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Auf der Suche nach Nordenskjöld

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Textdaten
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Autor: Alexander v. Danckelmann
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Titel: Auf der Suche nach Nordenskjöld
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, 23, S. 352–354, 370–371
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[352]
Auf der Suche nach Nordenskjöld.
Tragisches Ende einer Dampferfahrt.
Von einem Augenzeugen.

Als im Herbst 1878 die zur Aufsuchung der Nordostpassage ausgegangene schwedische Expedition unter Professor Nordenskjöld wider alles Erwarten nicht in Japan eintraf, sondern verschollen blieb, rüstete der in der „Gartenlaube“ kürzlich schon genannte Russe Alexander Sibiriakoff (vergl. Nr. 6 d. J.) einen neuen Dampfer aus, um die Expedition, die er selbst mit so reichen Mitteln unterstützt hatte, aufsuchen zu lassen und ihr nöthigenfalls Hülfe zu bringen. Der zu Ehren des Führers der vermißten Expedition „A. E. Nordenskjöld“ getaufte Dampfer verließ den Hafen Malmö, wo er gebaut und ausgerüstet worden war, am 13. Mai 1879 und erreichte auf dem gewöhnlichen Wege durch den Suezcanal Jokohama am 27. Juli. Es hatte für uns die Möglichkeit vorgelegen, die „Vega“, falls sie frühzeitig im Sommer aus den sie gefangen haltenden Eisbanden glücklich entkommen sein sollte, hier bereits im Hafen liegend anzutreffen; allein es war dies nicht der Fall, und nach wenigen Tagen Aufenthalt lichtete der „Nordenskjöld“ zur Weiterfahrt nach der Beringstraße die Anker.

Die weite, von kleinen Fischerbooten belebte Bai von Jeddo lag hinter uns; wir hatten soeben den an Naturschönheit reichen, von hohen, üppig grünen Bergen gebildeten Eingang durchdampft – da bereitete uns Mutter Natur noch ein grandioses Schauspiel, wie man es so prachtvoll selten sieht: das Land war hinter uns schon fast verschwunden, als plötzlich der Wolkenschleier, der den westlichen Horizont bedeckte, sich verzog und der Fusi-no-yama, jenes weltberühmte Heiligthum der Japaner, mit seiner schon etwas mit Schnee bedeckten, regelmäßigen hohen Pyramide vor die untergehende Sonne trat. Wir hatten vergeblich gehofft, von Jokohama aus dieses Vorbild eines Vulcanes zu erblicken; der herrschende Dunst hatte es verhindert. Um so erfreuter genossen wir den hehren Anblick dieses zwölftausend Fuß hohen Bergriesen, wie er, magisch beleuchtet, scheinbar gerade aus dem Meere aufstieg, kleiner und kleiner werdend, bis endlich die hereinbrechende Dunkelheit ihn verhüllte.

Rasch ging es längs der japanischen Ostküste dem Norden zu; eifrigst wurde tagtäglich nach Schiffen ausgespäht, lag doch die Möglichkeit nahe, die „Vega“ zu treffen. Nichts indessen ließ sich erblicken; einsam lag der Ocean vor uns, und als nun gar am 3. August, drei Tage nachdem wir Jokohama verlassen hatten, dicke, naßkalte Nebel das Schiff umschlossen, war uns jede Aussicht benommen, Professor Nordenskjöld, falls er wirklich schon um diese Zeit in den japanischen Gewässern eintreffen sollte, zu begegnen. Mit ungeminderter Geschwindigkeit wurde trotz des Nebels die Fahrt fortgesetzt, um noch zur günstigen Zeit das Eismeer zu erreichen. Wir glaubten freies Fahrwasser vor uns zu haben, allein die heimtückischen Feinde der Seefahrer, die Meeresströmungen, hielten unser wackeres Schiff im Bann und führten es unversehens dem Verderben entgegen.

Am 5. August um fünfeinhalb Uhr Morgens erfolgte plötzlich ein fürchterlicher Stoß, der das ganze Schiff krachen und erzittern ließ und die Schläfer wider ihren Willen aus ihren Kojen heraus und auf die Füße brachte. Schnell springt Jeder auf Deck, während die Stöße sich noch immer wiederholen, bis endlich die Maschine still steht. Der dichte Nebel verhindert jede Aussicht; nur ganz undeutlich kann man durch ihn hindurch den weißen Schaum der Brandung sehen, deren fernes Tosen gleichzeitig als eine wenig verheißungsvolle Musik zu unseren Ohren dringt. Das Loth belehrt uns, daß wir auf einer Sandbank sitzen, noch ist aber kein Wasser im Schiff; es ergiebt sich also, daß die Sache für den Augenblick nicht so gefährlich ist. Eines der beiden kleinen Boote, die wir an Bord haben, wird sofort ausgesetzt, um einen Anker auszubringen, mit dessen Hülfe man das Schiff zurückzuwinden gedenkt. Allein der Anker hält in dem lockeren Sand nicht, und so muss denn dazu geschritten werden, das Schiff durch Ueberbordwerfen der Kohlen und Ladung zu erleichtern. Es wird noch ein Anker ausgebracht, und nun arbeitet Jeder in wilder Hast.

Die Dampfpfeife sendet von Zeit zu Zeit ihre schrillen, langgezogenen Töne durch den Nebel in die Ferne, um Hülfe herbeizuholen, aber kein Boot, kein Schiff läßt sich erblicken, außer dem fernen Rauschen der Brandung herrscht ringsum tiefe Stille und Einsamkeit. Die mächtigen Zuckerfässer, die unten im Raume liegen, werden mit Aexten aufgeschlagen, und binnen wenigen Stunden sind viele Hunderte von Zuckerhüten in's Meer geworfen, die dazu bestimmt gewesen waren, die Herzen der Hausfrauen zu Jakutsk im fernen Centralsibirien zu erfreuen oder uns manch schönen Pelz oder ethnographisch interessante Gegenstände durch Tauschhandel bei den Tschuktschen zu erwerben. Den Zuckerfässern folgen Eisenstangen und schwere Kisten mit Seife, welche letztere die Bewohner des fernen Tschuktschenlandes hatten in Versuchung führen sollen, sich wenigstens einmal in ihrem Leben zu waschen. Dieser große Schritt zu weiterer Culturentwickelung war nun vom Schicksal vereitelt.

Unterdessen stellt sich aber heraus, daß auch der zweite Anker nicht halten will, und trotz alles Zurückwindens und Ueberbordwerfens ist der Dampfer, welcher fortwährend auf dem Sande hin und her gestoßen wird, nicht flott zu machen; vielmehr rückt er, von den Wellen gedrängt, unaufhaltsam dem Lande näher, welches allmählich bei dem sich etwas lichtenden Nebel zu erkennen ist. Die hohen, üppig mit einem Kräuterteppich bedeckten Hügel fallen ziemlich steil zum Meere ab; an ihrem Fuße erstrecken sich mit Treibholz bedeckte schmale Sandflächen, an denen sich ohne Unterlaß die Wogen donnernd überwälzen. Kein lebendes Wesen ist an der öden Küste zu erblicken.

Endlich um drei Uhr Nachmittags sehen wir durch den Nebel Reiter den Strand entlang kommen. Sie haben uns bemerkt; sie halten an und scheinen sich zu berathen; es sind Japaner. Rasch ist ein Boot bemannt; der Capitain steigt ein; er will von jenen zu erfahren suchen, wo wir sind, und sie veranlassen, Hülfe herbeizuholen. Rasch fliegt das kleine Boot von vier kräftigen Armen getrieben mit der Spitze nach hinten, um den Wogenprall zu pariren, durch das Wasser, verfolgt von den sorgenvollen Blicken der an Bord Zurückgebliebenen. Jetzt kommt der kritische Moment, das Passiren der Brandung.

Das Boot verschwindet einen Augenblick; dann taucht es wieder auf; die Gefahr ist vorüber; die Unserigen springen in's

[353]

Aïno-Typen von der Insel Jesso.
Nach japanischen Photographien auf Holz übertragen von Adolf Neumann.

[354] Wasser und waten, das Boot auf's Trockne ziehend, an's Land zu den dort haltenden Reitern. Die Unterhaltung währt nicht lange; da man sich beiderseits nicht durch die Sprache verständigen kann, so hilft die Pantomime. Die Leutchen sehen ein, daß wir Hülfe haben wollen, und wir erfahren, daß es die Insel Jesso ist, an der wir gestrandet sind, die nördlichste der vier großen japanischen Inseln. Unsere Freunde setzen ihre kleinen zottigen Pferde in eiligen Trab und verschwinden in dem wieder dichter werdenden Nebel. Da jede Aussicht auf eine sofortige Rettung des Schiffes uns benommen war, so wurden die Kesselfeuer gelöscht; das Pfeifen des ausströmenden Dampfes erschien uns wie das Todtenlied des braven Schiffchens.

Jeder sich erhebende stärkere Wind konnte uns in die größte Gefahr bringen; deshalb befahl der Capitain gegen Abend der Mannschaft, das Nöthigste zusammenzupacken und an's Land zu gehen. Eilends raffte nun Jeder sein Bestes zusammen, und bald gehen die beiden Boote zwischen Dampfer und Land hin und her und bringen Proviant, Kisten und Koffer in Sicherheit. Die Ueberwindung der Brandung gelingt; nur einmal wird ein Boot, in dem sich gerade ein Theil der wissenschaftlichen Instrumente befindet, von einer hohen Sturzwelle erfaßt und überworfen, wodurch natürlich die Sachen verloren gehen.

Bald ist dicht am Strande ein Zelt aus Segeln aufgeschlagen, ein mächtiges Feuer aus dem am Strande herumliegenden Treibholz angezündet, und der Schiffskoch, ein alter Gardeschütze aus Berlin, ist an einem genau nach dem preußischen Reglement angelegten Kochgraben eifrigst bemüht, den ermatteten und durchnäßten Leuten etwas warmes Essen zuzubereiten. Dann macht sich Jeder, so gut es geht, in dem weichen Sand unter dem Zelt ein Lager für die Nacht zurecht und erwartet den Schlaf.

Da aber war die Rechnung ohne – die Mosquitos gemacht, welche aus den nahen Wäldern und Sümpfen herbeigelockt waren. Eben ist man im Begriff einzuschlafen – da summt und singt es plötzlich am Ohr, und nun beginnt der oft beschriebene Kampf ohne Erbarmen drüben, ohne Hoffnung auf Sieg hüben. Bald tönt aus dieser, bald aus jener Ecke des Zeltes erst ein leiser Seufzer, dann ein tüchtiger Seemannsfluch, bis endlich bald der Eine, bald der Andere, wie von Furien verfolgt, zum Zelt hinaus und zum Feuer stürzt, in dessen qualmendem Rauch man zwar vor Mosquitos ziemlich sicher ist, aber Gefahr läuft zu ersticken. So giebt es denn keine Rettung weiter, als zur Pfeife oder Cigarre zu greifen und die ganze Nacht am Strande um das Feuer herumzulaufen. Nur wenige Hartfellige bringen es zu einem, wenn auch sehr unruhigen Schlaf; früh sind sie freilich so zerstochen und verschwollen, daß sie kaum aus den Augen sehen können.

Als der Tag anbrach, erschien einer unserer alten japanischen Bekannten, Jedem seine obligaten Bücklinge machend, indem er sich bis zur Erde verneigte; er bat den Capitain ihm zu Pferd nach einem neun Stunden entfernten Städtchen zu folgen, woselbst ein höherer japanischer Beamter residiren sollte. Der Capitain leistete dieser Aufforderung natürlich Folge, und wir benutzten die Zeit bis zu seiner nach zwei Tagen erfolgenden Rückkehr, unsere sehr ungemüthliche Lage etwas bequemer zu gestalten, indem Matratzen, Stühle, Decken, Proviant, ja sogar auch ein Tisch vom Schiff heruntergeholt wurden. Letzterer war bald mit üppigen Sträußen der schönsten Wald- und Wiesenblumen geschmückt. Kurz, es wurde Alles so gemüthlich wie möglich eingerichtet, und wenn nur die Legionen von Mücken bei Nacht und Stechfliegen bei Tag nicht gewesen wären, so hätte man es schon aushalten können.

Der Strand war weithin mit leeren Zuckertonnen und zerfallenen Seifenkisten bedeckt, deren halbzerflossener Inhalt einheimische Fischern, die gerade vorbeikamen, sehr verlockend erschien. So groß aber war die Ehrlichkeit dieser Leute, daß sie von diesem eigentlich herrenlosen Gut sich nicht eher etwas aneigneten, als bis sie den Einen oder Anderen von uns zu den betreffenden Stellen geführt und die natürlich gern ertheilte Erlaubniß erhalten hatten. An den europäischen Küsten würden die Strandbewohner nicht so große Umstände gemacht haben, und wieder einmal hatte Seume Recht mit seinem: „Wir Wilde sind doch bessere Menschen.“

Die Bewohner des Landes benutzen den Strand als Verkehrsweg, da es im Innern der Insel keine Straßen giebt, vielmehr dort alles fast noch unerforschte, ängstlich gemiedene Wildniß und Urwald ist; der Verkehr mit den Leuten gestaltete sich auf das Günstigste. Obwohl Alle schon häufiger mit Europäern zusammengekommen zu sein schienen, so betrachteten sie doch die am Strande herumliegenden Dinge mit der größten Aufmerksamkeit und ließen sich den Gebrauch dieses oder jenes Gegenstandes auseinandersetzen, ohne jedoch zu wagen, irgend etwas ohne specielle Erlaubniß zu berühren. Zuweilen erhielten wir auch den Besuch von höheren Beamten; es waren Abgesandte des oben erwähnten Gouverneurs in Nemoro, welche europäisch gekleidet waren und mehr oder weniger geläufig englisch sprachen. Sie untersuchten genau die Lage des Schiffes, beabachteten unser Thun und Treiben und ließen sich bereitwilligst mit Champagner und Cigarren tractiren. Was schadete es, wenn der Eine keinen Hut hatte und des Andern Hosen von etwas bedenklicher Kürze waren, auch der Rock nicht vom ersten Pariser Schneider gemacht zu sein schien; die Leutchen waren alle höflich und freundlich und versprachen jede mögliche Hülfe. Beim Abschied erhielt dann wohl Jeder sein tüchtiges Stück Schinken, das, sauber in Papier eingewickelt, sofort in einer Rocktasche verschwand; daneben wurde Jedem auch noch ein Stück Hutzucker zu Theil. Bezahlungen, die uns in der ersten Zeit angeboten wurden, lehnten wir natürlich ab.

So verging eine volle Woche; tagtäglich waren wir mit Rettungsversuchen beschäftigt, die aber stets mißlangen, und ein kleiner japanischer Dampfer, der uns zur Verfügung gestellt war, konnte auch nicht viel helfen. Nachdem unser braves Schiffchen allmählich durch den Wogengang fast ganz auf das Trockene geworfen war, wurde das Nöthigste zusammengepackt, und während der Capitain beim Schiff zur Bewachung blieb, war bald die übrige Mannschaft mit dem oben erwähnten japanischen Dampfboot an der Küste entlang nach einem kleinen Fischerort gebracht. Die Bevölkerung desselben bestand theilweise aus Aïnos, jenem Volke, welches sich vor allen anderen der Erde durch eine starke Behaarung des ganzen Körpers auszeichnet – eine Eigenthümlichkeit, die von ihren Trägern für eine besondere Schönheit gehalten zu werden scheint; nehmen doch die Aïnofranen ihre Zuflucht zu der Kunst, um die Kargheit der Natur zu corrigiren, indem sie mittelst einer schwarzblauen Farbe die Oberlippe derart tätowiren, daß der Schein eines kräftigen Schnurrbartes erweckt wird (vergl. die umstehende Abbildung!). Früher die Hauptbevölkerung der südlichen Inseln des japanischen Reiches bildend, wurden die Aïnos im dreizehnten Jahrhundert dort ausgerottet; jetzt bewohnen sie nur noch die Insel Jesso und die Kurilen. Sie leben vom Fischfang und von der Zubereitung des Seetanges, welcher in den Küstendörfern am Strande getrocknet und in großen Bündeln meist nach China exportirt wird, wo dieser gerade nicht sehr wohlduftende Tang, gekocht oder als eine Art Salat, in großen Massen verzehrt wird. Die Aïnos sind außerdem sehr muthige Jäger, namentlich auf Bären, von denen es auf der Insel Jesso noch sehr viele giebt und welche sie meist mit vergifteten Pfeilen durch Selbstschüsse erlegen. Doch scheuen sie auch persönlichen Kampf mit den Ungethümen durchaus nicht, und wenn die Umgebung von Hokodade, wo die Bären eigentlich ausgerottet sind, einmal wieder durch solche Eindringlinge belästigt wird, so verschreibt die japanische Regierung stets einige Männer aus den nächsten Aïnodörfern, um die lästigen Gäste durch diese erlegen zu lassen. Trotz des gutmüthigen Charakters dieser Leute werden sie von den Japanern als ein früher unterjochtes und wenig civilisirtes Volk mit Verachtung angesehen, und in den Gasthäusern dürfen sie, wenn sie darin überhaupt geduldet werden, die ihnen zur Benutzung angewiesene Ecke, meist gleich beim Eingang, nicht überschreiten.

Die umstehende Abbildung, welche den Lesern einige charakteristische Typen von Aïnos vorführt, ist nach von Japanern gefertigten Photographien hergestellt und giebt ihren Gegenstand in naturgetreuer Weise wieder.[1] [370] Japan ist ein ungeheuer rasch sich entwickelndes Land; noch vor dreißig Jahren liefen Europäer im Fall eines Schiffbruchs an diesen ungastlichen Gestaden Gefahr, ihr Leben durch Henkershand zu verlieren oder Jahre lang, ängstlich bewacht, im Lande zurückgehalten zu werden, und jetzt wurden wir mit der ausgesuchtesten Höflichkeit aufgenommen, in einem für japanische Verhältnisse recht guten Gasthause untergebracht und täglich dreimal mit frischem, lachsartigem Fisch versehen; ja aus Besorgniß für unser kostbares Leben wurde es uns nicht einmal gestattet, den zahlreichen Bären, die das Reisen in der Nachtzeit dort sehr gefährlich machen, einige Denkzettel an unsern Aufenthalt zu geben. Nur heimlich gelang es einigen von uns, bis an die Zähne mit Messern, Revolvern und Flinten bewaffnet, sich eines schönen Tages aus dem Städtchen hinaus in's Freie zu stehlen, um eine frische, fröhliche Jagd auf die Ungethüme zu veranstalten. Unsere Jagdlust wurde aber nach fünfstündigem Herumirren in dem pfadlosen Urwald mit seinen mannshohen Gräsern und unpassirbaren Sümpfen bald bedenklich abgekühlt; das Gewirr der umgefallenen, halbvermoderten Baumriesen, in die man häufig beim Ueberklettern bis an den Leib hineinsank, das dichte Unterholz, durch welches man sich nur mit größter Mühe Schritt für Schritt einen Weg bahnen konnte, ließen es räthlich erscheinen, bei anbrechender Nacht die gastlichen Wohnstätten der Menschen wieder aufzusuchen, zumal Meister Petz, wie wir aus einigen aufgefundenen, aber leeren Lagern sahen, es vorgezogen hatte, vor unserer lärmenden Jagdgesellschaft einen schleunigen Rückzug anzutreten. Sehr ermüdet und verfolgt von den ironischen Blicken der Bewohner, kehrten wir am Abend in das Städtchen zurück, als einzige Jagdbeute einige unschuldige Raben mit uns führend, die so unvorsichtig gewesen waren, uns auf Schußweite herankommen zu lassen.

Wir hatten nun reichliche Muße, um uns das Städtchen genau anzusehen und alle Merkwürdigkeiten zu studiren. Wie im Abendlande die Kirchen zu den hervorragendsten Bauten in Dörfern und Städten gehören, so fallen auch in Japan in allen Ortschaften sofort gewisse Gebäude in's Auge, die religiösen Zwecken geweiht sind. Besonders bemerkenswerth sind die meist reich vergoldeten, mit wunderbarem Schnörkelwerk ausgestatteten Buddhatempel, die häufig inmitten oder in nächster Nähe eines aus hohen, uralten Bäumen gebildeten Haines liegen und mit den zu ihnen hinführenden Reihen von steinernen Laternensäulen nicht selten sehr malerische Bilder liefern, welche einen tiefen Frieden, eine heilige Stille athmen.

Der Buddhismus, obwohl nicht officielle Staatsreligion Japans, hat doch die meisten Anhänger unter den Landesbewohnern. Im Allgemeinen freilich ist der Japaner sehr indifferent; namentlich die gebildeten Stände lassen sich über religiöse Fragen nicht im Mindesten graue Haare wachsen und sehen besonders mitleidig auf das Thun der in allen Farbenschattirungen zahlreich vorhandenen Missionäre herab, deren Erfolge denn auch, trotz aller rosig gefärbten Berichte, so ziemlich gleich Null sind. Diesen Herren, unter denen sich übrigens einige sehr tüchtige Kenner japanischer Verhältnisse befinden, ist die Ausübung ihres Berufes im Innern des Landes untersagt, wohl im Hinblick auf einige Vorkommnisse sehr ärgerlicher Natur in früheren Jahrhunderten, wo die damals in Japan sehr zahlreich vorhandenen, von Jesuiten bekehrten Christen die Fahne des Aufruhrs gegen die Regierung erhoben, bis sie endlich gänzlich ausgerottet wurden. Heute ist es Jedermann gestattet, wenn er sich von dem Gesandten seines Heimathslandes mit einem Paß versehen läßt, ungehindert im ganzen Lande sich umzusehen; nur darf er sich's dabei nicht einfallen lassen, predigen zu wollen oder Tractätchen zu vertheilen.

Dem toleranten Charakter des Buddhismus entsprechend, war es für uns nicht schwer, Eintritt in den Tempel des Städtchens zu erhalten und Freundschaft mit den Priestern desselben zu schließen. Gern gestattete man uns, nachdem wir Buddha oder vielmehr seine Vertreter auf Erden mit einigen Kupfermünzen bereichert hatten, des öfteren dem Gottesdienst beizuwohnen, der durch die weißgekleideten, ganz glatt geschorenen Priester und die Knaben mit Räuchergefäßen und Lichtern, sowie durch das Knieen und Niederbeugen der andächtig Versammelten sehr an den Cultus in katholischen Kirchen erinnerte. Die Versammlung der Andächtigen bestand außer uns meistens aus Frauen und alten Männern. Zur Schonung der zarten Strohmatten, mit denen alle Gebäude ausgelegt sind, hatten wir die Fußbekleidung hübsch draußen vor der Thür stehen lassen müssen; dagegen brachte man uns, um uns der für Europäer doch recht beschwerlichen Landessitte zu überheben, nach Türken-Art oder auf den Hacken am Boden zu sitzen, einige Stühle, wahrscheinlich die einzigen im ganzen Orte.

Aber nicht allein mit den Buddhapriestern, sondern auch mit den übrigen Bewohnern standen wir auf gutem Fuße. Der eine oder andere lud uns dann wohl bei unserm Hindurchschlendern durch die Straßen ein, näher zu treten und in seinem Hause ein Täßchen Thee einzunehmen; besonders gern geschah dies von solchen Leuten, die schon einige Brocken Englisch sich angeeignet hatten und stolz darauf waren, diese Weltsprache verstehen zu können. Wenn der Stoff zu der mühsam geführten Conversation auszugehen drohte, wurde das Schreibzeug, bestehend aus einem Kasten mit Tusche und feinen Haarpinseln, herbei geholt, und wir mußten auf höfliches Ersuchen unsere Namen zu Papier bringen. Das höchst wichtige Actenstück wurde dann von den Herren in sorgsamen Verwahr genommen, und nun wurden auch wir von dem Namen unseres gütigen Wirthes in Kenntniß gesetzt.

Nach einem mehrwöchentlichen Aufenthalt beförderte uns endlich ein japanischer Regierungsdampfer nach der Stadt Hakodade, wo uns die Nachricht vom glücklichen Eintreffen der „Vega“ in Jokohama erreichte.

Sobald sich eine Schiffsgelegenheit bot, eilten wir dorthin, um Professor Nordenskjöld und seine muthigen Gefährten begrüßen zu können, und wenn auch unser Zusammentreffen unter gänzlich anderen Verhältnissen und an einer andern Stelle stattfand, als wir bei unserem Fortgange von Europa erwartet und gehofft hatten, so tröstete uns doch die Freude über das nunmehr glücklich von der „Vega“ vollendete Werk der Umschiffung des nördlichen Theiles der alten Welt über unser eigenes Unglück und wir waren neidlose Zeugen der allseitigen Bewunderung, welche der kühnen That Professor Nordenskjöld's und seiner Genossen von Seiten der in Japan lebenden Europäer und der gebildeten Japaner selbst gezollt wurde. Eine Festlichkeit reihte sich in jenen Septembertagen an die andere, alle aber wurden von dem Glanze eines Nachtfestes überstrahlt, welches in Tokio, der Hauptstadt Japans, von der englischen und deutschen ostasiatischen Gesellschaft und von dem erst kürzlich gegründeten, bisher nur geborene Japaner zu Mitgliedern zählenden geographischen Verein gegeben wurde; es wird sicherlich den Hunderten von Theilnehmern unvergeßlich bleiben.

Die Ehrengäste des Abends wurden mittelst Equipagen von dem Bahnhofe der Eisenbahn, welche Jokohama mit Tokio verbindet und auf der von früh Morgens bis spät in die Nacht hinein alle fünfviertel Stunden Züge zwischen beiden Städten verkehren, nach dem zum Festlocale auserkorenen Gebäude der polytechnischen Schule von Tokio übergeführt. Der Garten und das ganze stattliche Ziegelgebäude waren mit Hunderten der in Japan allgemein üblichen bunten Papierlaternen beleuchtet, und der ganze Saal mit schwedischen, englischen, deutschen, russischen und den weißen, mit einer rothen Sonne in der Mitte versehenen japanischen Flagge ausgeschmückt. Alles, was Japan an einheimischen und fremden politischen wie wissenschaftlichen Größen aufzuweisen hat, war hier versammelt. Es war Gelegenheit geboten, jene Männer kennen zu lernen, welchen das Land die Anregung zu den seit zehn Jahren in's Werk gesetzten großartigen Umgestaltungen seines socialen und politischen Lebens verdankt, durch deren Bemühungen Japan binnen zweier Decennien aus Verhältnissen, welche ungemein an unsere eigenen mittelalterlichen [371] Zustände erinnern, herausgetreten ist und bald im Stande sein wird, in die Reihe moderner Culturstaaten einzugehen.

Kein leicht ausführbares Unternehmen ist dies gewesen; galt es doch für diese Reformatoren, sich selbst zunächst mit den Einrichtungen der civilisirten Staaten vertraut zu machen, zu einer Zeit, als noch für jeden Japaner eine Reise über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus gesetzlich als ein mit dem Tode zu bestrafendes Verbrechen galt. Nicht wenige von ihnen haben später, als es ihnen trotz aller Hemmnisse und Schranken gelungen war, Reformen einzuführen, die mit einem Schlag den Feudalismus und alle sonstigen einer weiteren Fortentwickeln entgegenstehenden Einrichtungen in Japan beseitigten, unter den Schwertern und Dolchen fanatisch conservativer Landsleute den Tod gefunden.

Neben jenen hervorragenden Männern Japans waren die in der Hauptstadt residirenden diplomatischen Vertreter der verschiedenen ausländischen Staaten und die zahlreichen, namentlich anglo-amerikanischen und deutschen Gelehrten, welche an den wissenschaftlichen Anstalten Tokios wirken, zugegen. Das Festbankett nahm einen sehr gelungenen Verlauf; die Tafelmusik, welche von der Capelle des kaiserlichen Garderegiments ausgeführt wurde, ließ nichts zu wünschen übrig, und es war ein deutscher Capellmeister, welcher diese, bei dem unglaublich geringen musikalischen Sinn, den die Japaner im Allgemeinen haben, geradezu ein Kunststück zu nennende Leistung durch seine Geduld und Ausdauer ermöglicht hatte. Die zahlreichen, auch in deutscher Sprache ausgebrachten Trinksprüche gaben den tröstlichen Beweis, daß der deutsche Einfluß dem englisch-amerikanischen an Reiche des Sonnenaufganges nicht nachsteht, das „sprechendste“ Zeugniß dafür aber lieferte der Toast, den Kita Schira Kawa-no-Miya, der Onkel des regierenden Mikado, in fließendem Deutsch auf den Helden des Tages, auf Professor Nordenskjöld, ausbrachte.

v. Danckelmann.
  1. Nicht unwillkommen dürften hier einige Mittheilungen über die Abstammung und die Naturanlagen der Aïnos sein. Dieses im Aussterben begriffene Volk ist von zweifelhaftem Ursprung; es wurde früher allgemein der turanischen und wird jetzt von Einigen der arischen Familie zugewiesen. Hervorragende Bildungsfähigkeit und Intelligenz ist ihm nicht eigen; dagegen zeichnet es sich durch eine unverkennbare Gutmüthigkeit aus. Die Aïnos sind von dunkelbrauner Gesichtsfarbe und mittlerem Wuchs, und ihr Körper ist, wie bereits oben erwähnt, fast ganz von starker Behaarung bedeckt. Unser heutiges Bild thut indessen dar, daß dieser eigenthümliche Volksstamm neben Gesichtern von dem unverkennbar stupiden Ausdrucke einer untergeordneten Rasse auch Physiognomien von edlerem Formcharakter und einem gewissermaßen europäischen Gepräge geistiger Belebtheit aufzuweisen hat.
    D. Red.