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Andreas Achenbach

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Textdaten
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Autor: Friedrich Pecht
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Titel: Andreas Achenbach
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 376–379, 385
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Andreas Achenbach.

Von Fr. Pecht.

Ist es die Aufgabe des Genies, den Weg von überlebter Cultur zur Natur zurückzuzeigen und durch sein Schaffen neue Wege zu ihr zu öffnen, so kann Andreas Achenbach mit vollem Rechte auf den Besitz dieser edelsten Naturkraft Anspruch erheben; denn nicht nur unter den zahlreichen Düsseldorfer, sondern unter sämmtlichen deutschen Landschaftern nimmt dieser glänzendste Vertreter realistischer Richtung seit einem halben Jahrhundert noch immer die erste Stelle ein. Daß er sich darin zu behaupten vermochte, trotz aller Wechsel des Geschmackes und der kolossalen Umwandlungen der jeweils herrschenden Technik, darf man wohl der unvergleichlichen Gesundheit seines physischen wie geistigen Naturells und ihrer Verbindung mit einem Fleiße, einer kolossalen Arbeitskraft zuschreiben, wie sie in allen Zeiten zu den seltensten Ausnahmen gehörten. Ist er doch jetzt bereits weit im zweiten Tausend seiner oft sehr großen, fast immer aber mit bewunderungswürdiger Sorgfalt durchgeführten Bilder! Aus der Zahl derselben giebt die hier mitgetheilte Abbildung (S. 385) eines seiner neuesten und reizendsten Aquarelle wieder, das auf der vorjährigen Düsseldorfer Ausstellung alle Welt entzückte. Es stellt eine Scene aus dem Judenviertel in Amsterdam dar und zeigt uns das geschäftige Gewühl auf den Canälen dieses niederländischen Venedigs. Die durch einander wirbelnden Figuren sind hier ebenso charakteristisch, wie die kleinen holländischen Häuser, das von Luft und Wasser eingerahmte Ganze aber athmet einen Zauber des Lichts und der Farbe, der es zu einem wahren Juwel macht.

Stehen wir also hier vor einer productiven Begabung ersten Ranges, wie man sie sonst nur bei den alten Meistern und auch da nur sehr selten in diesem Maße zu finden gewöhnt ist, so fragt man unwillkürlich, wie es die Natur anfing, ein solches Talent hervorzubringen? Sie schien dazu in der That nicht die entfernteste Absicht zu haben; denn die aus dem Siegenschen stammende Familie Achenbach zählte unter ihren Gliedern, so viel man zurückblicken konnte, außer Pastoren blos Kaufleute. Auch der Vater unseres Andreas gehörte der letzteren Classe an und kam früh zu einem Tabakfabrikanten Zilch nach Kassel. Ein unstäter Charakter, aber ebenso intelligent als rührig und mannigfach gebildet, ward er bald Associé, dann Schwiegersohn seines Principals, der ein großer Kunstliebhaber und eifriger hessischer Patriot war. Die eben florirende liederliche Wirthschaft unter König Jérôme sah dieser daher nur mit Grauen und kaufte bei der Verschleppung und Verschleuderung der herrlichen Kunstsammlungen des hessischen Hauses einen großen Theil dieser Schätze um ein Spottgeld. Es geschah in der Absicht, sie dem rechtmäßigen Herrscher, an dessen Wiedereinsetzung er fest glaubte, seiner Zeit zurückzustellen, was er denn auch bei der Rückkehr des Kurfürsten sofort ausführte, indeß ohne irgend einen Dank dafür zu erhalten.

Einweilen aber füllten die herrlichen Bilder alle Zimmer und Gänge des Hauses, in welchem die junge Frau Achenbach der Geburt ihres Erstlinges entgegensah. Von jeher voll Liebe für die Kunst, hatte sie aber doch nie einen so unsäglichen Genuß, solch süßen Trost in ihrer Betrachtung gefunden, wie in dieser erwartungsbangen Periode. Stundenlang konnte sie vor den Bildern sitzen und das Leid der Gegenwart wie die eigene Angst in ihrem Anblicke vergessen, bis sie am 29. September 1815 unserem Andreas das Leben gab und zugleich, dank ihrer Kunstliebe, die köstlichste Ausstattung für dasselbe; denn alsbald zeigte sich, daß der Junge für nichts so sehr Interesse hatte als für Form und Farbe der Dinge und sie immer nur darauf ansah.

Die Wiedereinführung der allen Verkehr hemmenden Zollschranken sammt dem ganzen verzopften Regiment hatte inzwischen die Fabrik ruinirt und den Vater bewogen, erst nach Mannheim, dann, als es auch dort nicht glückte, 1818 gar nach Petersburg als Fabrikdirector zu ziehen. Bis auf diese Reise gehen nun die ersten Erinnerungen unseres Knaben zurück, der sich noch ganz genau entsinnt, wie ihm der sammetartige Glanz der dunklen Ostseewogen auffiel. Sobald er einen Bleistift halten konnte, das heißt schon mit drei Jahren, fing er nun alles, was er sah, mit solchem Geschick zu zeichnen an, daß Jedermann darüber erstaunte. Als der Knabe sechs Jahre alt war, bekannte der Zeichenlehrer, den ihm der Vater hielt, er könne ihm nichts mehr lehren; der Junge leiste mehr als er.

Wenn die wissenschaftlichen Fortschritte des Wunderkindes mit den künstlerischen nicht Schritt hielten, so lag das jedenfalls nicht an mangelnder Begabung, da Andreas später die verschiedensten Sprachen mit großer Leichtigkeit lernte, sich überhaupt die reichste Bildung spielend aneignete, sondern daran, daß er jetzt einstweilen nichts als zeichnen mochte.

Nach fünf Jahren vertauschte der Vater, der alles geschickt anfaßte, aber nirgends aushielt, Petersburg, wo das Geschäft nicht mehr florirte, erst mit Elberfeld, dann mit Düsseldorf, wo er eine Brauerei anfing und eine Gartenwirthschaft damit verknüpfte, die bald an den Künstlern der eben neu aufgeblühten Akademie ihre durstigsten Kunden fand. Unser bei dem ewigen Herumfahren in der Welt zu einem ausbündigen Rangen voll Mutterwitz und Schalkheit aufgeblühter Andreas fand nun außerordentliches Gefallen an den schwarzen Sammetröcken und ausgeschlagenen Hemdenkragen der Maler und eröffnete seine eigene künstlerische Laufbahn einstweilen damit, daß er dem Herrn Director Cornelius und seinen langhaarigen Jüngern die Kegel aufsetzte, wenn gerade kein Kegeljunge [377] da war. Im Uebrigen aber erregte er so viel Skandal in der Schule durch seine Manie, die Lehrer an die Wand zu malen, und durch seine Unlust bei allem, was nicht Zeichnen hieß, daß ihn der Vater im zehnten Jahre von dort wegnahm und die Akademie besuchen ließ.

Andreas Achenbach.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Er bekam da als Lehrer einen kleinen buckligen Sachsen Namens Kolbe, der ein Maler großer Historien und ein noch größerer Pedant war. Andreas bereitete diesem Herrn Kolbe durch seine Tollheiten unsäglichen Verdruß und wurde darum während seines dreijährigen Studiums ein halbdutzendmal fortgejagt, aber seines auffallenden Talentes halber immer wieder zu Gnaden aufgenommen. Der pedantische akademische Unterricht mit dem fortwährenden Nachmalen von Gypsköpfen war es, den er durchaus nicht ertrug. Er beobachtete und zeichnete zwar den ganzen Tag, wo er ging und stand, in der Akademie speciell war er immer am Fenster, das die Aussicht auf den Rheinhafen hatte, und skizzirte die Lastträger und Schiffer wie die Schiffe selber in allen möglichen Stellungen, wenn dann aber der Professor kam, so stand nichts auf dem Reißbrett – so ward der junge Künstler fortgejagt.

Es war nach einer solchen Scene des Fortjagens, daß er [378] eines Tages auf den Gedanken gerieth, die Malerei lieber auf eigene Faust zu erlernen; er kaufte sich frischweg Farben und fing ohne jede Anleitung an, kleine Landschaften auf Brettchen und Buchdeckel zu malen. Diese Erzeugnisse, die er an seine Cameraden verschenkte oder „verklopfte“, um sich Taschengeld zu machen, erregten indeß bald solche Aufmerksamkeit, daß sie den inzwischen 1826 an Cornelius’ Stelle getretenen Schadow bewogen, unsern jungen Musensohn wieder aufzunehmen und, mit Uebergehung der verhaßten Gypsclasse, gleich in die von Schirmer geleitete Landschafterschule zu geben. Schadow producirte gern solche phänomenale Talente, durch die er die Aufmerksamkeit der Welt auf die Schule lenken konnte, wie er denn um dieselbe Zeit auch den gleichalterigen Alfred Rethel herausfand, der bald unseres Achenbach’s intimster Freund werden sollte.

Unter Schirmer’s Leitung entwickelte sich nun des Knaben Talent, wenn auch ganz im Widerspruch mit der stilisirenden Richtung des Lehrers, so rasch, daß er schon mit fünfzehn Jahren sein erstes Bild malte. Es war eine angeblich schwedische, in Wahrheit ganz componirte felsige Seeküste, die solches Aufsehen machte, daß sie der gerade durchreisende bekannte Kunstliebhaber Graf Raczynski kaufte, in dessen Sammlung sie sich noch heute befindet. – Schon hier bethätigte Achenbach also, was er später immer festhielt, daß er trotz alles Realismus des Details niemals ein bloßer Abschreiber der Natur, ein Vedutenmaler, sondern immer ein freier Dichter blieb. Jener erste glänzende Erfolg steigerte natürlich sein Selbstgefühl sehr; jetzt kam dazu auch eine Reise seines Vaters nach Schweden, auf die ihn dieser mitnahm. Die neue Welt entzückte ihn so, daß er, zeichnend und malend, noch blieb, als der Vater abreiste, und dann sechszehnjährig, wie er es war, mit früher Selbstständigkeit allein über Holland zurückkehrte, wo er endlich die Werke der alten niederländischen Meister mit Entzücken kennen lernte, um sie fortan zu seinen Leitsternen zu machen. – Unter ihrem Einfluß malte er noch dort einen Strand von Malmö, der bei seiner Rückkehr alle Welt entzückte. Dann begann er gleich ein großes Bild „Schwedische Strandscene bei heftigem Sturme“, das solchen Beifall fand, daß es der in Düsseldorf residirende Prinz Friedrich kaufte und er nunmehr bereits als eines der ersten Talente der Schule zu gelten anfing.

Mit dem ganzen Uebermuthe des Genies, mit dem schärfsten Witze und der Unduldsamkeit der Jugend ausgestattet, trat er jetzt an die Spitze einer rheinländischen Opposition gegen die Akademie, die unter den jungen Künstlern schon lange im Geheimen gährte, ja verließ mit Rethel und einigen anderen Anhängern ostentativ die Anstalt, von der sich Lessing schon vor längerer Zeit getrennt hatte. Das Ganze war eine Kinderei, die aber damals viel mehr von sich reden machte, als solche ewig wiederkehrende Auflehnung der Jugend gegen die Alten werth war. Indeß veranlaßte sie doch den jetzt zwanzig Jahre alt gewordenen Künstler, 1835 nach München zu gehen, wo er durch seine Genialität, seine grenzenlose Schaffenslust wie seinen sprudelnden Humor ein Aufsehen machte, dessen sich die Zeitgenossen heute noch erinnern, obwohl Rottmann damals gerade auf der Höhe seines Ruhmes stand. – König Ludwig, der große Freude an Achenbach hatte, erwarb damals einen Seesturm von ihm, der noch, in der neuen Pinakothek hängend, uns einen deutlichen Begriff von des Künstlers damaligen Leistungen giebt. Kommen sie seinen jetzigen an Gediegenheit nicht im Entferntesten gleich, so erscheinen sie doch immer noch bedeutend durch die seltene Feinheit der Naturbeobachtung, die aus ihnen spricht.

Nach seiner Rückkehr von einem Besuche in Tirol wurde er im Sommer 1836 von der Cholera befallen, was ihn veranlaßte, München mit Frankfurt zu vertauschen, wohin sich auch Rethel inzwischen gewandt hatte. Dort blieb er ein halbes Jahr, malte jenen großen Seesturm, der noch im Städel’schen Institute zu sehen, kehrte dann aber doch wieder nach Düsseldorf zurück, wo er als die wahre Incarnation eines Rheinländers, mit all dem leichten Blute und dem gesunden Mutterwitze eines solchen, sich auch am wohlsten fühlen mußte. Als ein schon weitberühmter Künstler richtete er sich jetzt ein großes Atelier ein und entfaltete wie immer die unglaublichste Thätigkeit, was ihn aber nicht hinderte, England und Frankreich wie die Niederlande zu besuchen und dort die alte wie die zeitgenössische Kunst zu studiren, indeß ohne daß irgend ein Moderner auf ihn gewirkt hätte. Dagegen zahlte er jetzt der in Düsseldorf noch immer herrschenden Romantik seinen Tribut dadurch, daß er, der arge Spötter und ein anscheinend so unverwüstliches Weltkind, 1843 zum Katholicismus überging.

Bald darauf besuchte er zum ersten Mal Italien, was seiner Kunst eine ganz neue Wendung gab. Rom entzückte ihn, und er blieb dort ein volles Jahr, hauptsächlich die pontinischen Sümpfe und das Tyrrhenermeer schildernd, ohne indeß die von Düsseldorf mitgebrachte noch immer etwas kleinliche und magere Art der Malerei ganz los werden zu können. Eine neue Seite gewann er der südlichen Natur erst in Sicilien ab, wo es ihm nunmehr gelang, den ganzen ernsten Zauber des Südens mit seinen einfachen und großartigen Farbencontrasten in einer Landschaft am Strand von Catania wiederzugeben.

Leider verfolgte er diesen durchaus neuen Weg nicht, sondern ließ sich von Freunden verleiten, in’s Innere zu gehen, wo er wohl den Thalkessel von Corleone in der Mittagsgluth mit großer Bravour malte, aber die durch das erwähnte Strandbild errungene ideale Höhe nicht wieder erreichte. So ist denn seine italienische Reise eine glänzende Episode ohne weitere Folgen geblieben; denn als er im Jahre 1846 endlich zurückkehrte, gab er die Darstellung südlicher Natur bald wieder auf, um sich der des Nordens zuzuwenden. Es blieb seinem zwölf Jahre jüngeren Bruder Oswald überlassen, den so fruchtbaren Weg, den er einst eingeschlagen, weiter zu verfolgen und Italien ebenso erfolgreich und ausschließlich zu cultiviren als er fortan die Heimath. Sie fesselte ihn jetzt um so mehr, als er sich 1848 mit einem ebenso schönen wie reichen Mädchen verheirathete und sich so bald den glücklichsten Familienkreis schuf.

Es ist das Privilegium solch reicher Talente, daß Alles das, was Andere gar leicht abhält, ihre Fruchtbarkeit nur steigert. So entfaltete er gerade von jetzt an eine immer erhöhte, nur durch zahlreiche Reisen unterbrochene Thätigkeit. Sah ihn fast jeder Sommer in Ostende oder Scheveningen, in Norwegen oder am Canal, um der Nordsee immer neue Seiten abzugewinnen, so hielt ihn dies nicht ab, den stillen westfälischen Thälern seine Aufmerksamkeit zuzuwenden oder mit vortrefflichen Figuren reich staffirte Städtescenen in großer Zahl zu malen, wozu ihm die so malerischen niederländischen Orte reichen Stoff boten. Immer aber blieb es seine Stärke, mit blitzschneller Auffassung, grenzenlosem Gedächtniß, die rasch vorübergehende Flucht der Erscheinungen und elementaren Vorgänge festzuhalten. Er ist darum von allen deutschen Landschaftsmalern der dramatischste; Luft und Wasser mit ihrem ewigen Wechsel gelingen ihm am besten, obwohl er alles Andere mit nicht geringerer Virtuosität malt; sein proteusartiges Talent schreibt heute mit ebenso unendlicher Liebe und spitzem Pinsel all das tausendfache Detail eines niederländischen Bauernhofs hin, wie es morgen mit breiter Meisterschaft den Sturm wiedergiebt, der die felsigen Küsten Norwegens peitscht.

Nur eigentliche Stimmungslandschaften, das heißt solche, in denen der Künstler die Vorgänge des eigenen Innern im Bilde widerspiegelte, kennt er nicht; ganz wie die alten Meister, verhält er sich der Natur gegenüber durchaus objectiv; er lauscht ihr all ihre Geheimnisse ab, ohne deswegen die seinigen der Leinwand anzuvertrauen. Rückschlüsse von seinen Bildern auf seinen Charakter zu machen, ist daher bei ihm fast unmöglich, schon weil sie so ungleich sind, ihre Behandlung immer dem Gegenstande angepaßt ist. Sie würden oft nüchtern erscheinen bei diesem Mangel an Subjectivität und ihrem Realismus, wenn dieser letztere nicht stets von jeder Trivialität frei wäre. Eine edle Vornehmheit sichert den Gemälden Achenbach’s schon ihr classischer Ton, in dem unser Künstler den alten Meistern näher gekommen ist, als irgend ein anderer deutscher Landschafter.

Dabei ist Achenbach’s künstlerische Constitution von unverwüstlicher Frische; ihm ist das Malen weder eine Beichte noch ein Fieber, sondern eine so natürliche Function wie Athmen und Sprechen. Indeß sieht man der mittelgroßen, festen und untersetzten Gestalt, die einen mächtigen blonden Kopf auf starkem Nacken trägt, den Künstler keineswegs sofort an, den auch die blauen Augen mit ihrem ruhig durchdringenden Blick, die vollen Wangen mit ihrer kerngesunden Farbe kaum verrathen würden, den nur die edle Stirn mit der Adlernase allenfalls ahnen läßt. Mit Auszeichnungen, Orden und Medaillen auf allen Ausstellungen wurde er ebenso überhäuft wie mit Reichthümern; indeß bei aller Lebenslust hat ihn weder diese Auszeichnung noch sein großes geselliges Talent jemals der Kunst abtrünnig machen können. Nach fünfzig Jahren [379] rastloser Thätigkeit steht ihn im Gegentheil der früheste Morgen noch ebenso sicher an der Staffelei, wie der Abend bei frohen Festen im fürstlich eingerichteten eigenen Hause. Ist er dort der gastfreieste Wirth, so bleibt er auch ein lustiger Zecher in dem berühmten Künstlercasino des „Malkasten“, das er 1856 mit Leuze gestiftet und dem er durch Abtretung eines ihm gehörigen Grundstücks jenes unvergleichliche Heim geschaffen hat, das von so unendlichem Werthe für die Düsseldorfer Künstlerschaft ist, indem es ihren Verkehr mit den gebildeten Classen der dortigen Gesellschaft, wie mit allen fremden Besuchern hauptsächlich vermittelt.

Ohne selber je Schüler gehabt zu haben – außer seinem Bruder – hat Achenbach doch mehr auf alle Düsseldorfer Landschafter eingewirkt, als irgend ein Anderer. Aber nicht nur durch seine Bilder trug er zu der jetzt so viel größeren Naturwüchsigkeit dieser Schule mächtig bei, sondern nicht minder durch die ebenso berühmte wie gefürchtete Schärfe seines Urtheils, den beißenden Spott, mit dem er alles Kranke oder innerlich Hohle zu verfolgen pflegt. Er hat dadurch unzähligen jungen Künstlern wieder auf den rechten Weg geholfen; denn wie alle genialen Naturen hat er einen unfehlbaren Instinct für das Echte und Gesunde. Darum trug er noch mehr als Knaus dazu bei, die süßliche und schwächliche Romantik zu beseitigen, welche in Düsseldorf früher fast unumschränkt herrschte.

[385]

Das Judenviertel in Amsterdam. 0Nach dem Aquarell von Andreas Achenbach.