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Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I/Sneewittchen

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König Drosselbart Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm I von Johannes Bolte, Jiří Polívka
53. Sneewittchen
Der Ranzen, das Hütlein und Hörnlein
Für verschiedene Auflagen des Märchens der Brüder Grimm siehe Schneewittchen.

[450]

53. Sneewittchen. 1856 S. 87.

1812 nr. 53 nach Hassenpflugs und Siebert in Kassel; 1819 stilistisch gebessert, auch ist die Verfolgerin Sneewittchens hier seine Stiefmutter, nicht die rechte Mutter.

Dies Märchen gehört zu den bekanntesten; doch wird in Gegenden, wo bestimmt Hochdeutsch herrscht, der plattdeutsche Name beibehalten oder auch verdorben in Schliwitchen. Im Eingang fällt es mit dem Märchen vom Machandelbaum (nr. 47) zusammen, noch näher in einer andern Erzählung, wo sich die Königin, indem sie mit dem König auf einem Jagdschlitten fährt, einen Apfel schält und dabei in den Finger schneidet. – Noch ein andrer Eingang ist folgender: Ein Graf und eine Gräfin fuhren an drei Haufen weißem Schnee vorbei; da sagte der Graf: ‘Ich wünsche mir ein Mädchen so weiß als dieser Schnee’. Bald darauf kamen sie an drei Gruben rotes Blut; da sprach er wieder: ‘Ich wünsche mir ein Mädchen so rot an den Wangen wie dies Blut’. Endlich flogen drei schwarze Raben vorüber; da wünschte er sich ein Mädchen ‘mit Haaren so schwarz wie diese Raben’. Als sie noch eine Weile fuhren, begegnete ihnen ein Mädchen so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie die Raben, und das war das Sneewittchen. Der Graf ließ es gleich in die Kutsche sitzen und hatte es lieb, die Gräfin aber sah es nicht gern und dachte nur, wie sie es wieder los werden könnte. Endlich ließ sie ihren Handschuh hinausfallen und befahl dem Sneewittchen, ihn wieder zu suchen; in der Zeit aber mußte der Kutscher geschwind fortfahren. Nun ist Sneewittchen allein und kommt zu den Zwergen usw. – In einer dritten Erzählung ist bloß abweichend, daß die Königin mit dem Sneewittchen in den Wald fährt und es bittet ihr von den schönen Rosen, die da stehen, einen Strauß abzubrechen. Während es bricht, fährt sie fort und läßt es allein. – In einer vierten wird erzählt, daß Sneewittchen nach seinem Tode von den Zwergen sollte verbrannt werden. Sie wickeln es in ein Tuch, machen einen Scheiterhaufen unter einen Baum und hängen es in Stricken darüber. Wie sie eben das Feuer anstecken wollen, kommt der Königssohn, läßt es herabholen und nimmt es mit sich in den Wagen. Vom Fahren springt ihm das Stück des giftigen Apfels aus dem Hals, und es wird lebendig. – Eine fünfte Erzählung (von der Marie [451] im Wildschen Hause zu Kassel, 13. Oktober 1812) hat folgende Abweichung: ein König verliert seine Gemahlin, mit der er eine einzige Tochter, Sneewittchen, hat, und nimmt eine andere, mit der er drei Töchter bekommt. Diese haßt das Stiefkind, auch wegen seiner wunderbaren Schönheit, und unterdrückt es, wo sie kann. Im Wald in einer Höhle wohnen sieben Zwerge, die töten jedes Mädchen, das sich ihnen naht. Das weiß die Königin, und weil sie Sneewittchen nicht geradezu ermorden will, hofft sie es dadurch los zu werden, daß sie es hinaus vor die Höhle führt und zu ihm sagt: ‘Geh da hinein und wart, bis ich wieder komme!’ Dann geht sie fort, Sneewittchen aber getrost in die Höhle. Die Zwerge kommen und wollen es anfangs töten; weil es aber so schön ist, lassen sie es leben und sagen, es solle ihnen dafür den Haushalt führen. Sneewittchen hatte aber einen Hund, der hieß Spiegel; wie es nun fort ist, liegt der traurig im Schloß. Die Königin fragt ihn:

‘Spiegel unter der Bank,
Sieh in dieses Land, sieh in jenes Land:
Wer ist die schönste in Engelland?’

Der Hund antwortet: ‘Sneewittchen ist schöner bei seinen sieben Zwergen als die Frau Königin mit ihren drei Töchtern’. Da merkt sie, daß es noch lebt, und macht einen giftigen Schnürriemen. Damit geht sie zur Höhle, ruft Sneewittchen, es solle ihr aufmachen. Sneewittchen will nicht, weil die sieben Zwerge ihm streng verboten haben, keinen Menschen hereinzulassen, auch die Stiefmutter nicht, die sein Verderben gewollt habe. Sie sagt aber zu Sneewittchen, sie habe keine Töchter mehr, ein Ritter habe sie ihr entführt, sie wolle bei ihm leben und es putzen. Sneewittchen wird mitleidig und läßt sie herein; da schnürt sie es mit dem giftigen Schnürriemen, daß es tot zur Erde fällt, und geht fort. Die sieben Zwerge aber kommen, nehmen ein Messer und schneiden den Schnürriemen entzwei, da ist es wieder lebendig. Die Königin fragt nun den Spiegel unter der Bank, der giebt ihr dieselbe Antwort. Da macht sie ein giftiges Kopfband, geht mit dem hinaus und redet zu Sneewittchen so beweglich, daß es sie noch einmal einläßt; sie bindet ihm das Kopfband um, und es fällt tot nieder. Aber die sieben Zwerge sehen, was geschehen ist, schneiden das Kopfband ab, und es hat das Leben wieder. Zum drittenmal fragt die Königin den Hund und erhält dieselbe Antwort. Sie geht nun mit einem giftigen Apfel hinaus, und so sehr Sneewittchen von den Zwergen gewarnt [452] ist, wird es doch von ihren Klagen gerührt, macht auf und ißt von dem Apfel. Da ist es tot, und als die Zwerge kommen, können sie nicht helfen, und der Spiegel unter der Bank sagt der Königin, sie sei die schönste. Die sieben Zwerge aber machen einen silbernen Sarg, legen Sneewittchen hinein und setzen es auf einen Baum vor ihrer Höhle. Ein Königssohn kommt vorbei und bittet die Zwerge, ihm den Sarg zu geben, nimmt ihn mit, und daheim läßt er es auf ein Bett legen und putzen, als wär es lebendig, und liebt es über alle Maßen; ein Diener muß ihm auch beständig aufwarten. Der wird einmal bös darüber: ‘Da soll man dem toten Mädchen tun, als wenn es lebte!’ gibt ihm einen Schlag in den Rücken[1], da fährt der Apfelbissen aus dem Mund, und Sneewittchen ist wieder lebendig.

Eine Erzählung des Märchens aus Wien (1822) gibt folgenden Zusammenhang. Es sind drei Schwestern, Sneewittchen die schönste und jüngste; jene beiden hassen es und schicken es mit einem Laibel Brot und einem Wasserkrug in die Welt. Sneewittchen kommt zum Glasberg und hält den Zwergen Haus. Wenn die zwei Schwestern nun den Spiegel fragen, wer die schönste sei, antwortet er:

‘Die schönste ist auf dem Glasberge,
Wohnt bei den kleinen Zwergen.’

Sie senden jemand dorthin, der soll Sneewittchen vergiften. – Eine Anspielung auf das Märchen findet sich schon in einer Posse der englischen Komödianten, die Rist (Die Aller Edelste Belustigung Kunst und Tugendliebender Gemühter 1666 S. 104. Burg, Zs. f. dt. Alt. 25, 151) in seiner Jugend gehört haben will; dort erbietet sich der Schulmeister, neben andern Komödien die ‘von der schönen Frauen im Bergen mit ihren sieben Zwergen’ aufzuführen. – Musäus (Volksmärchen 1782 1, 90) weicht von der Richtung des Volksmärchens ab, wenn er in seiner ‘Richilde’ die eitle und mörderische Stiefmutter zur eigentlichen Heldin macht; die Frage an den Zauberspiegel lautet hier:

Spiegel blink, Spiegel blank,
Goldner Spiegel an der Wand,
Zeig mir die schönste Dirne in Brabant!

[453] Auch ist ein echter Zug, daß am Ende die Zwerge stählerne Pantoffel schmieden, glühend machen und der Stiefmutter anschuhen, die darin tanzen muß, daß die Saaldielen rauchen. – Eine ausführliche dramatische Behandlung ‘Schneewittchen’ bei A. L. Grimm, Kindermährchen (Heidelberg 1808) S. 1–76. – Bei Aurbacher, Ein Büchlein für die Jugend 1834 S. 260 ist die Geschichte von Schneeweißchen (ohne die Zwerge) eingelegt in das Märchen von den Krähen (unten nr. 107). – In einer Halberstädter Aufzeichnung Rhodes (Büschings Wöchentliche Nachrichten 2, 185. 1816; vgl. Nork in Scheibles Kloster 9, 851) ist Schniewitte mit dem Aschenbrödelmärchen verbunden; ein Vogel singt den dem Prinzen vorgestellten Stiefschwestern zu: ‘Schniewitte under Bargen, under hunderdusend Twargen is schöner wie du’. In Marbachs Volksbüchern 11, 65 (1838) und bei Bechstein 1845 S. 197 = 1874 S. 180 ‘Schneeweißchen’ ohne neue Züge[2]. Aus dem Wallis bei Jegerlehner, Am Herdfeuer S. 41 ‘Das hübsche Vogelti’, wo statt des Zauberspiegels eine Hexe, statt der Zwerge zwölf Räuber und statt Schnürriemen und Giftapfel Hemd und Goldring erscheinen. Verblaßt aus Posen im Rogasener Familienblatt 1912, 50 ‘Die böse Stiefmutter’.

Wir unterscheiden folgende Züge: A. die Schönheit der Heldin, weiß wie Schnee, rot wie Blut; – B. die Eifersucht der Stiefmutter, welche einen Zauberspiegel besitzt; – C¹. die Stiefmutter befiehlt einem Jäger, die Heldin im Walde zu erstechen, der sie indes verschont; – C²˙⁴. und sucht sie dann durch einen vergifteten Schnürriemen, Kamm und Apfel zu töten. – D. Die Zwerge (Räuber), welche Sneewittchen bei sich aufgenommen haben, vereiteln diese Versuche bis auf den letzten und legen das tote Mädchen in einen Glassarg. – E. Ein Königssohn sieht es und erweckt es zum Leben. – F. Die böse Stiefmutter wird bestraft.

Vlämisch: Cornelissen-Vervliet nr. 16 ‘Sneeuwitteken’ (A B C⁴ D E). – Dänisch: Winther 1, 40 ‘Snehvide’ (1823); ein Volksbuch ‘Tvende Historier, 1: Sneehvid og Rosenrød eller de tolv Vildænder’ (Kopenhagen 1848 und 1852); eine hsl. Aufzeichnung aus Höje Tåstrup in S. Grundtvigs Nachlaß Bd. 75: ‘Snehvide’; Berntsen 2, 105 nr. 16 ‘Snehvide’ (A B C¹˙⁴ D E F. bei Räubern; Halsband, [454] Ring, Apfel; die Königin fragt: Spejl, Spejl blanke, | Hvem er skjønnere Ranke | End mine to Døtre?); Kristensen 3, 273 nr. 51 ‘Den kjønne Pige og de klare Skaaler’ (Bei einem Hirten; ein Vogel bringt Kamm, Goldband und Ring; das Mädchen gebiert im Zauberschlaf infolge der ihr eingeflößten Hexengrütze zwei Knaben, die den Schlafring von ihrem Finger saugen; die Königin fragt ihre redenden Schalen: ‘Skaaler klare, er der nogle i Verden saa smukke som jeg?’). Grundtvigs hsl. Register nr. 120 ‘Kongedatter i røverkule’ (C¹; bei zwölf Räubern, vom heimgekehrten Vater befreit). – Schwedisch: ein Volksbuch nach Grimm: ‘Prinsessan Snöhwit eller De sju Dwergarne och den talande Spegeln’ (Stockholm 1824 u. ö. Bäckström 3, 46. Die Königin fragt: ‘Lilla spegel på väggen du, | Hvem är skönast i riket nu?’) Norlander p. 39 ‘Rosend’-Snöhvit’ (A B C¹˙⁴ D E F; die Stiefmutter fragt: ‘Spegel klar, spegel klar, hvilken är vackrare än jag?’ und sendet ihre drei Töchter Ettöga, Tvåöga und Treöga zur Hütte der drei Arbeiter). Sv. landsmålen 5, 1, 49 ‘Kungen ock torparedottern’; hier verfolgt nicht die Stiefmutter, sondern der eigne Gatte (ähnlich wie im Teufel mit den drei goldenen Haaren, nr. 29) die Heldin, die im Hause der zwölf Räuber einen Sohn gebiert; er sendet ihr durch eine Hexe einen verzauberten Apfel, erweckt sie aber durch eine Riechflasche aus dem Zauberschlafe. Åberg nr. 17 ‘Snyövít o dvärgana’. Hackmans Register nr. 709. – Norwegisch: Nielsen, Gamla Segner fraa Valdrîs 1, 63 ‘Riddaren i bjødnahame’ (A B C¹˙⁴ D E. Schuhe, Hemde, Goldnadel; dann das Motiv der vergessenen Braut). Janson nr. 1 ‘Jungfrau Gyltrom’ (A B C¹˙⁴ D E. Statt der Zwerge drei Bärenprinzen wie bei Vang. Anfang wie Frau Holle, oben nr. 24, zum Schluß wird die häßliche Stiefschwester statt der Kindbetterin untergeschoben). Moe in Norges land og folk 20, 3, 643 ‘Snofri’ (A B C¹˙⁴ D E F. Kein Spiegel; Gürtel, Haarnadel, Nadel). – Isländisch: Jón Árnason 2, 399 = Poestion nr. 19 ‘Wilfriður Wölufegri’ = Rittershaus S. 118 nr. 28 ‘Schneewittchen’ (A B C¹˙⁴ D E. Ring, Schuh, Gürtel; Die Mutter fragt den Spiegel: ‘Segðu mér nú, glerið mitt búna, Hvernig liður Vilfríði Völufegri núna?’ Der Vater verfolgt dann die verheiratete Tochter weiter); vgl. Maurer S. 280 und Germania 2, 489. – Englisch: in Shakespeares Cymbeline, wie Schenkl, Germania 9, 458 bemerkt hat, soll Imogen ebenso wie Sneewittchen auf Befehl ihrer Stiefmutter von einem Diener getötet werden, wird aber verschont, und findet Zuflucht in der Höhle, die [455] von dem verbannten Belarius und seinen Söhnen bewohnt wird; wie sie den von der Stiefmutter erhaltenen Heiltrank kostet, sinkt sie in totenähnlichen Schlaf. Southeys ‘Story of the three bears’ (The Doctor 1848 p. 321 chap. 127 = A. Lang, The green fairy book p. 232) ähnelt den norwegischen Fassungen, enthält aber nur den Besuch des Mädchens in der Bärenhöhle; bei Jacobs, English F. T. 2, 87 nr. 62 ‘Scrapefoot’ erscheint ein Fuchs statt des Mädchens. – Schottisch: Jacobs, Celtic F. T. 1, 88 nr. 11 ‘Gold tree and Silver tree’; vgl. Nutt, Folk-lore 3, 26 und R. Köhler zum Lai d’Eliduc (Marie de France, Lais ed. Warnke p. CXLIX); statt des Spiegels befragt die arge Mutter eine Forelle im Brunnen, sie heißt ihre Tochter den kleinen Finger durchs Schlüsselloch stecken und stößt einen giftigen Splitter hinein. – Französisch: Sébillot, C. de la Haute-Bretagne 1, 146 nr. 21 ‘Les bas enchantés’ (A B C¹˙² D E. Kein Spiegel, drei Brüder; die jüngste Schwester des Jägers zieht der Prinzessin die Zauberstrümpfe aus). Revue des trad. pop. 5, 725 ‘Boule de neige’ (B C¹˙² D; der vergiftete Apfel springt bei der Erschütterung des Wagens der Totgeglaubten aus dem Munde; E; die Mutter tötet sich selbst). – Italienisch: Schneller S. 55 nr. 23 ‘Die drei Schwestern’ (die neidischen Schwestern senden der vom Greise im Waldhaus aufgenommenen Heldin Ring, Schnürleib, Nadel; die Mutter des Prinzen zieht die Nadel heraus); ebd. S. 184 eine Variante (Wilder Mann im Walde, vergifteter Apfel: E F). Andrews nr. 18 ‘Le miroir’ (ähnlich Grimm) und nr. 58 ‘La marâtre’ (im Räuberhause, Schlafnadel; die Stiefmutter bewirkt nach der Heirat durch Briefvertauschung die Verstoßung der Helden). Visentini nr. 28 ‘L’ostessa’ (Räuberhaus; Kamm, Ring). Coronedi-Berti nr. 13 ‘La fola dèl mercant’ (Propugnatore 8, 1, 106. Neidische Schwestern senden Ohrring, Halsband und Ring zum wilden Mann). Nerucci nr. 6 ‘La bella ostessina’ = Imbriani 1877 p. 239 nr. 19 = Monnier p. 341 (bei einer Fee; Blumen, Kuchen, Kleider. Weitere Verfolgung nach der Hochzeit). Imbriani p. 232 nr. 18 ‘Il re che andava a caccia’ (der erste Teil fehlt). De Gubernatis, S. Stefano nr. 12 ‘La crudel matrigna’ (bei einer Bettlerin; giftige Blumen). Tuscan fairy tales nr. 9 ‘The glass coffin’ (sieben Räuber; Zaubersalbe). Pitrè, Nov. toscane nr. 9 ‘La locandiera di Parigi’ (bei 24 Räubern; Dolch im Kopf). Pitrè, La scatola di cristallo, novellina popolare senese (Palermo 1875) = Crane p. 327 nr. 21 (Ermellina bei einer Fee; Süßigkeiten und Kleid). Archivio 10, 322 ‘La bianca e la negra’ [456] (Schwester fragt Sonne; drei Jäger; Gürtel, Kamm, Apfel). De Nino 3, 253 nr. 50 ‘La bella Venezia’ (zwölf Räuber, Schlafnadel). Finamore 1, 2, 97 nr. 96 ‘La bella Vijenne’. Corazzini p. 435 ‘U padre e a figlia’ (verbunden mit dem Mädchen ohne Hände und Aschenbrödel; Sonne antwortet statt des Spiegels). Mango nr. 26 = Tschiedel S. 22 ‘Die dreizehn Banditen’ (Granadina; vergiftete Schuhe). Giamb. Basile 2, 92 ‘O cunto d ’a bella Viola’. Gonzenbach nr. 2 ‘Maria, die böse Stiefmutter und die Räuber’ (sieben Räuber, Ring), nr. 3 ‘Maruzzedda’ (neidische Schwestern senden Kuchen und Hut; weitere Verfolgung nach der Hochzeit), nr. 4 ‘Von der schönen Anna’ (neidische Schwestern senden eine vergiftete Traube; Fortsetzung wie in nr. 3); vgl. Zs. f. Volkskunde 6, 60. Pitrè, Fiabe sicil. 2, 39 nr. 57 ‘La ’nfanti Margarita’ (bei einer verdammten Seele; Haarband, Nadel). Bei Basile 2, nr. 8 ‘La schiavotella’ fehlt die Verfolgung durch Stiefmutter oder Schwestern, vielmehr stirbt Lisa beim Kämmen infolge eines Feenfluches, wird in einen Glassarg gelegt und nach Jahren durch die eifersüchtige Frau ihres Oheims erweckt (vgl. Consiglieri Pedroso nr. 15). – Katalanisch: Milá y Fontanals 1853 p. 184 ‘La hermosa hijastra’ = F. Wolf, Sb. der Wiener Akad. 20, 60 nr. 8 (statt des Spiegels ein böser Geist, der auch Ring und Pantoffel ins Haus der vier Brüder trägt; die Mutter des Prinzen zieht den Pantoffel ab). Maspons y Labrós 2, 83 ‘La hermosa fillastra’ (wie Milá). Alcover 1, 95 ‘Na Magraneta’ (Spiegel; 13 Räuber; Ring, von der Dienerin des Königs abgezogen). – Portugiesisch: Coelho, C. populares nr. 35 ‘Os sapatinhos encantados’. Coelho, C. nacionaes nr. 20 ‘Os sapatinhos de setim’ (bei einer Alten, die ihr Atlasschuhe anzieht; die Mutter des Königs entfernt sie). Consiglieri Pedroso nr. 1 ‘The vain queen’ (A B C¹; ein Prinz sieht das Mädchen im Bauernhause; keine Vergiftung und Erweckung). – Baskisch: Cerquand 4, nr. 106 ‘La mère jalouse et la jeune persécutée’ (statt der Stiefmutter stößt eine zauberkundige Patin die Heldin in die Zisterne, reicht im Räuberhause ihr giftiges Brot, verwandelt die Wöchnerin in eine Taube und legt sich an ihre Stelle). – Griechisch: B. Schmidt S. 110 nr. 27 ‘Marula und die Mutter des Érotas’ (bei den Brüdern; Apfel, Ring; Verfolgung durch die böse Schwieger, welche die neugeborenen Zwillinge tötet). Estournelles de Constant, La vie de province 1878 p. 260 ‘Les trois soeurs’ (bei einer Nereide; die neidische Schwester sendet Nadel und Weintraube, verwandelt die Verheiratete in einen [457] Vogel und nimmt ihre Stelle ein). Buchon 1843 p. 263 = Legrand p. 133 = Misotakis S. 64 ‘Rodia’; vgl. A. Bötticher, Deutsche Rundschau 28, 129 (1881. Neidische Schwestern senden Schärpe und Süßigkeiten zur Göttin Nykteris; die Mutter des Königs erweckt das Mädchen; Fortsetzung wie bei Constant). Georgeakis p. 57 ‘Le miroir de la magicienne’ (das Mädchen verläßt mit ihren drei Brüdern das Vaterhaus, Ring; Fortsetzung ähnlich B. Schmidt). Carnoy-Nicolaïdes p. 94 nr. 15 ‘Marietta et la sorcière, sa marâtre’ (Sonne statt Spiegel; bei vierzig Riesen; Ring, Weintraube; Hochzeit, Verwandlung in Taube). – Albanisch: Hahn 2, 319 nr. 103 ‘Schneewittchen’ (Marigo tötet auf Anstiften ihrer Lehrerin ihre Mutter, wie bei Carnoy, wird vom Vater in die Einöde geführt, bei vierzig Drachen; Nadel, Ring). Dozon nr. 1 ‘Fatime’ (neidische Schwestern, Sonne statt Spiegel, bei vierzig Räubern; Halsband, Goldstücke, Ring). Truhelka 1, 48 nr. 7 (Marigo von der Stiefmutter in den Wald geschickt, kommt zu vierzig Räubern, von denen die Sonne statt des Zauberspiegels der Stiefmutter erzählt; vergifteter Kamm und Kuchen. C² D E). – Rumänisch: Schott S. 105 nr. 5 ‘Der Zauberspiegel’ (bei zwölf Räubern; Ring, Ohrgehänge, Blume; die Mutter tötet das Kind der Wöchnerin). Şăinénu p. 750 ‘Tipulŭ Rodia’. Weigand 2, 263 nr. 126 ‘Schneewittchen’ (neidische Schwestern, Sonne; bei sieben Goldgräbern; Kamm, Gürtel, Apfel). – Serbokroatisch: Zbornik jugosl. 13, 167 nr. 2 (A, Mutter und Tochter haben ein goldenes Kreuz auf der Stirn; C¹˙²; Ring; D E; die Mutter fängt die Briefe auf, die dem in den Krieg gezogenen Prinzen die Geburt der Kinder melden; F). Bos. Vila 12, 172 (die Stieftochter bei sieben Drachen, vom Helden belebt, als sie begraben werden soll); ebd. 19, 261. – Bulgarisch: Šapkarev S. 159 nr. 102 (die beiden älteren Schwestern verfolgen die Heldin, deren Schönheit die Sonne bezeugt hat; C D E); S. 379 nr. 231 (ähnlich Carnoy-Nicolaïdes p. 91. C² D E; die Stiefmutter verwandelt die junge Königin in einen Sperling und legt ihre Kleider an; Schluß fehlt). – Čechisch aus Mähren bei Kulda 3, 82 nr. 10 (verbunden mit dem ‘Marienkind’, oben nr. 3. Waisenmädchen bei den Räubern, findet im verbotenen Zimmer ein verstaubtes Kruzifix, leugnet das dem alten Weibe gegenüber, erhält eine Granatenschnur; D E); 2, 40 nr. 69 (B C²; Ring, Schuhe, Haarnadel; D E F). – Slovakisch aus Oberungarn: Czambel S. 229 § 122 (das Mädchen entsteht aus den [458] hinter den Ofen gelegten Schalen eines Apfels, den die kinderlose Frau nach des Bettlers Rat gekauft hat; die zwölfjährige wird von Räubern gekauft, von einer Hexe mit Ring, Granatenschnur und Haarnadel betört; D E). Národopisný Věstník 4, 213 nr. 1 (A B C¹˙²; Apfel, Mieder, Haarnadel; D E). Č. mus. slov. spol. 12, 55 (A B C¹˙²; Apfel, Birne, Nadel; D). – Wendisch: Schulenburg, Volkssagen S. 284 ‘Das Mädchen bei den sieben Lutchen’ (Bruchstück); vgl. A. Černy S. 79. Kühn S. 91 (vermischt mit Hänsel und Gretel, oben nr. 15). – Polnisch aus Kujawien bei Kolberg 3, 129 nr. 7 (C¹˙²; Kleid, Armband, Ring; D E F). Aus den Beskiden im Zbiór wiad. 7, 14 nr. 72 (der Bruder soll das verleumdete Mädchen erschießen; D C²; Haarnadel, Ring von einer Zauberin gebracht; E; von der Schwieger mit den beiden Kindern in einer Tonne ins Wasser geworfen). Aus dem Krakauer Land bei Ciszewski S. 51 nr. 52 (B C¹˙²; Ring, Hemd; D E F). Aus Österreichisch-Schlesien bei Malinowski 1, 39 (A B C¹˙²; Schnürriemen, Apfel; D E F). Der Zauberspiegel erscheint auch im Eingang und Schluß des Aschenputtelmärchens bei Kolberg, Lud 21, 172 nr. 1. – Großrussisch: Afanasjev 2, 26 nr. 121b = Anna Meyer 2, 56 ‘Der Zauberspiegel’ (die erste Verfolgung geht vom Vater aus, bei dem der unzüchtige Oheim die Heldin verleumdet hat; die zweite von der Stiefmutter, die dritte vom Schiffskapitän). Aus dem Gouv. Rjäsan bei Chudjakov 1, 53 nr. 16 (die Stieftochter in den Wald geführt; die Stiefmutter schickt ihr durch den Vater ein Hemd; D E); 3, 53 nr. 90 (der unzüchtige, verleumderische Oheim sendet durch eine Hexe dem verstoßenen Mädchen einen Ring; D E). Aus dem Couv. Samara bei Sadovnikov S. 88 nr. 17 (ähnlich). Aus dem Gouv. Kursk im Kurskij Sbornik 4, 87 nr. 3 (B C¹˙²; Apfel, Ring, Ohrschmuck; D; auf dem Krystallberge zwölf Falken; E F; Stiefmutter und Hexe bestraft). Aus dem Bezirk Vladikavkaz im Sbornik kavkaz. 15, 2, 111 nr. 12 (statt der verleumdeten Kaufmannsfrau wird die Tochter vom Bruder auf eine Insel geführt; jene schickt ihr ein vergiftetes Kleid; D E). Aus dem Gouv. Olonetz bei Ončukov S. 379 nr. 154 (B C¹˙²; Ring; dazu Aschenputtel und untergeschobene Braut). Aus dem Gouv. Tomsk in Zapiski Krasnojarsk. 1, 76 nr. 40 (Stiefmutter; C²; Hemd; D E); 1, 91 nr. 46 (C¹˙²; Ring, Kleid, Haarnadel; D E). Dichterisch bearbeitet von Puschkin, Poetische Werke übersetzt von Bodenstedt 1854 1, 97 ‘Märchen von der toten Zarentochter und den sieben Rittern’; vgl. [459] Živaja Starina 20, 101. – Kleinrussisch aus Oberungarn: Etnograf. Zbirnyk 4, 112 nr. 21 (verbunden mit den sieben Raben; Perlenschnur, Apfel einer Hexe; D E; Mädchen ohne Hände); aus der Zips ebd. 9, 43 nr. 23 (Wette über Frauentreue; die Frau kommt zu Räubern; A C²; eine Hexe bringt einen Anzug; E; Wiederbelebung, als die Totengräber ihr Kleid rauben wollen); aus Südungarn ebd. 29, 288 nr. 42 (A C²; Gürtel, Kamm, Apfel; D E F). Aus der Ukraine bei Dragomanov S. 304 nr. 15 (das vor dem Vater fliehende Mädchen kommt zu zwölf Brüdern, die es vom Drachen befreit, erhält von der verwandelten Drachenfrau Hemd, Nadel, Ring; D E). Sadok Barącz S. 83 (B C¹˙²; Schuh, Haarpuder, Ring; D E F). Aus dem Gouv. Poltawa bei Čubinskij 2, 68 nr. 16 (Stiefmutter schickt den Vater mit dem Mädchen in den Wald; C² D E). Aus dem Gouv. Wolhynien bei Rokossowska S. 69 nr. 39 (der von seiner Frau aufgehetzte Bruder haut dem Mädchen die Hände ab und verjagt sie; D C²; die Räuber töten die Schwägerin). Aus dem Gouv. Poltawa im Etnograf. Zbirnyk 14, 82 nr. 9 (vor dem lüsternen Pfarrer flieht das Mädchen ins Räuberhaus; Kleid; E; der Schluß wie bei der Wette um Frauentreue); vgl. Nowosielski 1, 245. – Weißrussisch: Gliński 1, 136 nr. 7 ‘Von dem redenden Spieglein und der in Schlaf versenkten Prinzessin’ (bei zwölf Räubern; Ring, Apfel, Haarnadel; die Mutter des Prinzen zieht die Nadel heraus). Federowski 2, 112 nr. 78 (das vor dem verwitweten Vater geflohene Mädchen im Räuberhaus, von einer Hexe gefährdet: Hemd, Ring, Splitter unterm Nadel; D E; wie im Mädchen ohne Hände tötet der Vater nachts das Kind der Heldin); 2, 340 nr. 399 (B C¹˙²; Ring, Gürtel, Nadel; D E F). Afanasjev 2, 24 nr. 121a (B C¹˙²; Ring, Nadel; D E; die Stiefmutter wird begnadigt). – Litauisch: Karłowicz S. 3 nr. 1 (verbunden mit den ‘sieben Raben’; die Schwieger steckt dem ‘stummen’ Mädchen einen Zauberring an; als der junge König die Leiche in einem goldenen Sarge im Walde aufstellt, findet ein andrer König sie dort). Dowojna Sylwestrowicz 1, 64 (D C² E); 1, 172 (B C¹˙²; Hemd, Ring; D E); 1, 199 (Stiefmutter Hexe; B C¹; Schuhe, Ring, Korallen; D E); 2, 242 ‘Der Zauberspiegel’ (B C¹˙²; Schuhe, Ring; D E); 2, 306 ‘Von einer sehr schönen Schneiderstochter’ (C¹˙²; Hemd; D E). – Lettisch: Zbiór wiad. 18, 412 nr. 47 (vom Oheim verleumdet, findet im Räuberhaus ein verzaubertes Kleid; D E). – Finnisch: Aarnes Register nr. 709. – Ungarisch: Mailáth 1825 S. 172 [460] ‘Vom Schneemädchen’ (ähnlich Grimm, eingelegt in nr. 8 ‘Die Brüder’; vgl. unsre nr. 107). Erdélyi 3, 1 = Jones-Kropf p. 163 nr. 35 ‘The world’s beautiful woman’ (bei zwölf Räubern; Ring, Busennadel, Haarnadel; die Schwestern des Prinzen finden die Nadel; infolge einer Briefvertauschung wird die Heldin samt ihren Kindern verstoßen). – Türkisch: Kúnos, Stambul S. 204 ‘Die Zaubernadel’ (Granatchen von der Mutter verstoßen, weil deren Buhle sie für schöner erklärt; bei drei Jägern; Zaubernadel durchs Schlüsselloch in ihren Kopf gestekt; die Braut des Prinzen verwandelt die Erwachte in einen Vogel; weitere Verwandlungen wie bei Constant und Nicolaides); vgl. Ungarische Revue 1889, 38.

In einem indischen Märchen ‘Princess Aubergine’ (Indian Antiquary 9, 302 = Steel-Temple p. 79 nr. 8), das schon oben S. 441 angeführt wurde, ist das Leben der aus einer Eierfrucht hervorgegangenen und von einem Ehepaare aufgezogenen Heldin an einen Halsschmuck geknüpft, der im Leibe eines grünroten Fisches verborgen ist. Dieses Halsbandes bemächtigt sich die neidische Königin, nachdem sie das Mädchen achtmal in Schlaf versenkt und befragt und ihretwegen ihre sieben Söhne getötet hat. Aber ihr Gatte, der König, findet auf der Jagd im Walde die schlafende, mit Blumen bedeckte Jungfrau, wohnt ihr bei und trifft nach Jahresfrist neben der Schlafenden einen Knaben, der ihm erzählt, daß seine Mutter durch das Halsband der Königin wieder zum Leben erweckt werden könne. Nachdem dies geschehen ist, wird die böse Zauberin in eine Grube voll Schlangen und Skorpionen gestürzt. – Die Verfolgung der Stiefmutter fehlt in einem andern indischen und einem tripolitanischen Märchen, die unter sich verwandt sind. ‘Die kleine Surja Bai’ (Frere nr. 6) ist von einem Adler geraubt und erzogen; in Abwesenheit der Pflegeeltern löscht die Katze ihr Feuer aus, sie muß bei Menschenfressern neues Feuer holen, wird verfolgt und verwundet sich an dem giftigen Fingernagel des Rackschas, der in der Tür stecken blieb; ein Rajah findet die Tote, zieht den Dorn heraus und führt die Auflebende als Gattin heim; seine erste Frau stößt sie ins Wasser, sie wird zur Sonnenblume, zum Mangobaum, zur Frucht und endlich zum Menschen. In der tripolitanischen Erzählung (Stumme, Märchen aus Tripolis 1898 S. 81 nr. 2) lebt die Heldin Udêa nicht im Adlerhorste, sondern bei ihren sieben Brüdern; die Verfolgung durch den Menschenfresser aber ist dieselbe; sie erwacht, als ein Mann ihren Ring abstreifen [461] will und dabei jenen Fingernagel herauszieht.[3] – Ein Menschenfresser tritt auch im kabylischen Märchen bei Rivière p. 215 ‘Thizurith Imellah’ auf; auf Geheiß der Mutter, die den Mond statt des Spiegels befragt, muß der Vater der Heldin eine Opiumpille beibringen; der Gatte lädt die Leiche in einer Kiste auf ein Kamel; Haremsfrauen des Sultans erwecken sie. – Aus Algier bei H. Carnoy, ‘Amna et sa marâtre’ (Tradition 20, 5. 1906. Sonne statt Spiegel befragt; bei sieben Dschinnen; die giftige Dattel zieht ihr eine Schwester des Königs aus dem Munde). – Portugiesischen Einfluß verraten die westafrikanischen Fassungen bei Chatelain nr. 1 ‘Ngana Fenda Maria’ (Zauberspiegel; Maria erlöst den schönen Milanda aus seinem Zauberschlaf, doch eine Sklavin verdrängt sie wie bei Basile 5, nr. 9, Gonzenbach nr. 13, Braga 2, 197; sie klagts leblosen Dingen wie bei Gonzenbach nr. 11, oben S. 439) und Nassau p. 337 = Macculloch p. 34 ‘The beautiful daughter’ (Spiegel; bei Räubern; Schlafnadel von Ogulas, des späteren Gatten, Tochter herausgezogen). Ebenso die brasilische bei Roméro nr. 37 ‘A mulher e a filha bonita’ (A B C¹ D E. Bei Räubern; Schuhe von der Schwester des Prinzen ausgezogen, Heirat, Verleumdung der Wöchnerin, wie im Mädchen ohne Hände).

Genauere Angaben über die einzelnen Varianten und eine Übersicht der Motive bieten die sorgfältigen ‘Sneewittchenstudien’ von E. Böklen (1. Teil, Leipzig 1910). Der Einfluß andrer Märchenkreise wie Hänsel und Gretel, der sieben Raben, Dornröschens, des Mädchens ohne Hände, der untergeschobenen Braut, Einäuglein usw. zeigt sich darin, daß die Verfolgungen der Heldin nicht nur von der Stiefmutter ausgehen, sondern auch vom Vater, von neidischen Schwestern, ja infolge von Verleumdung und Briefvertauschung auch vom Gatten, von der Schwiegermutter, einer Nebenfrau oder Dienerin.

Auch im Eingange des Machandelbaums (nr. 47) und in einer Variante des Aschenputtels (nr. 21) steht der Wunsch der kinderlosen Frau nach einem Kinde, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz, ein uralter poetischer Ausdruck der Schönheit. So steigt vor Parzival (Wolfram 282, 20. [462] Chrestien, Conte del Graal v. 5550), als der Falke auf eine Wildgans stößt und drei Blutstropfen vor ihm in den Schnee fallen, das Bild der geliebten Condwiramur mit ihrer weißen Haut und ihrem rosigen Munde auf und zwingt ihn zu unwiderstehlicher Sehnsucht. In gälischen Erzählungen von Peredur oder von den Söhnen von Uisnech kommt hinzu die an das schwarze Haar mahnende Farbe eines Raben (J. Grimm, Altdeutsche Wälder 1, 1 und zu Liebrechts Basile 1, XXII. Leo, Ferienschriften 2, 218. Zimmer, Keltische Studien 2, 200. Stoken-Windisch, Irische Texte 2, 2, 113 = Thurneysen, Sagen aus Irland 1901 S. 14. Revue des trad. pop. 3, 202. Maynadier, The Wife of Bath’s Tale 1901 p. 198. R. Köhler, Aufsätze S. 29³). Campbell 3, 200 (Rabe mit Fleisch im Schnee). Revue celtique 5, 232. Celtic Magazine 12, 271. 13, 21. Curtin, Hero Tales p. 374 (Hasenblut im Schnee). Hyde 1890 p. 19. Larminie p. 156 (blutiger Rabe im Schnee). MacInnes, Tales from Argyllshire p. 431 (blutender Rabe). Child, Popular Ballads nr. 96E, 6 (The red that is in my love’s cheek, Is like blood spilt amang the snaw). ‘Incarnat, blanc et noir’ im Cabinet des fées 31, 255 (1786. Eine blutende Krähe auf dem Schnee). Rittershaus S. 53 und 152 (der schlittenfahrenden Königin blutet die Nase). Asbjörnsen nr. 33 (ebenso). Berntsen 1, 239. 2, 105 (ebebso). Grönborg p. 103. – In italienischen Erzählungen tritt oft Marmor, Milch oder Käse an Stelle des Schnees. So sieht bei Basile 4, nr. 9 Milluccio einen getöteten Raben in seinem Blut auf weißem Marmor liegen und wünscht sich eine Frau mit solchen Farben. Basile 5, nr. 9 (Blutstropfen aus dem geschnittenen Finger fallen auf den weißen Käse). La tavola ritonda, o l’istoria di Tristano ed. Polidori 1864 1, 94. Comparetti p. 43 nr. 11 (ragazza di latte e sangue). Visentini nr. 9 (Marmor und Blut) und nr. 42 (Schnee und Blut). De Gubernatis, S. Stefano p. 23 nr. 5 (Blut aus dem Finger, Käse). Corazzini nr. 10 (Ricotta und Blut). Busk p. 15 (Vogelblut auf Schnee). Gonzenbach nr. 13 (Marmor und Blutstropfen vom Finger); vgl. Zs. f. Volksk. 6, 64. Bibl. de las trad. pop. esp. 10, 106 (Schafblut auf Schnee). Maspons, Cuentos pop. catalans p. 18 ‘Sanch-y-neu’ (Sébillot p. 77) und p. 140 (Schnee und Blut). Dozon p. 179 (Vogelblut auf Schnee). Schott S. 200 (blutender Rabe auf Schnee). Obert nr. 12 (Ausland 1856, 1076. Blut im Schnee). Wuk S. 139 (Blut aus der Nase auf Schnee). Bos. Vila 10, 12 (Blut im Schnee). 10, 235. 2, 362. Gliński 2, 107 = Godin S. 13 (Blut im Schnee). Waldau S. 559 (blutender Rabe auf Schnee). Radloff 6, [463] 211 (Schnee und Blut). J. J. Schmidt, Geschichte der Ostmongolen 1829 S. 139 (Blut des geschossenen Hasen im Schnee). Dagegen fehlt die rote Farbe im Sbornik Kavkaz. 27, 4, 52 und 35, 2, 25, wo die Federn der Taube und der Elster den Wunsch nach einem Mädchen mit so weißer Haut und so schwarzen Haaren wecken.

Daß der Jäger das Kind, das er im Walde töten soll, verschont und statt seines Herzens das eines Frischlings heimbringt, ist ein häufiger Zug; s. Johnston, Revue des l. rom. 51, 545. – Statt des antwortenden Zauberspiegels, über den man Wetzels Reise der Söhne Giaffers 1895 S. 203 und Chauvin 8, 191 vergleichen kann, wird im schottischen Märchen ein Brunnen, in griechischen und orientalischen Fassungen die Sonne oder der Mond erwähnt; doch erregen auch Menschen, welche die Schönheit des Mädchens preisen, die Eifersucht der Mutter.[4]Sieben Goldberge in einem schwedischen Volksliede bei Geijer-Afzelius² nr. 64, denen im dänischen bei Grundtvig, DgF. nr. 249 ‘Den trofaste Jomfru’ acht entsprechen. Bei Firdusi (Görres, Heldenbuch von Iran 1, 180) heißt es: ‘Über sieben Berge mußt du setzen, wo Haufen auf Haufen furchtbarer Diws dir begegnen.’ – Der bald durch einen Apfel, bald durch Kleidungsstücke, einen Kamm, Ring oder Haarnadel verursachte Zauberschlaf der Heldin, die blühend frisch und rotwangig bleibt, wird von F. Vogt (Beiträge zur Volkskunde für Weinhold 1896 S. 227) mit dem Dornröschens (nr. 50) verglichen. In einer nordischen Sage des 12. Jahrh. heißt es von Snjøfríþ, der schönsten Frau, Haralds des Haarschönen Gemahlin, als sie starb: ‘Ihr Antlitz veränderte sich nicht im geringsten, und sie war noch ebenso rot, als da sie lebendig war; der König saß bei der Leiche und dachte, sie würde wieder ins Leben zurückkehren; so saß er drei Jahre’ (Ágrip ed. Dahlerup p. 4. Haraldssaga cap. 25 in Snorres Heimskringla 1, 102. Flateyjarbók 1, 582. Bugge, Arkiv för nordisk filologi 16, 22. 1900). M. Moe (Eventyrlige sagn i den ældre historie 1906 = Norges land og folk 20, 2, 632–656) sieht in dieser Überlieferung eine Variante zu unserm Märchen, und Nyrop (Fortids Sagn og Sange 1: Toves tryllering, 1907 p. 63. 101) leitet, ihm folgend, aus der Sage von Harald Hårfager die deutsche von Karl dem Großen, der die Leiche der geliebten Fastrada nicht verlassen wollte (Grimm, [464] Dt. Sagen nr. 458. G. Paris, L’anneau de la morte: Journal des savants 1896, Nov.), und die dänische von Toves Zauberring ab, der den König Waldemar noch an ihre Leiche fesselte. In der arabischen Erzählung von König Sabur und seinem Sohne Abu’n nahzar (Revue des trad. pop. 11, 285) sitzt der Prinz neben der Leiche seiner durch eine Nebenfrau vergifteten Gattin Uah’chjah, bis mitleidige Geister und ein treuer Vezier ihm einen Baum zeigen, dessen Blätter Tote erwecken. – Die Strafe des Tottanzens kommt auch in einem rätoromanischen Märchen bei Decurtins 2, 72 nr. 59 ‘Ils treis cotglès’ und in einer dänischen Sage aus Koldinghus (Thiele, Danmarks Folkesagn 1, 321. 1843) vor.


  1. Einfacher lautet eine Fassung von Stein (Randnotiz zur Ausgabe von 1812): Die Zwerge tragen den Sarg und wollen ihn begraben, da stolpern sie über einen Strauch, und durch das Schüttern fährt der Apfelknorz aus dem Hals.
  2. Auf Grimm gehen zurück ein Epos von J. Pape (1856) und ein Oratorium von K. Reinecke (um 1875).
  3. Dieser Nagel erinnert an die Flachsfaser, die in dem oben S. 438 angeführten arabischen Märchen (Spitta-Bey nr. 8), bei Basile und im Perceforest die Jungfrau in den Finger sticht und in Schlaf versenkt.
  4. Bei Junod, Nouveaux contes Ronga 1898 p. 59 besieht ein Mann im Spiegel und fragt seine Diener: ‘Wer ist schöner, ich oder mein Sohn?’
König Drosselbart Nach oben Der Ranzen, das Hütlein und Hörnlein
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