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Auf dem Dampfschiff zwischen New-York und Bremen

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Titel: Auf dem Dampfschiff zwischen New-York und Bremen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 536–539,
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Schiffstagebuch einer Fahrt von Bremen nach New-York, Die Gartenlaube, 1856
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[536]
Auf dem Dampfschiff zwischen New-York und Bremen.[1]
Die Abfahrt von New-York – Die Dampffähre. – Wagenchaos. – Der Dock und sein Menschengewühl. – Abschiedsscenen zwischen Schiff und Deck. – Das Sternenbanner auf dem Verdeck. – Missionsstimmung. – Die Bai von New-York. – Die ersten Tage am Bord. – Wahlverwandtschaftsgruppen. – Versteigerung einer südstaatlichen Banknote. – Das Kindertreiben auf dem Deck. – Die Frau des deutschen Malers. – Dessen „genialer Anfall“. – Der letzte Sonntag auf See. – Comfort auf dem Schiff. – Das Schiffsorchester. – Speculation des Schiffspersonals. – Vor Anker in der Wesermündung. – Trennung der Schiffscameraden. – Gegensatz der Heimkehrenden und der Auswandernden.

Es war am 20. Mai 1865, Vormittags zehn Uhr; in dem Gewühle der amerikanischen Metropole, New-York, bemerkte man in der Gegend von Barclaystraße, nach der Hoboken-Dampffähre zu, eine sich selbstständig behauptende Strömung von Wagen und Menschen. Mit gewohnter Geschicklichkeit finden die Droschkenkutscher ihren Weg über jene Querstraßen, an denen die gleichsam flüssigen Lavamassen des ungeheueren Verkehrs in der Nähe des Hafens einander begegnend sich aufstauen. Der Eifer der Rosselenker wird durch das hohe Fahrgeld angespornt, das sie den Unglücklichen abnehmen, welche um zwölf Uhr mit dem Dampfschiff nach Europa wollen und daher zu Beschwerden bei der Polizei gegen die Erpressungen der „hack“-(Lohnwagen-)Treiber keine Zeit mehr haben.

Endlich sind Wagen und Menschen an Bord der breiten, gewaltigen Dampffähre, welche den Verkehr zwischen New-York und dem aus einigen Sommergärtenwirtschaften und Villen zu einer bedeutenden Stadt angewachsenen Hoboken auf der Ostseite des East River vermittelt. Mit Majestät, wenn auch angestrengt arbeitend, erreicht nach etwa fünfzehn Minuten das Dampfboot das andere Ufer, die Ketten rasseln nieder, welche die Breter halten, über welche der Ausgang aus dem Boot führt, und donnernd rollen die Wagen durch die gewölbten Thore, welche man an den New-Yorker Fähren als Wartestationen und Regenschutzplätze überall findet. In gerader Linie wälzt sich jetzt ein Gewirr von Droschken, Expreßwagen, Güterwagenleviathans und den feinsten Equipagen nach dem nicht fernen Dock zu, an dem die Dampfschiffe des norddeutschen Lloyd ihre periodische Heimath haben. Der Dock ist seiner ganzen Länge nach überdeckt, und obgleich die Abfahrt des Dampfschiffs [537] „Amerika“ auf zwölf Uhr angesetzt, wartet noch eine unabsehbare Masse Kisten und Koffer des Tauhakens, an dem die mit Dampf getriebenen Flaschenzüge sie in den Raum des Schiffes befördern. Doch König Dampf ist ein enorm schneller Arbeiter, gleichviel in welchem Fache er arbeitet, und gegen ein Uhr – Dampfschiffe sind ihrem Wesen nach nie so präcis wie Eisenbahnzüge – fliegt die letzte Kiste in den geräumigen Bauch des Schiffes hinab.

Mittlerweile haben sich Hunderte von Menschen am Dock gesammelt, welche dem Abgang des deutschen Dampfschiffes beiwohnen wollen. Verkäufer von Apfelsinen machen glänzende Geschäfte, ebenso fliegende Zeitungshändler, welche die noch feuchte letzte Wochennummer der New-Yorker Illustrated News in englischer wie in deutscher Sprache den Passagieren als Reiselectüre anbieten.

Die Schiffsglocke hat bereits verschiedene Mal die Verwandten und Bekannten der Passagiere ermahnt, sich an’s Land zu begeben, und die Unterhaltung zwischen den Scheidenden geschieht par distance. Auf dem Verdeck halten die Mütter ihre Kinder empor, um noch einmal der Tante oder Großmutter zuzulächeln, die auf dem Dock thränenden Auges steht; mit kalter Höflichkeit empfiehlt sich der geehrte New-Yorker Correspondent dem Repräsentanten der westindischen oder mexicanischen Firma, welcher mit seiner Familie den alten Hansestädten zueilt, die er vor Jahren als einfacher Commis verlassen, um in der dollarreicheren Ferne sein Glück zu suchen und zu finden, oder auch ein frühes Grab durch Krankheit des Klimas.

Im Ganzen jedoch giebt sich unter der Menge auf dem Dock, wie auf dem Verdeck, eine gehobene Stimmung kund. Gold steht 130 und Jefferson Davis ist auf dem Wege hinter die Gitter des Washington-Arsenals. Beide Nachrichten werden Europa zugleich erreichen und beide den Cours der Vereinigten-Staaten-Papiere wie der Vereinigten-Staaten-Bürger drüben steigen machen. Kein Wunder, daß ein deutscher Abolitionist aus dem schlotreichen Pittsburg, dem Birmingham der Vereinigten Staaten, sich eigens ein Sternenbanner gekauft hat, um dessen Glanz bei der Abfahrt zu entfalten. Auf dem höchsten Punkte des Verdeckes postirt, setzt er die Flagge in dem Augenblick der Brise aus, wo die Schiffskanone das letzte Signal giebt und die Schraube am Hintertheil zuerst den ruhigen Wasserspiegel in wilden Schaum verwandelt. Ein dreifaches Hurrah für die Vereinigten Staaten ertönt unwillkürlich aus allen Kehlen der am Vorderende des Docks jetzt gedrängt stehenden Massen, die mit dem Schiff sechshundert amerikanische Bürger als Apostel eines neubekräftigten Evangeliums mit freudigem Stolze zu entsenden glauben. Die Sechshundert scheinen für den Augenblick diese Missionsstimmung zu theilen, und selbst die Gesichter einiger conföderirten Soldaten und südlichen Damen blicken nur versteckt Dolche bei dieser Verherrlichung ihres triumphirenden, wenn auch von ihnen noch thöricht gehaßten, großen Vaterlandes. Einige Minuten später und das Schiff fliegt den Strom hinab, das Dock verwandelt sich in weiße Wimpel, d. h. Abschied wehende Taschentücher, und bald verschwinden auch diese den spähenden Blicken der über die Eisendrahtbekleidung des Verdeckes sich hinauslehnenden Passagiere. Sie kehren der Vergangenheit den Rücken und blicken freudig in die vor ihnen liegende Zukunft und Gegenwart.

Die großartig prächtige Bai entrollt sich vor den erstaunten Augen; wir passiren Fort Lafayette, aus dem soeben die Gnade der Republik die letzten hundert Spitzbuben entlassen, welche sich wiederholt in die Armee für fünfhundert Dollars anwerben ließen, um eben so oft zu desertiren und die Vereinigten Staaten um Soldaten, die Stadt um Stellvertreter und Geld zu betrügen. Ein Vereinigtes-Staaten-Panzerschiff wird freudig begrüßt, es scheint den Passagieren die Versicherung zu geben, daß auch in der Ferne eine Macht walten wird, die nicht duldet, daß man ihnen ein Haar auf dem Haupte krümmt. Staten-Island mit seinen reizenden Villen, die aus reichen Gärten auf sanften Hügeln herabschauen, begleitet uns bis an die Mündung der Bucht und überläßt uns den Lootsen, um uns durch dieselbe auf hohe See zu führen. Zum letzten Mal blicken wir nach New-York, das im Widerschein der Sonne, ein ungeheures Amphitheater, am Horizonte sich erstreckt, dann kehren wir unsere Aufmerksamkeit ausschließlich dem Meere und den Personen auf dem Deck zu, die für die nächsten zwölf bis dreizehn Tage unsere Welt sein werden.

Eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit ist unter Passagieren in den ersten Tagen einer Seereise stets bemerkbar, namentlich wenn das Meer sich freundlich beträgt und man mit Interesse die vier Mahlzeiten genießt, die allemal vier Stunden voneinander entfernt die erfreulichsten Cäsuren im Schiffseposversmaß bilden. Später, wenn die durch stürmisches Wetter hervorgerufene Seekrankheit ein Drittel oder die Hälfte der Passagiere in der Unterwelt festhält und selbst die Oberwelt des Deckes, von einer Seite zur andern schwankend, nicht mehr mit reiner Freude beschritten wird, folgt dem angespannten Wesen der ersten Sonnentage eine Reaction und eine größere Anzahl Cigarren bildet zur düsteren Stimmung sowohl den Hintergrund, wie das Resignations-Antidot. Der erste sonnige Tag ruft jedoch Alle in das andere Extrem, und nirgends wird die Frage: „Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?“ so leicht bejahend beantwortet wie auf einem Schiff. Nirgends herrscht solche kindliche Leichtgläubigkeit und selbst die stärksten Geister können sich ihr nicht entziehen. Geht z. B. das Schiff ruhig, so zweifelt Niemand, daß diese Ruhe bis zu Ende der Reise anhalten werde, und Alles wundert sich, daß die Aufwärter die hölzernen Vierecke nicht wieder von den Tischen entfernen, welche sie zur Zeit des stärkeren Schaukelns zur Sicherung des Speisegeschirrs vor Purzelbäumen festgeschraubt haben. Die oben erwähnte Lebhaftigkeit hat im Anfang einen isolirenden Charakter, Alles gruppirt sich in verwandten oder wahlverwandten Gesellschaften wie auf dem Blocksberge im ersten Theile des Faust, es fehlt ein gemeinsames, belebendes Centrum, die Genies des socialen Wesens wandeln noch unerkannt oder gar verkannt umher. Zu diesem Stadium ist die Anwesenheit einer lieben Frau und Kinder ein glücklicher Umstand, so lästig diese Schätze auch wenige Tage darauf werden. Wehe dem Unglücklichen, der

„Auch nicht eine Seele
Sein nennt auf dem Erdenrund.“

Für ihn bleibt nichts übrig, als das um diese Zeit noch einsame Rauchzimmer oder ein Sitz hinter dem Steuerhaus, wo Niemand seinen verlassenen Zustand bemerken und durch mitleidig-stolze Blicke vertiefen und noch verlassener machen kann.

Betrachten wir uns zunächst einige jener Wahlverwandtschaftsgruppen in der Nähe. Eine gewisse „Familienähnlichkeit“ herrscht unter den verschiedenen Großhändlern und Importeuren, welche Deutschland in seiner vielstaatlichen Verkleidung als Consuln oder Privatleute in ausländischen Häfen und Hauptplätzen vertreten. Die meisten dieser Herren haben etwas Zugeknöpftes, Nüchternes, Kaltes an sich. Vielleicht ist ihnen die Sonne des neunundvierzigsten Breitengrades (auf welchem die Oceandampfschiffe sich meistens halten) zu frostig gegen die tropische Hitze, deren Einfluß selbst den Madeira verbessert und noch feuriger macht. Vielleicht grämen sie sich über den Schutzzolltarif der Vereinigten Staaten, welcher die Einfuhr ausländischer Waaren erschwert und den daran zu machenden Profit den Importeuren zu verringern droht. Einige dieser Herren, welche in New-Orleans und Savannah ihre Handelsbureaux gehabt, tragen in ihrem Gesicht eine Art Halbtrauer für die dahingeschiedene südliche Conföderation zur Schau. Sie sind eine besondere Species Halbsecessionisten, moderne Romantiker, welche der verschwundenen Glorie der „alten guten Zeit“ melancholisch nachblicken, in der Baumwolle und Geld in südlichen Plätzen in Menge zu machen stand. Sie treten indeß äußerst leise und vorsichtig auf und lassen den Pferdefuß nur blitzweise sehen.

Die Anhänger der Union sind zu zahlreich auf dem Schiffe, und auf ihm befinden sich zur Ehre des deutschen Namens nur zwei Deutsche, welche die Waffen für die Rebellen gegen die große Republik getragen. Die, wie man in stagnationssüchtigen deutschen Cirkeln sagt, leidige Politik theilt selbst zuletzt die deutschen Importeure und Großhändler in zwei feindliche Lager: eine Debatte beginnt, die bis zum letzten Tage der Fahrt dauert. Auf der einen Seite standen die erwähnten Halbsecessionisten, unterstützt von Deutschen aus Venezuela, MacClellan-Anbetern aus New-York und Baltimore-Banquiers: auf der andern einige New-Yorker Großhändler von Broadway und selbst Wallstraße, sowie die Vertreter des amerikanischen Westens, welche alle Maßregeln der Bundesregierung vertheidigten und das Unhaltbare der Positionen der Gegner nach harten Kämpfen siegreich nachwiesen.

Eine mehr neutrale Stellung nahm ein deutscher, d. h. österreichisch-oldenburgisch-hannöverscher, Consul von einer der wichtigeren westindischen Inseln ein, welcher theoretisch die Sache der [538] Union für die allein richtige erklärte, jedoch große Lust gehabt hatte, eine Ladung Salz auf einem leichtgehenden Schooner von Nassau nach Wilmington, Nord-Carolina, einzuschmuggeln, und noch gelegentlich die Aengstlichkeit seiner Associés verwünschte, die ihre Bedenken gegen Blokadebrecher trotz südlicher Sympathien und enormer Profite im Fall des Durchkommens des Schmuggelschiffes nicht überwinden konnten. Alle diese Debatten und Gespräche gingen auf dem Deck der ersten Kajüte vor sich, denen die Passagiere der zweiten Kajüte, über die aus einer Messingstange bestehende Grenze sich legend, andächtig lauschten, Freude äußernd über jede neue Tiefquarte, die den Vertheidigern der südlichen Aristokratie beigebracht wurde. In der zweiten Kajüte nahm dieselbe Debatte eine noch lebhaftere Richtung. Ein exconföderirter Soldat erregte förmlich die sittliche Entrüstung des im Eingang erwähnten Pittsburger Abolitionisten, der, von einem Schuhmacher zum Doctor der Homöopathie emporgekommen, nach den Grundsätzen der letzteren Heftigkeit mit Heftigkeit erwiderte. Der conföderirte Exsoldat versuchte jedoch, um zu imponiren, einen Staatsstreich: um seine Verachtung gegen die Vereinigten Staaten mehr als symbolisch auszudrücken, zerriß er plötzlich vor Aller Augen eine Fünfzig-Dollar-Vereinigte-Staaten-Banknote. Der Effect dieses selbstverleugnenden Patriotismus war für den Augenblick nicht übel, jedoch ging er bald darauf durch die Entdeckung verloren, daß die Banknote nichts werth war, weil nachgemacht. Die Versteigerung einer conföderirten Hundert-Dollar-Note im Salon der ersten Kajüte, obgleich nur zum Scherz veranstaltet, brachte eine Amerikanerin aus Alabama, die mit ihrem deutschen Manne in deutschen Bädern Gesundheit suchen wollte, vollständig aus dem Häuschen. Sie verbat sich dergleichen Verhöhnungen ernstlich. Ein unterdrücktes Lachen war die Antwort der Umgebung.

Die zahlreichen, von der Seekrankheit nicht berührten Kinder wurden allmählich mit dem Gehen auf Deck so vertraut, daß sie sich anfaßten und hintereinander herliefen. Springseile tauchten auf und ein junger Costa-Ricaner, der in einer osnabrückschen Handelsschule von unserer Cultur beleckt werden soll, übte sich im Werfen eines Lasso, zu dem er einen Strick annähernd hergerichtet. Die dreiundvierzig Kinder der ersten Kajüte, obgleich in verschiedenen Sprachen (spanisch, französisch, englisch und deutsch) erzogen, wußten sich doch bald zu verständigen, mittels des Englischen. Unter denjenigen, die bei allem Wetter stets das Deck als Seekrankheit-Assecuranzbureau behaupteten, fiel eine kleine, zierliche Amerikanerin in’s Auge nebst ihrer kleinen Tochter, einem Kinde von jener durchsichtigen feinen Gesichtsfarbe, die man in England und Amerika so schön findet. Sie war die reiche Frau eines talentvollen deutschen Malers, der sie in Southampton erwartete, um mit ihr über Paris nach Rom zu geben, wirklich begrüßte auch der Herr Gemahl auf der Rhede von Cowes (Southampton gegenüber) die so kostbare Gemahlin mit nicht geringer Freude, war jedoch unangenehm überrascht, in einem der deutschen Passagiere einen Mann zu entdecken, dem er vor Jahren, natürlich in einem genialen Anfalle, welchen die prosaische Welt nicht als solchen anerkennen wollte, fünfzig Dollars in New-York entwandte. Der Bestohlene war jedoch mit Rücksicht auf die niedliche Frau großmüthig genug, sich damit zu begnügen, auf dem Deck hin- und hergehend scharfe Blicke auf den „Genialen“ zu schleudern und ihm die Minuten zu Stunden zu machen, die bis zur Abfahrt des kleinen Dampfers verrannen, welcher zunächst das Gepäck von etwa sechszig Passagieren nebst 900,000 Dollars in Gold einzuladen hatte.

Welche merkwürdigen Begegnungen mitunter vorkommen, bewies der Fall zweier Juden, die vor achtundzwanzig Jahren auf demselben Segelschiffe nach Amerika fuhren und jetzt zum ersten Mal sich auf der „Amerika“ wiederfanden, die Beide derselben Heimath entgegenführte. Der letzte Sonntag, den man voraussichtlich auf dem Meere zusammen verlebte, wurde besonders gefeiert; von einem Dutzend, wenn nicht gar dreizehn Passagieren, ward eine feierliche Bowle Ananas-Punsch beim Oberkellner, oder ceremonieller „Head-Steward“, Hupe beordert und einige Stunden lang mit Toasten und obligaten Reden genossen, welche verschiedene am andern Ende der Kajüte vorhandene Whistpartien nervös machten.

Des braven Capitains Wessels Gesundheit wurde natürlich mit Pathos getrunken und er mit dem Nordstern verglichen, an den der Schiffer in stürmischen Nächten mit unwandelbarem Vertrauen als seinen Wegweiser sich hält. Aber diesem Klimax der geselligen Stimmung folgte rasch eine Reaction. Erstaunt über die eigne Kühnheit, zogen sich die Meisten wieder in das Schneckenhaus des Particularismus zurück, um gegen Ende der Reise in Atomen nach allen Gegenden der Windrose zu zerfahren. Das moderne Oceandampfschiff steht zu dem Segelschiff in demselben Verhältniß, wie die Eisenbahn zu dem immer mehr in Seitenthälern verklingenden Postwagen. Das Zeitalter der so viel gepriesenen deutschen Gemüthlichkeit ist vorüber oder doch nur ein schwacher Abglanz der romantischen Blütheperiode noch sichtbar. Dagegen sind auf der andern Seite die sehr wesentlichen Verbesserungen und Annehmlichkeiten nicht zu übersehen, welche die jetzige Art des Seereisens bietet.

Das Leben auf einem Bremer oder Hamburger Dampfschiffe insbesondere unterscheidet sich von dem in einem großen Hôtel nur dadurch, daß das Schiff auf dem Wasser schwimmt und mitunter die Flaschen, Gläser und Teller von den Tischen herab unwillkommene Besuche auf dem Schooße der Passagiere abstatten. Sonst hat man seine Milch zum Kaffee, Dank der Condensationserfindung, frisches Fleisch aller Art, Dank der Eiskammer, und Wasser genug für alle Zwecke, Dank dem Condensator der siebenhundert Pferdekraft starken Dampfmaschine. Ein eigener Pasteten- und Tortenbäcker sorgt für die feineren Ansprüche der Zunge, d. h. für die der ersten Kajüte. Die Zungen in der zweiten müssen Epikur aus eigenen Ressourcen opfern oder mehr pythagoräisch leben. Für die Unterhaltung des Geistes sorgt eine Bibliothek, der Mehrzahl nach aus deutschen Werken bestehend. Für Amerikaner bieten sich Dickens’ Household Words, Swift’s Werke u. A. dar, für Franzosen Le Sage’s Gil Blas, Racine und Corneille.

Auf der „Amerika“ gab es ferner regelmäßig des Abends Concerte. und zwar sowohl von Blas- wie von Streichinstrumenten. Das Orchester bildeten sieben oder acht Kellner oder Aufwärter der zweiten Kajüte. Sie hatten ein ganz niedliches Repertoire und verstanden es trotz allem Geschaukel des Meeres den Bogen gerade zu halten. Ob diese Kellner erst Musiker wurden, um ihren sehr mäßigen Lohn aufzubessern, oder ob sich Musiker in Kellner umwandelten, um durch Betreibung von zwei Geschäften sich ein besseres Leben auf dem Meere zu bereiten, können wir nicht sagen. Die Jagd nach Geld war jedenfalls bei allen Schiffsangestellten vorherrschend. Alle hatten ihre Kajüten geräumt, vom Schiffsdoctor und Oberkellner bis zum Heizer herab, um die ersteren dafür vierzig Dollars, die letzteren zehn bis zwölf Dollars extra zu verdienen. Ihre Schlafstellen waren an Passagiere gegeben, die in den Staatszimmern kein Unterkommen mehr finden konnten. Des Nachts sah man daher im Salon der ersten Kajüte unter den Tischen schlafende Kellner, auf den Sophas schlafende Schiffsdoctoren und Oberkellner, und selbst im Zwischendeck ließ der „heilige Goldhunger“ Heizer und andere Angestellte ihr Exil von ihren eignen schönen Lagerstätten ertragen. Selbst die Speculation feiert unter diesen amerikanisch-deutschen Amphibien der Oceandampfschiffe ihre Triumphe. So belohnte sich das Vertrauen des Oberkellners auf den Sieg der guten Sache der Vereinigten Staaten durch eine ziemliche Reihe Goldstücke. Er hatte mit seinem deutschen Golde amerikanische Banknoten gekauft, als dieselben, an Gold gemessen, kaum vierzig Cent per Dollar werth waren, und er wechselte sie eben jetzt um, als der Dollar (Papiergeld) nahezu auf achtzig Cent in Gold wieder gestiegen war. Er bedauerte nur, seiner Zeit nicht sein ganzes Geld in amerikanischen Papieren angelegt zu haben.

Nach einer Fahrt von dreizehn Tagen warf das Dampsschiff in der Mündung der Weser Anker und die Ausladung begann. Daß nur amerikanische Häfen Wasser genug haben, um zu jeder Zeit das Einlaufen von Schiffen zu gestatten, erfüllte die Herzen der Amerikaner mit Stolz und tröstete sie über das unfreundliche Wetter bei der Pilgerreise auf dem Deck des kleinen Dampfers nach Bremerhaven. In Geestemünde erfolgte die erste Berührung mit dem Staat, die Republikanern so verhaßt ist, nämlich Zollbeamle visitirten die unschuldigen Mantelsäcke der Passagiere, klebten Stempel selbst auf alte Hüte und legten die Plombe um die Waggons, in denen sich das Kisten- und Koffergepäck der Leute befand. Merkwürdigerweise werden für diese Gepäckmassen vom norddeutschen Lloyd keine Marken oder „checks“ ausgegeben, so daß auf dem Bremer Depot nach Ankunft des Extragepäckzugs spät Abends allemal eine ziemliche Verwirrung entsteht, indem verschiedene Hundert Leute gleichzeitig aus Hunderten von Koffern und Kisten [539] die ihrigen herauslesen müssen. Die Herren vom Lloyd behaupten, daß noch nie jemand einen Koffer weggenommen habe, der nicht sein Eigenthum gewesen, sie verweisen sogar als eine Art opus supererogativum des Erfolgs ihrer Systemlosigkeit auf einen Koffer, der noch nicht von seinem Eigenthümer reclamirt ist und seit Wochen ruhig im Gepäckraum dasteht.

So schmeichelhaft diese Thatsachen auch für den Ehrlichkeitssinn der Deutschamerikaner sein mögen, so würden diese doch gern auf diesen Zuwachs an Renommée verzichten, wenn sie statt dessen ihr Gepäck mittelst Marken durch einen „Dienstmann“ sich ohne Weiteres in ihr Hotel besorgen lassen könnten, statt wie jetzt stundenlang im Bahnhofe Untersuchungen anzustellen und wegen der Sicherheit ihres Eigenthums eine Zeit lang nicht ganz ohne Sorge zu sein. Nachdem die Passagiere im Bahnhof sich das Warten auf die Ankunft des Gepäckzugs mit Vortrag patriotischer Lieder verkürzt, schieden die oceanischen Cameraden, um wenige Stunden später auf Eisenbahnzügen, Dampfbooten und Wagen ihren ehemaligen Heimathen zuzueilen, die sie jedoch in den meisten Fällen nicht wieder zu fesseln vermögen. Wenige Monate und die Erde brennt unter ihren Füßen und nicht eher haben sie Ruhe, als bis sie das Rauschen der blauen atlantischen Woge wieder unter sich vernehmen, die sie dem neuen Vaterlande zuführt, welches sie jetzt nach vierjährigem großen Kampfe stolzer als je ihr eigen nennen.

Vorher wird eine Menge der interessantesten Wiedersehungsscenen in alten Vaterlande stattfinden und menschliche Eitelkeit wie berechtigter Stolz ihre Triumphe feiern. Der arme czechische Junge, der vor fünfundzwanzig Jahren sein Dorf im Böhmerwald verließ, kehrt jetzt als San Francisco-Großhändler mit einer zarten spanischen Frau in die heimathlichen Thäler zurück, sein Kind wird von einer englischen Gouvernante bedient. Aehnliche Fälle lagen in genügender Anzahl vor; mittellose Personen befanden sich nur äußerst wenige auf dem Schiff. Eine derselben, ein Mann, der in New-York ein Jahr sich mit Lumpensammeln ernährt und jetzt nach Saarlouis, seiner Heimath, zurückreiste, ließ eine Collecte für sich veranstalten, weil ihm noch verschiedene Thaler zur Fahrt von Bremen nach Rheinpreußen fehlten. Noch schlimmer war ein Büchsenschmied aus Würtemberg daran, den chronischer Rheumatismus des Gebrauchs seiner Glieder seit mehreren Jahren beraubt und der jetzt im Wildbad Heilung suchen wollte, vorausgesetzt, daß ihm die Aufnahme als Armer in das freie Hospital gelingt. Auch für diesen vom Schicksal Verfolgten wurde gesammelt.

Ein weit härteres Geschick erwartete jedenfalls die Ochsenfrösche, welche Dr. Morgan von New-York dem bekannten Professor Dubois-Reymond in Berlin per Amerika übersandte, damit sie im Interesse der Wissenschaft trepanirt und sonst mißhandelt werden, um der „Materie“ über den „Geist“ zum Siege zu verhelfen. Eine allerliebste Tigerkatze von Neu-Granada, die während der Fahrt in Folge des Schaukelns und der kühlen Temperatur tiefsinnig geworden, lebte in Bremen unter der warmen Sonne neu auf und hat jetzt im zoologischen Garten zu Hannover reiche Muße, über die verlorene Schöne am Orinoco nachzudenken.

Charakteristisch für die von den Vereinigten Staaten herüberkommenden Passagiere ist das Selbstvertrauen und die Sicherheit, mit der sie überall auftreten; es sind großentheils vielgereiste Leute, die ihren Cursus mit Nutzen durchgemacht. Ein ganz anderes Lebensbild giebt eine Fahrt von Bremen nach New-York, wenn, wie man in den Vereinigten Staaten sagt, „grüne“ Deutsche die Mehrzahl der Passagiere bilden. Schon der Umstand, daß auf der Reise von New-York die erste Kajüte überfüllt, nach New-York dagegen meist leer ist, beweist die Verschiedenheit von Lebensanschauung und Lebensstellung.



  1. An Schilderungen von Fahrten nach Amerika ist unsere Literatur überreich, während nur selten einmal eine Heimfahrt von Amerika und die von den Auswanderern so verschiedene Schiffsbevölkerung der Heimkehrenden dargestellt wird. Es wird darum die vorstehende lebensvolle Skizze eines „Heimgekehrten“ wohl allseitiges Interesse in Anspruch nehmen.
    D. Red.