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Auf der Parforcejagd

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Textdaten
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Autor: Karl Brandt
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Titel: Auf der Parforcejagd
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 13, 19–20
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[13]

Photographie im Verlag von Braun, Clément & Cie. in Dornach.
Auf der Parforcejagd.
Nach dem Gemälde von Paul Tavernier.

[19] Auf der Parforcejagd. (Zu dem Bilde S. 13.) Die ältesten Jagden, die uns Sage und Dichtung überliefert hat, waren Parforcejagden, und der alte Döbel glaubt sogar, daß der alte Nimrod der Erfinder derselben gewesen sei. Jarl Iron von Brandenburg jagt in der altnordischen Wilkinasage mit seinen Rittern zu Pferde im Walslönguwalde den Ur und fast genau dieselbe Jagd wird uns auch im Amelungenliede erzählt. Nach ganz bestimmten Weidmannsregeln wurde die Parforcejagd aber erst in „Tristan und Isolde“ abgehalten. Gottfried von Straßburg muß ein „gerechter“ Jäger gewesen sein, sonst würde er uns in seinem Epos nicht alle Bräuche, die zu seiner Zeit, zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts, bei solchen Jagden üblich waren, bis in die kleinsten Einzelheiten erzählt haben, und daß das, was er schrieb, keine Phantasien waren, ist daraus ersichtlich, daß diese Jagden fünf Jahrhunderte später noch fast ebenso ausgeführt wurden wie zu jener frühen Zeit. In Deutschland wurde die Parforcejagd erst während der Regierung Ludwigs XIV. aus Frankreich eingeführt, sie wird deshalb auch die „französische“ genannt und ebenso sind die Jagdausdrücke bei derselben die französischen geblieben.

Das Bild „Auf der Parforcejagd“ versetzt uns anderthalb Jahrhunderte zurück in die Blütezeit der Jagdart in Deutschland. Lassen wir einmal eine solche im Geiste an uns vorüberziehen. Ein Jäger hat früh morgens mit dem Leithunde, einer heute ausgestorbenen Rasse, den „jagdbaren“ Hirsch, der zehn oder mehr Enden trägt, „bestätigt“. Der Hund fällt jede Hirschfährte an und der Jäger erkennt aus der Größe derselben die Stärke des Geweihes. Ist der Hirsch genügend stark, so wird die Dickung „umschlagen“ (d. h. umgangen), um festzustellen, ob er stehen geblieben ist. Wenn es der Fall, so ist er „bestätigt“, wenn nicht, so wird die zweite oder dritte Dickung, in welche er getreten ist, mit dem Leithunde umzogen. Vor Beginn der Jagd werden an bestimmten Stellen des Forstes, von denen man erfahrungsmäßig weiß, daß der Hirsch, wenn er gejagt wird, an ihnen vorüber zu wechseln pflegt, „Relais“ gelegt (früher: „Warten gesetzt“), d. h. frische Hunde und frische Pferde aufgestellt, und wenn dann die Herrschaften, Herren und Damen, erscheinen, kann die Jagd beginnen.

[20] Zunächst wird der Hirsch mit dem Leithunde, welcher am Leitseil der Fährte folgt, aus der Dickung „lanciert“, dann auf der Stelle, wo er über die Bahn fällt, die Meute zur Fährte gelegt, die mit hellem Geläute den Hirsch jagt und so sicher seine Fährte hält, daß sie selbst dann, wenn der „Anjagdhirsch“ zwischen ein Rudel anderer Hirsche kommt, seine Fährte zwischen denen der anderen kennt und ihr folgt, wenn er sich wieder vom Rudel abschlägt. Kommt die Jagd bei einem „Relais“ vorbei, so werden schnell frische Pferde bestiegen und frische Hunde zur Fährte gelegt, und weiter geht es im sausenden Galopp durch Dick und Dünn – kein Feld hält die Jagd auf, kein Fluß, kein See – bis endlich sich der Hirsch den Hunden stellt, „Halali“ ist und ihm der vornehmste Jäger den Fang giebt oder ihn mit der Büchse durch den Kopf schießt. Dann wird curée gemacht, d. h. der Hirsch „zerwirkt“, „zerlegt“, das in kleine Stücke zerschnittene „Wildpret“ auf die Decke des Hirsches gelegt und schließlich den Hunden zum Fressen überlassen.

In der Franzosenzeit, wo Deutschland verarmte, ist diese kostspielige Jagdart aus unserem Vaterlande verschwunden, in neuerer Zeit aber wieder eingeführt, wenn auch in etwas veränderter Form. Die heutigen Parforcejagden unterscheiden sich von den früheren hauptsächlich dadurch, daß Hirsch oder Sau nicht „bestätigt“, sondern an einer für die Jagd günstigen Stelle ausgesetzt wird. Auch sind die Hunde heute rascher oder das „Kastenwild“ langsamer als damals, denn während früher der Hirsch im Frühjahr 3½, im Herbst aber 4 Stunden „ausdauerte“, wird er heute meistens in einer Stunde oder noch früher „Halali“. Die bekanntesten Meuten sind heute die Königliche in Potsdam, die der Hannoverschen Offizierreitschule und die des Offizierskorps in Paderborn, dessen Jagdfeld die „Senne“ ist. Karl Brandt.