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Aus dem Harz (Die Gartenlaube 1893/25)

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Textdaten
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Autor: –g.
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Titel: Aus dem Harz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 419–420
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus dem Harz.


„Auf den Bergen wohnt die Freiheit,
Auf den Bergen thront das Licht,
Menschenbrust wird leichter droben,
Was sie drückte, fühlt sie nicht.

Hin drum zu den blauen Höhen,
Wo die frischen Lüfte wehen,
Wo in seinem Reich der Aar,
Und der Sterne Pracht so nah!“


Ein gleiches oder ähnliches Gedicht fand ich einstmals als Motto einem längst verschollenen Buche über den Harz von Wilhelm Blumenhagen vorgedruckt, und es gerieth mir in Erinnerung, als ich Lewins Harzbilder betrachtete. Die Zeiten, in denen ich entweder mit dem Ranzen auf dem Rücken die Krone der niedersächsischen Gaue durchstreifte, oder später in bequemerer Weise mich an seinen Schönheiten erfreute, kamen mir ins Gedächtniß, und das Verlangen regte sich, das alles einmal wiederzusehen. Und so geht es wohl jedem, der einmal den Harz besuchte, es ergreift ihn die Sehnsucht, zurückzukehren sich einmal wieder in dieser herrlichen Natur einige vergnügte Tage zu machen oder sich durch längeren Aufenthalt die geschwächte Gesundheit zurückzuerobern. Nahrung für ein fröhliches und Labung für ein krankes Herz bietet ja der Harz wie wenige Landstriche Deutschlands durch seine reine Luft und den würzigen Athem, der aus den Legionen seiner Tannen strömt. Nichts herrlicher als des Harzes Thäler durchwandern, dem Rauschen seiner Wasserfälle lauschen, in seine Wälder hinabtauchen oder seine Berge erklimmen zu dürfen! Alles erschließt sich uns, Berg und Wald und grüne Wiesen, reizend gelegene Ortschaften oder geschichtlich denkwürdige Städte, Gastwirthschaften hart am Rande eines rasch dahineilenden, silberglänzenden Gewässers, versteckte Schluchten mit unheimlichen Abgründen, Waldseen, im tiefsten Grün verborgen, Fichtenstände mit ewigem Schatten, oft nur einen kleinen Ausschnitt lassend, von dem dann der entzückte Blick weit hinausschweift in die Ebene! Freilich ist beim Reisen häufig die Erinnerung soviel werth wie das Reisen selbst, ja oft mehr! Das Lästige, Beschwerliche, das nicht ausbleibt, tritt in den Hintergrund, es haftet nur der Eindruck des Angenehmen, Erquicklichen. –

Die unvermeidliche Figur des Engländers gehört auch noch heute zu der stehenden Staffage jeder berühmten Sehenswürdigkeit. Damals ärgerte uns die Empfindungslosigkeit, der Mangel an jeder Fähigkeit, sich zu begeistern, die Manier, selbst die bedeutsamsten Dinge mit gemüthloser Gleichgültigkeit hinzunehmen. Ich erinnere mich, daß mir gerade auf einer Harzpartie ein Engländer gezeigt wurde, der einem in einen Abgrund Gestürzten, mit dem er tags zuvor erst bekannt geworden war, zugerufen hatte: „Warten Sie unten, bis ich Hilfe geholt habe. Sollte es nicht möglich sein, so leben Sie wohl! Freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben!“

[420]

Das Bodethal.
Originalzeichnung von Otto Strützel.

Auch unser Zeichner ließ es sich nicht nehmen, seinen Harzbildern die typisch sich wiederholende Figur einzufügen. –

Und man gedenkt des Tages, wo man auf des Hexentanzplatzes Höhe ein befreites Juchhe aus der Kehle stieß, froh, daß nun erreicht war, wonach der Blick verlangte, Berge, Wälder, Fluren und Städtchen sich näher heranzuzaubern, diente das Fernglas. Da lag Blankenburg mit seinem herrlichen Schloß, unten präsentierte einer von den „Schwarzen“. Das freilich sah das Auge nicht durch die Vergrößerung. Aber der Braunschweigische Jäger gehörte unzertrennbar zu diesem Fleck Erde, und so läßt ihn auch der Künstler vor unserem Blick aufsteigen, in der alten vertrauten Uniform, die er nun allerdings mit einer neuen vertauscht hat. Er darf so wenig fehlen wie der alte Harzführer mit dem treuherzig biederen Ausdruck in den verwetterten Zügen.

„Ist’s noch weit?“ Wie oft klang dies Wort an das Ohr des Alten.

Und wie oft hat er tröstend erwidert: „Ach, nicht allzuweit, und was Sie schauen werden, ist lohnend.“

Neben ihm steht einer, der griesgrämig die Hausthür hinter sich zugeschlossen und auch hier in Gottes unvergleichlich schöner Natur das Lachen nicht gelernt hat. Er findet’s auch nicht! Nur wenn etwa eine wandernde Gesellschaft, müde und erschöpft, von gießendem Regen überrascht, auf schlüpfrig tiefen Wegen nach Hause strebt, dann geht ein Zug stiller Schadenfreude über das Gesicht des Hypochonders, daß auch andere ein „Leid“ spüren müssen, von dem er behaftet ist oder das er zu besitzen sich einbildet. Er geht auch allem Aufregenden aus dem Wege! Wenn der biedere Harzer an der Roßtrappe die Pistolen abbrennt, um Töne heraufzubeschwören, als stürzten die Felsen mit krachendem Donner zusammen, dann hält er sich die Ohren zu, denkt an seine Nerven und entflieht. –

„Herrlich! herrlich! Unvergleichlich! Und sehen Sie dort die Felsen, die Thäler, die Wiesen! Dieses wunderklare, smaragdne Grün, diese Welt der Fruchtbarkeit und Frische! Und links den Berg und rechts das Schloß!“ so schallt’s aus den Gruppen der Ausflügler.

„Von drüben herüber, von drüben herab,
Dort jenseit des Baches, vom Hügel,
Blickt stattlich ein Schloß auf das Dörfchen im Thal,
Die Fenster wie brennende Spiegel,
Da trieb es der Junker von Falkenstein
In Hüll’ und in Füll’ und in Freude!“

So sang einst Bürger, und der Tourist wiederholt die Verse. Er steht mit den Seinigen auf der Anhöhe hinter dem Wirthshaus wie verzückt. Und nach dem Schauen geht’s hinein. Ein kühler Trunk aus einem Krug wie in alten Zeiten. Wie das mundet! Aber jetzt wieder vorwärts, wieder weiter! „Auf nach Valencia!“ citiert ein anderer, den Hut schwingend, der Jüngste, der voranschreitet und der es ablehnt, von dem Händler Ansichten vom Harz zu kaufen, da er selbst alles viel herrlicher sich eingrub in seine Seele für alle Zeiten zur Erinnerung! –g.