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An unsere Freunde (Die Gartenlaube 1855)

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Textdaten
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Autor: Ferdinand Stolle und Ernst Keil
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Titel: An unsere Freunde (Die Gartenlaube 1855)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 308
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Aufruf zur Hilfe für Ludwig Storch
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An unsere Freunde!

Das letzte Bändchen meiner Schriften ist erschienen und bereits ausgegeben. Ich kann nicht umhin, beim Abschiede für die ungemein zahlreiche Theilnahme, die dieser Sammlung geworden, den innigsten Dank auszusprechen. Nichts gleicht dem wohlthuenden Gefühle, als wenn ein dichtend Gemüth, das einen reichen Theil seines innern Lebens veröffentlicht dahin gegeben, gewahrt, wie das mit Liebe Gegebene auch mit Liebe hingenommen wird. Und so ist es.

So möge denn diese Sammlung dazu beitragen, im stillen Familienkreise mancher Stunde der Belehrung, der ernsten Erhebung, der innigen Gemüthlichkeit, so wie der unschuldvollen Heiterkeit eine freundliche Einkehr zu bereiten.

Wo aber Gott seinen Segen gegeben, da sollen wir – so lehrt der liebevollste aller Lehrer – dankbar sein und vor Allem in Liebe auch des vom Glück weniger heimgesuchten Bruders gedenken.

Dieser himmlischen Pflicht will ich genügen und so vernehmet denn die Worte meines Herzens.

Tief im thüringer Walde, wo die altergrauen Buchen ihr waldgrünes Dach bauen, entfernt der großen Welt und ihren lärmenden Freuden, wohnt ein treues Herz, reich begabt mit himmlischem Gold und Perlen – denn die Treue, die Redlichkeit und die Gabe der Dichtkunst wohnen in ihm – ; aber arm an dem, was man irdisch Gut und Glück nennt.

Während die Gaben seines reichen und edlen Geistes, die Regenbogenfarben seiner Phantasie, die lieblichen Klänge seiner Laute tausend und abertausend Herzen entzücken, während die verschiedenen Auflagen seiner Romane, seinem Verleger reichen Gewinn abgeworfen, sitzt bei dem Sänger oft die Sorge am Tische, und schaut die Zukunft dunkel und drohend durch die Fenster, denn das Haupt des Sängers beginnt zu bleichen.

Arglos, vertrauend wie ein Kind, ward nur zu oft sein schönes Talent die Beute fremden Eigennutzes. So ist der, der so Vielen Viel gegeben, selber arm geblieben. Und mehr als arm. So vernehmt denn. Kein Ton der Freude oder des Schmerzes schlägt beglückend oder bewegend an die Seele dieses armen Freundes. Schon lange, lange nicht mehr. Nur mühsam, wie aus weiter Ferne drängt sich der umflorte Schall der Außenwelt matt in sein Inneres. Kein erfreuender Gesang, keine holdselige Melodie, kein Bachgeriesel, kein heiliges Waldesrauschen, kein Regentropfen, der in der Sommernacht befruchtend auf die Blüthen fällt, schlägt an das geschlossene Ohr unsers Sängers im thüringer Walde – und sein Haupt beginnt zu bleichen.

Aber Ihr fragt theilnahmsvoll verwundert: Wer ist dieses treue Herz, dieser edle Mann, dieser theure Sänger?

Und ich antworte: Dieser Mann, in dessen Adern kein falscher Blutstropfen rinnt; der nie das Gold der Dichtkunst zu schnödem Götzendienste gemißbraucht, dieser treu bewährte, ehrenfeste deutsche Dichter heißt:

Wie mancher ist nicht unter Euch, der nicht von den herrlichen Blüthen seiner Muse, z. B. dem Freiknecht, dem deutschen Leineweber gehört oder sich daran erquickt hätte.

Der Verleger der gegenwärtigen Sammlung, Freund Keil in Leipzig, der so gern allem unverschuldeten Unglück die schmerzlindernde Hand reichen möchte, bat daher, um den Abend des armen Sängers im thüringer Wald weniger sorgenschwer zu machen, eine Auswahl seiner Schriften ganz in gleichem Formate und demselben ungemein billigen Preis, wie die Ausgabe meiner Schriften, veranstaltet und wird keine Mühe scheuen, ihr die möglichste Verbreitung zu verschaffen und zwar mit der edelsten Uneigennützigkeit, so daß der ungeschmälerte Reinertrag dem wackern Verfasser zu Gute kömmt.

Ich bin überzeugt, daß nach dieser Mittheilung gewiß mancher Freund meiner Muse sich veranlaßt finden wird, zu dem uneigennützigen Unternehmen des Verlegers die hülfreiche Hand zu reichen und in seiner Familie neben dem gemüthlichen Ferdinand Stolle den edlen Ludwig Storch einführen, und sich somit zugleich das süße Bewußtsein zu kaufen, den Abend eines der edelsten Menschen, eines der begabtesten deutschen Dichter, eines der hartgeprüftesten deutschen Männer verschönern zu helfen, des treuen Sängers im thüringer Walde.

Möge Gott Eure Herzen leiten und diesen meinen Worten Segen geben.

Grimma, im Frühling 1855.
Ferdinand Stolle. 

Ich habe den herzlichen Einführungsworten meines Freundes Stolle nur wenig Worte beizufügen. Der Name Storch hat als Novellist und Mensch einen zu guten Klang durch ganz Deutschland, als daß ich noch Etwas zu seiner Empfehlung hinzufügen könnte. Wo sein Vörwerts-Häns, sein Freiknecht, sein deutscher Leineweber, seine duftigen thüringer Geschichten gelesen, wo seine kräftigen, echt deutschen Lieder gesungen wurden; überall hat er sich Freunde in Masse erworben. Wenige aber kennen sein treues Gemüth, seine durch und durch edle Kernnatur, sein biederes ungefälschtes Herz. Ihr könnt es glauben – Er ist Eurer vollen und ungetheilten Liebe werth! Beweist diese nun dadurch, daß Ihr seine Schriften kauft, die, ganz abgesehen von ihrem literarischen und poetischen Genusse, den sie Euch bereiten werden, dem greisen Storch die Mittel an die Hand geben, seine letzten Tage ruhig und ohne Sorge zu verleben. Ihr werdet mir’s danken. Denn seine erzählenden Schriften gehören anerkannt zu den besten, die die deutsche Sprache bietet, sie sind eben so edel wie poetisch-wahr geschrieben und ragen weit über die gewöhnlichen Romanprodukte der letzten Jahre hinaus.

Die ganze Sammlung soll 16–18 Bändchen à 71/2 Ngr. umfassen und Storch’s beste Novellen und größere Romane enthalten, die sich besondeers für Volk und Familie eigenen. Der ganze volle Ertrag bleibt allein dem Verfasser.

Möge die Theilnahme eine recht große sein. Mit diesem Wunsche grüße ich Alle, die es gut mit guten Menschen meinen.

Leipzig, im Wonnemonat 1855.
Ernst Keil. 
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