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Aus Leipzigs Werkstätten der Jugendbildung

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Textdaten
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Autor: Hermann Oskar Zimmermann
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Titel: Aus Leipzigs Werkstätten der Jugendbildung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 330–334
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus Leipzigs Werkstätten der Jugendbildung.
Der deutschen Lehrerversammlung ein erster Gruß.

Die meist sonnig verklärten Tage der Pfingsten, die so manchen stillen Arbeiter, der sonst das ganze Jahr hindurch in der staubigen Werkstatt steht oder am alten, liebgewonnenen Schreibtische sitzt, hinausziehen in die frischen, grünen Wälder oder auf die luftigen Berge, werden auch in vielen treuen, deutschen Lehrerherzen die Sehnsucht erwecken, den heimathlichen Heerd, das Schulzimmer – den Zeugen mancher Sorgen und Mühen – zu verlassen und sich zu mischen unter die Schaaren der fröhlichen Pfingstreisenden. Aber nicht lediglich deshalb, um die Brust voll zu schöpfen von milder, warmer Frühlingsluft, werden die Lehrer den Wanderstab ergreifen, sondern um sich, beseelt von der ihnen in die Hand gegebenen Sache der Jugenderziehung und von dem Gedanken, im vereinten Streben die Aufgabe zu erfassen, anzuschließen an den großen Lehrerkreis, der sich in der Pfingstwoche dieses Jahres in Leipzig bilden wird. Schon vierzehn Mal haben sie sich aus allen Gauen Deutschlands in verschiedenen Städten zusammengefunden und trotz aller ungünstigen Verhältnisse früherer Zeiten fest aneinander gehalten, tüchtig gearbeitet an der Bildung ihrer selbst, sowie der ihnen anvertrauten Jugend und wacker gekämpft für die Interessen ihres so oft verkannten Standes. Selten hat wohl einer von ihnen eine solche Versammlung verlassen, der nicht neue Anschauungen und Anregungen erhalten hätte, dessen Herz nicht, wie sehr auch immer in den einzelnen Theilen des gesammten Vaterlandes die Schulverhältnisse verschieden sein mögen, von neuer Liebe für seinen Beruf erwärmt worden wäre, der sich nicht lebhaft als Glied eines großen Ganzen gefühlt hätte, das weiter reicht, als die Marksteine seines Gaues.

Von Jahr zu Jahr ist das Interesse, das die gesammte deutsche Lehrerschaft an ihren alljährlichen Versammlungen nimmt, gestiegen, und wenn schon die zuletzt in der Pfingstwoche 1863 zu Mannheim abgehaltene mehr als zweitausend Theilnehmer zählte, so dürfte diese Zahl von der in Leipzig bevorstehenden noch bei Weitem überschritten werden. Die alte Meß- und Universitätsstadt, die so manches Gewühl gesehen und in deren Straßen sich so verschiedene Menschengruppen bewegt haben, nimmt gewiß nicht weniger freundlich auch die Lehrer auf, die hier tagen wollen, und es steht sicher zu erwarten, daß die Bürgerschaft Leipzigs, die bei Gelegenheit der Feier der beiden nationalen Feste, welche das Jahr 1863 brachte, bewiesen hat, wie sehr sie ihren alten Ruhm der Gastfreundschaft zu wahren versteht, auch den von auswärts kommenden Theilnehmern an der fünfzehnten allgemeinen deutschen Lehrerversammlung ein gastliches Obdach gewähren wird. Zwar wird die Versammlung kein äußeres Festgepränge zur Schau tragen und durch ihre Vorträge und Besprechungen dem, der der Schule und ihren Bestrebungen ferner steht, wenig Interesse abgewinnen, gewiß aber wird Angesichts derselben Mancher, der längst der Jugend- und Schulzeit entwachsen, sich wieder lebhafter derselben erinnern und vielleicht im Herzen eines treuen Lehrers gedenken, der einst seine Jugendbildung leitete.

Als daher die Versammlung durch ihren Vorstand bei der städtischen Behörde in Leipzig anfragte, ob ihr erlaubt sei, hierher ihren Fuß setzen zu dürfen, ward diesem Wunsche freundlichst gewillfahrtet und ein aus einer Anzahl Lehrer und lehrerfreundlicher Bürger bestehendes Comité läßt sich mit allem Eifer die [331] Ausführung der nothwendigen Vorarbeiten zur Versammlung angelegen sein, die im vorigen Jahre wegen der politischen Verhältnisse, welche einen großen Theil fleißiger Besucher aus dem nördlichen Deutschland fern gehalten hätten, ausgesetzt wurde.

Die Lehrer Deutschlands haben diesmal Leipzig zu ihrem Versammlungsorte gewählt, nicht blos deshalb, weil diese Stadt sich von allen Seiten am leichtesten erreichen läßt, sondern auch, weil das Schulwesen derselben, weithin bekannt wegen seiner guten Einrichtungen, einer genaueren Kenntnißnahme von Seiten einer größeren Anzahl von Lehrern werth sein dürfte. Und dieselben werden sich freuen, wenn sie finden, wie die Bürgerschaft der Stadt, deren Rührigkeit und Wohlhabenheit sich von Jahr zu Jahr gesteigert haben, auch nicht zurückgeblieben ist in der Sorge für die Jugendbildung; sie werden zugeben, daß mit vollem Rechte Leipzig einer der ersten Plätze unter den deutschen Städten in Bezug auf die Sorge für die Schule eingeräumt werden muß. Denn nicht allein, daß die Stadt aus eigenen Mitteln zwei Gymnasien, eine Handels- und eine Realschule erhält, sie hat auch das Elementarschulwesen durch die zahlreich besuchten Bürger-, Frei- und Armenschulen so vollständig in die Hand genommen, daß von eilftausend Schülern noch nicht eintausend in Privatanstalten unterrichtet werden, während doch in vielen andern Städten, wie z. B. in Hamburg, das Privatschulwesen weit umfangreicher ist, als das öffentliche. Die Opfer, welche die Stadt Leipzig besonders in neuerer Zeit für ihre Schulen gebracht hat, legen ein herrliches Zeugniß von dem Interesse der Bürgerschaft für das Erziehungs- und Unterrichtswesen ihrer Jugend ab und beweisen, wie die Leipziger das wohl beachtet haben, was einst Luther den Rathsherren aller Städte deutschen Landes an’s Herz legte: „daß sie die größte Sorge auf’s junge Volk haben möchten, weil ja das einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft sei, daß sie viel feiner, gelehrter, vernünftiger, ehrbarer, wohlgezogner Bürger habe, die darnach Schätze und alles Gut sammeln, halten und recht gebrauchen können.“

Da es nun die Volksschule mit einer Seite des deutschen Culturlebens zu thun hat, die der Stolz der Nation und die sicherste Bürgschaft für ihre Stellung in der Zukunft ist, und da sich in ihrer Geschichte das Streben des deutschen Volkes nach allgemeiner Bildung abspiegelt, so dürfte es nicht ohne Interesse sein, in kurzen Zügen einen Ueberblick über das öffentliche Volksschulwesen in Leipzig zu geben und zu zeigen, wie es sich aus den früheren, bescheidenen Anfängen allmählich zu dem großen, organischen Ganzen, das es in unseren Tagen repräsentirt, herangebildet hat. Wird doch ein Jeder leicht einen ähnlichen Entwickelungsgang anderwärts nachweisen können und erkennen, daß nicht durch Einflüsse von außen her, sondern allein aus dem Bildungstriebe des Volkes die gemachten Errungenschaften hervorgegangen sind.

Die Volksschule nach unsern jetzigen Begriffen, die sich der Bildung und Erziehung jedes einzelnen Kindes ohne Unterschied annimmt, war dem ganzen Mittelalter noch fremd und ist erst ein Ergebniß der neueren Zeit. Bis zur Reformation war die Jugenderziehung zumeist in den Händen der Geistlichen und wurde nur in den an den Klöstern und Kirchen errichteten Schulen gepflegt; so in Leipzig in der St. Thomas- und in der später gegründeten Nicolaischule.

Erst gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als sich eine größere Theilnahme für die Kinder aus ärmeren Ständen zeigte, die im Allgemeinen weder die erwähnten beiden sogenannten lateinischen Schulen besuchen, noch sich Privatunterricht erzeugen konnten, der nach und nach in Leipzig ziemliche Ausdehnung gewonnen hatte, wurden die Anfänge zu den Bürger- und Volksschulen, wie sie noch jetzt bestehen, gemacht. Es fanden sich wohlwollende Bürger, wie der Kaufmann Schwabe, der Graf Hohenthal, der Buchhändler Wendler, die aus eignen Mitteln Schulen stifteten und Lehrer besoldeten. So ehrenvoll für die Stifter diese Bestrebungen waren, so blieben sie doch unzureichend. Erst der unermüdlichen Thätigkeit des in jeder Beziehung um Leipzig hochverdienten Bürgermeisters Dr. Müller und den rastlosen Bemühungen des edlen Superintendenten Dr. Rosenmüller, der 1785 von Gießen nach Leipzig berufen wurde, war es vorbehalten, einen tüchtigen Grund zum Elementar- und Bürgerschulwesen in Leipzig zu legen. Ihr Werk war insbesondere die Gründung der Rathsfreischule, in welcher Kinder vermögensloser Eltern zweckmäßigen Unterricht erhalten sollten. Sie ward am 16. April 1792 mit einhunderteinundsiebzig Schülern und Schülerinnen eröffnet und ihre Organisation und Leitung dem bekannten Pädagogen Karl Gottlieb Plato anvertraut. Reges Leben und Streben beseelte bald Lehrer und Lernende. Lange Zeit ist diese Schule ein Vorbild für die andern Anstalten geblieben, die später errichtet wurden und gleiches Ziel mit ihr verfolgten, und wenn auch nicht dem Namen, so doch in der That und ihrem Plane nach die erste Bürgerschule der Stadt gewesen. Plato’s, seiner Mitarbeiter und Nachfolger Verdienste um die Bildung der Stadt sind niemals vergessen worden, und ihre Namen erwecken noch heute Achtung und Dankbarkeit in Tausenden. Schon dreiundsiebzig Jahre besteht die Anstalt, mit der seit einiger Zeit die 1787 vom Buchhändler Wendler gegründete Freischule vereinigt ist, in voller Thätigkeit, und es gehen täglich gegen achthundert Kinder, von neunzehn Lehrern in vierzehn Classen unterrichtet, in ihr ein und aus. Sie wird jetzt von dem als Lehrer und Collegen gleich hochgeschätzten Director Schott geleitet.

Die schönen Erfolge, die in dieser Schule erreicht wurden, erregten auch in dem bemittelten Bürgerstande den Wunsch, einer ähnlichen Anstalt für ihre Kinder sich bedienen zu können. Es bleibt stets eine interessante und wichtige Aeußerung der damaligen Zeit und ein schönes, ehrenvolles Zeugniß für das ernste Streben nach einer tüchtigen Jugendbildung, als am 25. Febr. 1795 die Obermeister von fünfundzwanzig Innungen, die gesetzlichen Vertreter der Bürgerschaft, an den Rath die Bitte richteten: „Derselbe wolle, aus ganz besonderer Milde und Güte, zur Bildung der Jugend, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, ihnen eine allgemeine Bürgerschule, in welcher die Kinder gegen ein billiges Schulgeld einen ebenso wohlthätigen als zweckmäßigen Unterricht in dem Maße, als die armen Kinder in hiesiger Freischule erhalten, genießen können, zu schenken gnädig und hochgeneigt geruhen.“ Das Gesuch ward berücksichtigt und, nachdem Riß und Voranschlag zu einem der Stadt würdigen Schulhause gemacht worden waren, im nächsten Jahre der Beschluß gefaßt, eine allgemeine Bürgerschule auf der alten Moritzbastei, auf der Südseite der Stadt, zu errichten. Man hoffte, einen Theil der früheren Festungswerke als Grundmauern des neuen Gebäudes benutzen zu können, hatte sich aber doch in deren Stärke geirrt und mußte einer Senkung durch riesige Gewölbe vorbeugen. Daher kam es, daß der Bau gewaltige Summen verschlang und man Bedenken trug, ihn fortzusetzen. Doch die Innungen, von denen das erste Gesuch ausgegangen war, wünschten dies dringend, trotzdem ihnen eröffnet wurde, daß die Kosten bis zur Vollendung und Einrichtung der Schule wohl leicht sich auf mehrere Tonnen Goldes belaufen dürften. Das Haus war kaum zur kleineren Hälfte fertig, als man an die Eröffnung der Schule dachte. Der Rath ernannte Ostern 1803 zum Director der neuen Anstalt den zeitherigen Gymnasial-Rector in Bautzen Ludwig Friedrich Ernst Gedike, der sich schon in mehreren bedeutenden Lehrämtern in Berlin, Breslau und zuletzt in Bautzen durch seine großen pädagogischen Gaben, durch seine Gelehrsamkeit und die Reinheit seines Charakters ausgezeichnet hatte. Im zweiundvierzigsten Jahre seines Lebens stehend, kam er nach Leipzig und setzte seine ganze volle Manneskraft daran, die neugegründete Schule zu einer tüchtigen Bildungsstätte deutschen Bürgerthums zu machen.

Erst am 2. Jannar 1804 konnte die Schule mit 265 Kindern eröffnet werden, deren Zahl aber im Laufe des Jahres noch auf 600 stieg. Die Urtheile über die Anstalt lauteten von Seiten der Bürgerschaft sowie der speciellen Fach- und Berufsgenossen immer günstiger und erfreulicher, so daß sie bald ähnlichen Schulen in andern Städten als Muster aufgestellt werden konnte. Der Bau des Mittelgebäudes und des linken Seitenflügels war noch nicht vollendet, als am 19. October französische Truppen die Stadt besetzten. In der nun folgenden Drangsalszeit konnte nichts für den Ausbau dieser Theile geschehen, und erst seit dem Jahre 1833 steht das Haus in seiner jetzigen Gestalt da und bietet in derselben eine der schönsten architektonischen Zierden der Stadt dar, wie dies das Hauptbild unserer Illustration zeigt. Als die Octobertage von 1813 hereinbrachen, ward sogar die Schulanstalt aufgelöst und das Gebäude mit allen Räumen in ein großes Militärhospital verwandelt. Erst im Juni des folgenden Jahres, nachdem am 4. März die letzten russischen Reconvalescenten das Schulhaus verlassen hatten, konnte

[332]

Erste Armenschule. Dritte Bürgerschule.00Die Volksschulen der Stadt Leipzig.0Zweite Bürgerschule. Vierte Bürgerschule.
Fünfte Bürgerschule.   Erste Bürgerschule.   Zweite Armenschule. 

[334] es von Lehrern und Schülern, die mittlerweile in verschiedenen Privatlocalen unterrichtet worden waren, wieder bezogen werden. Von nun an nahm die Anstalt ihren Fortgang bis zu Anfang der dreißiger Jahre. Um diese Zeit ging man nach den vielfachen Veränderungen, die das Jahr 1830 im politischen und socialen Leben hervorgerufen hatte, auch daran, die Leipziger Bürgerschule einer zeitgemäßen, durchgreifenden Reform zu unterwerfen. Da sich der greise Gedike dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlte, legte er 1832 sein Amt nieder und überließ seinem jungen, kräftigen Nachfolger, dem bisherigen Schuldirector in Elberfeld, Dr. Karl Christoph Vogel die bevorstehende Reorganisation der Anstalt. Ueber dreißig Jahre hat dieser edle, reichbegabte Mann, der leider schon vor zwei Jahren heimgegangen ist, im Dienste der Leipziger Bürgerschule gearbeitet und diese zu einer weithin anerkannten Höhe gehoben. Von nah und fern kamen Lehrer und Regierungsabgeordnete, um die Einrichtungen und die verschiedenen Lehrmethoden, die der in jeder Hinsicht geniale Vogel eingeführt hatte, kennen zu lernen, und keiner der Besuchenden ist gewiß unbefriedigt geschieden von der Anstalt und von ihrem liebenswürdigen Director, dessen Name auch in weiteren Kreisen nicht allein durch seine zahlreichen Schriften, sondern auch durch seinen Sohn, den unglücklichen Afrikareisenden Dr. Eduard Vogel, bekannt geworden ist.

In der ersten Bürgerschule erhalten jetzt über eintausendsiebenhundert Kinder, getheilt in vierunddreißig Classen, den nöthigen Unterricht, der von vierzig Lehrern und sechs Lehrerinnen besorgt wird. Leider ist auch schon der rüstige und gewandte Bulnheim, der nach Vogel’s Tode zum Director erwählt wurde, diesem bald in’s Grab nachgefolgt und soeben erst Dr. Paul Möbius zum Director ernannt worden.

Die Ueberfüllung der ersten Bürgerschule rief schon vor sechsundzwanzig Jahren die Gründung einer zweiten hervor, die, auf der Nordwestseite der Stadt in der Nähe des Theaters erbaut, zur Zeit von mehr als eintausend Schülern besucht wird. An ihr wirken außer zwei Lehrerinnen dreiundzwanzig Lehrer. Director ist Dr. Reuter, ein kinder- und lehrerfreundlicher, besonders von Liebe für die Naturwissenschaften begeisterter Mann. Bei dem Wachsthum der Stadt und bei dem immer größer werdenden Interesse der Einwohner an den öffentlichen Schulanstalten, machte sich im Jahre 1849 die Errichtung der dritten Bürgerschule nothwendig, die, nachdem sie sich drei Jahre lang mit Miethlocalen hatte behelfen müssen, erst 1852 in ihr gegenwärtiges Gebäude, gegenüber der Johanniskirche in der östlichen oder Dresdner Vorstadt, übersiedelte. Die außerordentlich starke Frequenz dieser Anstalt, die in den Jahren 1861 und 1862 die Schülerzahl von zweitausendfünfhundert erreichte und zum großen Theil in dem geringen Schulgeldsatze begründet war, wies dringend auf die Erbauung neuer Schulen hin.

Deshalb ward im Jahre 1862 in der westlichen Vorstadt, bekannt unter dem Namen des Reichel’schen Gartens, die vierte und im vorigen Jahre im südlichen Anbau, der sich längs der Zeitzer Straße hinzieht, die fünfte Bürgerschule eröffnet. Während die dritte noch gegenwärtig von eintausendsechshundert Kindern besucht wird, zählt die vierte gegen achthundert und die letzte und jüngste erst fünfhundert Schüler. An allen drei Anstalten wirkten bis zu Ostern dieses Jahres in sechszig Classen siebenundsiebenzig Lehrer und fünf Lehrerinnen. Als Director ist an der dritten Bürgerschule Dr. Ramshorn thätig, der sich abgesehen von seiner Lehrerwirksamkeit auch durch mehrfache schriftstellerische Arbeiten bekannt gemacht hat. Die vierte Bürgerschule leitet Dr. Hauschild, der als Gründer des modernen Gesammtgymnasiums und einer höheren Töchterschule, zweier noch jetzt blühenden Privatanstalten, sowie als pädagogischer Schriftsteller die rühmlichste Anerkennung auch in weiteren Kreisen erworben hat. Dr. Bornemann, dem als langjährigem Vorsitzenden des Leipziger Lehrervereins wegen seiner geistigen Regsamkeit, seiner collegialischen Liebe und Treue die Leipziger Lehrerschaft großen Dank schuldet, ist zum Director der fünften Bürgerschule ernannt worden.

Die Sorge für die Erziehung und den Unterricht der Kinder der ärmeren Classen hat sich vor Allem die Armenanstalt angelegen sein und schon am 7. Januar 1804, nur wenige Tage nach Eröffnung der ersten Bürgerschule, die Armenschule in’s Leben treten lassen. Lange Zeit mußte sich dieselbe mit Miethlocalen begnügen, ehe sie ihr eignes Haus erhielt, und als auch dieses bei dem alljährlich sich steigernden Zudrange nicht mehr ausreichte, wurden vor einigen Jahren zwei prachtvolle Gebäude, das eine auf der Südostseite, das andere am Westende der Stadt gelegen, aufgeführt, in denen nahe an dreitausend Schüler Unterricht erhalten. Den vereinten Anstrengungen der Behörden und Lehrercollegien ist es gelungen, daß auch die Armenschulen wetteifern können mit jeder guten Volksschule; sind sie doch selbst die ersten Anstalten in Leipzig gewesen, die dem Turnunterrichte durch Schulturnplätze und pädagogisch gebildete Turnlehrer größere Sorgfalt zuwendeten, als bisher an Schulen üblich war. Ehrend muß vor Allen des um’s Armenschulwesen höchst verdienstvollen Directors Krauß gedacht werden, der mit Umsicht und Geschick lange Zeit die Anstalt allein dirigirte, bis vor drei Jahren dieselbe getheilt und als selbstständiger Director der zweiten Armenschule der frühere College von Krauß, Schöne, ernannt wurde.

Es darf wohl erlassen werden, genauer auf die innere Einrichtung der Leipziger Schulen einzugehen, die hierin im Wesentlichen, wenigstens was die Bürgerschulen betrifft, nicht von einander abweichen. Die Schulbehörde hat sich jederzeit bemüht, Männer zu ihrer Leitung zu berufen, welche sich als gute Erzieher schon bewährt haben, und ihnen Lehrer an die Seite zu setzen, die ganz von der Aufgabe ihres Berufes erfüllt sind. Die Bürgerschaft hat kein Opfer gescheut, die freundlichen und zweckmäßig eingerichteten Unterrichtsstätten mit allen nothwendigen Lehr- und Hülfsmitteln auszustatten und den Lehrern durch stete Anerkennung ihres Wirkens das arbeitsvolle und mühereiche Leben zu erleichtern. Recht erfreulich ist es, wahrzunehmen, wie sich unter der Bürgerschaft eine immer größere Theilnahme an der Erziehung kundgiebt. Davon zeugen die verschiedenen Erziehungsvereine, welche in den letzten Zeiten entstanden sind, dafür bürgen auch die Sitzungen der Stadtverordneten, von denen wohl selten eine abgehalten wird, ohne daß dabei der Schulen gedacht würde. Immerhin ist das ein gutes Zeichen, die wackern Bürger bauen an ihrem eigenen Ruhme und an der Zukunft ihrer Stadt, denn so lange ihre Schulen treu gepflegt werden und Pflanzstätten echt religiösen Sinnes und wahrer Bürgertugend sind und bleiben, so lange wird auch die Blüthe Leipzigs nicht welken.

H. O. Zimmrrmann.