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Auf der Terrasse von Saint Germain

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Textdaten
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Autor: Friedrich Wilhelm Heine
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Titel: Auf der Terrasse von Saint Germain
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 880–881
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Auf der Terrasse von Saint Germain.
Von unserem Feldmaler F. W. Heine.


Margency, 15. November 1870.     

Ich bin, wie Sie wissen, immer gern auf dem Wege und erzähle und zeichne gern, was ich sehe. Als ich mich aber in der ersten Hälfte des Novembers aufmachte, von Margency aus zunächst das Städtchen Argenteuil und unsere Vorposten an der Seine zu besuchen, machte ich doch eine Bemerkung, die mich sehr peinlich berührte: der Winter war angebrochen, der Winter, der gefürchtetste Feind der Soldaten im Felde. Zwar hatte ich bei meiner Wanderung auf der Landstraße noch nicht allzu viel von der Kälte zu leiden, aber die Sonne, die gestern noch so herbstlich geleuchtet und gewärmt hatte, war heute unsichtbar geblieben und dichter, grauer naßkalter Nebel war weithin gebreitet, mit krächzendem Geschrei tummelten sich unzählige Elstern am Saume des Waldes, der sich nicht weit von der Chaussee hinzog, und über diese selbst zogen einzelne Krähen in trägem Fluge. Auf beiden Seiten der Landstraße, die von Zufuhr bringenden Marketendern und in’s Holz oder in die Kartoffeln fahrenden Soldaten reich belebt war, standen die entlaubten Obstbäume, darunter auf dem Boden die ganze diesjährige Ernte eines jeden Baumes, Apfel an Apfel, weiß und roth prangend, dem Verfaulen entgegensehend. Keine menschliche Hand erbarmt sich ihrer, um sie heim in eine trockene Kammer zu bringen, zum Labsal in den langen Winterabenden oder zum Schmuck am Weihnachtsbaume. Nur dann und wann sieht man einzelne Soldaten, welche sich die Mühe nehmen, noch ein paar letzte Aepfel von den Zweigen zu schlagen und einzuheimsen. Vereinzelt trifft man wohl auch einen französischen Landmann, einen der Wenigen, die zurückgeblieben sind, und der nun mit seinem eigenthümlichen Fuhrwerk, dem zwei Esel und ein Pferd hintereinander vorgespannt sind, sein Feld bestellt. Aus der Ferne aber hört man durch den Nebel das Schießen der Vorposten und dann und wann läßt zur Abwechselung auch wohl ein Sechsundneunzigpfünder seine Brummstimme dazwischen vernehmen.

Mein Weg führte mich über Eaubonne und Sannois; in letztgenanntem Dorfe liegt der Stab der achten Division, und hier auch war es mir vergönnt, nach langer Zeit wieder ein echtes rechtes Friedensbild zu sehen, dessen Motiv aber natürlich auch nur aus dem Militärleben genommen war: auf einem freien Platze Cavallerie-Abtheilungen Schule reitend – Schritt, Trab, Galopp – der Officier in der Mitte, auf jeden Fehler achtend, auch das Geringste tadelnd – wie gesagt, ein Friedensbild aus der Garnison.

Argenteuil, ein freundliches Städtchen, ist von den meisten seiner Einwohner verlassen; nur einzelne Muthigere sind zurückgeblieben und befleißigen sich nunmehr, in Ermangelung einer besseren Beschäftigung, unausgesetzt auf das Pfeifen einer jeden Granate zu lauschen, die von den Forts aus ihren unseligen Weg nach Argenteuil genommen hat und nun einem der vielen hübschen Häuser Verderben droht. Wie überall, so werden auch in Argenteuil ganz seltsame Geschichten von eingeschlagenen Granaten erzählt, und die munterste davon will ich Ihnen hier gern mittheilen. Eine Granate schlägt in ein Haus durch das Dach in die erste Etage und dann in die Decke, welche diese vom Parterre trennt. In der Decke bleibt sie stecken und zwar ohne zu crepiren. In dem Hause sind Soldaten einquartiert. Sollen sie ausziehen? Das paßt ihnen nicht; denn abgesehen von der steckengebliebenen nicht crepirten Granate ist das Haus ganz hübsch. Sollen sie die Granate aus der Decke ziehen? Das paßt ihnen auch nicht ganz, denn die Granate könnte dabei doch zum Teufel gehen und die Soldaten mit. Was ist zu machen? Die Burschen schaffen Rath, so theuer er scheint. Ein Sopha wird herbeigeholt und auf die Stelle gesetzt; wo sich das unheimliche Ding festgefahren hat, und heiter und unbesorgt wie zuvor nehmen sie auf dem nach so manchen Strapazen doppelt liebgewonnenen Möbel Kaffee und Mittagbrod ein, über sich durch das eingeschlagene Loch den Blick in den Himmel, unter sich Hölle und Verderben. Bis jetzt ist Alles gut abgelaufen.

Die Vorposten längs der Seine bezieht das erste Gardelandwehrregiment. Obwohl, weil die Franzosen drüben auf Alles schießen, was sich am diesseitigen Ufer zeigt, keine geringe Gefahr damit verbunden war, näherte ich mich dennoch durch die Laufgräben dem Flusse soweit es nur thunlich war. Doch blieb die Ausbeute meines Ausfluges nur eine geringe, denn der Nebel lag dicht auf dem Flusse und hinderte jede Fernsicht.

Einige Tage später hatte ich Gelegenheit, nach dem Dorfe Sartrouville zu fahren, von wo ich den Weg dann zu Fuß weiter nach St. Germain nahm. Es war ein schöner, klarer, kalter Morgen; auf den Bergen lag eine feine Schneedecke ausgebreitet. Gleich hinter Sartrouville tauchte das Ziel meiner Reise auf; links ragte das starke Fort Mont Valerien und diesem wieder zur Linken breitete sich das ganze stolze, noch immer ungebrochene Paris aus mit seinen dicken Kirchen und Palästen, über die alle der Triumphbogen emporragte wie ein mächtiges Bollwerk. – In Sartrouville traf ich außer einigen Schwadronen Zwölfer Husaren (Merseburger) das sechsundachtzigste Regiment, Schleswiger, von denen auch, wie man mir sagte, Leute in dem benachbarten Cormeil liegen.

St. Germain, wohin ich nach kurzer Wanderung gelangte, ist noch vollständig bewohnt, und es war mir eine wirkliche Freude, mich wieder einmal inmitten einer geselligen Stadt bewegen zu können. Auf allen Straßen herrschte ein reges Leben, Fische und Gemüse wurden ausgerufen; und die Delicatessenhandlungen, wie die Fleischerläden, stellten Delicatessen und Fleischerwaaren so verlockend zur Schau, als man nur wünschen konnte. Um aber auch hier mich nicht allzu lange diesen friedfertigen Eindrücken hingeben zu können, sah ich auf dem großen, mit hohen schönen Bäumen umstellten Platze vor dem Schlosse Mannschaften des hier in Garnison liegenden ersten Garde-Grenadier-Landwehrregiments Uebungen in Bajonnetangriffen vornehmen. Die bärtigen, kräftigen Gestalten führten dieselben mit solchen Eiser und mit so hallendem Hurrahruf aus, als wenn sie die stärkste Position vor sich hätten. Scheu und neugierig zugleich standen die Einwohner herum, und manchem mag schon bei diesem fremdartigen Anblicke deutschen Exercitiums ganz bange geworden sein. Ueberhaupt muß man offen zugeben, daß die preußische Landwehr gewißermaßen die Elite unserer Heere ist. Wenn man diese großen stämmigen Gestalten so ruhig und sicher dahinschreiten sieht, erkennt man sofort den tüchtigen Soldaten heraus, der seiner Pflicht fest und sicher bewußt ist. Diese Leute verrichten ihre Obliegenheiten allüberall mit einer Strenge gegen sich selbst, welche die höchste Bewunderung herausfordert, und auf dem verantwortungsreichen Dienste des Vorpostens kann keine Linientruppe wachsamer und aufmerksamer sein, als sie. Freilich, mancher dieser braven Soldaten mag in solchen Stunden einsamen Vorpostendienstes seiner Lieben daheim denken; seines Weibes und seiner Kinder – aber seine Pflicht steht ihm deshalb doch immerdar klar und unverrückt vor Augen; und wehe dem Orte, an welchem preußische Landwehr mit ihren Kolben aufzuräumen hat!

Die „Terrasse“ zu St. Germain ist weltberühmt. Wie viele Tausende haben sie schon besucht, wie viele Tausende haben sich bis in die jüngsten Tage herauf schon an dieser unvergleichlichen Aussicht erfreut! Wenigen war dieser Besuch wohl unter Beigabe so interessanter Verhältnisse vergönnt, wie mir. Es war an einem Sonntage, am 13. November, am Geburtstage der Königin-Wittwe von Preußen, als König Wilhelm von Versailles aus mit großem Gefolge der Stadt St. Germain einen Besuch abstattete. Es war eine glänzende, auserlesene Schaar, die sich hier auf der Terrasse bewegte, und doch viel einfacher und schlichter, als in früheren Jahrhunderten mancher Aufzug der prachtliebenden Könige von Frankreich sich hier entfaltet hatte, deren Hof nach St. Germain benannt wurde. Wohl sind jene funkelnden Schaustellungen noch unvergessen; aber von Dem, was diese Männer aus Deutschland gethan, werden auch die Geschichtsschreiber Frankreichs noch länger sprechen, als von den Festen der französischen Könige. Neugierig drängten sich auch hier die Einwohner der Stadt herbei und sahen scheu zu dem Könige hinüber, der schon an Gestalt über alle seine Begleiter herausragte, und in dessen Gefolge ich den Kronprinzen, wie immer mit der Pfeife, den Großherzog von Weimar; Prinz Luitpold von Baiern, Prinz Karl, Prinz Schwarzburg-Sondershausen, den Flügeladjutanten von Rauch und andere hohe Herren bemerkte. König Wilhelm, trotz der andauernden Strapazen des Krieges noch immer lebhaft und munter, war in schlichter, einfacher Uniform; über die er beim Abfahren den bekannten großen blauen, altmodischen Mantel hing.

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Argenteuil. St. Denis. Colombes. Montmartre.   Fort Valerien.      Dorf Rueil.  Ponton-Schiffbrücke.      Pavillon Henry IV. 
1. Garde-Landwehr-Regiment auf Vorposten. Generallieutnant von Loën. König Wilhelm. Kronprinz. Großherzog von Weimar. Platzmajor Lieutenant Fleck.
 Oberst von Roehl.  Prinz Luitpold von Baiern.  Prinz Schönburg.

Auf der Terrasse in Saint Germain am 13. November.      Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.

[882] Die Terrasse selbst hat wohl durch die Ereignisse der letzten Zeit manche Veränderung erfahren; es befindet sich nämlich hier ein großer Parkplatz: Artillerie, Kanonen, Munitions- und Bagagewagen – aber Eines ist unverändert geblieben: die Aussicht, welche sich von dieser Höhe bietet. Sie ist noch immer so herrlich, so überraschend reich, wie früher, da die lustigen Pariser mit ihren Frauen und Freundinnen an schönen Sommertagen durch die grünen schattigen Wälder da unten schwärmten, da die Fluthen der Seine von dem muntern Ruderschlag zahlloser Kähne bewegt waren, deren Insassen mit übermüthigem Gesang und prasselndem Feuerwerk der wunderbaren Nächte sich freuten, und da die stolzen herrschaftlichen Villen ringsum von Musik wiederhallten und in den gedrängt vollen öffentlichen Tanzsälen Freude und Leichtsinn entfesselt waren bis zur Ausgelassenheit.

Freilich, das Alles ist heute verstummt, dafür brummen die Kanonen des gerade in der Mitte des Bildes liegenden Forts Mont Valerien dann und wann ihren Gruß, glücklicherweise ohne bis hier herüberzureichen; aber die Aussicht zu dem genannten Fort über die zerstörte Brücke, über die Wälder, Dörfer und Fluren hin ist auf der Terrasse von St. Germain eine unbeschränkte und mit bewaffnetem Auge konnte ich deutlich einzelne Posten dortselbst unterscheiden. Die großartige Eisenbahnbrücke links ist noch wohl erhalten, rechts ist über die Seine, deren Wellen hier eine der zahlreiche reizenden Inseln umspülen, eine Pontonbrücke geschlagen, über welche noch weiter im Hintergrunde auf der Höhe die Wasserleitung von Versailles sichtbar ist. Auch Argenteuil, von wo ich gekommen war, bemerkte ich links vor mir wieder und nicht weit davon den Thurm von St. Denis, wo sich die Begräbnißstätte der französischen Könige befindet, deren unvermeidlicher Anblick von St. Germain aus dem lebenslustigen Ludwig dem Vierzehnten so peinlich war, daß er den Geschmack an St. Germain überhaupt völlig verlor und das Schloß, das denn auch von da an niemals mehr die Residenz eines Königs war, dem aus England vertriebenen Jakob dem Zweiten überließ, der auch dort starb.

Am südlichen Ende der Terrasse befindet sich der von Heinrich dem Vierten erbaute Pavillon. In ihm soll angeblich Ludwig der Vierzehnte das Licht der Welt erblickt haben; sie soll die Geburtsstätte des Mannes sein, von dem Deutschland die meiste Schädigung an seiner Macht und Ehre erlitt und unter dessen gewaltthätiger bluttriefender Faust ein Stück um das andere vom deutschen Reich losgerissen wurde, bis zuletzt auch Straßburg, des deutschen Reiches Schlüssel, seinem schmähliche Verrath erlag. Nun ist dieser Schlüssel wieder zurückerobert, nun ist Alles, Alles wieder in unseren Händen, und ich muß gestehen, daß ich mich eines seltsamen Gefühles nicht erwehren konnte, als ich die deutschen sieggekrönten Heerführer gerade an diesem Orte sah, von welchem mit Ludwig dem Vierzehnten die Politik der Eroberungssucht und unausgesetzten Feindschaft gegen Deutschland ihren Ausgang nahm. Das mahnt doch wie an ein Walten der Nemesis!