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Aus Thüringen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Textdaten
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Autor: H. B.
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Titel: Aus Thüringen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 403–404
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[403] Aus Thüringen. Wer von den landschaftlichen Schönheiten Thüringens spricht, hat zunächst immer den von Eisenach bis Schwarzburg hingestreckten Gebirgszug im Sinne. Wie sehr aber auch der mehr flache, nordöstliche Theil von Thüringen reich an romantischen Punkten und historischen Erinnerungen ist, beweist uns ein kleiner Bericht über das in neuerer Zeit vielfach besuchte, Bad Rastenberg, dem wir folgende Schilderung der Umgebung entnehmen:

In Entfernungen von einer bis acht Stunden laden uns Apolda, das liliputische Manchester, die Bäder Sulza und Kösen mit der durch seinen Samiel berühmten Rudelsburg dazwischen, Eckartsberga, Buttstädt, Cölleda, Wiehe, Roßleben, Memleben, Wendelstein, Allstädt, Burgscheidungen, Steinburg und endlich sogar der Kyffhäuser, aus welchem jetzt der alte Barbarossa mit des Reiches Herrlichkeit als Weißbart wiedergekommen ist, zu Ausflügen ein.

Manchem dieser Orte werden zwar übertriebene Ansprüche den einladenden Charakter ableugnen; aber in jedem ist irgend etwas Schönes oder Merkwürdiges zu bewundern, und die zahlreichen Dorfschaften dazwischen erquicken uns durch ihren behäbigen Wohlstand und durch verschiedene Classen von reichen und adeligen Rittergutsbesitzern, welche von Concerttagen Rastenberg’s hierher gelockt werden, wo sie sich freilich gern auf einer besondern Terrasse vor dem Curhause absondern. Wiehe ist der Geburtsort der drei gelehrten Brüder Ranke, und auf dem stattlichen Schlosse wohnt der Freiherr von Werther. Buttstädt rühmt sich nicht nur des berühmtesten Pferdemarktes, sondern auch eines juristischen und parlamentarischen Demosthenes für das Großherzogthum Weimar. Auf dem lieblichen Rittersitze der Steinburg leben die Münchhausen in freiherrlicher Ueberlegenheit. Buchenwälder voller Trappen, Wasser- und Waldvögel und von dem sanften Klange der Herdenglocken auf den Feldern durchklingen, umgeben das einsame Landgut Marienroda mit herrlichem See und Park. Auch Cölleda kann nicht so nüchtern sein, wie es mir von meinem einseitigen Gesichtspunkte aus der Ferne erschien, denn hier ist dem [404] Gartenlaubendichter Albert Traeger manches rührende und kräftige Lied gelungen. Die Eckhardtsburg hat sich seit beinahe einem Jahrtausend gut erhalten und sieht von dem Wachthügel gar stattlich, wenn auch ohne Stolz, auf das Schlachtfeld von Auerstädt herab.

Durch die Finner Eichen- und Buchenwälder gelangen wir von Rastenberg aus plötzlich auf die Höhen von Wolmirstädt, wo sich das prachtvollste Panorama blühender Städte und Dörfer mit großen Fabrikgebäuden auf grünen üppigen, vom Silberbande der Unstrut durchzogenen welligen Feldern, Fluren und Obstgärten weithin eröffnet. Fern im Westen ragt der verwitterte Thurm des Kyffhäusers und rechts der Brocken aus blau-dämmeriger Ferne empor. Lernt hier sehen, mit freudiger Andacht sehen und genießen, denn das ist die güldene Aue Thüringens mit unsterblichen, versteinerten Erinnerungen an die große, lebensbunte Kaiserzeit des alten deutschen Reiches! Hier ist der Boden und gleichsam ein Museum der besondern thüringischen und großen deutschen Geschichte.

Seht da Burgscheidungen, von Fröhlich sehr treffend „das berühmte Troja Thüringens“ genannt. Hier unterlag die letzte Königin des thüringer Reiches, Amalaberga, 531 im Vernichtungskampfe gegen die Franken, aber erst nachdem die Unstrut so mit Leichen ausgefüllt war, daß die Franken trockenen Fußes darüber hinwegschreiten konnten. Die waldigen Höhen hinter Memleben bergen den denkwürdigen Vogelherd, wo Heinrich der Erste sich den Namen „der Vogelsteller“ erworben hatte, um sich von hier aus 919 auf den deutschen Kaiserthron berufen und endlich, wie ebenfalls seinen großen kaiserlichen Sohn, Otto den Ersten mit seiner geliebten Frau, begraben zu lassen. Die Klosterkirche bei Memleben ist eine stolze, classische Ruine der schönen Griechin Theophania, der Gemahlin Otto des Zweiten. Die deutsch-kaiserlichen Otto’s leben groß und unsterblich in der deutschen Geschichte fort, und hier zwischen den steinernen Pfeilern sieht sie die historische Phantasie ohne Mühe wie hingehauchte Schattengestalten mit ihren geisterbleichen Gemahlinnen dahingleiten.

Nun noch eine Wallfahrt weiter und wir besteigen den Kyffhäuser, den alten Sagenberg, in welchem der greise Rothbart sechshundertachtzig Jahre geschlafen und geträumt hat. Im vorigen Jahre feierte Alldeutschland sein lang und schmerzlich ersehntes Erwachen; von dem morschen Thurme des Kyffhäuser aber flatterte deß zum Zeichen eine riesige deutsche Reichsfahne, mit Lebensgefahr aufgepflanzt und von den unten harrenden Schaaren mit jauchzendem Zuruf begrüßt.
H. B.