. Wir finden hierin alle Gegebenheiten der menschlichen Situation, zugleich ein geschlossenes Bild der Entwicklungskräfte, die den Aufstieg zur Höhe bewirkten. Wir lernen das Fundament eines Familienlebens kennen, das einen solchen Höhenflug ermöglicht und den notwendigen inneren Halt gewährleistet in den schwersten Schicksalsstunden, die doch auch in Gottes Vorsehung liegen.

Das Licht der Frauengestalt Edith Steins steigt hell und rein aus der Beschreibung des eigenen Werdegangs empor. Ihr selbstgeschriebener Lebensroman bedarf keiner weiteren Auslegung.

Im Garten der Familiengeschichte windet Edith Stein einen Kranz von Charakterbildern ihrer nächsten Verwandten, ihrer Freunde und Studiengefährten, ihrer Lehrmeister und Vorgesetzten, vieler Personen, die ihr im Berufsleben begegneten. In dem zarten Duft und dem Farbenglanz dieses Kranzes erblicken wir in verborgener Schönheit das Bildnis ihrer eigenen Seele, in den diesem Kranz eingeflochtenen Disteln und Dornen erfahren wir etwas von der schonungslosen Härte der jüdischen Existenz, den scharfen Konturen der jüdischen Individualität und der freimütigen Selbstkritik echt jüdischen Geistes.

[VIII] Je länger wir in dem Garten von Ediths Jugenderinnerungen verweilen, desto tiefer werden wir von dem Lebensmilieu beeindruckt, in dem Natur und Gnade die Persönlichkeit der einstigen Religiosen formten.

Das Archivum Carmelitanum Edith Stein will mit der Herausgabe des Werkes diesen Garten allen erschließen, die mit uns auf die Vorsehung Gottes und die Kraft der menschlichen Güte vertrauen, und die mit Schwester Teresia Benedicta a Cruce die wunderbaren Wege Gottes lobsingen mögen.

Im Namen der Verewigten grüßen die Herausgeber in religiöser Ehrfurcht alle noch lebenden Familienmitglieder, Freunde und Bekannte der Autorin, die in der Geschichte ihrer Kindheit und Jugend erwähnt werden. Mit einem Memento für die Ruhe ihrer Seele im Herrn gedenken sie Edith Steins Mutter, Frau Auguste Stein, und aller Verstorbenen, deren Bild sich in unauslöschlicher Weise dem Gedächtnis der Autorin einprägte.

Als Zeichen geistiger Verbundenheit sei dieses postume Werk Edith Steins ihrer Schwester und Lebensgefährtin, Frau Dr. Erna Biberstein-Stein, gewidmet.

p. fr. Romaeus a S. Ter., O.C.D.



  1. Brief von Prof. Dr. Fritz Kaufmann, Universität Buffalo, N.Y., an S.H. Pater Romaeus Leuven, 10. Oktober 1953. Der Brief befindet sich im Besitz des Archivum Carmelitanum Edith Stein.
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