Zum Inhalt springen

Aus dem „Buche von der Königin Louise“

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Aus dem „Buche von der Königin Louise“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 784–786
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[784]

Aus dem „Buche von der Königin Louise“.

Die „Gartenlaube“ hat schon wiederholt Gelegenheit genommen, der hohen Idealgestalt einer echten deutschen Frau, wie sie in der Mutter unseres Kaisers verkörpert ist und in dem dankbaren Gedächtnisse aller Deutschen fortlebt, in Wort und Bild zu gedenken, so noch zuletzt, als sie die vierzehnjährige Prinzessin Louise von Mecklenburg mit ihrem elfjährigen Bruder Georg im neckischen Kinderspiele am Brunnen der Frau Rath Goethe in Frankfurt am Main nach dem köstlichen Bilde von Paul Thumann unseren Lesern vorführte (Jahrg. 1882, S. 760 ff.). Eine besondere Veranlassung, auf diese edle Gestalt unserer vaterländischen Geschichte nochmals zurückzukommen, ist uns durch ein vorzüglich gelungenes und mit besonderer Sorgfalt ausgestattetes Prachtwerk gegeben, welches ein vollständiges Lebensbild der „Königin Louise“ entrollt und dessen hoher Werth nicht sowohl in der vorzüglichen Ausstattung, als vielmehr in vielen bisher unbekannten Veröffentlichungen, namentlich in dem Abdrucke vieler Briefe der Königin an ihren Vater und Bruder besteht. Dieselben, sowie die Vorlagen zu den zahlreichen Illustrationen, welche das Werk

[785]

Begegnung der Königin Louise mit Kaiser Alexander I. am 10. November 1802.
Nach dem Kupferstiche von J. Fr. Bolt;00Originalgemälde von J. C. Dähling.

[786] schmücken, sind dem Verfasser, Hofrath Dr. Georg Horn in Potsdam, aus den archivalischen und Kunstschätzen des deutschen Kronprinzen, der Großherzöge von Mecklenburg-Strelitz und Hessen zur Verfügung gestellt worden. Diesem Werke, welches demnächst im Verlage der Grote’schen Buchhandlung in Berlin erscheinen wird, ist auch die Illustration entlehnt, welche unseren Lesern ein wenig bekanntes Gemälde von J. C. Dähling im Holzschnitte vorführt. Dasselbe stellt die Begegnung der Königin Louise mit Kaiser Alexander I. dar, welche am 10. November 1802 in Memel stattgefunden hat.

Damals war diese nördlichste Stadt im Reiche – wir folgen hier der Darstellung G. Horn’s – nur durch ihren Seehafen und ihren Handel mit Rußland bedeutend. Dieser brachte viel Leben in die Stadt. Besondere Annehmlichkeiten bot die letztere sonst nicht, auch selbst nicht im Aeußeren. Die Einwohnerschaft belief sich auf etwa 8600 Seelen. Die Straßen waren eng, finster, unregelmäßig. – Hervorragende Gebäude gab es wenig, das eleganteste Haus gehörte dem dänischen Consul, und hier hatten Friedrich Wilhelm III. und Königin Louise Wohnung genommen, um auf der Grenze beider Reiche den Beherrscher des Nachbarstaates zu erwarten.

Unsere Illustration stellt die Persönlichkeiten dieser Zusammenkunft dar. Es ist ein Gruppenbild aus jener Zeit, arrangirt mehr nach der Phantasie und dem Gesetze und Bedürfnisse künstlerischer Darstellung, als nach der Wirklichkeit. Der Mann, der sich mit graziöser Verbindlichkeit, mit männlicher Huldigung der Königin entgegenneigt, ist der Kaiser Alexander. „Er ist ein schöner Mann,“ schrieb in jenen Tagen unter dem frischen Eindrucke die Gräfin Voß, „blond, mit einer sehr frappanten Physiognomie, aber die Gestalt ist nicht schön oder vielmehr er hält sich nicht gut.“ Links von ihm steht der König, den russischen Kaiser an Leibeslänge überragend, seine Handbewegung deutet die Situation der Vorstellung an. Links von ihm sein nächstältester Bruder Prinz Wilhelm, dann der jüngere Bruder des Königs, Prinz Heinrich. Dahinter das russische und preußische Gefolge, unter jenem der Gesandte von Alopäus, die Fürsten Tolstoi, Kossubey, Dolgorucki, Lieven, unter diesem der wegen seiner ausgesprochenen russischen Sympathien bekannte Graf Kalkreuth, der Gouverneur von Danzig, ferner der kleine dicke Hofmarschall von Massow. Den Mittelpunkt des Bildes bildet die Königin. Meister Dähling, sonst als ein etwas trockener akademischer Zeichner bekannt, hat während dieser Reproduction eine seiner wenigen glücklichen Stunden gehabt. Man erhält durch die Figur der Königin einen Eindruck von ihrer Anmuth, ihrer Würde und Hoheit, von dem Zauber ihres Wesens; die runden Wellenlinien des Körpers, die Haltung der rechten Hand, das halb erhobene, zu dem Kaiser aufschauende Haupt werden zum sprechenden, lebendigen Ausdrucke. Ein glücklicher charakteristischer Zug geht durch alle Gestalten, so auch durch die der Gräfin Voß. Letztere hat sich Zeit ihres Lebens über dieses Bild nicht beruhigen können. Sie ist auf demselben mit aufgenommener Schleppe dargestellt, während es erstes Gesetz der Etiquette ist, diese vor einem Souverain entfaltet zu tragen. Die jüngere Dame links an der Seite der Gräfin Voß ist die Gräfin Moltke. Hinter den Damen stehen die Kammerherren von Schilden und von Buch. – In Wirklichkeit allerdings gestaltete sich die erste Begegnung zwischen den maßgebenden Persönlichkeiten etwas anders. Friedrich Wilhelm III. war dem Kaiser bis eine Meile vor Memel entgegengeritten, der Kaiser kam, escortirt von Detachements preußischer Husaren und Dragoner, von der Landesgrenze aus im Wagen angefahren, stieg aber gleich zu Pferde und hielt so an der Seite des Königs seinen Einzug in die preußische Stadt. An der Treppe der königlichen Wohnung erwarteten ihn die Gräfinnen von Voß und Moltke. Die Königin empfing den Kaiser im ersten der Gemächer, die sie bewohnte, und ging mit ihm und ihrem Gemahle in den daran stoßenden Salon. Unterdeß hatte sich der Hofstaat im Vorzimmer versammelt, und dann traten die Majestäten wieder heraus, um die gegenseitigen Vorstellungen entgegenzunehmen. Sechs Tage blieben die beiden Herrscher beisammen. Die Zeit ging zumeist mit militärischen Uebungen hin.

Aber auch politische Fragen wurden auf dieser Zusammenkunft erörtert, für Preußen sogar sehr brennende. Es handelte sich um sehr schöne Landestheile, die sich Preußen aus der Karte des deutschen Reiches ausschnitt. Wo alle Reichsstände dreist und unverfroren zugriffen, um sich an dem Besitzthum der Kirche für die Verluste auf dem linken Rheinufer zu entschädigen – da konnte der Staat Friedrichs des Großen doch nicht zurückbleiben, und wohl darf man es jetzt sagen, daß die Minister des Königs nicht blöde im Fordern waren: im Ganzen wurden von Preußen zweihundert Quadratmeilen mehr gefordert, als es aufgegeben hatte. Diese Entschädigungen wurden im Beisammensein der Monarchen und deren Minister verhandelt – und das Resultat war der sieben Monate darauf eingereichte Entschädigungsplan bei der Reichsversammlung in Regensburg, der ein Jahr darauf, 1803, zum Reichsdeputationsbeschlusse führte. Und der Preis, den Frankreich dafür forderte? Das linke Rheinufer! Immerhin! Es waren ja nicht deutsche Reichsstände, die das Geschäft der Theilung besorgten – dieses hatte man großmüthigst an Rußland und Frankreich überlassen, wohl um der Parteilichkeit willen. Im deutschen Rhein floß in jenen Tagen die deutsche Schmach, und hier an der Ostgrenze der preußischen Monarchie, im Herzogthum Preußen, das allerdings nie zu dem deutschen Reiche gehört hatte, wurden die Verträge besiegelt.

Nicht mit Unrecht schließt daher der Verfasser des genannten Werkes die Schilderung der Memeler Zusammenkunft mit folgendem Ausruf:

„Der Rhein, o Königin, an dem die Auen Deiner Heimath lagen, in dem der Nibelungenhort, die deutsche Ehre ruht! Du freutest Dich, wie Leonore d’Este, ‚wenn kluge Männer sprechen‘, daß Du verstehen könntest, ‚wie sie es meinen‘. Aber war es denn so klug? Gab Preußen sich im Rhein nicht für Deutschland auf, trieb es die kleinen Fürsten nicht in des Eroberers Arme? Hat Dein Herz, Königin, nicht in seinem Schmerze aufgezuckt, wie deutsche Länder achtlos an Frankreich hingeworfen wurden?“