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Ansprache an die evangelischen Gemeinden in dem Altmühlgrunde und der Umgegend

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Autor: Christian Philipp Heinrich Brandt; Stöber; Trenkle
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Titel: Ansprache an die evangelischen Gemeinden in dem Altmühlgrunde und der Umgegend.
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Erscheinungsdatum: 1847
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Ansprache
an die evangelischen Gemeinden in dem Altmühlgrunde und der Umgegend.




 Diener der Kirche, ihr kennt die Kinder, bei denen wir oft nicht mehr thun können, als mit blutendem Herzen zusehen, wie sie von ihren eigenen Ältern immer tiefer in den Schlamm und Koth der Gottlosigkeit hineingeführt werden – Lehrer in den Volksschulen, ihr kennt die Söhne und Töchter des Proletariats, die aus jeder Schule und von jedem Schulwege ausgeschlossen und da untergebracht werden sollten, wo sie das Theuerste, das christliche Familien euch anvertraut haben, nicht mit ihren Lastern anstecken können – Vorstände der Gemeinden in Städten und Dörfern, ihr kennt die Subjekte, die so, wie sie erzogen werden und heranwachsen, einmal kein Meister in der Lehre, keine Herrschaft im Dienst behalten kann, und an denen alle Versuche der Polizei wie der Armenpflege vergeblich sind – Aufseher unserer Forsten, ihr kennt die jungen Waldfrevler mit der Baumsäge und dem Beil unter dem Küttel, für die ihr nicht Augen genug und keine Strafe mehr habt, welche sie fürchten – Hausmütter auf dem Lande, ihr kennt die Bettelkinder, bei denen eure Gaben nicht gut angewendet sind, von denen ihr euch aber brandschatzen laßt, weil ihr sie fürchtet – Kaufleute und Krämer auf Messen und Märkten, ihr kennt die Diebshände, welche von hintenher zwischen der ausgespannten Leinwand hindurch in eure Buden greifen, und wißt, wem sie gehören – Reisende auf den Landstraßen, ihr kennt die Knaben, die sich an eure Ferse hängen und euch nicht lassen, ihr gebt ihnen denn, und wißt, daß aus ihnen die Handwerksbursche werden, die mehr laufen und fechten, als arbeiten, und zuletzt nichts heimbringen, als wenig am Leibe und im Herzen Neid und Bosheit wider den Bürger und Bauern von gutem Schrot und Korn – Seelsorger, Volkslehrer, Vorstände der Gemeinde-Verwaltungen und Armenpflegen, Männer und Frauen mit dem Auge, das für die Zukunft den rechten Blick, und mit dem Herzen,| des für Wohl und Wehe unserer Nachkommen noch eine offene Kammer hat, ihr kennt mit einem Worte die verwahrlosten Kinder, die unter uns sind, nicht nur, sondern fraget auch, was mit ihnen werden soll.

 Antwort: – Wir wollen nicht warten, bis ein Einiges Deutschland den Nothstand in’s Auge faßt, der in seinen unzähligen verwahrlosten Kindern immer schreiender wird; wir dürften zu lange warten müssen – wir wollen dahin gestellt sein lassen, was unser Bayern für und wider sein junges Proletariat soll, will und kann; das ist die Sache des Königs, seines Ministeriums und der Kammern – wir wollen unsere Hoffnungen nicht auf einen künftigen Kirchentag setzen, wir wollen dem, was die kirchlichen Behörden und die letzte General-Synode in dieser wichtigen Sache angeregt haben, gleich durch die That entgegenkommen, – thun wollen wir etwas, und wenn es auch vorerst nicht mehr, wenn es auch vorerst ein schwächerer Anfang wäre, als der erste Schubkarren Sand, welcher zu dem meilenlangen Damm herbeigeführt wird. – Aber was?

 Es haben bereits früher und auch in unsern Tagen allenthalben die Freunde der innern Mission den Versuch gemacht, verwahrloste Kinder der bezeichneten Art in guten christlichen Familien unterzubringen. Allein der wahrhaft christlichen Familien sind viel zu wenige – sowohl derer, die nicht mit eigenen Kindern gesegnet sind, und doch das schwere Kreuz der Erziehung fremder auf sich nehmen wollen – als auch derer, die unverführte Kinder haben, und sich doch entschließen können, ein verführtes und wer weiß von welchen Lastern angestecktes dazu zu nehmen. Von Hausvätern aber, die nur um des Erwerbs willen bereit dazu wären, kann bei unserem Zweck gar keine Rede sein.

 Darum laßt uns, ohne die Unterbringung solcher Kinder in christlichen Familien, wo sie thunlich ist, ausschließen zu wollen, Rettungshäuser für dieselben gründen, um in diesen mit Gottes Hilfe die jungen Seelen zu retten und dadurch auch die Zahl der Verbrecher zu vermindern. Solcher Rettungshäuser hat z. E. das kleine Würtemberg drei und dreißig, solche bestehen schon seit mehreren Jahren zum großen Segen für Viele, eines in Nürnberg für Knaben und eines in Erlangen für Mädchen, ein solches soll nun auch in der Nähe von Erlangen und ein anderes für Unterfranken errichtet werden.

 Da aber die einzelnen Rettungshäuser, wenn der gute Zweck erreicht werden soll, wie sich von selbst versteht, nicht überfüllt werden dürfen, so ist gar sehr zu wünschen, daß deren mehrere gegründet werden könnten.

|  Die evangelischen Geistlichen der Dekanate Weißenburg, Thalmessingen und Pappenheim, die mit ihren Gemeinden in dem guten Werke, das Beste des Volkes zu fördern, nicht zurückbleiben möchten, haben sich nun auch schon einige Male in der Absicht in Weißenburg zusammengefunden, um zu berathen, was auch von ihnen und ihren Gemeinden für die gute Sache der innern Mission geschehen könnte.

 In der am 15. November d. J. stattgehabten und von 25 Geistlichen, einigen Lehrern und Landleuten besuchten Conferenz wurde dann der Vorschlag gemacht und einstimmig angenommen, daß auch in dem lieben Altmühlgrunde und seiner Umgegend mit der Gründung eines solchen Rettungshauses der Anfang zur innern Mission gemacht werden solle, da auch für diese Gegend ein solches Noth thue, und da, wenn irgendwo, so gewiß auch in dieser Gegend, die Gründung einer solchen Anstalt, wenn nur erst einmal ihre Wichtigkeit und Wohlthätigkeit erkannt sein wird – nicht ins Gebiet des Unmöglichen gehören, es auch bei redlichem Willen an Gottes Segen, an dem Alles gelegen ist, nicht fehlen wird.

 In dieser Hoffnung wurden die Versammelten auch dadurch bestärkt, daß gleich mitgetheilt werden konnte, daß ein Menschenfreund bereits 25 fl. dazu erlegt und ein anderer eine Beisteuer von 50 fl. zugesichert hat.

 In dieser Versammlung wurden nun die Unterzeichneten beauftragt, von diesem Vorhaben die Gemeinden mittelst dieser Ansprache in Kenntniß zu setzen und bekannt zu machen, daß in den ersten Wochen des nächstkommenden Januars eine größere Versammlung von Geistlichen, Lehrern, Städtern und Landleuten zu diesem Zweck in Weißenburg Statt finden soll, so wie einstweilen in allen Ständen nah und fern Theilnahme für dieses nothwendige Werk christlicher Barmherzigkeit zu wecken.

 Es ergeht denn im Namen der oben genannten Versammlung an Euch, geliebte Pfarrgemeinden, die herzliche Bitte, zur Bethätigung Eures christlichen Sinnes auch an diesem christlichen Werke Antheil zu nehmen.

 Diese Bitte, die auch jeder Eurer Geistlichen und Lehrer noch besonders an Euch richten wird, legen wir Euch um so getroster ans Herz,

 als wir Eure Theilnahme an der Heiden-Mission, an Collekten und andere kirchlichen| Zwecken anerkennen und beloben müssen, und deßhalb hoffen dürfen, daß Ihr auch in diesem Stücke anderen Gemeinden in anderen Gegenden nicht nachstehen wollt;

 als Euch ferner weder jetzt noch jemals der geringste Zwang angethan werden soll, sondern es Jedem ganz und gar anheimgestellt bleibt, ob und was er – sei es an Geld, sei es an Naturalien, die ja wieder verwerthet werden können – beitragen will;

 als Euch sodann keine Last aufgebürdet, sondern was geschieht, zum allgemeinen Besten für Stadt und Land gereichen soll,

 und als wir endlich die Überzeugung haben, daß es dem Herrn Himmels und der Erde ein Leichtes ist, das was gering anfängt, wenn es ihm nur wohlgefällig ist, so zu fördern und zu segnen, daß Sein Name, Seine Treue und Seine Gnade auch darob gepriesen werden muß. Und dieses christliche Vertrauen habt wohl auch Ihr alle, die Ihr so oft das schöne Lied singt: „Alles ist an Gottes Segen und an Seiner Gnad gelegen.“

 So begrüßen wir Euch dann mit dem Gruße der Liebe in Christo Jesu unserm Herrn, und bitten Euch, diese Ansprache und das schöne Werk, das sie bespricht, besonders an den bevorstehenden Tagen der Weihnacht in Erwägung des unaussprechlichen Heils, das uns und Euch und der ganzen Welt das holdselige Christkind gebracht hat und immer wieder darbietet, in Euren Herzen zu bewegen.

 Er aber, der gesagt hat: „Was ihr dem geringsten unter meinen Brüdern thut, das habt ihr mir gethan“ lasse Euch schmecken und sehen, wie freundlich er ist, und wie gerne er die segnet, die ihn lieben.

 Sein seliger Friede ergieße sich über Eure Herzen, über Eure Häuser und über Eure Gemeinden zur Verherrlichung seines Namens.


Im Namen der Weißenburger Prediger-Conferenz ihr Ausschuß.
Brandt. Stöber. Trenkle.